#Roman

Das Meer von unten.

Anna Silber

// Rezension von Jelena Dabić

Hat Anna Silber in ihrem Erstling Chopinhofblues (Picus 2022) noch ein sozial und ethnisch gemischtes Figurenensemble präsentiert, so ist ihr zweiter Roman mit dem poetischen Titel Das Meer von unten ganz unter den ‚kleinen Leuten‘ angesiedelt – wenn man sie denn heute noch so nennen darf. Immerhin beweist die Autorin mit ihrer Geschichte, dass auch hier Unerhörtes passieren kann. Obwohl es bis dorthin eine Weile dauert.

Die Geschichte, die wieder in einem Gemeindebau an der Grenze des zwanzigsten zum zweiten Wiener Bezirk sowie im nahe gelegenen „Gasthaus Rösch“ spielt, ist um die Figur Connie aufgebaut. Connie ist Mitte 20, hat nach der Matura keine weitere Ausbildung gemacht und arbeitet seitdem als Küchenhilfe im besagten Gasthaus. Ihr Arbeitsteam besteht bis auf den wenig anwesenden Koch Andi und die Lokalbesitzerin nur aus Migrant:innen; Connie selbst ist im Laufe der Jahre – im Gemeindebau wie in der Gasthausküche – unmerklich selbst zu einer geworden. Ihr Leben besteht fast ausschließlich aus Arbeit, gelegentlichen hasserfüllten Telefonaten mir ihrer esoterischen, alleinlebenden Mutter, häufigen Plaudereien mit Nachbarinnen aus dem Gemeindebau, ebenfalls Migrantinnen oder deklassierte Österreicherinnen, seltenem und lustlosem Essen und schließlich der Versorgung ihrer Katze. Freunde scheint Connie keine zu haben, auch keinen Freund oder Liebhaber; den wiederholten Avancen ihres bereits vergebenen Kollegen Janosz widersetzt sie sich hartnäckig, bis sie dann doch irgendwann nachgibt und damit ihre frühere kurze Affäre auffrischt. Gleichzeitig wird in der Geschichte ganz klar spürbar, dass das Küchenteam des Gasthauses ihr wohl Familie, Freunde und sogar Liebespartner ersetzt; Connie scheint nichts anderes zu brauchen und auch nicht zu wollen.

Einige Typen und Motive erinnern stark an Silbers ersten Roman: Die aggressive, auf Provokation ausgerichtete Frau, hier in der Figur der Connie verkörpert, und ihr völlig zerstörtes Verhältnis zur Mutter; die lesbische Frau in der Figur der studierenden und reflektierten, bosnischstämmigen Hana – mit langem „a“ – übrigens kein typischer Name. Dazu kommt die Kinderfrage: der unerfüllte Kinderwunsch bei Andis Freundin, der schließlich so oder so zur Trennung führt; später Connies Option, dauerhaft mit dem Nachbarskind zu leben. Und am Rande die gelegentliche Neigung zum Philosophieren – ein männlicher Kollege, eine serbische Nachbarin, Connies Zufallsbekanntschaft und Kurzzeitliebhaber Hakim. Auch hier sammeln sich die wichtigsten Personen nach und nach in Connies Gemeindebau, in dem Haus, das schließlich auch zum Ort des Verbrechens wird, in das die Eltern des in ihr Leben geplatzten Kindes mehr als nur verwickelt sind.

