Die Audioaufnahme meiner ersten Begegnung mit dieser Sportart offenbart, dass ich ganze 45 Minuten benötige, um allein die grundlegenden Regeln zu verstehen. Obwohl ich in meiner Jugend als glühender Fan der Harry-Potter-Bücher mitternachts vor dem Wiener Buchgeschäft Shakespeare and Company kampierte, und sogar das explizit dem fiktiven Sport gewidmete Quidditch im Wandel der Zeiten besaß, stellt sich im Gespräch mit Laurids Brandl, dem Obmann der Danube Direwolves umgehend heraus, dass winzige Details wie dass Besen nicht wirklich fliegen können und dass Bälle sich nicht selbstständig bewegen, eine Unzahl an Workarounds in den Regeln erfordert.
Ausgeübt wird der Sport von den Danube Direwolves das ganze Jahr über im Freien und in einer Anlage, in der außer uns auch noch Rugby- und Padbol-Teams ihren Sportarten nachgehen.
Quidditch ist im Übrigen seit einigen Jahren schon nicht mehr die offizielle Bezeichnung des Sports, in den mich Brandl in den kommenden Stunden einführen wird. Vielmehr heißt der jetzt Quadball, eine Umbenennung, die zum einen daran liegt, dass man sich wegbewegen wolle, erklärt Laurids, vom Image einer Freizeitaktivität für cosplayende Harry Potter-Fans hin zu einem tatsächlich funktionierenden, athletischen Sport. Zum anderen stießen in der Community transfeindliche Äußerungen der Potter-Schöpferin J. K. Rowling auf wenig Gegenliebe, weswegen man sich zusätzlich von den Büchern distanzieren wollte, die Laurids nur als „die Vorlage“ bezeichnet. Ein Blick auf das Regelwerk macht diese Haltung noch besser nachvollziehbar: bei Quadball gibt es eine sogenannte gender-rule, die verbietet, dass mehr als drei der bis zu sieben Spieler eines Teams dasselbe Gender haben. Dementsprechend wird der Sport per se nur mixed gespielt, Geschlechterklassen gibt es ohnehin keine.
Quadball hin,Quidditch her: Ein Sport mit literarisch-fiktionalen Wurzeln ist es allemal, und laut meinen Recherchen der einzige unter jenen, der in weltweiten Verbänden betrieben wird. Zwar scheint es eine Tradition des Spieleerfindens in der Fantasyliteratur zu geben – etwa die Brettspiele Cyvasse in R. R. Martins A song of ice and fire und Thud in Discworld von Terry Pratchett oder das Kartenspiel Gwent in Andrzej Sapkowskis The Witcher, um nur einige zu nennen. Doch die wenigsten davon lassen sich zu einer Variante entwickeln, die in der realen Welt praktiziert werden kann, geschweige denn, dass das auch wird.
Bei Quidditch / Quadball hat die Muggelwelt jedoch zweifellos angebissen: Laurids reiste allein in den letzten Jahren zu Turnieren in Irland, Spanien, Polen, Italien und Deutschland, wo abgesehen von den USA umtriebige Communities den Sport durch Leidenschaft und Herzblut am Leben halten.
Zurück also zu den Regeln: Wie „die Vorlage, so kennt Quadball drei verschiedene Arten von Bällen, vier davon sind über weite Teile des Spiels gleichzeitig auf dem Feld, wie der „neue“ Name verrät. Was früher Quaffel hieß, der Ball, mit dem sich herkömmliche Tore erzielen lassen, ist ein Volleyball. Vier Spieler:innen pro Team, die an ihren grünen oder weißen Stirnbändern zu erkennen sind, versuchen, diesen durch die kreisrunden Tore zu befördern, die in verschieden Höhen aus dem Spielfeld aufragen.
Zwei weitere Spieler:innen versuchen als Treiber:innen mit den früher Klatscher, nun Dodgeball, genannten Bällen, die anderen bei ihrer Torjagd zu stören. Wird man von einem der drei Dodgeballs abgeschossen, ist man für kurze Zeit aus dem Spiel und muss erst zu den eigenen Torringen laufen und diese berühren bevor man gleich wieder ins Spiel zurückkehren kann. Nach zwanzig Minuten kommt schließlich der Goldene Schnatz ins Spiel, der im Gegensatz zur Vorlage jedoch kein Ball, sondern ein Mensch ist, der eine baumelnde Socke an seinem Hintern befestigt hat – woraufhin zwei zusätzliche Sucher:innen ins Spiel einsteigen, um genau diese Socke herabzureißen.
