#Roman

Monde vor der Landung.

Clemens J. Setz

// Rezension von David J. Wimmer

„Kannst du dir nicht ausdenken!“

„Kannst du dir nicht ausdenken!“, heißt es an mehreren Stellen in Clemens J. Setz‘ neuem Roman Monde vor der Landung: Wenn die Hauptfigur Peter Bender beispielsweise als Aufklärungsflieger im Ersten Weltkrieg zum ersten Mal die Wolken von Maschinengewehrfeuer erleuchtet sieht und sich in der seltsamen Erfahrungswelt eines Kriegspiloten die Wunder des Fliegens mit den Schrecken der Schlacht vermengen; oder wenn sich Bender über den Einfluss kosmischer Kräfte auf die Entwicklung organischer Zellen Gedanken macht und dabei ins Esoterische kippt; meist dann, wenn es im Laufe der Handlung besonders verworren, brutal oder unglaublich wird – Kannst du dir nicht ausdenken!

In der Tat sind die Figuren, Motive und Ereignisse, die der Roman beschreibt, nur in den allerwenigsten Fällen ‚ausgedacht‘, denn Setz hat mit seinem neuesten Buch einen historischen und auch einen biografischen Roman abgeliefert, dem umfangreiche Recherchen vorausgegangen sind und der auch seine verspieltesten narrativen Volten auf ein festes Fundament historischer Fakten aufbaut. Zwölf Jahre sei die Idee in ihm gereift, etliche Jahre habe es gedauert, um genug Material zu sammeln, einen solchen biografischen Roman schreiben zu können, der dem Leben dieser historischen Figur auch irgendwie gerecht würde. Aber diese Lebensgeschichte sei nun einmal die beste gewesen, die ihm je untergekommen sei – so Setz. Und man ist geneigt ihm zuzustimmen angesichts der außergewöhnlichen, fast unglaublichen Geschichte von Peter Bender, der, geboren 1893, den Ersten Weltkrieg als Fliegerleutnant überlebte, später als Lehrer, Autor und Schmuggler arbeitete und sich im Worms der 1920er-Jahre einen Namen als geschickter Redner und vor allem als eine Art Sektenführer machte.

Als solcher war der reale Bender Anhänger der sogenannten Hohlwelttheorie, eines alternativen Weltbildes US-amerikanischen Ursprungs, nach dem die Menschheit nicht auf einer kugelförmigen Erde lebt, sondern in ihr. Auch das All mit Sonne, Mond und Sternen findet darin Platz, teilweise nicht mehr als apfelgroß und auf halbem Weg in Richtung Amerika auf der anderen Seite des Hohlglobusses. An diese Prämisse knüpft Bender im Laufe des Romans etliche weitere Theorien zu Ökonomie, Sexualität und allgemeinem menschlichen Zusammenleben – allesamt Theorien mit utopischem Anspruch. Eine neue Menschheitsgemeinde strebt er an, eine bessere Welt. Und damit ist er in der Zwischenkriegszeit im Rheinland nicht alleine, denn zu Beginn der 20er-Jahre, wo die Handlung des Romans einsetzt, herrscht in Worms eine diffus-brodelnde Aufbruchsstimmung. Die neue elektrische Bahn fährt durch die Straßen, im Lichtspielhaus gibt es neue Filme und an jeder Ecke formen sich neue utopi(sti)sche Bewegungen: Ad Matres beispielsweise, ein Zusammenschluss junger Männer, die mit dem Matriarchat als Ziel den Wundern der Mutterschaft huldigen, oder auch regional-identitär anmutende Organisationen wie Das Rheinland den Rheinländern.

In der Diktion heutiger Diskurse würde man Bender wohl als einen Schwurbler oder Verschwörungstheoretiker bezeichnen. Dementsprechend wird der Roman auch beworben: Von einem „Querdenkertum avant la lettre“ erzähle der Roman – so heißt es schon am Einband. Und natürlich tun sich allerlei Parallelen zu heutigen Verhältnissen auf, spätestens wenn Bender all den „Schafen“, allen ‚Ungläubigen‘ und ‚Unwissenden‘, ein nicht ganz zeitgemäßes „Do your research“ entgegenwirft. Und doch ist Benders Querdenkertum zuallererst im seltsamen Lebensgefühl seiner Zeit verortet, irgendwo zwischen Enttäuschung, Weltschmerz und ehrlicher Hoffnung.

