#Roman
#Debüt

Ein verlassenes Haus

Lisa Wölfl

// Rezension von Daniela Chana

Was bleibt übrig von den verlorengegangenen Träumen und Gefühlen der Jugend, während man sich in einem aufreibenden Erwachsenenalltag voller Probleme, Verantwortung und Verpflichtungen verliert? Wie wirken sich eine prekäre Einkommenssituation, der Druck einer medialen Scheinwelt sowie Krankheitund Existenzängste auf eine langjährige Ehe aus? Diesen Fragen geht Lisa Wölfl in ihrem Debütroman Ein verlassenes Haus auf den Grund.

Erzählt wird aus der Perspektive der 48jährigen Sonja, die damit kämpft, die anstrengende Sorgearbeit für ihre zwei Kinder mit ihrem Job im Bioladen zu vereinbaren. Ihr Mann Harald, der seine Depressionen und chronischen Rückenschmerzen nur mit der ständigen Einnahme von Medikamenten halbwegs in den Griff bekommt, arbeitet für eine Leiharbeitsfirma auf einer Baustelle. Die ohnehin angespannte finanzielle Lage spitzt sich zu, als beim jüngeren Kind der beiden Diabetes diagnostiziert wird und Sonja mit dem Kopf voller Sorgen durch eine Unachtsamkeit ihren Job verliert. Da das Geld nie ausreicht, um die Rechnungen der Familie zu bezahlen, beginnt Harald, nach seinem Acht-Stunden-Tag auf der Baustelle noch Extraschichten als Taxifahrer und Essenslieferant einzulegen, wodurch seine Gesundheit zusätzlich belastet wird.

Während Harald kaum zu Hause ist, leidet Sonja zunehmend unter den Botschaften, die ihr durch den Medienkonsum vermittelt werden. Zum einen machen ihr die Idealbilder schöner junger Frauen in Realityshows und auf Social Media zu schaffen, zum anderen fühlt sie sich von herablassenden Aussagen über angeblich faule Arbeitslose, Geringverdiener:innen und die „soziale Hängematte“ angegriffen und erniedrigt. Nachdem ihre Versuche scheitern, eine neue Anstellung zu finden, die sich mit der Kinderbetreuung vereinbaren lässt, stößt sie durch Zufall auf eine Tätigkeit, die sie flexibel von zuhause aus erledigen kann: Unter dem Fake-Account einer jungen, schönen Studentin chattet sie in einer Dating-App gegen Geld mit fremden Männern.

Realitätsnah und eindringlich zeichnet Wölfl den belastenden Alltag der Familie nach. Die Handlung wird linear erzählt, in einer leicht zugänglichen, mitunter auch etwas derben Sprache. Bei Wölfl wird nichts beschönigt, die Figuren fluchen und schimpfen, spucken, schwitzen, kotzen und dergleichen. Fein eingeflochten werden immer wieder tagespolitische Entwicklungen, welche die Protagonistin beiläufig im Radio oder bei einem Blick auf die Zeitungsschlagzeilen wahrnimmt.
Der Druck, unter dem Sonja steht, wird glaubhaft vermittelt, dennoch scheint die Perspektive manchmal etwas zu einseitig. Angesichts der enormen Arbeitslast, die Harald für die Familie stemmt, wirkt es doch etwas ungerecht, wenn Sonja zum Beispiel während der Weihnachtsfeier – bei der Harald abwesend ist, weil er arbeiten muss – denkt: „Ich halte die Familie zusammen. Ich bin das Gerüst, das garantiert, dass wir überhaupt eine Familie sein können.“ (S. 95) Dasselbe könnte auch Harald denken, der schließlich auf viele belastende Faktoren keinen Einfluss hat, wie etwa die Tatsache, dass sein Chef bei der Leiharbeitsfirma ihn ausbeutet und ihm keine Pflegefreistellung gewährt (S. 34).

Warum es ihr so schwer fällt, sich mit ihrem Mann als Team zu begreifen, das sich gemeinsam den Widrigkeiten des Lebens entgegenstellt, während sie immer wieder mit Worten beteuert, dass sie ihn liebt – ohne dass dies bei der Lektüre emotional herüberkäme –, ist nicht ganz nachvollziehbar. Es mag sein, dass Wölfl ihre Protagonistin absichtlich ambivalent gezeichnet hat, mit Ecken und Kanten und ungerechten Urteilen über andere, jedoch wird das Mitgefühl mit Sonja dadurch streckenweise auf eine harte Probe gestellt.
Stark ist das Bild des verlassenen Hauses, das titelgebend für den Roman wurde und mit dem Sonja immer wieder in verschiedenen Variationen ihren eigenen Körper bezeichnet. Einmal heißt es zum Beispiel:

