#Roman

Zeit der Mutigen

Dimitré Dinev

// Rezension von Kirstin Breitenfellner

2003 landete Dimitré Dinev mit seinem Debütroman Engelszungen über zwei Bulgaren in Wien und ihre verzweigten Familiengeschichten einen Erfolg. An diesen kann er mehr als zwanzig Jahre später anknüpfen. Zeit der Mutigen stellt einen Generationenroman zwischen Österreich und Bulgarien dar und gewann den Österreichischen Buchpreis 2025.

Die Donau entspringt im deutschen Schwarzwald, fließt durch Österreich, die Slowakei, Ungarn, Kroatien, Serbien, Rumänien und Bulgarien, wo sie die gesamte Nordgrenze des Landes bildet, um bei Silistra wieder nach Norden abzubiegen und sich in Rumänien, Moldawien und der Ukraine verzweigend ins Schwarze Meer zu ergießen.

Dimitré Dinev hat diese Lebensader Mittel- und Südosteuropas als roten Faden seines zweiten Romans „Zeit der Mutigen“ gewählt, der zwischen Wien, der Wachau, Tirol und Bulgarien spielt, aber sogar bis nach Afghanistan, Indien und die USA und nach Moskau ausgreift und von zwei verzweigten Familien aus Österreich und Bulgarien handelt, die auf geheimnisvolle Weise verbunden sind. Wer sich bei der Fülle an Personal bald nicht mehr auskennt, wird immer wieder im Stammbaum auf der letzten Seite nachschlagen, der allerdings nur bedingt weiterhilft. Im Falter-Podcast mit Petra Hartlieb im Rahmen der Buch Wien im November 2025 verriet der Autor, warum. Er habe Spoiler vermeiden wollen. Bleibt das hochaufmerksame Lesen …

Am besten aber, man überlässt sich dem über tausend eng bedruckten Seiten des Romans, an dem Dinev nach bzw. neben Ausflügen in den Film uns ins Theater dreizehn Jahre gearbeitet hat, wie nach dem Sprung in einen Fluss: Man lässt sich treiben und von der ereignisreichen Handlung und den ungewöhnlichen Menschen, die sie bevölkern, überraschen.
Dimitré Dinev ist kein Menschenkenner, er agiert eher als Marionettenspieler, der seine Figuren durch die Weltgeschichte tapsen lässt und sie dabei des Öfteren unerwarteten Wendungen aussetzt, von Schicksalsschlägen bis zu Glücksfällen. Empathie und psychologisches Feingefühl gehören dabei nicht zu seinen Stärken. Dafür ein waches Auge dafür, wie erbarmungslos Politik in die Leben gewöhnlicher Menschen hineinwirkt und -regiert. In dem Jahrhundert, in dem der Roman spielt, zwischen dem Beginn des Ersten Weltkriegs und der Mitte der 1990er Jahre, gab es genug Gräuel, an denen sich der Autor abarbeiten kann.

Recht und Unrecht im 20. Jahrhundert

Das Wüten der bulgarischen Variante des Kommunismus und dessen „Fortschritt ohne Humanismus“ (S. 792) bekommt dabei mehr Raum als der Nationalsozialismus in Österreich. Und gefühlt auch mehr Groll ab. „In keinem anderen System, nicht mal in der Kirche, war es gelungen, so erfolgreich und kunstvoll die Wahrheit zu verbergen oder zu verstellen“, heißt es über diesen. Der Grund liegt der Biografie des Autors: 1968 in Plowdiw, Bulgarien geboren, floh Dinev 1990 über die grüne Grenze nach Österreich, wo er seitdem lebt und 2003 die Staatsbürgerschaft erlangte. Seinen Roman lässt er allerdings noch ein paar Jahre weitergehen, um auch den Zusammenbruch und den dysfunktionalen neuen Staat Bulgarien noch ein wenig begleiten zu können. Die Eckpunkte der österreichischen Geschichte der Nachkriegszeit streift er zumindest mit Erwähnung in Gesprächen: vom Tod des Langzeitkanzlers Bruno Kreisky über die Affäre um die NS-Vergangenheit des Bundespräsidenten Kurt Waldheim bis zu den Roma-Morden in Oberwart im Februar 1995 durch den „Briefbomber“ Franz Fuchs.

