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Edelbauers Club der ungewöhnlichen Sportarten
#3 Hobby Horsing

Do. 5.2.2026

“Kaum habe ich gelernt, unfallfrei auf dem Boden liegende Plastikgestänge zu übertänzeln, stellen Paola und ihre Freundin schon die Hindernisse auf, als sei ich ein alter Hobby Horsing Hase.”

// Was hat Hobby Horsing mit einem am französischen Hof praktizierten Tanz zu tun? Und warum ist dieser in Finnland besonders populäre Sport ein Beispiel von Inception? Diesen und anderen Fragen geht Raphaela Edelbauer in #3 ihrer Kolumne über Sportarten jenseits von Olympia nach.

Keine andere Sportart unter all den ohnehin ungewöhnlichen Freizeitvergnügen, die ich im Laufe dieser Kolumne kennenlerne, wurde mir von anderen so oft zu probieren ans Herz gelegt, wie Hobby Horsing. Da würden Leute auf Steckenpferden reiten, raunten meine Freund:innen, und dass man da so ein Video gesehen habe, in dem die Besenstieltiere nicht nur für komplizierte Spring- und Dressurparcours verwendet, sondern abseits des Wettkampfs wie echte Lebewesen umsorgt und gepflegt würden.

Pferde mit Charakter aber ohne Unterleib

Jemanden zu finden, der mir den Sport tatsächlich beibringen könnte, erwies sich im Vergleich zur plötzlichen Popularität von Hobbyhorsing dafür auffallend schwierig. Ein erstes Anklopfen bei einer Frau, die Kurse anbietet, erwies sich zunächst als Sackgasse, denn meinem Eindruck nach sind die Athlet:innen noch quer über alle Bundesländer verstreut und kaum in jener Art von Vereinsleben organisiert, die dem Rest Österreichs seine Struktur geben. Ein zweiter Versuch bei einer Frau, die die Steckenpferde herstellt, die man für die Quadrillen braucht, erweist sich schließlich als erfolgreich. Auf ihrer Homepage finde ich eine stattliche Anzahl verschiedener als „Stuten“, „Hengste“ und „Wallache“ (obschon keines der Pferde einen Unterleib besitzt) bezeichneter Kreationen, deren Charaktere und Vorlieben in eigenen „Steckbriefen“ aufgelistet werden. Manche Tiere sind leidenschaftliche Springpferde, andere werden als sturköpfig beschrieben, tauen aber angeblich bei Ausritten auf, und wieder andere besitzen ein freundliches, sanftes Gemüt. Zuweilen vergisst man, dass es sich bei den Charaktereigenschaften um imaginäre Zuschreibungen handelt, und mir fällt wieder ein, dass einer der Gründe, warum es sich beim Hobby Horsing um eine prädestinierte Sportart für diese Kolumne handelt, das fiktive Element ist, das es zu einem Mittelding zwischen einer aktualen und einer erfundenen Angelegenheit macht.

Eleganz Effizienz Lebensechtheit

Im Gegensatz zum Quadball (formerly known as Quidditch), das ich für die zuvor erschienene Auflage dieser Kolumne ausprobieren durfte, ist der Stecken zwischen den Beinen jedoch nicht bloß Überbleibsel eines erdachten Ursprungs, der quasi als Zitat, vor allem aber als Erschwernis in der Bewegung verbleibt – sondern integraler Bestandteil der Performance. Eleganz, Effizienz, insbesondere aber Lebensechtheit sind beim Vergleich mit den Bewegungsabläufen eines wirklichen Pferdes das weiß ich von meinem auf YouTube genossenem Vorstudium gerade das, worauf es beim Hobby Horsing ankommt.

Wie im echten Reitsport sind es Punkterichter, die die Platzierung im Wettkampf bestimmen. Und nicht selten dressieren diese auch echte Pferde, haben also ein hervorragendes Verständnis davon, wie etwa die Vorderhufe, die beim Hobby Horsing durch die Beine des/der Sportler:in repräsentiert werden, sich zu bewegen haben.

