#Roman

Wie die Hasen

Anna Silber

// Rezension von Sabine Dengscherz

Sind wir noch wir selbst, wenn eine Krankheit unsere Persönlichkeit verändert? Und was macht das mit den Menschen um uns herum? Anna Silber erzählt in ihrem jüngsten Roman Wie die Hasen einfühlsam und subtil von Überforderung, Liebe und den Schwierigkeiten, die sich ergeben, wenn jemand in der Familie an Alzheimer erkrankt – und davon, wie Gedenken und Erinnern über Generationen hinweg weitergegeben werden.

Für Paula Puchner ist Erinnerung zentral. Als Zeitzeugin der „Mühlviertler Menschenhatz“ – die nationalsozialistische Schutzstaffel (SS) bezeichnete dieses im Februar 1945 verübte Kriegsverbrechen zynisch als „Mühlviertler Hasenjagd“ – reist sie zu Gedenkfeiern in das ehemalige Konzentrationslager nach Mauthausen oder ins Parlament nach Wien und spricht vor Schulklassen; unter anderem in der Schule, in der ihre Enkelin Lisa unterrichtet.

Über Jahrzehnte gibt Paula ihr Wissen und ihre Erfahrungen weiter – bis ihr selbst mehr und mehr die Erinnerung entgleitet. Für die Ich-Erzählerin Lisa ist das ein Schock. Zeitlebens hat sie die Großmutter bewundert, für ihren Mut und ihren Optimismus – und ihre Art, immer im richtigen Moment die richtigen Worte zu finden. Oma ist stets die erste, die sie ins Vertrauen zieht, und als sie nach einem One-Night-Stand schwanger wird, rechnet sie fix damit, dass sie auf die Großmutter zählen kann, wenn das Kind erst einmal da ist. Natürlich gibt es da auch noch die Eltern. Und einen Bruder. Aber je mehr die Großmutter sich durch ihre Krankheit verändert, desto deutlicher wird, dass vor allem sie es war, die die Familie zusammengehalten hat.

Wenn Paula Puchner nicht mehr die richtigen Worte findet, ist zunächst niemand da, der das an ihrer Stelle tun könnte. Der Großvater zieht sich überfordert zurück, und die Eltern sind auch kein Ersatz, ja nicht einmal der Bruder. Dabei ist die Familie halbwegs intakt, man sieht sich, trifft sich, redet miteinander – aber oft auch aneinander vorbei, immer wieder ist von Sprachlosigkeit die Rede. Die neue Situation verschärft kleine Risse und Generationenkonflikte. Lisa spürt ein neues Leben in sich wachsen, während das alte der Großmutter in sich zusammenschrumpft, zuweilen kondensiert auf wenige Tage im Februar 1945, als sich jene Verbrechen ereigneten, die später als „Mühlviertler Menschenhatz“ in die österreichische Geschichte eingingen.

Am 2. Februar 1945 fliehen 500 ausgehungerte, geschwächte sowjetische Kriegsgefangene aus dem Todesblock 20 des KZ Mauthausen (dem größten Konzentrationslager auf dem Gebiet des heutigen Österreich), und ein ganzer Landstrich veranstaltet eine regelrechte Treibjagd auf diese Menschen, von denen nur wenige überleben. Sergei, die zentrale Erinnerungsfigur des Romans, ist einer dieser Überlebenden. Paula Puchner ist sechzehn Jahre alt, als ihre Familie ihn für einige Monate auf ihrem Bauernhof im Heu versteckt und ihm so das Leben rettet. In der religiösen Familie betrachtet man das als Christenpflicht. Man ist für andere da. Wie beim Heu machen, da kommen auch alle zusammen. Und wenn man einmal nicht mehr weiterweiß, dann wird gebetet.

Daran erinnert Paula sich selbst dann noch, als ihr Gedächtnis sie mehr und mehr im Stich lässt. Oft erkennt sie ihre eigene Tochter nicht mehr oder hält die Enkelin für ihre verstorbene Schwester, aber an das gemeinsame Heuen denkt sie noch, und an das Beten – und daran, dass im Heu einer liegt, der etwas zu essen braucht. Gemeinsam haben sie mit Sergei gezittert, gemeinsam waren sie auf der Hut vor dem Naziregime, und vor den Nachbarn, die nicht wissen wollten und nicht gewusst haben wollten, was in den Konzentrationslagern vor sich ging. Siebzig Jahre später vergisst Paula zuweilen, dass das alles vorbei ist. Und hat erneut Angst vor der SS. Die Erinnerung ist nicht weg, sie fällt nur manchmal aus der Zeit und aus der Rolle.

Das zeigt sich zunächst in kleinen Anzeichen, die niemand so recht wahrhaben will. Haben wir nicht alle hin und wieder ein kleines Blackout? Ist das nicht normal? Aber irgendwann häufen sich die Aussetzer und die Großmutter agiert zusehends unberechenbarer. Es führt kein Weg mehr daran vorbei, einen Arzt aufzusuchen und sich der Diagnose zu stellen: Alzheimer. Die Großmutter wird dement. Dabei war gerade sie es über Jahrzehnte, die sich dem Nicht-wissen-Wollen und dem Nicht-gewusst-haben-Wollen mit ihrem Erinnern entgegengestellt hat.

