#Prosa

Kontinentaldrift

Marianne Jungmaier

// Rezension von Kaśka Bryla

Von Jerewan nach Islamabad, von den Redwoods in den USA nach Dubai, von den Pyrenäen nach Kathmandu – in ihrem Erzählband Kontinentaldrift schickt Marianne Jungmaier ihre namenlose Ich-Erzählerin um die halbe Welt. Eine absolute Leseempfehlung!

 “To be whole is to be part; true voyage is return.” (Ursula K. Le Guin The Dispossessed)

“A house is the people you walk with.” (Judith Butler)

Diese beiden Zitate sind den Erzählungen programmatisch vorangestellt; und so folgen wir Leser:innen der Erzählerin rund um den Globus auf der Suche nach einem Zuhause. Stationen dieser Suche sind nicht nur Orte, sondern auch Identitäten, Formen des Selbst, die zu bestimmten Zeiten ihre Gültigkeit hatten und sich dann mit dem Alter und den Lebensumständen wandelten. Dieser Wandel wird in erster Linie über die Geschichten der anderen, der Benannten, erzählt und findet in einem nepalesischen Tempel sein – vorläufiges – Ende. Obwohl die Autorin davon absieht, ihrer Erzählerin einen Namen zu geben, wird die Perspektive, aus der sie auf die Welt blickt, dennoch klar: Eine aus Wien stammende Autorin, vermeintlich heterosexuell, die einer buddhistischen Denkweise zugeneigt ist. Sie besitzt weder Immobilien noch größere Ersparnisse und kann sich viele ihrer Reisen nur leisten, weil sie überall auf Freund:innen und Bekannte für Übernachtungen zurückgreift.

Kontinentaldrift ist Marianne Jungmaiers dritter Erzählband, nach mehreren Lyrikbänden und zwei Romanen. Aus ihrer Biographie erschließt sich die Verbindung zu den Schauplätzen der Reise-Stories, mehrheitlich handelte es sich um literarische Recherchereisen. Wer sind also jene, deren Lebensgeschichten wir in Marianne Jungmaiers Reisestories folgen?

Da ist etwa die Armenierin Lilith, die mit ihrer Tochter Nour alleinerziehend in Jerewan lebt, sich mehr schlecht als recht mittels mehrerer Kleinjobs durchschlägt, Männer für Sex datet und nach dem Tod ihrer Mutter den Mann fürs Leben findet.

Pete, Leiter eines buddhistischen Retreats in den Redwoods in Kalifornien, wo es von Schwarzbären, schwarzen Witwen, Klapperschlangen, Berglöwen und Poison Ivy (Giftsumach) wimmelt und wo alle Teilnehmenden am Funktionieren des Retreats mitwirken, sei es durch Kochen, Putzen oder das Erledigen von Besorgungen.

Atif, dessen Namen wir erst am Ende der Geschichte erfahren, weil die Ich-Erzählerin ihn nach der ersten Begegnung sofort wieder vergisst und sich nicht nachzufragen traut. Er arbeitet als Bediensteter in der österreichischen Botschaft in Islamabad in Pakistan, verdient dort aber nicht genug, um sich mehrere Ehefrauen leisten zu können und ist vernarrt in seine Kinder, denen er lesen und schreiben beibringt.

Gabriel, aus Tottenham im Norden von London, der Drag Shows organisiert und es liebt zu kochen. Die Fotografin Emilia und die Psychoanalytikerin Sasha, denen wir mit der Ich-Erzählerin in ein 65 Einwohner:innen Dorf in den französischen Pyrenäen folgen, wo alle drei an einem Seminar teilnehmen, über das wir zwar nichts erfahren, dafür über Geister, die ebenfalls dort leben.

Mit Wi, Designerin aus Leipzig, verbringt die Ich-Erzählerin einen gemeinsamen Urlaub in Lissabon, während dem viel geschwiegen wird und eine Freundinnenschaft endet. Tom lebt mit Frau Jen, Sohn Felix und Kater Dobby in Dubai, wo ihn die Erzählerin während der Covid-19-Pandemie besucht, um Lockdowns und Social Distancing zu entkommen.

