#Prosa

Opernball

Stefanie Sargnagel

// Rezension von Anna-Elisabeth Mayer

Über den Walzer, das Beinstellen und die Kunst, auf die Zehen zu steigen

Stefanie Sargnagels Opernball ist eine als Satire getarnte soziologische Studie – ganz ohne Privatschule verständlich.

Die Autorin Stefanie Sargnagel erlangte bereits mit ihrem Debüt Dicht Kultstatus und bewies auch im zuletzt veröffentlichten Iowa Beobachtungsgabe, Humor und Lässigkeit. 2026 erschien nun Opernball. Ein Text, der nach einem Besuch im Auftrag des Rabenhof Theaters und in Koproduktion mit „Johann Strauss 2025 Wien“ entstand und in der Inszenierung von Christina Tscharyiski noch bis Februar 2027 dort auf dem Spielplan steht.

Der „Ball der Bälle“ ist bekanntlich ein gesellschaftliches Ereignis, das im österreichischen Fernsehen wie ein Fußballspiel live übertragen wird. Und so gibt der Titel Opernball den Takt an: Alles Walzer. Darüber rümpft Sargnagel jedoch nicht die Nase, sondern überlässt sich lieber einer Maskenbildnerin und einer Stylistin des Gemeindebautheaters:

„‚Mehr!, schrie ich. ‚Ich muss eine andere werden. Ich muss so werden wie die Feinen!‘ Ich zeigte ihnen ein Foto von Ursula Stenzel.” (S. 11)

Noch ist die Ironie erst in der Anprobe, bald darf sie jedoch auf der Festtreppe der Oper wie ein Dompfarrer posieren:

„Der wunderschöne Dompfarrer Toni Faber gibt ein Interview, ein schneidiger Geistlicher, der seinen frechen Priesterkragen keck in Szene setzt und stolz von der spirituellen Betreuung der Festgesellschaft erzählt.“ (S. 33)

Begleitet auf den Ball wird Sargnagel von „der Kellnerin“ und „dem Museumswärter“ – sie gehören zum Ping-Pong des Spottes. Die Platte glänzt wie das Parkett. Die Schläger liegen leicht in der Hand und kein Ball berührt das Netz. Das Spiel mit den Worten bleibt überraschend und komplex. Das Klischee könnte schließlich leicht als Falle zuschnappen. Aber die „Reichen und Schönen“ sind differenzierter, als man es ihnen auf den ersten Blick zutrauen würde – wenn auch nicht immer zu ihren Gunsten. Bei Sargnagel liest sich das dann so: „Im Gegensatz zu vielen anderen Männern mit viel jüngerer Begleitung hat [DJ Ötzi] tatsächlich sein eigenes Kind mitgebracht.“ (S. 68)

Sargnagels Blick ist satirisch wie durchdringend:

„Obwohl das Ballett für viele homosexuelle Buben bekanntlich eine Zufluchtsstätte ist, geht es im Tanz ausschließlich um heterosexuelle Liebesverhältnisse. Küsschen werden angedeutet und die niedlichen kleinen Paare ahmen das Verhalten von Eheleuten nach.“ (S. 44)

Ganz nach dem Geschmack des lieben Gottes, und eines Dompfarrers, der auch gern das Verhalten von Eheleuten nachahmen würde.

So funkelt Sargnagels Text wie die Krönchen der Debütantinnen, geschliffen wie jene, jedoch nicht nur aus Glas. Aber „das Hohe“ und „das Niedere“ sind für Sargnagel irrelevant, höchstens Anlass noch genauer hinzusehen: „Lugner ist mächtig, denn er ist zu allem bereit und unmöglich zu kränken.“ (S. 65)

Mit einem hingeschleuderten Satz schafft es Sargnagel, die ganze Komplexität eines Belächelten offenzulegen. Gleichzeitig ist auch Selbstironie unablässig am Werk. Hat es bei Sargnagel bis zur Stenzel trotz Maskenbildnerin nicht gereicht, so lässt sie sich im Text von Wolfgang Sobotka mit Johanna Mikl-Leitner verwechseln: „‚Weißt du, Hannerl, ich war immer ein Rock’n’Roller im Herzen.‘“ (S. 59), gesteht er Sargnagel.