Fakt und Fiktion sind fein verwoben in diesem Text: „Vieles, wovon im Roman die Rede ist, hat tatsächlich stattgefunden. Anderes ist frei erfunden“ heißt es in einer Vorbemerkung (S. 6), und beinahe metaphorisch fließen das Erfundene und das Stattgefundene ineinander wie die Vergangenheit und die Gegenwart in Paulas Gedächtnis.

In der Familie scheint es für jede:n einzelne:n auf andere Weise schwierig zu sein, mit Paulas Krankheit umzugehen, und die Reaktionen sind dementsprechend unterschiedlich, reichen von Nicht-Wahrhaben-Wollen über Ausweichen und Distanzierung bis hin zu ganz pragmatischen Überlegungen, was denn nun zu tun sei und wie es weitergehen soll. Und wenn Lisas Bruder Jakob für ein Mahnmal zum Gedenken an die Opfer der Mühlviertler Menschenhatz auch gegen den Vater und seine Parteifreunde demonstrieren geht, hält er das Andenken der Großmutter auf seine Weise hoch. Alle bemühen sich auf ihre Weise, so sorgsam miteinander umzugehen, wie sie das eben können. Als Paula einen Feuerwehreinsatz auslöst, gesteht man sich ein, dass man es zu Hause nicht mehr schaffen wird, und Lisas Vater nützt seine Beziehungen als Vizebürgermeister, um möglichst rasch einen guten Heimplatz für seine Schwiegermutter zu bekommen – eine Entscheidung, die die Familie vor eine weitere Zerreißprobe stellt.

Anna Silber erzählt einfühlsam und mit viel Respekt vor ihren Figuren. Immer wieder versucht die Ich-Erzählerin sich vorzustellen, wie etwas gewesen sein könnte, möchte sich in ihre Großmutter hineinversetzen, ohne sich anzumaßen, die Welt mit ihren Augen zu sehen. Über so manches Geschehen erfahren wir indirekt über mehrfache Brechungen: Die Zeitzeugin erzählt, die Ich-Erzählerin hört zu und gibt weiter. In indirekter Rede. In Nebensätzen, die sie mit „Wie“ einleitet. Und bei aller Nähe doch mit einer gewissen Distanz, die deutlich macht, dass unsere Wahrnehmung immer gewisse Filter passiert. Zu vielem haben wir keinen direkten Zugang. Lisa kann das Kind in ihrem Bauch spüren, aber wenn sie es sehen möchte, braucht es dazu Ultraschall. Lisa spürt Unruhe und Schwindelgefühle, aber um herauszufinden, was die Ursache dafür ist und was tatsächlich in ihrem Körper vorgeht, braucht es Untersuchungen mit speziellen Gerätschaften.

Wie schon in ihren beiden früheren Romanen Chopinhof Blues (2022) und Das Meer von unten (2023) beweist Anna Silber auch in ihrem jüngsten Roman ein feines Gespür für das Zwischenmenschliche und die leisen Untertöne, die so viel ausmachen.

In gewisser Weise ist Wie die Hasen ein Buch über die Erwartungen in einer Familie und darüber hinaus in der Gesellschaft, über ihr Erfüllen (oder auch Nicht-Erfüllen). Es ist ein berührender Text über starke Frauen, die auch dann noch stark sein können, wenn sie einmal nicht so „funktionieren“ wie gewohnt; ein Roman über das Zusammenhalten, das mal besser, mal weniger gut klappt, und ein Anschreiben gegen das Vergessen und Verdrängen der Vergangenheit. Und nicht zuletzt ist das Buch eine Hommage an eine wunderbare Großmutter.


Sabine Dengscherz, geb. 1973 in OÖ, Schreibwissenschaftlerin, Schriftstellerin, Universitätslektorin. Studium der Germanistik, Kommunikationswissenschaft und Hungarologie, Venia für Transkulturelle Kommunikation und Mehrsprachigkeit. Forschung zu Schreibprozessen, Schreibstrategien und Kulturbegriffen. Mitglied in der GAV, im ÖSV und im Literaturkreis Podium. Lebt in Wien und Dénesfa. www.dengscherz.at

Anna Silber Wie die Hasen
Roman.
Wien: Picus Verlag, 2026.
360 Seiten, gebunden mit Lesebändchen.
ISBN: 978-3-7117-2171-6

Verlagsseite mit Informationen zu Buch und Autorin

Rezension vom 15.04.2026

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

Informiert
bleiben

Sie können 3 Newsletter abonnieren:

  • Literaturhaus Wien News
  • Literaturhaus Wien Veranstaltungsprogramm
  • Österreichische Exilbibliothek News

Bitte schicken Sie uns eine entsprechende Nachricht mit dem Betreff „Newsletter bestellen“. Für Abbestellungen bitte im Betreff „Newsletter abbestellen“ schreiben.