#Prosa

Das Buch zum Film

Clemens J. Setz

// Rezension von David Wimmer-Wallbrecher

Selberfindung

„SELBER“ (S. 169) – so schließt Clemens J. Setz ’ neuester Band Das Buch zum Film. Ein treffender Schlusspunkt – sieht sich der Autor in diesem autobiografischen Text nicht nur in Form eines Graffitos auf dem Gehsteig vor seiner ehemaligen Volksschule mit sich ‚SELBER‘ konfrontiert. Nicht zu Unrecht bewirbt der Klappentext das Buch als Setz’ bisher intimstes Werk, denn in der chronologisch organisierten Auswahl persönlicher Notizen lässt der Autor biografisch tief blicken.

Das schmale Bändchen (etwa 170 Seiten) widmet sich in grob 1.000 fragmentarisch zusammenmontierten Tagebuchaufzeichnungen und Notizbucheinträgen aus der Zeit von 2000 bis 2011 gerade den Anfangsjahren von Clemens J. Setz als Autor und beschreibt damit den krisengebeutelten Werdegang eines eben der Adoleszenz entwachsenden (Viel-)Schreibenden.

In dieser Hinsicht hat sich offenbar wenig verändert – Setz kann wieder einmal auf ein höchst produktives Jahr zurückblicken: Anfang des Jahres ist das wunderbare, von Stefanie Jeschke illustrierte Kinderbuch Mopsfisch bei Suhrkamp erschienen, im Herbst steuerte der Büchnerpreisträger einen Band über Rainer Maria Rilke zur Reihe Reclam 100 Seiten bei, dazu gab es noch die Uraufführung seines Theatertextes Die Erfindung am Schauspiel Stuttgart und Übersetzungen zu Büchern von Zach Williams, Anne de Marcken und New Juche. Nach dem Österreichischen Buchpreis im letzten Jahr für seinen Roman Monde vor der Landung wendete sich Setz also wieder vermehrt kleineren, weniger repräsentativen Formen zu. Dazu passt auch Das Buch zum Film.

Ein Buch zum Film bzw. Filmbücher sind in der Regel sekundäre Werke: heute eher unübliche, stark erweiterte, um nicht zu sagen: unnötig in die Länge gezogene Erzählungen auf Basis bekannter Filmplots, die in einer Zeit weit vor Netflix, teilweise noch vor VHS-Kassetten oft die einzige Möglichkeit boten, nach dem Kinoerlebnis in die Erzählwelt be- und geliebter Filme einzutauchen: Gewissermaßen lizensierte Fanfiction, lange bevor es den Begriff überhaupt gab. Häufig erweitert mit Hintergrundinformationen zum Film und seiner Produktion stellten sie uneigentliche Begleiterscheinungen, Nebenprodukte zum eigentlichen Werk, dem Film, dar.

In ähnlicher Weise lässt sich auch dieses Buch lesen, als Begleitlektüre zum vorhandenen Werk, das biografische Hintergrundinformationen liefert, zentrale Themen des Gesamtwerks anschneidet und vor allem die Autorwerdung des jungen Setz beleuchtet. Einigermaßen sinnbildlich setzen die Aufzeichnungen im September 2000, kurz vor seinem 18. Geburtstag und dem Antritt seines Zivildienstes am Grazer Odilien-Institut, einer Beratungs-, Ausbildungs- und Betreuungseinrichtung für Menschen mit (Seh)Behinderung, mit der Erwähnung eines „Weltempfängers“ ein:

[Der allererste Eintrag im ersten Heft besteht aus der Überschrift »Sender Freq:« und sollte wohl eine Liste von Frequenzen enthalten. Zum Schulabschluss hatte ich einen Weltempfänger geschenkt bekommen, mit dem ich mich jede Nacht stundenlang beschäftige. Die angekündigte Liste blieb allerdings leer.] (S. 11)

Anstelle einer Senderliste lässt Setz verschiedenste Eindrücke und Aufzeichnungen aus gut zehn Jahren folgen, die er, selbst ‚Weltempfänger‘, – glaubt man dem Vorwort, in dem von einer „ziemlich umfangreichen Textmasse“ (S. 9) die Rede ist – schon sehr früh nahezu manisch in Ordnern und Notizheften sammelt. Das Material, das er darin zusammengetragen und für den Band ausgewählt hat, ist dabei höchst heterogen: Neben klassischen Tagebucheinträgen und biografischen Notizen finden sich Beobachtungen, Gedichte, verknappte Lektüreeindrücke, implizite Songempfehlungen, unkommentierte Erzählfragmente, Traumbeschreibungen, formelhafte Textideen und unzählige Satzellipsen, häufig Infinitivgruppen, die in ihrem unklaren Fiktionalitätsgehalt am besten suggestiv-aphoristisch für sich stehen:

„Eine Packung Ferrero Rocher zertreten, jede einzelne Kugel, am Asphalt, zack, zack, zack, die Kindheit ist vorbei
[…]
Sich die fiebrige Stirn an einer Statue kühlen“ (S. 16)

„Anschreien gegen den fressfeindförmigen, hitlerfarbenen Himmel.“ (S. 18)

„Anstoßen aufs Anstößigsein“ (S. 25)