Und deren hat Bender genug. Denn auch wenn er und seine kleine Familie mit Fortschreiten der Handlung in immer größere Krisen geraten, er wegen seiner Reden inhaftiert wird, die Familie angesichts von Hyperinflation und politischer Verfolgung in den Ruin getrieben und aufgrund der jüdischen Herkunft seiner Frau Charlotte schließlich auch antisemitisch angefeindet wird, hält er an seinem verqueren Weltbild und dem daran anknüpfenden Glauben an eine neue, bessere Gesellschaft fest, widmet sich der Sache mit jedem weiteren existenziellen Problem sogar umso mehr, oft wider besseres Wissen. Dabei zeichnet Setz Bender weniger als überzeugten Idealisten denn als zutiefst unsicheren Exzentriker mit narzisstischer Prägung, dem diese intensive Beschäftigung auch als Coping und Weltflucht dient.

Dementsprechend bleibt die personale Erzählinstanz immer nah an Bender und seinem persönlichen Erleben dran. Der Fokus des Romans ist analog zum fragwürdigen Weltbild der Hauptfigur nach innen gerichtet. Historische Zusammenhänge erzählen sich dabei meist nur beiläufig, im Nebenher, falls Bender ihnen überhaupt Beachtung schenkt. Vordergründig sind vielmehr andere Ereignisse: umfangreiche Korrespondenzen mit anderen Hohlwelttheoretikern, erste eher stümperhafte Versuche der bemannten Raumfahrt Anfang der 1930er-Jahre mitten in Deutschland, Benders stetig wachsendes Theoriekonstrukt und seine außerehelichen Affären, die er als erste Wegsteine einer „erotischen Revolution“ schlicht in sein utopisches Schaffen eingliedert. All das, während die großen Katastrophen der Shoah und des Zweiten Weltkriegs näher und näher rücken.

Ohne selbst zum Apologeten der Sache zu werden, zeichnet Setz mit einer unbeirrbaren Empathie nach, wie es kommen kann, dass sich ein Mensch derart in einem abstrusen Irrglauben verstrickt. Dabei ist Monde vor der Landung das vielschichtige Porträt einer durch und durch ambivalenten Person, eines Mannes, der die verquersten Theorien ebenso vertritt wie auch heute fortschrittliche politische Positionen. So fordert er in Reden und Flugblättern immer wieder eine Aufwertung der Care-Arbeit und denkt eine Gewerkschaft für Hausfrauen an, während er in Kometen die Überbleibsel vergangener, missglückter Raumfahrtmissionen erkennt, die uns durch ihre Flugbahnen verschlüsselte Botschaften zuschicken.

Diese vermeintliche Widersprüchlichkeit setzt sich auch in der Beziehung zwischen Bender und seiner Frau Charlotte fort. Charlotte Bender, geborene Asch, die ein mindestens ebenso interessantes Leben geführt hat wie ihr Mann. Sie erscheint überhaupt als die heimliche Heldin des Romans, ist sie doch Hausfrau und Brotbringerin der Familie, organisatorische Kraft hinter Benders Wormser Menschheitsgemeinde, die vielleicht begabtere Schriftstellerin der beiden und mit einer offenbar unerschöpflichen Geduld ihrem Mann und der Welt gegenüber ausgestattet. Über ihr Innenleben erfährt man leider nur wenig.

Er habe mit dem Gedanken gespielt, so Setz, den Roman aus ihrer Perspektive zu erzählen, doch die spärlichen Quellen zu ihrer Person ließen dies nicht zu – eine weitere Ungerechtigkeit der Historie. So erzählt sich ihre Geschichte nur über die Geschichte ihres Mannes. Ihre oft zwiespältige Beziehung bildet jedoch den Kern dieser Lebenserzählung – eine Beziehung, die sowohl von einer unerschütterlichen Liebe und Zärtlichkeit als auch von Benders latentem Narzissmus, übertriebenem Stolz und Zügen toxischer Männlichkeit geprägt ist. Damit steigert sich die Ambivalenz der Figur teilweise bis an die Grenzen des Erträglichen, insbesondere wenn sich abzuzeichnen beginnt, dass weder Peter noch Charlotte die 40er-Jahre in Deutschland überleben werden.

Letztlich wird man Bender bewundern, dann bemitleiden und auch verabscheuen, und all das zurecht, denn es ist diese Ambivalenz seiner Person, um die es Setz schlussendlich geht, und damit auch um die inhärenten Ambivalenzen, Uneindeutigkeiten und Inkonsequenzen einer jeden Biografie.

Roman.
Berlin: Suhrkamp, 2023.
528 S.; geb.; mit Abb.
ISBN 978-3-518-43109-2.

Rezension vom 20.02.2023

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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