„Mein Körper ist ein verlassenes Haus. Die Kinder sind ausgebrochen und haben dabei die Fenster zerschlagen. Mein Boden ist morsch. An der Wand Graffiti, im Keller Drogenbesteck.“ (S. 27)

Ein anderes Mal lässt Wölfl ihre Protagonistin denken: „Mein Körper ist ein verlassenes Haus mit Sprüngen in den Ziegeln. Aber irgendwo brennt hier Licht.“ (S. 75) Generell erschafft Wölfl durchgehend starke sprachliche Bilder, die immer wieder unprätentiös – etwa in Nebensätzen – in den Text eingeflochten werden.
Unaufhörlich beschäftigt sich Sonja mit den Spuren des Alters und dem angeblichen Verfall ihres Körpers, minutiös zeichnet sie den vermeintlichen Verlust ihrer Schönheit nach. Wie besessen vergleicht sie sich mit Frauen im Internet und im Trash-TV, als wäre es ihre wichtigste Sorge, in diesem aussichtslosen Wettkampf gut abzuschneiden. Die Ambivalenz, wie Sonja in ihrem hektischen Alltag Zuflucht in der medialen Scheinwelt sucht, obwohl diese ihr nicht gut tut, arbeitet Wölfl anschaulich heraus.

Mit der Thematisierung der negativen Seiten von Mutterschaft und Langzeitbeziehungen steht Ein verlassenes Haus keineswegs alleine da. Schon seit einigen Jahren berichten Frauen unter dem Hashtag „Regretting Motherhood“ in den sozialen Medien zunehmend auf realistische und ungeschönte Weise von ihren Erfahrungen mit Schwangerschaft, Geburt und Familie, sprechen über ambivalente Gefühle gegenüber den eigenen Kindern und arbeiten damit an einer Entromantisierung von Mutterschaft. Eklige und unangenehme Details werden absichtlich nicht ausgespart, ebenso wie Selbstzweifel und das Hadern mit der eigenen Rolle. Längst ist dies auch auf die Literatur übergeschwappt, und so haben zuletzt immer mehr junge Autorinnen Romane veröffentlicht, in denen Ausbruchsversuche von Müttern auf drastische Weise geschildert werden. Als eines der prominentesten Beispiele kann wohl Mareike Fallwickels Roman Die Wut, die bleibt (Rowohlt, 2022) gelten, der gleich in der Anfangsszene vom Suizid einer jungen Mutter erzählt.

Das Neue und sozusagen „Unerhörte“ an dieser Sichtbarmachung ist, dass der Wunsch, die Familie zu verlassen und wieder frei zu sein, nicht mehr länger den Männern vorbehalten bleibt, sondern auch von Frauen ausgesprochen wird. Anders als Wölfl arbeitet Fallwickl in ihrem Roman jedoch mit wechselnden Perspektiven und zeigt dadurch behutsam die weitreichenden Folgen des Verschwindens der Mutter auf. Wölfl hingegen legt den Fokus ausschließlich auf ihre Protagonistin, fügt dafür jedoch der „Regretting Motherhood“-Thematik anschaulich die sozioökonomische Dimension hinzu.

Die mittlerweile in Deutschland lebende Journalistin Lisa Wölfl liefert mit Ein verlassenes Haus einen eindringlichen Debütroman ab, der durch lebensnahe, fast dokumentarische Einblicke in einen schwierigen Alltag überzeugt und dabei das große Ganze nie aus dem Blick verliert. Meisterhaft gelingt es ihr, die Spannung auf den letzten zwanzig bis dreißig Seiten so sehr zu steigern, dass es schier unmöglich wird, das Buch auch nur für eine Sekunde wegzulegen, ehe das „Grande Finale“ erreicht ist.

 

Daniela Chana, geb. 1985 in Wien, promovierte an der Universität Wien im Fach Vergleichende Literaturwissenschaft. Ihr Gedichtband Sagt die Dame (Limbus Verlag), wurde 2019 unter die Lyrik-Empfehlungen der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung gewählt. 2021 folgte, wieder bei Limbus, der Erzählband Neun seltsame Frauen, der Chana eine Nominierung auf der Shortlist des Österreichischen Buchpreises eintrug. Für die österreichische Tageszeitung Die Presse schreibt sie regelmäßig Essays über Themen des Alltags und der Literatur. Zuletzt wurde sie für ihren im Frühjahr 2026 im Innsbrucker Limbus Verlag erschienen Gedichtband Affäre mit einem Erzähler mit dem Holfeld-Tunzer-Preis ausgezeichnet.

Lisa Wölfl Ein verlassenes Haus
Roman.
Wien: Kremayr & Scheriau, 2026.
234 Seiten, gebunden mit Lesebändchen.
ISBN: 978-3-218-01493-9.

Verlagsseite mit Informationen zu Buch und Autorin sowie einer Leseprobe

Homepage von Lisa Wölfl

Rezension vom 26.05.2026

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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