Das zentrale wiederkehrende Motiv in Der Hase im Mond ist jenes des Doppelgängers. In jeder der neun Erzählungen dieses Bandes kommt es an mindestens einer Stelle zu einer Spiegelung oder Verwechslung in immer neuen Variationen: Zum Beispiel beobachtet ein Paar, das in einer festgefahrenen Beziehung steckt, durch das Fenster eine Frau im gegenüberliegenden Haus, die dem jüngeren Ich der Erzählerin – dem weiblichen Part des Paares – zum Verwechseln ähnlich sieht. Bald entsteht daraus eine Obsession. In einer anderen Geschichte ist es eine Füchsin, die einem Erfolgsautor an verschiedenen Stellen immer wieder überraschend erscheint, mal in Menschengestalt, mal vielleicht nur als Fantasie. Es ließe sich ein Spiel daraus machen, wann in einer Erzählung jeweils der erste Doppelgänger auftaucht oder ein Satz fällt wie: „Sie war Ihnen gar nicht so unähnlich“ (S. 210).
Flašar verschließt als Autorin vor nichts die Augen, sie verschont ihre Figuren nicht. Zart besaitete Gemüter könnten mit manchen Szenen und Wendungen womöglich Schwierigkeiten haben – vor allem, da diese anhand der Aufmachung des Bandes und des Klappentextes nicht unbedingt zu erahnen sind. Wenn etwa nachts jemand mit einem abgetrennten Arm in einem blutigen Tuch durch die Straßen spaziert oder ein Mann sich darüber im Unklaren ist, ob er Jahre zuvor einer Frau Gewalt angetan und es einfach „vergessen“ hat, so wären dies veritable Stoffe für Horrorfilme. Immer wieder arbeitet die Autorin dabei auch mit surrealen Elementen: Gibt es etwa tatsächlich eine „andere Zone“, in die geliebte Menschen plötzlich spurlos verschwinden können?
Es sind diese Schreckmomente, durch die sich Flašars Kurzgeschichten wohl am stärksten von ihren Romanen unterscheiden. Treu bleibt sie sich in der Verhandlung existentieller Themen wie Einsamkeit und der Schwierigkeit, Bindungen einzugehen. Anders als aber zum Beispiel in ihrem Erfolgsroman Herr Katō spielt Familie, der trotz des traurigen Hintergrunds überwiegend humorvoll und leichtfüßig gehalten war, geht sie in den Erzählungen einen Schritt weiter, lässt mehr Schauder, Düsterkeit und Pessimismus zu. Ist es überhaupt möglich, dass Menschen einander jemals verstehen und über einen längeren Zeitraum erfüllt zusammenleben? Nach der Lektüre von Flašars Erzählungen mag man daran kaum mehr glauben.
Häufig werden moralische Fragestellungen verhandelt, wobei die Autorin darauf verzichtet, eindeutig Position zu beziehen. Wie soll man sich verhalten, wenn man bei nächtlicher Dunkelheit in betrunkenem Zustand mutmaßlich Zeuge eines Verbrechens wurde, aber nur eine sehr vage Beobachtung gemacht hat und im Grunde keine nennenswerten Hinweise liefern kann? Ist man dennoch verpflichtet, zur Polizei zu gehen? Kann ein Mensch zu viel Empathie, zu viel Gewissen haben? Gerne bedient sich Flašar eines unzuverlässigen Erzählers, dessen ethische Urteile und Aussagen über die Welt durchaus angezweifelt werden dürfen: Nicht selten sind die Erzählinstanzen betrunken, vergesslich, in einem emotionalen Ausnahmezustand oder dem Wahnsinn anheimgefallen.