Von der Handlung seinen nur ein paar Eckpunkte genannt, um ein Bild zu geben. Zu Beginn steht der versuchte Selbstmord des unehrenhaft entlassenen Dienstmädchens Eva. Sie wird von einem dahergelaufene k. u. k. Leutnant zurückgehalten, sogleich von diesem verlassen, geht deswegen als Krankenschwester in den Ersten Weltkrieg und firmiert später zusammen mit Xaver Kniewasser als „Urmutter“ der Familie, die in der Wachau nahe der Donau lebt. Die zweite Großfamilie des Romans gehört der Volksgruppe der Roma in Bulgarien an mit Gjuro und Lale als Ältesten, deren Tochter Kera sich von einem blonden Tiroler schwängern lässt, weil ihr Mann zeugungsunfähig ist.
Dieser aus Tirol stammende, bei den Roma untergetauchte Soldat bildet das Bindeglied zwischen beiden, was freilich niemand weiß, nicht einmal er selbst. Denn eine Kugel in seinem Kopf hat jede Erinnerung gelöscht, weswegen er, als er aus Bulgarien fliehen muss, mit dem Dokument ihres vermissten Schwiegersohns Helmut bei den Kniewassers aufgenommen werden kann. Keras Mann Barko hingegen kommt in das kommunistische Konzentrationslager Belene, wo er als Totengräber arbeitet und aus dem er stark traumatisiert (sowie als glühender Anarchist) zurückkehrt. Eine der eindrücklichsten Passagen des Romans. Das nomadisch lebende Volk der Roma wird von den Kommunisten zu Sesshaftigkeit gezwungen, seiner Identität und Namen beraubt – und trotzdem weiter diskriminiert.

Das einfache Gemüt und das Schicksal

Wer bei der hier anzitierten Handlung an Kolportage denkt, liegt nicht falsch. Schon dem Erstling Engelszungen wurde (etwa von Meike Fessmann in der Süddeutschen Zeitung vom 14.7.2004) bescheinigt, solche Elemente zu besitzen. In der Tat schert sich Dinev nicht um Wahrscheinlichkeiten. Er tritt als Demiurg auf, der sein schönes, aber teilweise auch mutwilliges bis boshaftes Spiel mit seinen Figuren treibt – und sie nicht nur der Gewalt der totalitären Regime aussetzt, in denen die Menschen leben, sondern auch seine Heldinnen und Helden des Öfteren zu Gewalt greifen lässt.
Seine „Mutigen“ hegen verständlicherweise Misstrauen gegenüber dem Staat und seinen Institutionen – und agieren stattdessen mit Selbstjustiz: mit brutalem Verprügeln von Menschen, die ihnen geschadet haben, oder kaltblütigem Mord. Dabei scheren sie sich weder um das Rache-Monopol des Staates noch um das christliche Gebot „Du sollst nicht töten“. Auch die Frauen treten dabei als Engel der Vergeltung auf: die Krankenschwester Eva, die ihren Retter bewusst sterben lässt, die Hirtin Neda, die Meto gesund pflegt und später einen kommunistischen Funktionär ermordet, ihre Tochter Wichra, die als Agentin des bulgarischen Geheimdienstes und deswegen auch für den KGB arbeitet und noch nach dem Fall der Mauer einem KGB-Agenten mit einem Bleistift beide Augen aussticht. Es gibt zwei „falsche“ Schwiegersöhne. Und gegen Ende fällt Sven, der Mann von Evas Enkelin Nora, in ein jahrelanges Koma. Man sieht: Dinev lässt nichts aus …

