#Roman

Iris

Laura Freudenthaler

// Rezension von Daniela Chana

In ihrem neuen eindringlichen Roman Iris lotet Laura Freudenthaler aus, wie sich über Jahrhunderte gewachsene Machtstrukturen bis heute im privaten Bereich zwischenmenschlicher Beziehungen widerspiegeln. Kunstvoll verknüpft sie Darstellungen von Promiskuität und Sadomasochismus mit den Hexenprozessen des 17. und 18. Jahrhunderts.

Erzählt wird aus der Perspektive der vielreisenden Schriftstellerin Iris, die nicht zufällig nach einem Teil des Auges benannt ist. Die zunehmende Verschlechterung ihrer Sehkraft wird zum Leitmotiv und bestimmt den Roman auch stilistisch, wie weiter unten noch ausgeführt werden soll. In Wien unterhält sie eine offene Beziehung zu Anton, der bezeichnenderweise nicht nur Fotograf ist – also ein Mensch, für den die visuelle Wahrnehmung höchste Bedeutung hat –, sondern der darüber hinaus eine Vorliebe für kaputte Kameras hegt. Seine Faszination gilt somit Geräten, die seiner Partnerin darin ähneln, dass sie ebenfalls „nicht richtig sehen können“.
Geprägt ist die Beziehung von langen Gesprächen und gewaltvoller Sexualität. Mit voyeuristischem Interesse fordert Anton Iris ohne Unterlass auf, bis ins kleinste Detail von ihren Lesereisen rund um den Globus zu erzählen, aber auch von ihren sexuellen Begegnungen mit anderen Männern. Während er dabei immer drängender wird, verweigert er seinerseits, Iris seine Fotoarbeiten zu zeigen und ihr von seinen Erlebnissen mit anderen Frauen zu erzählen, über die Iris nur Vermutungen anstellen kann.

Der Roman ist in 13 Kapitel unterteilt, die jeweils zehn bis zwanzig Seiten lang sind und dabei stets nur aus einem einzigen Satz bestehen. Erst am Ende jedes Kapitels kommt das erlösende Satzende, in Form eines Punktes oder manchmal eines Fragezeichens. Unablässig gleiten die verschiedenen Erzählebenen ineinander über, verschwimmen, sodass nicht mehr unterschieden werden kann zwischen dem Erleben von Iris und ihrem späteren Bericht darüber an Anton. So wird etwa eine Straßenszene geschildert, die Iris auf einer Lesereise in einer fremden Stadt erlebt. Nur einen Beistrich später sitzt sie mit Anton am Küchentisch und erzählt ihm davon, und nach einem weiteren Beistrich befinden wir uns erneut in der Straßenszene:

„[…] Iris gelangt auf den Skanderbeg-Platz, eine weite, leere Fläche, die Heldenstatue am Rand, das Hotel International war vor einigen Jahrzehnten noch das höchste Gebäude des Landes, nun nimmt es sich beinahe bescheiden aus zwischen den Türmen aus Glas und Stahl, die rundherum errichtet wurden und noch im Bau befindlich sind, erzähl, sagt Anton, neben den Regierungsgebäuden auf der anderen Seite des Platzes scheint eine Kuppel aus dem Asphalt zu wachsen […]“ (S. 48-49)

Meisterhaft versinnbildlicht Freudenthaler damit einen Gedanken, den sie ihrer Protagonistin bereits ganz zu Anfang in den Mund legt: „[…] manchmal habe ich das Gefühl, sagt Iris, mich in den Geschichten aufzulösen […]“ (S. 28). Während etwas erlebt wird, wird bereits das spätere Erzählen der Begebenheit vorweggenommen. Diese fließenden Übergänge zwischen den Zeitebenen sind nicht zuletzt eine perfekte sprachliche Entsprechung der Augenkrankheit, die Iris heimsucht und von Kapitel zu Kapitel in ihrer Intensität fortschreitet.

Wer kurzsichtig ist, kennt das Gefühl, die Brille abzunehmen und sich plötzlich in einer Welt vorzufinden, in der alles verschwimmt, die Umrisse unscharf und Kontraste schwächer werden. Indem Freudenthaler dies auf das Erzählen überträgt, macht sie die Erfahrung des Auflösens spürbar. Hier mag man sich an Ingeborg Bachmann erinnert fühlen, vor allem an deren Kurzgeschichte Ihr glücklichen Augen, in der ebenfalls die Kurzsichtigkeit der Protagonistin zum Ausdruck eines Seelenzustandes wird, nämlich dem Wunsch, von unangenehmen (nicht nur visuellen) Reizen verschont zu werden. In Iris entspricht die Verweigerung des deutlich Sehens nicht zuletzt der Sehnsucht nach Erlösung vor der Bilderflut in einer zunehmend digitalisierten Welt.

