Dicht.

Stefanie Sargnagel

// Rezension von Julius Handl

Autorin

Können wir nicht näher zusammensitzen? Ihr seids alle so weit weg. Kommts alle ganz nah!

Dicht schafft Nähe wo sie not tut. Reisen wir durch eine Jugend, durch Wien, durch die Sprache, wenn es sonst nirgendwo hin geht. Verziert mit einem Hauch Diskurs und einem Haufen Erinnerung, war Stefanie Sargnagels Debütroman Dicht eines der österreichischen Highlights im Jahr 2020. Wie ist das gekommen? Eine zentrale Rolle spielt Michi, dessen Ableben im Jahr 2014 Sargnagel wohl dazu brachte, die Jugend literarisch aufzurollen. In gewissem Sinne ist das Buch eine Freundschaftserklärung der schönsten Art, es ist ihm auch gewidmet. Michi ist ein Wortakrobat, ein Freigeist, ein herzlicher Gastgeber. Regelmäßig trifft sich sein deutlich jüngerer Freundeskreis bei ihm, um Platten von Georg Kreisler zu hören, zu trinken und zu rauchen. Während die Pubertät vor der Türe Wellen schlägt, sitzt man gemeinsam im Wohnzimmer und spricht über all das, was wirklich zählt. Michi selbst ist Mitte vierzig und schon lange mit den anderen, weniger schönen Aspekten des Erwachsenenlebens konfrontiert als dem Trinken und Spaß haben. Einerseits mit der schwierig einzuhaltenden Hausordnung, andererseits mit seiner Aids-Erkrankung. Für Steffi, wie Sargnagel im Buch die meiste Zeit über genannt wird, ist er eine unverzichtbare Konstante, dessen kreative Art auf sie abfärbt.

Michi stand zum Beispiel eines Abends da, schaute uns neckisch an und sagte: „Was ist wahrscheinlicher? Undenkbar wahrscheinlich oder denkbar unwahrscheinlich?“ Während wir noch darübernachgrübelten, unsicher, ob er einfach nur etwas daherbrabbelte oder ein genialer Gedanke zugrunde lag, redete er schon weiter. „Ich erzähle euch jetzt einen Witz, Kinder: Treffen sich zwei Relationen im All, mein die eine: Du bist ja nur relativ.“ Dann lachte er laut und lachte und lachte und sagte: „Ach ihr lieben Nachkommen, ich nur ein Vorkommen.“ Und plumpste zu uns auf die Couch.

Wer in Wien aufgewachsen ist oder schon länger hier lebt, wird viele der Schauplätze wiedererkennen, denen Steffi und ihr Kreis begegnen. Ihre Geschichte ist nahezu untrennbar mit der Stadt verbunden. Sie kreuzen den Weg von Wiener Originalen wie König Mao, trinken und schmusen in den Gürtellokalen. Dank scharfer Beobachtungsgabe schafft es viel städtisches Detail ins Buch. Während bei der Leserschaft das Gefühl entsteht, dass hier in ihren „Aufzeichnungen“ nicht das Leben der Autorin, sondern die Geschichte der Gruppe, der Stadt erzählt wird, wird man in die Situation hineingeholt und fühlt sich als Teil selber anwesend. Die Kraft eines Ichs, das zurücktritt und die Dinge und Personen um sich herum zu Wort kommen lässt.

Ich studierte gerne die Gäste, während sie regungslos bei ihren Bieren saßen. Ein Gast, der seit neuestem immer wieder auftauchte, war Marcel. Er war Anfang 20, und sein Gesicht immer so angespannt, als würde es jeden Moment zerreißen. Zusammen mit dem kahlrasierten Schädel und dem mageren Körper wirkte sein Kopf wie eine Teufelsfratze.

Gegen Ende jedoch wird Steffi selbstbewusster, was sich auch im Erzählton widerspiegelt. Der ist allgemein weniger explosiv als in ihren Statusnachrichten, dafür kommt ihre Stimme erwachsener daher. Das ist eine schöne Mischung, da auch ihr kritisches Auge weiterhin munter auf die Wiener Gesellschaft und ihre bürgerlichen Bastionen schielt.

Vor allem eine Gruppe Burschen begegnete und nun fast täglich. Sie waren aus einem Gymnasium ums Eck, das noch spießiger war als unseres. Während in unsere Anstalt vor allem das Bildungsbürgertum seine Kinder zur Disziplinierung schickte, waren es in ihrer Schule schon das Großbürgertum und Industrielle.

Dicht ist aber eben weit mehr als „nur“ die ironische Rückhand der vorangehenden Werke. Zarte Töne begleiten Michi auf seinen letzten Metern durch die Klinik, eine nüchternen Offenheit gegenüber der eigenen Erfahrung bestimmt seine Haltung über den ganzen Roman hinweg. Sprachliche Eigenheiten wie Michis „vom Feinsten“ hallen noch lange in den Lesenden nach. Darüberhinaus mischt Dicht den Wiener Dialekt mit Hochdeutsch und auch der Schmäh kommt beim ruhigen Erzählrhythmus nicht zu kurz. Dicht will nichts revolutionieren, sondern Zeugnis ablegen. Es ist Porträt einer Stadt, einer Autorin, eine Clique und des Rauschs. Obwohl der Untertitel „Aufzeichnungen einer Tagediebin“ schon verrät, wohin die Reise geht, verzichtet das Buch weitestgehend auf klischeehaft Heruntergerocktes und die kitschigen Züge mancher Bildungsromane. So klingt die Neuerfindung der Autorin in einem ganz eigenen Ton und wird selbst zu einem echten Wiener Original.

Julius Handl
05.01.2021

Originalbeitrag.
Für die Rezension sind die jeweiligen verfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

Aufzeichnungen einer Tagediebin.
Hamburg: Rowohlt Hundert Augen, 2020.
256 Seiten; geb.; Euro 20,00.
ISBN 978-3-498-06251-4.

Rezension vom 05.01.2021

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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