In dem erwähnten Gespräch mit Petra Hartlieb erzählt Dinev auch von dem in seiner Heimat verbreiteten Wunderglauben, der Bedeutung von Wahrsagerinnen und magischen Handlungen. Diese spielen auch im Roman eine Rolle – von magischen Krakenzähnen und allwissenden Hunden bis zu unwahrscheinlichen Zufällen. Ein Schelm, wer dabei denkt, dass ein Schuss Wunder und Magie auch oder gerade in aufgeklärten Zeiten eine Grundzutat für Bestseller bleibt – von Gabriel García Márquez’ Hundert Jahre Einsamkeit (1967) bis zu Mariana Lekys Was man von hier aus sehen kann (2017).
Dazu passt die seltsame Wunschlosigkeit und Selbstgenügsamkeit von Dinevs Protagonisten. Zeit der Mutigen ist von einfachen Gemütern bevölkert, denen dennoch ein größeres Wissen oder zumindest eine tiefere Weisheit als den vorgeblich Gebildeten zugesprochen wird. Gerne auch die Fähigkeit, sich ohne Worte zu verständigen. Sie sind frei von Zweifeln, aber auch von Neid und Ehrgeiz – Eigenschaften, die gewöhnlich Menschen quälen –, deswegen ruhen sie so außergewöhnlich in sich selbst. „Da er die Menschen mied, haderte er nie mit dem Schicksal, noch schimpfte er über das Leben. Er nahm sich die Tiere als Beispiel und beklagte sich nie. […] Es war ihm nicht bestimmt, über Menschen mehr nachzudenken als über Tiere“, schreibt der Erzähler über den Vater der Hirtin Neda, die später den schwer verletzten Meto aufnehmen und gesundpflegen wird (S. 196).

Metos Gedächtnisverlust zwingt ihn geradezu, allein seinen Eindrücken zu vertrauen – eine selige Geschichtslosigkeit, beruhend auf de Tatsache, nicht mehr zu wissen, „was Recht und Unrecht war“ (S. 456). Als Metos Tochter Nora 1975 als Späthippie nach Indien reist, verliert sie sich schon an der Grenze zum Iran „in der Kargkeit des Lebens und der Einfalt des Glücks“ (S. 474). In seinem Buch Tolstoj oder Dostojewskij. Analyse des abendländischen Romans (engl. Orig. 1959, dt. Übers. v. Jutta und Theodor Knust 1964 bei Langen Müller) traf der US-amerikanische Literaturwissenschaftler George Steiner die bekannte Unterscheidung zwischen dem epischen und dem dramatischen Erzähler mit den Vorbildern und Höhepunkten Tolstoj resp. Dostojewskij. Dinev gehört eindeutig zu Ersteren. Wie Tolstoj evoziert er gerne Pastoralen. Seine Figuren leben lieber auf dem Land als in der Stadt und blicken, wie Steiner es für Tolstoj metaphorisch einprägsam ausgedrückt hat, mit satten Augen erdwärts. (Als Anekdote gehört dazu auch die Tatsache, dass Dinevs handgeschriebener Roman von seiner Frau abgetippt wurde, wie er ebenfalls im Gespräch mit Petra Hartlieb erwähnte. Ohne allerdings hinzuzufügen, dass auch Tolstojs Frau Sophia diesen dienstvollen Akt für dessen 1867 erschienenen Wälzer Krieg und Frieden leistete, der Überlieferung nach ganze zwölf Mal.)

Täter und Unschuldige

Trotz seines Fokus auf der politischen und Gewaltgeschichte gehört Dinev nicht zu den passionierten Aufklärern des europäischen Romans, zu dessen letzten herausragenden Beispielen der hierzulande viel zu wenig beachtete Roman Die andere Vergangenheit des Slowenen Vinko Möderndorfer (slow. Orig. 2017, in dt. Übersetzung von Erwin Köstler 2023 bei Residenz) zu zählen wäre. Dinev ist ein leidenschaftlicher Romantiker, ein Erzähler mit Hang zum Elementaren und interessiert sich eher für das Unrecht und wie man damit leben kann als dafür, wie es entstanden ist und zukünftig vermieden werden kann. Den Tatsachen des Lebens – Unrecht, Gewalt und Schicksalsschlägen – begegnet Dinev mit Humor und Sarkasmus. Dem Reformeifer eines Tolstoj bleibt er abhold, was dazu führt, dass man die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts hier vergebens sucht. Dinevs Figuren interessieren sich explizit nicht für Geld, selbst wenn sie viel davon generieren. Die sechs Teile des Romans heißen denn auch: „Wasser“, „Steine“, „Wolken“, „Wind“, „Erde“ und „Sonne“.

