#Lyrik
#close reading

Reise durch die Überreste einer verschwundenen Epoche

Do. 25.9.2025

Clemens J. Setz rettet mit seinem Band Das All im eignen Fell die  Twitterpoesie ins stabile Medium Buch und erweist sich einmal mehr als Aficionado des Surrealen als Herz der Wirklichkeit – falls es sie gibt.

// close reading von Birgit Schwaner

Umberto Eco wurde nicht müde zu erklären, dass das ideale Speichermedium für Schriftliches bereits existiert: das Buch. Unabhängig von Stromzufuhr und rasch veraltetem technischen Gerät schützen Bücher per Papier und Druckerschwärze die ihnen anvertrauten Texte und Gedanken nicht nur relativ lang vorm Zahn der Zeit – sie bewahren sie auch vor digitalen Übergriffen und Löschungen …
… womit wir zu Das All im eignen Fell kommen, einem Buch, das es ohne den prekären Status von Veröffentlichungen im Internet – und konkret: ohne den Verkauf des 2006 gegründeten Online-Blogdienstes Twitter und seine Demolierung durch Elon Musk, den neuen Besitzer, – nicht gäbe. Denn sonst hätte Clemens J. Setz seine „kurze Geschichte der Twitterpoesie“ wohl kaum geschrieben und bei Suhrkamp herausgebracht. Was schade gewesen wäre, weil es sich um ein kurzweiliges Buch handelt. Lesend folgt man dem Autor – wie einem sachkundigen, zum freien Assoziieren neigenden Cicerone durch die Überreste einer verschwundenen Epoche – von einem Tweet zum nächsten. Lachend, nickend, kopfschüttelnd, staunend und mit einem weinenden Auge darüber, dass die anregende Lektüre ein Abgesang ist. Was bis 2023 Jahr freundlich „Twitter“ hieß, trägt jetzt den gesichtslosen Namen „X“, wurde kommerziell zurechtgestutzt und kokettiert, wie sein Besitzer, unverfroren mit der dunklen Seite der Macht, Deadend hier für die Freiheit der Kunst.

Da wendet man sich doch lieber dem Phänomen „Twitterpoesie“ zu, das Clemens Setz beschreibt und rückblickend immer wieder im weiten Feld der literarischen Traditionen verortet. Initialzündung: eine Regel. Keiner der auf Twitter veröffentlichten Blogs, auch Tweets genannt, durfte zunächst länger als 140 Zeichen sein (später 280 Zeichen). Diese formale Vorgabe, oder Herausforderung, hielt Bloger:innen nicht nur dazu an, knapp und wesentlich zu formulieren. Sie führte auch – zusammen mit der für Social Media typischen, niederschwelligen Möglichkeit des Veröffentlichens – dazu, dass hier ein wildwachsendes Internet-Biotop literaturverdächtiger Beiträge entstand. Gepflegt von einer Community aus Schreiber:innen, die ihre Freude an rätselhaft-absurden, lakonischen Kurztexten mit immerhin tausenden Leser:innen teilten. Einer von ihnen: der Autor.

So ist dieses Buch auch ein persönliches. Das Setz entsprechend mit Setz beginnt. Wer „Das All im eignen Fell“ trägt, kann getrost bei sich anfangen und langweilt nicht, Welt ist ja immer da. Und die Welt der Twitterpoesie wird uns hier in zwei Teilen erzählt: Im ersten präsentiert Clemens Setz in loser, chronologischer Reihung eine Auswahl eigener Lyrik-Tweets aus den Jahren 2015 bis 2022 und im zweiten, der eigentlichen „Geschichte der Twitterpoesie“, stellt er in sieben „Porträts“ für ihn herausragende Twitterpoesieblogs vor, ergänzt mit Zitaten aus weiteren. Wobei die Blogs von Personen wie auch Bots stammen können, Urhebernamen: @LunaticAbsturz, @ichliebetrash, Computerfan 2001, KochkunstEbooks u. a.

Leser:innen der Bücher von Setz kennen sein weit gefächertes Interesse an den skurrilen Phänomenen dieses Daseins (bzw. um das All in seinem Fell), etwa sein Faible für Ufos, ausgeklügelt-phantastisches Spekulieren, das Sammeln von Spezialwissen, wunderlich abgehobene wie facettenreiche Theorien, Biografien von Sonderlingen oder literarische Geheimtipps, verschollene Werke, vergessene Erfindungen u. v. m., kurzum: seine ansteckende Lust am Entdecken von unserer Alltagsordnung widersprechenden Details, sei’s in Gegenwart oder Vergangenheit, on- oder offline, aus deren randständigem Blickwinkel unser Dasein auf poetische Weise seine Absurdität offenbart.