Flašar entscheidet sich durchgehend für die personale Erzählperspektive, überwiegend haben wir es mit Ich-Figuren zu tun. Erfreulich experimentierfreudig ist die Autorin dabei in Hinblick auf Geschlecht, Alter und Status: Sie schreibt ebenso souverän aus der Sicht eines älteren, beruflich erfolgreichen, aber gefühlskalten Mannes wie aus der einer jungen Kellnerin in einer Bar, einer Hausfrau oder eines unsicheren Dreißigjährigen. Schauplatz der Handlung ist stets Japan, ebenso wie bereits in den früheren Werken der in Wien lebenden japanisch-österreichischen Autorin. Das Lokalkolorit wird verhältnismäßig sparsam eingesetzt; neben den Kirschblütenzweigen auf dem Cover und dem Untertitel Japanische Geschichten zeigt es sich überwiegend in Orts- und Personennamen.
Gekonnt setzt Flašar Witz und Ironie ein, mit einem Hang zum Absurden. Ehe die Atmosphäre zu erhaben gerät, wird sie mit etwas Profanem kontrastiert. Beispielhaft zeigt sich dies etwa gleich in den ersten Sätzen des Bandes:
„Seine Berühmtheit kam plötzlich, sozusagen über Nacht. Als er die Augen aufschlug, war er ein Superstar. Die Szene jubelte. Ein Ausnahmetalent! Und er hatte nicht einmal die Zeit, sich zu rasieren.“ (S. 7)
Gerne zeigt Flašar ihre Figuren in ihrer ganz würdelosen, ungeschönten Menschlichkeit: Abgesehen davon, dass sie ihre Liebsten hintergehen und ihre eigenen Prinzipien brechen, essen sie geräuschvoll, gehen zur Toilette, legen schlechte Manieren an den Tag und ignorieren in ihren emotionalen Ausnahmezuständen nicht selten die zivilisatorischen Anforderungen an Sauberkeit und Hygiene. Das Bild eines Protagonisten, der einsam in seiner zugemüllten Wohnung Instant-Nudeln isst und dabei zunehmend verwahrlost, prägt sich ein, da es mehrfach vorkommt.
Wirklich nah fühlt man sich den Figuren dieser Geschichten nicht, zu sehr werden sie als kuriose Einzelfälle oder Sonderlinge geschildert, denen ein gar zu unglaubliches Schicksal widerfährt. Vielleicht liegt es gerade an diesem fehlenden Identifikationsangebot, dass die Lektüre eine Fülle von spannenden psychologischen Erkenntnissen bereithält – aus der Ferne lässt sich wohl manchmal klarer sehen. Fulminant gelingt der Autorin etwa in der Erzählung Tsunami die Charakterisierung einer Hausfrau, die im Alltagstrott feststeckt und erst durch das obsessive Ansehen von Videoaufnahmen einer Naturkatastrophe wieder Kontakt zu ihren eigenen Gefühlen herstellen kann.
Ein psychologisch ebenso aufschlussreicher Topos, der in mehreren Erzählungen auftaucht, ist der beziehungsunfähige Mann, der eine Frau völlig überhöht, ihr Überirdisches andichtet, und sie in der Folge kontrolliert oder ihr auf andere Art Gewalt antut. Am Ende jeder Erzählung bleibt immer ein Rätsel, und gerade darin zeigt sich die Qualität der Autorin. Flašar erklärt mit keinem Satz zu viel, erzeugt eine Welt voll poetischer Mehrdeutigkeiten und lässt ihren Leser:innen Spielraum für eigene Interpretationen.
Daniela Chana, geb. 1985 in Wien, promovierte an der Universität Wien im Fach Vergleichende Literaturwissenschaft. Ihr Gedichtband Sagt die Dame (Limbus Verlag), wurde 2019 unter die Lyrik-Empfehlungen der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung gewählt. 2021 folgte, wieder bei Limbus, der Erzählband Neun seltsame Frauen, der Chana eine Nominierung auf der Shortlist des Österreichischen Buchpreises eintrug. Für die österreichische Tageszeitung Die Presse schreibt sie regelmäßig Essays über Themen des Alltags und der Literatur. Zuletzt wurde sie für ihren im Frühjahr 2026 im Innsbrucker Limbus Verlag erscheinenden Gedichtband Affäre mit einem Erzähler mit dem Holfeld-Tunzer-Preis ausgezeichnet.