Seine Heldinnen und Helden sind Ohnmächtige, die sich mit Mut zu wehren wissen. Sie betrügen (auch die eigene Familie), gründen erfolgreiche Glücksspielkonzerne, bedrohen skrupellos ihre Mitmenschen und fühlen sich im Recht, weil sie in einer Gesellschaft leben, „die von Schurken und Betrügern gelenkt wird, in der die Verbrecher die Regeln bestimmen“ (S. 557). Sie haben viel Sex und oft außerehelichen. Sie sind zugleich Täter und Unschuldige. „Politische Veränderungen […] kümmerten Meto überhaupt nicht“, heißt es einmal (S. 248). Seine Geliebte Neda glaubt an eine „Urordnung […], für die sie durch ihre Taten verantwortlich war, und die Missachtung dieser Ordnung hatte Folgen für das ganze Universum“. (S. 143)

Trotz des familiären Zusammenhalts und des Anspruchs, die Gesetze der Sippschaft über das Recht zu stellen, bleiben sie Einsame, die eigenmächtig handeln und dabei blind ihrem eignen Instinkt, ihrer Intuition folgen. Ob sie dabei Erfolg haben, scheint ihnen egal. Sie sind keine Abwägenden oder Zweifler. Auch Angst, sogar Todesangst scheint ihnen fremd. „Anscheinend war es egal, ob man beschuldigt wurde oder sich selbst die Schuld gab, ob man durch das Unrecht anderer oder das eigene Recht Qualen erlitt. Letztlich stand man eines Tages vor demselben Fluss“, resümiert der Erzähler mit seiner ersten Mörderin Eva ganz zu Beginn des Mammutwerks deren Tat (S. 26). Unbeantwortet bleibt dabei die Frage, ob Menschen, die keine Angst haben, überhaupt mutig sein können und warum die „Zeit der Mutigen“ im Roman nominell erst nach dem Fall der Mauer anbricht, auf Seite 1.023 …

Ein wortgewaltiger Traum von der Einfachheit

Mit Zeit der Mutigen träumt Dinev einen wortgewaltigen Traum von der Einfachheit, von einer Verständigung ohne Sprache. Seinen Glauben an das Schicksal bezeugen zahlreiche Sentenzen:

„In jedem Augenblick ist die ganze Zeit da, von Anbeginn der Menschheit. Voll und ganz ist sie da, erfüllt jeden, macht ihn schwer, bis sie zu einer bedrückenden ewigen Dauer wird. Die Zeit vergeht nicht, was vergeht, ist das Leben“ (S. 340).

„Der Mensch hat eine große Bestimmung. Das Unrecht mehr zu fürchten als den Tod. Aber weil nur wenige es schaffen, sich daran zu halten, schaut die Welt so aus“ (S. 846).

Die Szenen des Romans reihen sich wie raue Perlen aneinander, seine Figuren werden am Ende enggeführt, aber zum Schluss bleiben – zum Glück, möchte man sagen – die meisten Handlungsfäden und damit alle Fragen offen. Eine beeindruckende Erzählanstrengung und eine entsprechend fordernde Lektüre.

Homepage von Kirstin Breitenfellner

Dimitré Dinev Zeit der Mutigen
Roman.
Zürich–Berlin: Kein & Aber, 2025.
1.152 Seiten, Hardcover
ISBN 978-3-0369-5079-2

Verlagsseite mit Informationen zu Buch und Autor sowie einer Leseprobe

Rezension vom 05.01.2026

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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