Die Selbstironie kulminiert im Aufsuchen der Mitarbeiterkantine. Vom Türsteher dort nicht hineingelassen, rufen die Freunde: „‚Aber wir … wir sind doch auch ArbeiterInnen! Wir sind wie Sie: Kulturarbeiter!‘“ (S. 54)

Gewissermaßen ist Sargnagels Text ein soziologischer. Heißt es bei Pierre Bourdieu in Die feinen Unterschiede noch sperrig: „Der Habitus ist […] die verinnerlichte Form der Klassenlage und der ihr zugehörigen Konditionierungen.“ (S. 278), liest es sich bei Sargnagel so:

„Es ist der leicht erhobene Kopf, der den Blick knapp über den Häuptern der anderen schweifen lässt, sodass kein direkter Augenkontakt entstehen kann. […] Man gibt nichts von sich her, keine Regung, denn die Umwelt ist dazu da, einem zu dienen.“ (S. 29)

Mehr Lust auf Soziologie bekommen? „Bücher werden auf dem Kopf durch Tanzsäle geführt, Kinder bei Tisch ermahnt, wenn der Hals unkontrolliert schlingert und antike Vasen von der Biedermeierkredenz zu schmeißen droht.“ (S. 31)

Wo die Biedermeierkredenz steht, ist auch das Politische nicht fern. Nur so viel sei verraten – mit dem Ausklingen des Abends wird das Parkett zum Sumpf. Kurz vor Märchenende landet Sargnagel allerdings noch in der Loge einer ehemaligen Mäzenin: „‚Meine Schriftstellerin!‘, ruft sie, packt mich an der Schulter und zeigt mich ihren Industriellenfreundinnen.“ (S. 74) Blendende Laune überall.

Lasst euch nicht blenden! – ruft Sargnagel uns aus ihrer Live-Übertragung zu. Denn „[w]er ist ein wer, und wer ist ein was?“ (S. 11) Sargnagels Antwort: „Wer eine rund ausgeschnittene Frackweste trägt zum Beispiel, ist ein Kellner, also ein was, wer eine spitz zulaufende trägt, ist ein Jemand, also ein wer.“ (S. 11)
Prägnanter kann man es nicht ausdrücken, im Grunde schon in der Volksschule als Beispiel tauglich. Aber auch als Nachhilfe für die höhere Klasse geeignet. Sargnagels Text jedenfalls ist große Oper. Für alle erschwinglich.

 

Anna-Elisabeth Mayer, geb. 1977 in Salzburg, lebt heute als Schriftstellerin in Wien. Studium der Philosophie und Kunstgeschichte. Für ihr Debüt Fliegengewicht (Schöffling Verlag) wurde sie mit dem Literaturpreis Alpha 2011 ausgezeichnet. 2014 folgte der Roman Die Hunde von Montpellier (Schöffling). Im darauffolgenden Jahr erhielt sie den Reinhard-Priessnitz-Preis. Ebenfalls bei Schöffling veröffentlichte sie 2017 den Roman Am Himmel und im Frühjahr 2023 ihren vierten Roman Kreidezeit, der sich mit der fortschreitenden Digitalisierung auseinandersetzt.

 

Stefanie Sargnagel Opernball
Hamburg: Rowohlt Hundert Augen, 2026.
80 Seiten, gebundene Ausgabe.
ISBN: 978-3-498-00882-6.

Verlagsseite mit Informationen zu Buch und Autorin sowie einer Leseprobe

Homepage von Stefanie Sargnagel

Rezension vom 15.06.2026

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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