Gerade durch diese Doppelkompetenz ist es für mich schwer nachvollziehbar, warum beim Hobby Horsing hunderte Euro in die nachgebildeten Plüschköpfe investiert werden, die zusätzlich mit nicht minder teurem Zubehör wie Zaumzeug, Gerten und Longen ergänzt werden. Warum nicht den Sprungparcours bloß mit dem eigenen Körper bestreiten? Und wer in aller Welt hatte zuerst die Idee, Hobby Horsing als ganz ernsthaften Sport zu betreiben, denn von Außenstehenden wird mir der Sport mit den Plüschpferden immer wie ein köstlich ironischer Insiderwitz präsentiert?

Um mir diese Fragen zu beantworten und den Reiz der Fiktionsdressur nahe zu bringen, verweist mich die Pferdebauerin Nicole an eine Sportlerin namens Paola, die, wie sie meint, nicht nur eine hervorragende Athletin auf dem Besenstiel, sondern auch in der Community und Vermittlung enorm engagiert sei. Ich melde mich noch am selben Tag per Whats App bei dieser, erfahre aber statt einer Zusage, dass sie erst ihre Mutter fragen müsse, ob sie meine Mentorin sein dürfe. Erst da realisiere ich das Offensichtliche: Paola ist erst 10 Jahre alt, und nachdem sie zu unserer Einführungsstunde im Dadler-Park im zwei Freundinnen und ein Leihpferd für mich mitbringen wird, werde ich als 34-jährige auf einem Spielplatz und mit Stange zwischen den Beinen mehreren Minderjährigen nachhüpfen.

Springparcours im Park

In der Hoffnung, dass sich keine Delegation an besorgten Eltern zusammenrotten wird, um mich anzuzeigen, erscheine ich an einem Sonntagmorgen in warmer Kleidung auf der raureifüberzogenen Wiese. Paola, die in mehreren Säcken das Zubehör für unseren Springparcours herbeischleppt, scheint nichts Seltsames daran zu finden, einer gut einen halben Meter größeren Frau ein Steckenpferd („sanftes Gemüt“, „toleriert viele Fehler“) zu übergeben und ihr gleich bei einer Aufwärmrunde die korrekte Bewegung der Vorderhufe zu demonstrieren.

Wie beim echten Unpaarhufer sind die verschiedenen Gangarten einzuhalten, was etwa beim Galopp bedeutet, dass immer ein Bein nach vorne greift, statt sich wie beim Altweltaffen namens Mensch abzuwechseln. Während Passanten mich dabei beobachten, wie ich mit einer Gerte einen Stock „antreibe“, versuche ich, die Anweisung, elegant die Zehenspitzen nach oben zu heben, auszuführen, was unerwarteterweise eine geradezu schweißtreibende Aufgabe darstellt.

Kaum habe ich gelernt, unfallfrei auf dem Boden liegende Plastikgestänge zu übertänzeln, stellen Paola und ihre Freundin schon die Hindernisse auf, als sei ich ein alter Hobby Horsing Hase. Mehrere Runden, zwischen denen die Hürden peu à peu hochgeschraubt werden, müssen nicht nur ohne Umwerfen desselben, sondern darüber hinaus mit einer spezifischen Technik übersprungen werden, für die es einen exakten Absprungpunkt zu treffen gilt. Das ist auch deswegen eine Herausforderung, weil im Rechtsgalopp mit dem rechten, im Linksgalopp mit dem linken Bein abgesprungen werden muss, das diesem jeweils folgende Bein seitwärts nachgezogen und die Gangart nach dem Aufkommen möglichst nahtlos weitergeführt werden soll.

Hindernisbwerb mit milden Punkterichterinnen

Dass es mir nicht peinlich ist, dass eine mir kaum an die Brust reichende Sportlerin die bald lächerlich hohen Hürden deutlich müheloser überspringt als ich, wäre eine Lüge, und nur kurz nachdem die Höhe der Gestänge einen Meter übersteigt, muss ich w.o. geben. Erst da eröffnet mir Paola, dass es sich bei diesen Runden lediglich um das Aufwärmen gehandelt habe, und der eigentliche Übungsbewerb erst bevorstehe. In diesem müsse ich – mit den drei Mädchen als Jurorinnen – eine Route aus vier Hindernissen in unterschiedlichen Höhen ablaufen, wobei auch die Haltung Teil der abschließenden Bewertung sei.

Besonders faszinieren mich die Konversationen, die ich in den Sprungpausen mithöre.