In Bowling Green im US-Bundesstaat Ohio unterrichtet die Erzählerin kreatives Schreiben an der Universität und wird von ihrem langjährigen Freund Alfred, einem Universitätsprofessor aus ihrer möbellosen und kalten Untermietwohnung gerettet und bei Kassi, einer Freundin seiner Ehefrau Alice untergebracht. Kassi wiederum hat einen Neffen Kerem, der mit seiner Frau Leila in New York lebt, der nächsten Station der Erzählerin, bevor sie sich auf den Weg nach Guadalajara in Mexiko macht, wo sie Comadre Charlène empfängt, Frau von Welt und zu hübsch, um arbeiten zu wollen.

Auf der letzten Station in Kathmandu in Nepal lernen wir die Tibeterin Öser kennen, mit der die Erzählerin einen tibetischen Tempel besucht und von der sie eine Erklärung für ihre ruhelosen Gedanken erhält:

„Öser nennt dies das Verkennen der grundlegenden Wahrheit: Dass nichts wirklich ist.“ (S. 144)

Die Sprache der Erzählungen ist poetisch, obgleich sparsam und unprätentiös. Weder Orte noch Personen werden exotisiert, was angesichts der ungewöhnlichen Mischung von Metropolen des globalen Nordens und des globalen Südens eine Herausforderung darstellt. Ein Gefühl wertfreier Vertrautheit in der Fremde stellt sich beim Lesen ein — sowohl in Bowling Green, Ohio also auch in der Wüste Dubais. Das liegt zweifelsohne auch an der transparenten Darstellung ökonomischer und politischer Verhältnisse, die mich als Leserin sowohl in den Geschichten als auch der Gegenwart erden und es mir erlauben, mich auf den Blick einer weißen Mitteleuropäerin auf zum Beispiel eine alleinerziehende Armenierin einzulassen:

„Es ist nicht möglich, von Armenien ohne Genozid zu erzählen. […] Alles an Lilit ist Gegenwart, doch der Völkermord ist in ihre verfilzten Haarsträhnen geflochten wie eine Schnur, eine Lebenslinie, vom Herzen ausgehend, alles und jede berührend, auch mich.“ (S. 10f.)

„Privileg, sagt Lilit und füllt den Wasserkocher erneut, ist, wenn man glaubt, etwas sei kein Problem, weil es für einen selbst keines ist. Als Frau habe ich keine Privilegien in Armenien, schon gar nicht als Alleinerziehende, ohne Familie, die mich unterstützt.“ (S. 20)

Auch die lyrischen Landschaftsbeschreibungen werden oft mit Bildern harter globaler Arbeitsverhältnisse kontrastiert: „Klapprige Busse transportieren junge Männer aus Indien, Pakistan und Nepal. Ihre Gesichter müde, abgekämpft. Manche hocken am Straßenrand, wartend, Telefone in der Hand.“ (S 106)

Knapp, präzise und schonungslos wird (auch) von verabscheuungswürdigen Praktiken erzählt, unten denen viele Gesellschaften leiden: „Auf den Bildschirmen über uns laufen True-Crime Serien oder Nachrichten, die von Polizisten berichten, die Menschen ermorden, weil sie nicht weiß sind.“ (S 148)

Kontinentaldrift ist ein Lesegenuss und eine Erweiterung des Vorstellungsbereichs der eigenen Welt. Marianne Jungmaier versteht es, ihre Leser:innen mit Empathie, dramaturgischem Geschick und einer beobachtungsgenauen eleganten Sprache so zu packen, das diese sich wünschen, die gemeinsame Reise würde noch um einige Stories länger dauern.

 

Kaśka Bryla ist zwischen Wien und Warschau aufgewachsen, studierte Volkswirtschaft in Wien und Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig, wo sie 2015 die Literaturzeitschrift PS – Politisch Schreiben mitbegründete in deren Redaktion sie bis heute ist. Theaterstücke 2023: Im Herzen der Krähen, Im Osten nichts Neues oder Wer wem den Hintern auswischt. Romane: Roter Affe (2020), Die Eistaucher (2022). 2024 wurde sie von Brigitte Schwens-Harrant zu den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt eingeladen. Der daraus folgende Roman Mein Vater, der Gulag, die Krähe und ich erschien im Sommer 2025 und stand auf der Longlist zum Österreichischen Buchpreis 2025 sowie auf der ORF-Bestenliste.

Marianne Jungmaier Kontinentaldrift
Reisestories.
Salzburg: Otto Müller Verlag, 2026.
208 Seiten, kartonierter Pappband.
ISBN: 978-3-7013-1343-3.

Verlagsseite mit Informationen zu Buch und Autorin sowie einer Leseprobe

Homepage von Marianne Jungmaier

Rezension vom 08.06.2026

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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