Mit der dem Text vorangestellten Widmung „Für Töchter und ihre Mütter“ verweist die Autorin bereits darauf, worum sich in Luft nach unten alles dreht. Die Hauptfigur Iva, eine in Wien lebende, erfolgreiche Konzertmusikerin mit slowenischen bzw. jugoslawischen Wurzeln, ist zwischen ambivalenten Gefühlen hin- und hergerissen. Dem Wunsch nach einem Kind stehen die Zweifel an ihrer konfliktbelasteten Ehe mit einem Wiener Schauspieler und die heimliche Affäre mit einem Berliner Maler gegenüber. Während sie ihrem Mann Felix die Mitwirkung an der mühseligen Kinderwunschbehandlung mehr oder weniger aufzwingt, versucht sie gleichzeitig, ihre eigene Kindheit und die schwierige, von emotionalem Missbrauch geprägte Beziehung zu ihrer Mutter aufzuarbeiten.
Luft nach unten ist ein rasanter Roman, der von vielen Ortswechseln geprägt ist – immer wieder sitzen wir mit Iva in einem Flugzeug, an einem Gate, in einem Zug, in einer Bahnhofsbar oder in einem Taxi. Für das Begräbnis ihres einstigen Kindermädchens reist Iva zu Beginn an den im heutigen Nordmazedonien gelegenen Ohridsee, wo ihr Großvater in den 1990er Jahren erfolgreich ein Hotel betrieben hat. Später besucht sie das verwahrloste und zugemüllte Haus ihrer Eltern im heutigen Slowenien, wird dort mit schwerer Krankheit, Armut und Selbstaufgabe konfrontiert. Zwischendurch folgen wir ihr durch ihren Alltag in Wien, wo sie mit ihrem Ehemann wohnt und vor allem streitet. Durch den WhatsApp-Chat mit ihrem heimlichen Geliebten schaltet sich immer wieder ein glamouröses Berlin zwischen die Zeilen.
Die wechselnden Schauplätze passen zu dem selbstgewählten Nomadenleben, das Iva als Musikerin führt, die häufig auf Tournee ist und die Anonymität von Hotels liebt:
Ich könnte mein ganzes Leben in Hotels verbringen. Immer auf Tour sein, immer dazwischen. Ein- und auschecken an diesen flüchtigen Orten, in einer verschrobenen Wirklichkeit, in der man ständig ein neues Zimmer bezieht. Wo man erst zu sich selbst wird. Ohne ein Zuhause, das einen festlegt. (S. 233)
Nicht zuletzt wird in Luft nach unten der Begriff des Zuhauses, aber auch jener der Herkunft, infrage gestellt. Das Land, in dem sie die Kindheit verbrachte, existiert nicht mehr in der gewohnten Form, und der Status und das gesellschaftliche Ansehen, dass die Familie einst genoss, ist im Zuge der politischen Umwälzungen verlorengegangen. Es sind nicht nur diverse Mutter-Tochter-Konstellationen, die Štajner einander gegenüberstellt, sondern auch unterschiedlich verlaufende Biografien von jenen, die ausgewandert sind und jenen, die geblieben sind. Vor allem diese Einblicke sind es, die den Roman lesenswert machen.
Štajner scheut nicht davor zurück, ihre Protagonistin mit Ecken und Kanten auszustatten – mitunter geht sie damit ein wenig zu weit. Vor allem in den Anfangskapiteln mag es schwierig sein, Sympathie oder Verständnis für Iva aufzubringen, die wie eine wütende Furie schreiend und vulgär schimpfend nach allen Seiten tritt und dabei ihren ständig wechselnden Launen folgt. Ihren Ehemann zwingt sie dazu, gegen seinen Willen eine Samenprobe in der Kinderwunschklinik abzugeben, obwohl ihm der Vorgang offensichtlich unangenehm ist, sie nebenbei mit ihrem Geliebten chattet und sie wenig später ihren Kinderwunsch ohnehin wieder verwirft. Ihre Stimmungen schwanken so schnell, dass es beim Lesen schwierig ist, mitzukommen. Liebenswerte Sympathieträger sind hingegen die Nebenfiguren, allen voran Slava, die mürrische ehemalige Rezeptionistin des großväterlichen Hotels, und deren gewiefte, zehnjährige Enkelin Karmela, die unter der großmütterlichen Obhut aufwächst, seit ihre Mutter zum Arbeiten nach Schweden gezogen ist.
Obwohl der Plot stringent erzählt wird, ist der Aufbau des Romans doch insofern ungewöhnlich, als die Motive für Ivas Launen erst sehr spät verständlich gemacht werden.