Ist eine: der Sucher:innen dabei erfolgreich, endet das Spiel je nach Punktedifferenz in manchen Fällen, und geht in anderen weiter – eine Zusatzregel, deren Erklärung ich den Leser:innen an dieser Stelle erspare. Der Überblick erschwert wird für die Quadball-Anfängerin zusätzlich dadurch, dass alle ständig aus- und eingewechselt werden und dauernd vom respektive aufs Feld rennen, wobei auch die Positionen nach Belieben getauscht werden dürfen.
Ach ja, und nicht zu vergessen ist freilich, dass man, während man vierzehn Menschen vier Bälle nach je unterschiedlichen Vorschriften jagen sieht, eine Besenstange zwischen den Beinen halten muss. Steigt man von dieser ab, vergisst sie oder verliert sie während eines Tackles, ist man für kurze Zeit ebenso aus dem Spiel, als hätte einen ein Klatscher getroffen.
Die Übersetzung der Regeln aus der Fantasyliteratur, das geht aus Laurids Einführung hervor, ging übrigens nicht ohne Reibungsverlust vonstatten. Ein Beispiel: Wie in der Vorlage durfte der Goldene Schnatz anfangs das Spielfeld verlassen. Quidditch, das seine Wurzeln im Universitätssport hat, wurde damals meist auf Universitätscampi gespielt, und es konnte vorkommen, dass ein Schnatz auf ein Fahrrad sprang oder sich auf einem Dach versteckte, wonach die unpraktische Situation eintrat, dass man seiner für mehrere Stunden nicht habhaft wurde. Nachdem ich bei Laurids Ausführungen über die Entstehung des Spiels und seines komplexen Regelwerks zusehends den Überblick verliere, bin ich froh, als die ersten Spieler:innen eintreffen, und endlich der praktische Teil meiner Unterweisung in Sicht ist.
Etwas mehr als ein Dutzend Mitglieder des Quadball-Kaders werden bald von einem Athletik-Coach aufgewärmt, der aussieht, als habe er mehrere Jahrzehnte im American Football seine Tackles perfektioniert. Auch die Methoden sind an diesem Abend eine Premiere für mich: Zum ersten Mal übe ich Drills mit einer Agility Ladder, einer auf den Boden gelegten Leiter, die in verschiedenen Schrittmustern durchstiegen wird, um Antrittskraft, Sehnen und Bänder sowie das Nervensystem für die anstehenden Stop-and-Go-Bewegungen vorzubereiten. Nachdem wir für den Oberkörper Ähnliches bei einem Schusstraining leisten, bei dem ich erstmals auch versuche, die runden Tore zu treffen, üben alle erst einmal ausführlich stürzen.
Weil Quadball ein Vollkontaktsport ist, bei dem Personen, die den Ball haben, auch getackelt werden dürfen, üben wir, uns beim kontrollierten Fallen nicht zu verletzen. Als jemand, der sich im Sport lebenslang von seinen Kontrahent:innen und dem Stürzen ganz generell fernhielt (Rudern, Kraftsport, Triathlon, Akrobatik) gelingt mir das genauso leidlich wie das darauf folgende Tackle Training. Von zwei bis drei schrankgroßen Spieler:innen bedrängt zu werden, während man den Volleyball zu einem, jetzt winzig scheinenden Ring zu befördern versucht, stellt sich unerwarteterweise vor allem als psychisch herausfordernd heraus.