Wie bereits in früheren Romanen, etwa der Geistergeschichte aus dem Jahr 2019, arbeitet Freudenthaler auch in Iris wieder gekonnt mit dem Unheimlichen. Wie die Geistergeschichte kreist auch der neue Roman um die Frage, inwiefern Schrecken aus der Vergangenheit das Leben in der Gegenwart bestimmen. Während eines Aufenthalts an einer US-amerikanischen Universität wird das Interesse der Protagonistin an den Hexenprozessen von Salem, einer Kleinstadt im US-Bundesstaat Massachusetts, geweckt, die Ende des 17. Jahrhunderts stattfanden. Immer mehr vertieft sie sich daraufhin in die Recherche und beginnt mit der Arbeit an einem Buch über Hexenverfolgung. Kunstvoll verwebt Freudenthaler paraphrasierte Zitate aus den Folterverhören der als Hexe bezichtigten Frauen mit den sadomasochistischen Sexszenen der Hauptfigur in der Gegenwart.

Die Hinwendung zur Vergangenheit erfährt auch insofern einen tieferen Sinn, als Iris von einem zunehmenden Unbehagen an modernen Entwicklungen und vor allem an der voranschreitenden Digitalisierung der Welt geprägt ist. Ihre Weigerung, ein Smartphone zu besitzen, führt an einigen Stellen zu humoristischen Szenen – etwa wenn sie in einem Restaurant zunächst kein Essen bestellen kann, weil die Speisekarte nur über einen QR-Code auf dem Tisch verfügbar ist, der Kellner bloß stumm auf das elektronische Gerät in seiner Hand starrt statt mit ihr zu sprechen und sie sich schließlich damit behelfen muss, auf einen Teller am Nebentisch zu deuten.

Charakteristisch für Freudenthalers Erzählkunst ist jedoch, dass auch eine scheinbar witzige Szene unverkennbar auf einen traurigen Hintergrund verweist. Wie nebenbei wird im Roman immer wieder die prekäre Situation von Schriftsteller:innen, Literaturwissenchafter:innen und Übersetzer:innen thematisiert, das Sterben von Verlagen und Literaturinstituten, das Verschwinden gedruckter Zeitungen aus Hotels, die Schwierigkeit, vom Schreiben zu leben.

Auffallend und ebenfalls typisch für Freudenthaler ist der durchgehend beschreibende Stil, der zur Folge hat, dass Iris‘ Gefühle kaum greifbar werden. Reiseeindrücke und auch Sexszenen werden nüchtern geschildert, ohne dass daraus hervorgeht, wie sich Iris emotional dazu verhält. Ist sie glücklich mit dem rastlosen Leben, das sie führt? Findet sie Erfüllung in den unverbindlichen Begegnungen mit fremden Männern in fremden Städten und an der gewaltvollen Sexualität, zu der sie diese teilweise auffordert? Die Deutung bleibt den Leser:innen überlassen. Das einzige Gefühl, das mehrfach konkret erwähnt wird, ist die Angst, Anton zu verlieren. Darüber hinaus verweisen die diversen körperlichen Symptome auf ein Unbehagen der Protagonistin, das sie mit Worten nicht ausspricht.

Die international beachtete und vielfach ausgezeichnete 42jährige Autorin legt mit Iris abermals einen künstlerisch anspruchsvollen und inhaltlich aufrüttelnden Roman vor, der wichtige Denkanstöße liefert und auch lange nach der Lektüre noch im Gedächtnis bleibt.

 

Daniela Chana, geb. 1985 in Wien, promovierte an der Universität Wien im Fach Vergleichende Literaturwissenschaft. Ihr Gedichtband Sagt die Dame (Limbus Verlag), wurde 2019 unter die Lyrik-Empfehlungen der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung gewählt. 2021 folgte, wieder bei Limbus, der Erzählband Neun seltsame Frauen, der Chana eine Nominierung auf der Shortlist des Österreichischen Buchpreises eintrug. Für die österreichische Tageszeitung Die Presse schreibt sie regelmäßig Essays über Themen des Alltags und der Literatur. Zuletzt wurde sie für ihren im Frühjahr 2026 im Innsbrucker Limbus Verlag erschienen Gedichtband Affäre mit einem Erzähler mit dem Holfeld-Tunzer-Preis ausgezeichnet.

Laura Freudenthaler Iris
Roman.
Salzburg: Jung und Jung, 2026.
176 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag.
ISBN 978-3-99027-441-5

Verlagsseite mit Informationen zu Buch und Autorin

Rezension vom 20.03.2026

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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