#Roman
#Debüt

Chopinhof-Blues.

Anna Silber

// Rezension von Jelena Dabić

Bei Chopinhof-Blues denkt wohl jeder automatisch an Kaisermühlenblues, die eher lustige als dramatische Fernsehserie aus den 1990er Jahren. Und den Chopinhof kennt übrigens wahrscheinlich auch jeder: das ist jener hohe, rechteckige Block am Tabor, an dem man mit der Straßenbahn 5 kurz vor dem Praterstern vorbeifährt. Manche werden sich bei jedem Vorbeifahren ausgemalt haben, wie es wohl wäre, in diesem Hochhaus zu wohnen …

Mit der Komik von Kaisermühlenblues hat aber der Chopinhof-Blues ganz und gar nichts zu tun. Hier wird nichts gut, aber einiges bringt die Figuren wie die Leser:innen zu neuen Erkenntnissen. Im Übrigen ist der Chopinhof nur einer der Schauplätze dieses herausragenden Romans: ein nicht geringer Teil spielt in Berlin, gelegentlich an diversen Gewässern, etwa am Schlachtensee. Nicht weniger präsent ist San Pedro Sula, eine Großstadt im mittelamerikanischen Land Honduras, die mit ihrer ausufernden Kriminalität in diesem Text zu einer traurigen Berühmtheit gelangt. Als erinnerter Ort der Kindheit spielt Kassel eine Rolle, insbesondere das dortige Kinderheim mit der Adresse „Am kleinen Bahnweg“. Auch der Wiener Schwarzenbergplatz mit dem „Russendenkmal“ gewinnt am Ende des Textes an Bedeutung, der Schluss-Showdown spielt sich aber dennoch im Chopinhof ab, genau genommen in seinem Innenhof.

Die Handlung wird von zwei starken weiblichen Figuren getragen, der aus Kassel gebürtigen Katja, die in der höheren Ebene einer deutschen Bank arbeitet und der Deutschtürkin Esra, einer Krisenjournalistin (so der korrekte Ausdruck – früher sagte man wohl Kriegsberichterstatterin) mit hohem beruflichem Ethos. Die beiden miteinander befreundeten Anfang-Dreißigerinnen leben in Berlin, Esra ist gerade nach zwei ziemlich traumatisierenden Monaten in San Pedro Sula wieder zurück. Katja ihrerseits pendelt öfter nach Wien, die Stadt, in der ihr nur knapp älterer Bruder Tilo trotz seiner chaotischen Lebensweise offenbar einen Lehrauftrag an der ‚Angewandten‘ hat. Die beiden Geschwister stehen sich nach der traumatischen Kindheit mit suchtkranker Mutter, deren wechselnden Männern und schließlich gemeinsamer Zeit im Kinderheim ungewöhnlich nahe, wobei Katja sich für die stärkere und vernünftigere hält, die auch für Tilos Leben samt allen privaten Entscheidungen zuständig ist. Zudem ist sie äußerst nachtragend, was die Tragödie ihrer Kindheit betrifft; sie kann es der Mutter, zu der immer noch Kontakt besteht, nicht verzeihen, dass sie ihre Kinder so schwer vernachlässigt und schließlich völlig sich selbst überlassen hat. Tilo hingegen geht viel lockerer mit seiner und Katjas Vergangenheit um und ist um ein gutes Verhältnis zur Mutter bemüht, was seine starke, strenge und unnachgiebige Schwester regelrecht auf die Palme bringt. Katjas enge Freundin Esra hat ganz anderes zu verarbeiten: bei ihrer Recherchereise in Honduras wurde sie zum ersten Mal auch selbst Opfer körperlicher Gewalt; viel mehr bedrückt sie aber auch ihre unerfüllte Liebe zu der Frau, bei der sie gewohnt hat und über deren Lebensweise sie eine große Reportage geschrieben hat. Die durch und durch lesbische Esra kann es nicht begreifen, dass Patricia, die alleinerziehende fünffache Mutter, die dem Tod fast täglich ins Auge sehen muss, nach Esras Abreise an einem weiteren Kontakt nicht mehr interessiert ist. Nach einem völlig respektlosen Umgang mit Esras Reportage vonseiten der Redaktion beginnt die leidenschaftliche Journalistin, ihre Tätigkeit mit allen Nebenaspekten in Frage zu stellen.

Den beiden Berliner Frauen ist ein männliches Freundespaar in Wien gegenübergestellt. Adam, gebürtiger Budapester, der seit einigen Jahren mit seine Frau Aniko in Wien lebt, ist mit seinem Kollegen Daniel, Typ ehrlicher und nicht selten grantiger Handwerker, beruflich wie persönlich eng befreundet. Während Daniel das Malerhandwerk regulär gelernt hat und damit sein Leben bestreitet, hat Adam einen großen sozialen Abstieg hingelegt, um den Wohnort Budapest gegen Wien zu tauschen: er hat ein Diplom in Philosophie und Linguistik und hätte in Ungarn durchaus etwas damit machen können. Neben der gemeinsamen Arbeit als Maler in diversen Häusern und Wohnungen ist noch eine weitere Tatsache für Adam von besonderem Interesse: Daniel hat ein Kind, den einjährigen Felix, der jede zweite Woche durchgehend von seinem Vater betreut wird. Adam, der seit Jahren einen starken Kinderwunsch hat, kümmert sich gerne und das Kind, sodass die beiden Männer und der kleine Bub zeitweise wie eine Familie wirken. Während einer starken Entfremdungsphase zwischen Adam und Aniko wohnt der eher schüchterne, immer nach Versöhnung strebende Mann sogar ein paar Wochen bei seinem Freund und Kumpel, der da und dort um ein härteres Wort nicht verlegen ist. Irgendwann kommt aber auch Daniels Ex-Frau Jacinta ins Spiel, und bald steht auch Felix‘ erster Geburtstag an, der gefeiert gehört …

Chopinhof-Blues, Anna Silbers Debüt, fasziniert durch die Authentizität seiner Figuren. Die Dialoge, die kleinen und großen Entscheidungen, der Alltag mit den tausenden kleinen Wegen und Handlungen, die unlösbaren Widersprüche und festgefahrenen Feindschaften: all das spiegelt sehr gut eine Gegenwart, in der jede dieser Figuren es leichter haben könnte, wenn sie nicht so verbissen wäre. Der unbändige Wunsch, Recht zu haben und Recht zu behalten, die kaum zu bändigenden Aggressionen gegenüber den engsten Familienmitgliedern, tiefste Verachtung gegenüber dem eigenen Liebhaber, Gleichgültigkeit in einer festen Beziehung, vergebliche Liebe, Sehnsucht nach Bedeutsamkeit … all das ist Anna Silber in einer geradezu unglaublich lebensechten, meisterhaft orchestrierten Geschichte mit einem hochkomplexem Figurenensemble gelungen. Wie jede gute und glaubwürdige Geschichte zeigt auch diese: die Menschen brauchen einander, sobald sie aber einer näherkommen, werden sie nicht selten zu den erbittertsten Feinden. Das Zusammenleben ist, wie an der hervorragend erzählten Story zu sehen ist, ein ständiger Balanceakt, noch öfter aber ein echter Gewaltakt der Selbstbeherrschung. Anna Silbers Roman berührt alle zentralen Fragen der (jüngeren) Gegenwartsmenschen und trifft dabei ins Schwarze.

Roman.
Wien: Picus Verlag, 2022.
248 S.; geb.
ISBN 978-3-7117-2117-4.

Rezension vom 04.10.2022

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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