#Lyrik

Affäre mit einem Erzähler

Daniela Chana

// Rezension von Sabine Schuster

Daniela Chanas neuer Gedichtband Affäre mit einem Erzähler schließt in vielerlei Hinsicht an seinen Vorgänger Sagt die Dame aus dem Jahr 2018 an und das heißt in diesem Fall nur Gutes. Beide Bücher sind in der renommierten Reihe Limbus Lyrik erschienen und ausnehmend schön gestaltet – bereits die humorvollen Cover-Zeichnungen von Johanna Rüdisser laden zum leichtfüßigen Flanieren durch ein Frauenleben ein, nicht auf TikTok oder Instagram, sondern auf festem Papier, vielleicht auf der Chaiselongue oder in der Badewanne liegend, mit einem Glas Rotwein in Reichweite.

„Während eines Schaumbads / Vergaß ich für einen Moment, wer ich bin“, schreibt das weibliche lyrische Ich im ersten Gedicht, „Ausgerechnet in meiner Badewanne / Einem Ort / An dem ja außer mir / Nur selten jemand anderer liegt / Aber hin und wieder doch“. (S. 7)
Diese Zeilen sind programmatisch für die Art und Weise, wie Daniela Chana die vielen Facetten des Alltags unaufdringlich und klug zur Sprache bringt. Subtiler Witz, aphoristische Zuspitzung und poetische Verdichtung sind dabei eine Art Grundrezeptur ihrer Lyrik, mit der sie in wenigen Worten ganze Geschichten erzählt.

Am liebsten möchte die Ich-Erzählerin einfach Schreibende sein, Kunst genießen, Sinnlichkeit kultivieren, Gespräche führen und Wein trinken, während in der Realität der Brotjob wartet, Deadlines drohen, die Inspiration sich ziert und Frau ohne Honorar vor einer Handvoll Freunden liest. Am Computer in ihrem Büro, zehn Minuten vor Feierabend, fällt ihr plötzlich das Wort für „Strophe“ nicht mehr ein, doch

„Wie viele Dichter dieser Welt
Haben in ihren Bürojobs
Oder am Lenkrad eines Taxis
Oder beim Abtrocknen der Gläser
An der Theke einer Bar
Das Wort für Strophe vergessen?“ (S. 16)

Was in einer Zeile zum Verzweifeln ist, formt sich in der nächsten zum tröstlichen Gedanken, zur Existenz in allerbester Gesellschaft, zum Glücksmoment oder zur Hochstimmung (S. 24), an schönen Tagen sitzt die Dichterin gar als stolze Fürstin auf ihrem Balkon (S. 25).

Staunend blickt diese sensible lyrische Stimme auf ganz andere Konzepte von Weiblichkeit, auf die Frau mit den langen blonden Haaren etwa, die „alle Männer in den Wahnsinn treibt / Schmuckklimpernd und klappernd / Lässt sie sich scheiden und heiratet / Und lässt sich scheiden und heiratet / Und lässt sich scheiden und heiratet / Während andere Kreuzworträtsel lösen“ und die Beobachterin sorgsam eine Orange schält. (S. 9)

Ihr Zugang zum Leben ist völlig konträr, sie ist „der Jockey / Der in eine ruhige Ecke reitet / […] der Jockey, in dessen Natur es liegt / Dass ihn das Rennen nicht interessiert“. (S. 62) Auf der folgenden Seite, im zweiten Teil des Gedichts „Jockey“, kehrt das Motiv wieder und wird durch eine kleine tänzerische Drehung zur zarten Liebeserklärung an den Partner:

„Was ich nie sage, ist: Ich liebe dich
So viel mehr als ein Liebeslied
Weil du meine ruhige Ecke bist“ (S. 63).

Das ebenfalls zweiseitige Titel-Gedicht Affäre mit einem Erzähler verbindet eine Liebesbeziehung eng mit dem künstlerischen Akt des Schreibens. SIE begegnet IHM an einem Abend mit Büchern und Wein, sie tragen „dasselbe Kostüm“ und beginnen ein Spiel, doch schließlich erkennt sie:

„Du steckst dir meine Liebe in die Tasche
Und gehst damit spazieren
Ich spucke die wahren Kerne deiner Lügen aus
Und pflanze sie in die Erde am Balkon
Bis deine Geschichte um mich wächst
Du zwischen den Blättern entstehst“ (S. 20)

Pflanzen und Papier – die verschiedenen Arten von Blättern wachsen hier kunstvoll ineinander und lassen einen Text entstehen, der über die Liebesaffäre hinaus Bestand hat:

„Deine Prosa wächst noch immer auf meinem Balkon
Dabei rufst du schon lang nicht mehr an
Wir hätten uns verpassen können
Aber zum Glück haben wir uns
Knapp und für kurze Zeit
Erwischt“ (S. 21)

„Ein riesiger Zaubertrick“ sei die Lyrik, heißt es an einer Stelle (S. 35), und das glaubt man dieser fantasievollen Autorin ohne Vorbehalt. Wie sonst könnte eine imaginierte Affäre sich anfühlen wie „Perlen und Zuckerwatte und Hochschaubahn“ (S. 54), ein Buch „Zeichen zärtlichen Gebrauchs“ aufweisen (S. 40) oder die Lyrikerin mit allem, was sie braucht, von ihrer Handtasche durch den Tag getragen werden (S. 74)? Zauberei ist es auch, wenn sie mit einem Manuskript gegen einen Eisberg steuert (S. 89) und damit augenzwinkernd den Untergang der Titanic herbeizitiert. Was für eine grandiose Metapher für die Fallstricke der Schriftstellerei!

Formal sind alle Gedichte sehr frei gestaltet – kurze Prosastücke, in Strophenform gegossen. Die Sätze reichen meist über mehrere Zeilen (Enjambement), wobei der Lesefluss durch die konsequente Großschreibung am Zeilenanfang optisch gebremst wird – eine dichterische Tradition, die den Rhythmus der Strophen betont. Weitere typische Stilmittel der Autorin sind unvollendete Sätze (Ellipsen), deren offene Enden die jeweiligen Aussagen verdichten, und natürlich all die ausdrucksstarken Bilder und Metaphern, die bereits mit Begeisterung von mir zitiert wurden.

In Summe ist Daniela Chanas Band Affäre mit einem Erzähler ein gelungener Hochseilakt zwischen Selbstvergessenheit und Selbstvergewisserung, Melancholie und Leichtigkeit, Trotz und Spielfreude, Schlichtheit und Eleganz. Das hübsche Büchlein passt als Begleiter in jede Handtasche und liest sich Seite für Seite wie von selbst. Zudem eignet es sich hervorragend als kleines Geschenk für literaturaffine Freund:innen.


Sabine Schuster
, Studium der Germanistik und Publizistik an der Universität Wien, Abschluss 1992, von 2001 bis 2023 Redakteurin des Online-Buchmagazins im Literaturhaus Wien, aktuell Deutsch-Trainerin und freie Rezensentin.

Daniela Chana Affäre mit einem Erzähler
Gedichte.
Innsbruck: Limbus Verlag, 2026.
96 Seiten, gebunden mit Lesebändchen.
ISBN 978-3-99039-281-2.

Verlagsseite mit Informationen zu Buch und Autorin

 

Rezension vom 10.04.2026

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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