#Roman

Kreidezeit.

Anna Elisabeth Mayer

// Rezension von Ursula Ebel

In ihrem neuen Roman Kreidezeit erzählt Anna-Elisabeth Mayer vom Kampf einer österreichischen Lehrerin gegen eine mit schönen Worten wie „Potential“ und „Talentförderung“ euphorisch angekündigte digitale Lernplattform, die unter dem Deckmantel der Optimierung Kinder überwachen soll.

Während Anna-Elisabeth Mayers letzter Roman Am Himmel (Schöffling, 2017) mit einem Mord an einem Gutsherren im ausgehenden 19. Jahrhundert beginnt, setzen die Protagonistinnen und Protagonisten in ihrem aktuellen Roman Kreidezeit auf probatere Mittel, um ihre Ziele zu erreichen. Beschwerden werden eingereicht, Verzögerungstaktiken angewandt, Petitionen ins Leben gerufen bzw. boykottiert oder Probleme durch schillernde Präsentationen möglichst unsichtbar gemacht. Kurzum, es werden sämtliche Register gezogen, die eine demokratische Gesellschaft in Sachen Mitbestimmung zu bieten hat.

Dass sich die 1977 geborene Autorin in unterschiedlichen historischen Kontexten und Milieus problemlos zurechtfindet, hat sie bereits mit ihrem großartigen Roman Die Hunde von Montpellier (Schöffling, 2014) unter Beweis gestellt. Angesiedelt im Montpellier des 16. Jahrhunderts wird darin von dem an der Universität tätigen Arzt Rondelet erzählt, der mit seinen Sektionen menschlicher Leichen gegen gesellschaftliche Tabus verstößt. Mit wohltuend klaren sprachlichen Mitteln ermöglicht Mayer der Leserin/dem Leser dieses historischen Romans das Eintauchen in eine zeitlich weit entfernte Epoche, die von Umbrüchen gekennzeichnet war.
Waren diese gesellschaftlichen Veränderungen in Die Hunde von Montpellier im Spannungsfeld von Glauben und Aberglauben, Frevel und Erkenntniswillen angesiedelt, werden in Mayers aktuellem Roman die menschlichen Grundrechte in der digitalen Sphäre verhandelt.

Kreidezeit eröffnet mit dem Informationsschreiben einer Schuldirektorin an das Kollegium, in welchem sie über die neue digitale Lernplattform KREIDE (Kreative Intelligenz durch E-Learning) informiert (vgl. Leseprobe). Diese zeichnet das Verhalten von Schüler:innen auf und wird just an der Schule der Lehrerin Martha getestet, um anschließend möglichst flächendeckend umgesetzt zu werden. Soweit zumindest der Plan der privaten Agentur für Bildung und des österreichischen Bildungsministeriums. Mit dem Aufeinandertreffen eines effizient geführten Unternehmens und einer etwas behäbig agierenden Behörde tut sich ein weiterer Konflikt auf. Die Figuren Zachy (Agentur für Bildung) und Anatol (Bundesministerium) verkörpern durch ihre Charaktereigenschaften die beiden unterschiedlichen Institutionen. Zachys Leben ist auf Apps abgestimmt, er setzt auf persönliche Verbesserung durch neue Technologien.
Trauer über den Tod seiner Frau Gisela bestimmt Anatols Alltag, in der digitalisierten Welt fühlt er sich fehl am Platz. „Ich bin der einzige alte Mensch auf der Welt, dachte er.“ (S. 62)

Es wäre zu simpel, wenn die Autorin den Witz ihres Romans auf den Gegensätzen dieser beiden Figuren aufbaute. Vielmehr lässt sie Raum für Ambivalenzen. Etwa wenn man den technikaffinen Zachy, Typus einsamer Wolf, sagen hört „Familie gehört längst durch Netzwerke ersetzt.“ (S. 147), und man dank der geschickten Komposition weiß, dass es traurige private Gründe für diese provokante Aussage gibt.
Dass bei Mayer feiner Humor eng mit genauer Beobachtung einhergeht, verrät schon das dem Buch vorangestellte Motto des portugiesischen Dichters Álvaro de Campos/Fernando Pessoa:

„Ich bin fürchterlich verschnupft,
und wie jeder weiß, stürzen solche Schnupfen
ganze Universen um.“

Während Anatols Vorbehalte gegen die Lernplattform primär in seinem Kopf formuliert werden, ist Martha nicht gewillt, dem Plan der Agentur für Bildung widerstandslos zu folgen. Sie nimmt den Kampf auf. Zwischenzeitlich kommt es jedoch aufgrund der einsetzenden Corona-Pandemie zu einem herben Rückschlag für Martha. Denn nun sind technologische Hilfsmittel gefragter denn je.

Kunstvoll arrangiert Mayer Handlungsstränge und Figurenensemble ihres Romans und erweist sich dabei als Meisterin der Gleichzeitigkeit. Obwohl zwei Personengruppen im Fokus stehen, drei Freundinnen und drei männliche Akteure, die mit der KREIDE zu tun haben, geht die Autorin handwerklich so geschickt vor, dass auch ein stimmiges Bild der gegenwärtigen Gesellschaft eingefangen wird.
So gelingt es ihr – gleich einer Kamera, die einen Schwenk über ein Setting macht –, scheinbar gleichzeitig von unterschiedlichen Situationen zu erzählen. „Anatol wurde von herumalbernden Teenagern gestupst, die sich lachend entschuldigten, weiter zu einem Donut-Stand zogen, vor dem sie sich anstellten. […] Mit Einkaufssäcken auf Stühlen neben sich richteten zwei Jugendliche ihre Kopftücher und lächelten in ihr weggestrecktes Telefon. […] Beim Warten auf die U-Bahn stach ihr [Gisela] die Schlagzeile Aufgeblähte Hilfsbereitschaft – Rezepte dagegen hier! einer Gratiszeitung ins Auge.“ (S. 57) Bei Passagen wie dieser tauchen Gemälde vor dem inneren Auge auf. Dass es sich bei den Schauplätzen nicht um stimmungsvolle Orte eines impressionistischen Meisterwerks, sondern um den Wiener Westbahnhof handelt, tut der Kunstfertigkeit keinen Abbruch.

Die Autorin schärft in Kreidezeit nicht nur das Bewusstsein für die Gefährdung der Grundrechte in der digitalen Sphäre, es gelingt ihr auch, ihren Figuren zugleich distanziert und einfühlsam zu begegnen. Sie ergründet deren Schwachstellen, ohne sie ins Lächerliche zu ziehen oder zu glorifizieren. Anna Elisabeth Mayer gelingt ein kurzweiliger Roman über höchst effiziente Mittel gesellschaftspolitischer Mitbestimmung, die so simpel sind, dass sie schon verjährt wirken. Kreidezeit ist ein Beleg für die Wirkmacht einer einzelnen Stimme. Ein Ansatz, der ohne Zweifel zur Verbesserung des Zustands der Gesellschaft beitragen kann.

Roman.
Frankfurt / Main: Schöffing & Co, 2023.
256 S.; geb.
ISBN 978-3-89561-138-4.

Rezension vom 15.06.2023

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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