Den Auftakt zu Karl Ofraceks Rückkehr nach Europa macht der Abschied von Kabul: Unter den grimmigen Augen Kalaschnikow tragender Taliban wird am Flughafen jedem Passagier Fieber gemessen. Da die Maßnahmen gegen Corona in Europa längst eingestellt sind, mutet ihn diese Vorsicht angesichts der Atmosphäre drückender Angst grotesk an.
Die Szene vermittelt eine Ahnung von dem, was Karl auch in der friedlichen Schweiz und bei der Wiederbegegnung mit seiner Frau und seiner fünfzehnjährigen Tochter nicht loslassen wird. Am Flughafen in Zürich erwartet ihn schon die erste Enttäuschung, als niemand ihn abholt.
Kunigunde, seine Ehefrau, ist nämlich wegen einer nicht genau erklärbaren Erkrankung der gemeinsamen Tochter verhindert. Die Verflechtung von Weltgeschehen und Familiendynamik ist ein zentraler, immer wiederkehrender Aspekt der Handlung und wirft ein Licht auf die einander durchdringenden Sphären von Öffentlichem und Privatem. Karl ist offensichtlich eifersüchtig auf die Zuwendung seiner Frau gegenüber seiner Tochter. „Almuth war klein, störrisch, verwöhnt und auf die Helikoptermutter fixiert.” (S. 122). „Das Waisenhaus in den Karpaten funktionierte immerhin bis heute und darauf war Karl stolz. […] Kunigunde hatte ihn weder gewürdigt noch dafür gelobt. Null Interesse auch an seiner Tätigkeit, als er den Brunnenbau für Afghanistan geleitet hatte, ein Projekt für Frauen und Kinder.” (S. 123)
„Sie war für den Weltfrieden, aber ihn persönlich herstellen zu wollen, kam ihr traurig selbstsüchtig vor” (S. 173) denkt er später über Kunigunde. Karl Ofracek scheint nicht zu begreifen, welche Bedeutung er für seine Tochter Almuth hat, die er nur alle drei Monate bei seinem zweiwöchigen Heimaturlaub trifft. Diese Abwägung der äußeren gegen die innere Sphäre der sozialen Verantwortung findet sich in der Literatur von Frauen immer wieder, etwa bei Marlen Haushofer oder Ivana Sajko. Gibt es also tatsächlich so etwas wie ein weibliches und ein männliches Schreiben?
Es wäre absurd von mir, Romanen wie Beau Rivage: eine Rückkehr den Genre-Stempel Frauenliteratur aufzudrücken. Dennoch scheint die Sozialisation von Autorinnen ihren Blick für die Politik des Privaten besonders zu schärfen und diese eben nicht hinter den detailreich recherchierten Zusammenhängen von Korruption und Ausbeutung verschwinden zu lassen. In der virtuellen Lounge des Klagenfurter Robert Musil Literatur Museums findet sich beim Eintrag über Lydia Mischkulnigs dort mit dem Arbeitstitel Bildnis einer Richterin angekündigten Romanprojektes der Satz: „Dabei geht es immer um Alltag, um Politik und um Macht, die hineinfunkt und herausblitzt aus den Lebensumständen der working class heroes eines Mitteleuropas von heute, von gestern und von morgen.” Diese Beschreibung bringt auch die Richtung von Beau Rivage: eine Rückkehr auf den Punkt.
Das geschichtsträchtige Hotel Beau Rivage am Ufer des Genfer Sees, in dem am 10. September 1898 die österreichische Kaiserin Sisi verblutete, spielt auch in der Lebensgeschichte des Afghanistan-Heimkehrers eine Rolle. Dort logierte der jugendliche Karl nach einem Drogenentzug mit seinem Vater, als er auf dem Balkon vom Zimmernachbarn um eine Zigarette angeschnorrt wurde. Der Mann war der deutsche CDU-Politiker Uwe Barschel, der tags darauf, am 11. Oktober 1987, tot in der Badewanne seines Hotelzimmers gefunden wurde.
Die Machenschaften von Karls verstorbenem Vater auf dem politischen Parkett, die eigentlich böse, aber vielleicht doch nicht ganz böse sind, katapultieren die Lesenden in die österreichische Politik der 1980er Jahre und enthüllen doch vornehmlich Karls weltanschauliche Prägung, sei diese auch aus Widerstand und Widerwillen erwachsen.
Ein perspektivischer Kunstgriff liegt in Karls Kauf eines Romans mit dem Titel The Judge in der Genfer Bahnhofsbuchhandlung. Die Protagonistin scheint ihm Ähnlichkeiten mit seiner Schwester zu haben, einer Richterin am Verwaltungsgerichtshof, die in zweiter Instanz ablehnende Asylbescheide bearbeitet. Hat man Lydia Mischkulnigs Roman Die Richterin noch nicht gelesen und entschließt sich auf Grund dieses Querverweises dazu, kommt man in den Genuss eines Vexierbildes. Karl Ofracek ist der inzwischen relativ gefestigte, aber einstmals drogensüchtige Bruder der Richterin Gabrielle. Und so, wie dessen Romanfigur dort in der Erinnerung und den Assoziationen von Gabrielle entsteht, gewinnt Gabrielle durch die Erinnerungen und Assoziationen Karls in Beau Rivage: eine Rückkehr eine zusätzliche Dimension. Es handelt sich dabei nicht um einen Roman in zwei Bänden, sondern um zwei Romane, die aufeinander verweisen, obwohl man nicht beide gelesen haben muss, um sowohl den einen als auch den anderen zu verstehen.
Almuth, die als Figur nur in Beau Rivage: eine Rückkehr auftritt, ist „ein mehrsprachig wortkarges Kind“ (S. 157), über dessen Gesicht am Ende ein Schimmer von Freude“ (S. 284) huscht, als sie gemeinsam mit ihrem Vater Musik hört. Dieser Schimmer ist vielleicht der Lichtspalt unter einer doch nicht ganz verschlossenen Türe.
Christa Nebenführ lebt als Schriftstellerin, Herausgeberin, Essayistin, Lyrikerin, Kulturvermittlerin und Wissenschaftsjournalistin für Ö1 in Wien. Neben Anthologien, Sachbüchern und Lyrik erschienen bisher die beiden Romane Blutsbrüderinnen (Milena 2006) und Den König spielen die anderen (Klever 2023).