Soweit also Connies monotones Leben – sie hat weder Interessen oder gar Leidenschaften noch einen Funken Ehrgeiz – bis endlich zwei Affären mit Männern etwas Spannung in die Geschichte bringen. Kurz vorher hat sich aber auch ein Kind – aller Wahrscheinlichkeit nach ein Junge, etwa acht- bis neunjährig – vor die Tür der Nebenwohnung gesetzt. Es ist ein neues Nachbarskind, dessen Vater und schwangere Mutter oft nicht da sind. Dieses Kind ist von Anfang an ungewöhnlich gerissen und schlagfertig; es will weder seinen Namen noch seine Herkunft verraten bzw. tut sie als unwichtig ab. Gleichzeitig ist es sich seiner unterprivilegierten Stellung als Migrant:innenkind voll bewusst. Es scheint weder über besondere Talente noch über ein besonders gutes Benehmen zu verfügen, gleichzeitig ist es überraschend scharfsinnig und macht fast erwachsene Bemerkungen über Connies absurdes Leben. Anfangs erscheint das Kind meist vormittags, und Connie bittet es zum Frühstück herein. Bei einigen seiner Handlungen beweist Silber einmal mehr ihren scharfen Blick für soziale Unterschiede: Das Kind isst ein Weckerl oder eine Semmel mit nichts darauf und trinkt den Kaffee schwarz. Es kommt auch oft in Socken, ohne Hausschuhe, herein. Eine der wenigen Unternehmungen des ungleichen Zweiergespanns ist das „Bimfahren“, also wohl mit der Straßenbahn 2 zum Schwedenplatz, ins Stadtzentrum hinein. Das weitgehend vernachlässigte und sich irgendwie auch recht erwachsen fühlende Kind scheint die Schulpflicht auch nicht allzu ernst zu nehmen. Nach einer Weile zieht der Junge für mindestens zehn Tage ganz zu Connie, weil seine Eltern zur (illegalen?) Geburt des Kindes zu einer Verwandten fahren. Connie ahnt nach einem gemeinsamen Behördenbesuch mit der Familie, dass diese ernsthaft von einer Abschiebung bedroht ist.

„Das Meer von unten“ – übrigens der Kommentar des einfallsreichen Jungen auf ein blaues Tuch, das in der Wohnung von Connies Mutter über dem Bett an der Decke befestigt ist – ist im wahrsten Sinne des Wortes ein postmigrantisches Sozialdrama, eine Art „Neues Volksstück“ im Stile Horváths. Es enthält sehr viele Dialoge, die die Autorin auch in diesem Buch meisterhaft beherrscht und von denen der Text lebt. Es würde sich vermutlich auch als Hörspiel gut eignen; erzählende und reflektierende Passagen sind hingegen eher selten. Die Welt der Migrant:innen ist äußerst genau beobachtet: der Rassismus und die Islamophobie der christlichen Migrant:innen (der polnische Kollege, die serbische Nachbarin), die Flucht verbrauchter, kettenrauchender Frauen in fremde Liebesgeschichten (Connie soll der Nachbarin etwas erzählen), die Bereitschaft zu allerlei Machenschaften, wenn es eng wird und der Aufenthalt bedroht wird (die Eltern des namenlosen Kindes), gewähltes Sprechen und Vegetarismus, wenn man es zu Bildung und Studium gebracht hat (die lesbische und politisch engagierte Hana). Selbstredend verkörpert der streetwise-schlaue Junge das typische, meist vernachlässigte Kind der unteren Migrant:innenschicht, wenn auch seine Mutter gut Deutsch spricht und die Wohnung der Familie überraschend gemütlich und farbenfroh eingerichtet ist.

Der zweite Roman von Anna Silber ist eine höchst authentische Geschichte aus einem in der Gegenwartsliteratur definitiv wenig präsenten Milieu. Besonders in der ersten Hälfte scheint der Text allerdings zu nah am Alltag erzählt – detailliert beschriebene Abläufe und Handgriffe in der Küche, das Geplauder der verlebten Nachbarinnen, Connies sture Streitsucht und ihr konsequentes Ausweichen vor jeder echten Aussprache. So bleibt auch eine zentrale Frage ungeklärt: Warum entwickelt die fast gefühllose Connie erst da so etwas wie Gefühle für das Kind, als sie ahnt, dass es sie bald verlassen wird?

Roman.
Wien: Picus Verlag, 2023.
226 S.; geb.
ISBN 978-3-7117-2135-8.

Rezension vom 14.03.2023

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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