Vielleicht liegt es auch daran, dass Laurids mir empfahl, Halskette und Ohrringe abzulegen, damit „sie dir nicht während des Spiels herausgerissen werden”, was so gar nicht zu meiner Erinnerung an die eher nett-eleganten Quidditchmatches in den Harry-Potter-Filmen passt. Tatsächlich sind die Mitglieder der Direwolves keine “cosplayenden Fans”, sondern, wie Laurids angekündigt hat, Athlet:innen, die komplexe Manöver und Strategien anwenden, um die unüberschaubaren Möglichkeiten, die vier Bälle eröffnen, zu ihren Gunsten zu verwenden. Auch wenn Laurids mir versichert, dass die letzte Gehirnerschütterung innerhalb des Teams schon fünf Jahre zurückliegt, ermahne ich mich zur Vorsicht und spiele im übertragenen wie buchstäblichen Sinne schmucklos.
Als schließlich die Stunde der Wahrheit gekommen ist, und ein Übungsmatch gespielt wird, darf ich mich als Jägerin mit dem Volleyball versuchen, was von überschaubarem Erfolg gekrönt ist. Erstens, weil meine Imaginationskraft, die vom lebenslangem Fuß-, Hand- und Basketballschauen und -spielen geprägt ist, nicht hinreicht, um zu verarbeiten, dass man auch von hinten durch die Ringe schießen darf, und damit vollkommen neuartige Manöver möglich sind. Und zweitens, weil im Quadball wie schon beim zuletzt erprobten Unterwasserrugby fliegende Wechsel usus sind, die durch ein unablässiges Kommen und Gehen das Spielgeschehen für Neulinge noch verwirrender machen. Die Situation ist also die: Wenn ich denn einmal glücklicherweise den Volleyball wirklich fange, laufen mehrere Gegner:innen auf mich zu, während ich zusätzlich meine Aufmerksamkeit darauf lenken muss, nicht von Klatschern abgeschossen zu werden, wobei mich von der Trainerbank bereits wieder eine Stimme zum Wechsel auffordert.
Weil das in meinen fünf verbliebenen Neuronen den endgültigen Kurzschluss erzeugt, verliere ich bei jedem einzelnen Torversuch den längst vergessenen Besen zwischen meinen Beinen und so werden alle Vorstöße Richtung Tor Rohrkrepierer. Dabei spiele ich ohnehin unter vereinfachten Bedingungen, nachdem ich als Einzige von allen Kombattant:innen nicht im Bauchbereich getackelt werden darf.
Nach mehreren vergeblichen Anläufen einigen Laurids und ich uns darauf, dass ich, sobald der Schnatz ins Spiel kommt, als Sucherin aufs Spielfeld gehen und versuchen werde, die 30 Punkte, die das Herunterreißen der Socke bringt, zugunsten meines Teams zu erkämpfen.
Leichter gesagt als getan: Der gelb leuchtende Schnatz betritt den Platz als äußerst agiler Spieler, dessen einziges Handicap ist, dass er sich gegen gleich zwei von uns zur Wehr setzen muss. Meine Strategie ist, Energie zu sparen, und nur dann zu attackieren, wenn der gegnerische Sucher sich dem Schnatz ebenfalls nähert, sodass ich durch mehr oder weniger geschickte Bodenmanöver hinter ihn gelangen kann.
Dass ich den Schnatz nach etwa zehn Minuten tatsächlich als Erste fange, verdankt sich aber weniger meiner Agilität, als vielmehr einem Missgeschick des Schnatz-Spielers. Weil dieser glaubt, mein Gegner habe die Socke bereits erbeutet – was diesem allerdings misslingt – reißt er resigniert die Hände hoch und ich, ich schlage zu.
Während die Direwolves nach einer Spielbesprechung ein weiteres Match anreißen, muss ich einsehen, dass ich für heute leergespielt bin, und räume das Feld. Auf meinem Heimweg entwickle ich stante pede eine neue Phantasie. Wie ungeheuerlich befriedigend wäre es für eine sportbesessene Autorin wie mich, selbst in einem Roman ein Spiel zu entwickeln, das von einer treuen Fangemeinde gespielt würde? Bescheidenerweise würde ich es natürlich unauffällig an meine eigenen Talente anpassen, sodass ich in in Personalunion als Schöpferin und Koryphäe auftreten könnte. Über die grotesken, pataphysischen Auswüchse dieses Vorhabens werde ich selbstverständlich die Leser:innen von Edelbauers Club der ungewöhnlichen Sportarten als erstes in Kenntnis setzen.
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