Mach’ mit beim Turnier“, sagt Paola zu ihrer Freundin, die daraufhin den Kopf schüttelt und auf ihr Pferd deutet.
Er will nicht“, sagt sie. „Schau, er steigt schon.“
Er steigt gar nicht“, sagt Paola ernst.

Der fertig aufgebaute Parcours verlangt mir einiges ab, und die zuvor erst mühsam erlernte Technik aus Handhaltung (Zügel müssen straff bleiben), Sprungweise und Grazie verflüchtigt sich auf der Stelle. Angesichts dessen urteilt die Jury geradezu verdächtig mild, und ich gehe mit einem gewissen Erfolgserlebnis in die letzte Prüfung des Tages. Neben der Hürdendisziplin üben sich die Hobby Horsing Enthusiast:innen auch in der Dressur-Kür, die äquivalent zu ihrem Vorbild choreografierte Quadrillen umfasst. Dabei hat der/die Reiter:in mit den Beinen gewisse Figuren zu imitieren, die mir Paola nun vormacht. Ich versuche, mich an einer Variante des spanischen Schrittes, bei der je ein Bein erhoben und gestreckt vorgeführt wird, was überraschend viel Muskelkraft erfordert und überquere das von Stäben markierte Feld in Piaffen und Renversen. Selten habe ich mich schwerfälliger gefühlt.

Inception – die Schachtel in der Schachtel in der Schachtel …

Erst am Ende meines Hobby Horsing Abenteuers, fällt mir etwas ein, das meine Sicht auf das Hobby Horsing ein weiteres Mal verschiebt. Wenn es einem unlogisch erscheint, zwar ohne Pferd aber mit Stock eine Quadrille nachzutänzeln, braucht man sich bloß ins Gedächtnis zu rufen, dass die Quadrille ursprünglich ein Tanz war, der am französischen Hof praktiziert wurde – und dass die Reitkunst auf echten Pferden anfänglich die menschlichen Bewegungen beim Tanzen nachahmte. Schon die scheinbar ursprüngliche Reitkunst, die hier nachgeahmt wird, war ihrerseits eine Nachahmung.

Das Hobby Horsing führt, könnte man argumentieren, diese Transformation an ihren Ursprung zurück, dreht sozusagen die Schraube eine Umdrehung weiter, und fügt eine Abstraktionsstufe hinzu. Ob dann wiederum eines Tages die Reitkultur die im Hobby Horsing gefundenen Bewegungsmuster mit lebendigen Tieren nachahmen wird? Ob die Inception Verschachtelung ewig weitergehen wird? In Finnland, von wo der Sport zum ersten Mal 2017 durch einen Film von Selma Vilhunen einer breiten Öffentlichkeit präsentiert wurde, soll es allein 10.000 praktizierende Hobby Horsing Fans geben, und die Popularität steigt. 2026 wird es zum ersten Mal in der Tschechischen Republik eine gesamteuropäische Meisterschaft geben – und ich, ich werde dank Livestream nach Paola und ihren Freundinnen Ausschau halten.

Für den Text ist die Verfasserin verantwortlich. Er gibt nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

Edelbauer Raphaela, Foto: © Mafalda Rakos

Raphaela Edelbauer, geboren in Wien, studierte Sprachkunst an der Universität für Angewandte Kunst. Für ihr Werk Entdecker. Eine Poetik (Klever Verlag, 2017) wurde sie mit dem Hauptpreis der Rauriser Literaturtage ausgezeichnet. Außerdem wurde ihr der Publikumspreis beim Bachmann-Wettbewerb, der Theodor-Körner-Preis und der Förderpreis der Doppelfeld-Stiftung zuerkannt. Ihr Debütroman Das flüssige Land (Klett-Cotta, 2019) stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises, ihr dritter Roman Die Inkommensurablen (Klett-Cotta, 2023) auf der Longlist. Für ihren zweiten Roman DAVE (Klett-Cotta, 2021) erhielt sie den Österreichischen Buchpreis. 2024 erschienen unter dem Titel Routinen des Vergessens (Cotta) ihre Wiesbadener Poetikvorlesungen. Im Herbst 2025 veröffentlichte sie den Roman Die echtere Wirklichkeit (Klett-Cotta). Raphaela Edelbauer lebt in Wien. Homepage

Edelbauers Club der ungewöhnlichen Sportarten – #3 Hobby Horsing

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