„Zauberbücher für Atheisten verfassen“ (S. 27)

„Gesang aus dem Bauch eines Schiffes.“ (S. 39)

„Ein altes Postkartenmotiv von einem Kind, das in eine Jauchengrube gefallen ist.“ (S. 58)

„Anblick eines Mobiles: der erhänge Odradek.“ (S. 77)

Daneben finden sich für Setz-Kenner auch etliche Verweise auf später publizierte Texte, vor allem die frühen Romane Söhne und Planeten und Die Frequenzen sowie Texte aus dem Erzählband Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes: frühe Ideen, verworfene Skizzen, erste Lesungen etc. Das Buch ist allerdings mehr als eine bloße Materialsammlung, das interessante Einblicke in das Leben des Autors und Entstehungshintergründe bestehender Texte gibt.

Denn im Buch zum Film erweist sich Setz auch als meisterhafter Monteur seiner eigenen Texte: Immer wieder fügen sich auf den ersten Blick eher disparate Textbausteine zu einem Gemeinsamen zusammen und treten damit gewissermaßen in Dialog. Wenn etwa einer Fülle an kurzen, einigermaßen drastischen Erlebnissen während des Zivildiensts die knappe Bemerkung „Mit den Szenen knirschen“ (S. 16) gegenübergestellt wird oder wenn auf die Erwähnung einer Dostojewski-Lektüre die Erinnerung an eine real erlebte Messerattacke am Odilien-Institut folgt: „Hinterher entschuldigte der Junge sich bei allen, auch beim Messer.“ (S. 14)

Und auch darüber hinaus treten aus der Fülle an Material eindrückliche Erzählstränge hervor, die dem Buch gewissermaßen Struktur geben. So sind es vor allem die Schilderungen der Zivildienstzeit und der sich daraus ergebenden Langzeitbeziehung mit einer sehbehinderten Frau, die bis zum Schluss als Folie des Erlebten und Beobachteten dienen. Setz erzählt hier schonungslos und ungeschönt von zutiefst persönlichen Erlebnissen, von Überforderung, Selbstüberschätzung, Momenten höchster Offenheit und Intimität und immer wieder von Verzweiflung. Diese Erzählabschnitte nehmen allerdings nie überhand, sie sind immer rückgebunden an alltägliche Beobachtungen, an den scheinbar banalen Rest an Lebenswelt, der sich eben neben dem allzu Existenziellen und Pathosgeladenen auch ereignet und mit Fortschreiten des Buches auch immer mehr Platz erhält. Setz findet damit eine bestechende Form, sich der eigenen Biografie zu nähern – eine Form, die der Ambivalenz und Ambiguität eines Lebens, gerade dieses Lebensabschnittes, gerecht wird – ohne Anspruch auf Vollständigkeit, ohne übergeordnete Aussage, aber mit viel Sinn für die feinen Zwischentöne und Eigenheiten des eigenen Erwachsenwerdens.

So etabliert er in dem Buch eine zumindest für sich neue Form, die in ihrer Verknappung und Vielfältigkeit am ehesten dem ähnelt, was er bis 2021 auf Twitter postete, und doch findet sich auf den kaum 200 Seiten vieles, was für Setz’ gesamtes Schreiben zentral werden sollte: eine außerordentliche Beschreibungslust mit Liebe zum Detail und ungewöhnlichen Bildern, eine Faszination für das Groteske, Abseite und Hintergründige und vor allem das Talent, all das in einer Weise miteinander zu kombinieren, dass es einem beim Lesen nur gegenwärtig und vordergründig erscheinen kann.

Nicht zuletzt, weil auch dieses Buch geprägt ist von einer radikalen Empathie, die sich durch das gesamte Werk von Setz zieht – von einem innigen Wunsch, zu verstehen und verstanden zu werden. Ein Verstehen, das der Autor für die Version seiner selbst, die er im Text präsentiert, in Anspruch nimmt, die er gleichzeitig immer auch allen entgegenzubringen versucht, die er im Laufe der Texte beschreibt. Und das als 18-jähriger Zivildiener ebenso wie später als gefeierter Jungstar der österreichischen Literatur.

 

David Wimmer-Wallbrecher, geb 1993 in Tamsweg. Studium der Germanistik und Kunstgeschichte in Graz und Bristol. Abschluss 2019 mit einer Master-Arbeit zu Gerhard Roth. Wiss. Mitarbeiter am Franz-Nabl-Institut in Graz. Arbeitet an einer Dissertation zum Werk von Clemens J. Setz. Kulturschaffender in unterschiedlichen Konstellationen (Film, Literatur, Theater). Mitglied des Autor:innenkollektivs plattform. Letzte Publikationen: Glitches, Bots und Strahlenkatzen. Gegenwart bei Clemens Setz (Hg. mit Klaus Kastberger, Sonderzahl 2022), Gerhard Roth. Archen des Schreibens (Hg. mit Daniela Bartens, Sonderzahl 2025).

Clemens J. Setz Das Buch zum Film
Aufzeichnungen 2000‒2010
Salzburg: Jung und Jung, 2025
192 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-99027-428-6

Verlagsseite mit Informationen zu Buch und Autor

Rezension vom 14.01.2026

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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