Der Einstieg in medias res bei dem Begräbnis in Ohrid lässt zunächst viele Fragen offen: Warum etwa Iva so gereizt auf die WhatsApp-Nachrichten ihres Mannes reagiert, bleibt sehr lange unklar, erst nach und nach wird aufgerollt, dass ihre Zweifel an seiner Ehrlichkeit tatsächlich nicht ganz unberechtigt sind. Der Liebhaber aus Berlin erscheint erst im letzten Drittel des Romans persönlich auf der Bildfläche, nachdem er zuvor ausschließlich als besprochene Figur und Chat-Partner existierte. Dies führt dazu, dass die mit der Affäre verbundenen Gefühle erst an sehr später Stelle für das Lesepublikum nachvollziehbar gemacht werden, während sie zuvor bereits ausführlich theoretisch seziert wurden. Diese untypische Komposition trägt dazu bei, dass Štajner in Luft nach unten das seltene Kunststück gelingt, die Spannung bis zum Schluss aufrechtzuerhalten. Selbst auf den letzten Seiten wird das Tempo nicht gedrosselt, es passiert immer noch Neues und Unerwartetes.
Bemerkenswert ist die Nähe, die Štajner zu ihren Figuren herstellt: Die intimsten Lebenssituationen werden wie unter dem Mikroskop beleuchtet. So werden wir beim Lesen Zeug:innen, wie Felix und Iva vor dem Termin in der Kinderwunschklinik heftig streiten, sich daraufhin zweckmäßig versöhnen und Felix sich anschließend seitenlang abmüht, eine Samenprobe abzugeben. Kein Detail wird ausgespart. Besonders stark ist der Roman in seinen poetischen Momenten. An unterschiedlichen Stellen streut Štajner überraschend nachdenkliche Passagen in den ansonsten nüchternen Erzählfluss ein, zweimal sogar Gedichte. Unterbrochen wird die Handlung immer wieder durch innere Monologe, in denen die Ich-Erzählerin ihre Mutter mit „Du“ anspricht und die Traumata aus der Kindheit aufzuarbeiten versucht.
Die 1987 in Novo Mesto (damals Jugoslawien, heute Slowenien) geborene Tamara Štajner ist eine außergewöhnlich vielseitige und produktive Künstlerin, die sich nicht festlegen lässt, sondern virtuos pendelt: zwischen klassischer Musik und Literatur ebenso wie zwischen den Sprachen und den Gattungen. An der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien hat sie ein Studium im Konzertfach Viola absolviert und ist als Bratschistin international erfolgreich, spielt in renommierten Häusern und auf Konzerttourneen durch Asien, Südamerika und Europa. Als Autorin schreibt sie sowohl auf Deutsch als auch auf Slowenisch, Lyrik ebenso wie Prosa. Bemerkenswert ist, dass heuer – somit im selben Jahr wie Luft nach unten – auch ihr erster Roman Raupenfell (Verlag Das Wunderhorn, 2023) unter dem Titel Goseničji kožuh in slowenischer Sprache im Verlag Beletrina in Ljubljana erscheint.
Mit Luft nach unten legt Štajner einen auf den ersten Blick leicht zugänglichen und unterhaltsamen Roman vor, der dennoch in die Tiefe geht. Das große Spektrum an unterschiedlichen Themen, das darin verhandelt wird – vom ambivalenten Kinderwunsch über schwierige Mutter-Tochter-Beziehungen hin zu außerehelichen Affären, Migrationsbiografien und den Zerfall Jugoslawiens – dürfte dafür sorgen, dass Luft nach unten bei einer breit gefächerten Leserschaft Anklang findet.
Daniela Chana, geb. 1985 in Wien, promovierte an der Universität Wien im Fach Vergleichende Literaturwissenschaft. Ihr Gedichtband Sagt die Dame (Limbus Verlag), wurde 2019 unter die Lyrik-Empfehlungen der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung gewählt. 2021 folgte, wieder bei Limbus, der Erzählband Neun seltsame Frauen, der Chana eine Nominierung auf der Shortlist des Österreichischen Buchpreises eintrug. Für die österreichische Tageszeitung Die Presse schreibt sie regelmäßig Essays über Themen des Alltags und der Literatur. Zuletzt wurde sie für ihren im Frühjahr 2026 im Innsbrucker Limbus Verlag erschienen Gedichtband Affäre mit einem Erzähler mit dem Holfeld-Tunzer-Preis ausgezeichnet.