Vor diesem Hintergrund zu Teil eins, Clemens Setz‘ eigener Twitterpoesie: Hier verbinden sich, so die Rezensentin, Können, Belesenheit und eigener Ton eines erfahrenen „Arbeiters im Steinbruch der Literatur“ (©Heiner Müller) mit einer Lust am Reimen – die die Setz’schen Tweets von denen der Twitterpoet:innen im zweiten Buchteil unterscheidet.

Sind letztere meist prosaische Ein- oder Zweizeiler und im pointierten Stil beiläufiger Anmerkungen verfasst (im Zweifelsfall eher vergleichbar mit z. B. Aphorismus, Aperçu, Journaleintrag), sind die meisten der abgedruckten Setz-Tweets in gebundener Rede verfasst. Und eindeutig Gedichte: komisch-surreale Verse, die vom leichten Spiel mit Rhythmus, Reim und beliebten Gedichtformen künden – wie Limerick, Ballade, Haiku und, vor allem, der klassischen, endgereimten jambischen Strophe in vier Zeilen, die sich, by the way, im 140-Zeichen-Tweet gut unterbringen lässt. (Manchmal winken auch Heine, Kästner, Kaléko, van Hoddis und andere von ferne dem Dichter zu). Ein Beispiel:

Durch die Balkonblumen geht ein Ruck
als wären es Kasperlfiguren.
Der Mond ist ein freundlicher Daumenabdruck.
Im Schaufenster drehen sich Uhren. (S. 44)

Kleiner Exkurs: Das Reimen, besonders der Endreim, geriet in der „literarischen Literatur“ (C. S.) spätestens Mitte des 20. Jahrhunderts in Verruf. Schließlich leimt ein Reim durch das Verdoppeln eines Lautes unzusammenhängende Wörter zu gefälligen Paaren zusammen: akustisch, quer zum Zeilenverlauf, in sinn- oder unsinnstiftender Manier, was uns seit frühester Kindheit, seit dem ersten „Mama“ und „Papa“, ein elementares „Grundvergnügen“ bereitet (©Peter Rühmkorf in seiner Frankfurter Poetikvorlesung „agar agar – zaurzaurim“). Kein Wunder, dass diese enorm eingängige „Suggestionstechnik“ (©Robert Gernhardt) in der Nachkriegszeit mehr und mehr Dichter:innen fehl am Platz schien für ernste Texte.

Derzeit hat der Reim in der Lyrik wieder etwas an Boden gewonnen. Allerdings wirkt bei Gedichten im Internet sein klassisches Aushängeschild, die Strophenform, leicht antiquiert. Schließlich muss sich hier jeder Post in Sekundenschnelle optisch behaupten, zwischen abrupt aufpoppenden Informationen diverser Art (Werbung, Nachrichten usw.), die uns längst zur nervösen Lektüre erzogen haben. So schreibt Clemens Setz, er habe irgendwann begonnen, seine Gedichttweets nicht mehr blockartig, sondern versetzt zu tippen: „u. a. um neue, moderner denkende Kontingente an Leserschaft zu erreichen“. Ein Ergebnis dieser Akzentverschiebung:

BAUERNHOF

Warum gibts für 2 Esel
keine App

Ein kleines Fohlen hüpft
mit Baseballcap

Die Fahrradklingel glänzt
im Abfallhaufen

Weberknechte
ducken sich beim Laufen (S. 69)

Ob dieses Schriftbild und der durch seine Zeilenbrüche andere, rapartige Rhythmus – oder auch das an anderer Stelle erwähnte gelegentliche „Abrutschen ins Englische“ (C. S.), die Lingua franca des Internet – weitere Leser:innen anlockte, verrät er uns nicht. Aber man ist ja vor allem neugierig auf seine weiteren Tweets, die, Zeile um Zeile, weitere surreale, tragikomisch-bestürzende, beglückende Bilder und Szenen bereithalten. Da gibt es etwa ein Ich, dem im Herbst „Sockenpuppen durch den Kopf“ gehen, und Berlin offenbart sich als „eine Stadt wie ein Friseurtermin“; Gedanken heben sich „wie so eine Parkplatzschranke“, ein später Sommer hängt „am letzten Apfelstängel“ und nicht nur Migränegeplagte werden die Stimmung eines Novembergedichts nachempfinden können, das beginnt: „ich fühl mich immer so endboss im föhn / die wolken sind plastisch und faltig und schön“ (S. 54).

Die Motive, die Setz zu seinen Lyrik-Tweets anregten, sind vielfältig. Die Erinnerung an die Slapstick-Raufereien in den Western mit Terence Hill und Bud Spencer gehört ebenso dazu wie der Struwwelpeter oder die Tarotkarte der Zehn Stäbe (mit einer Reminiszenz an Rilkes berühmtes Panther-Gedicht – wobei seinerzeit der Panther im Jardin des Plantes in Wahrheit ein Leopard gewesen sein muss; aber das ist eine Erkenntnis aus einem anderen Buch von C. S., in diesem erwähnt er nur noch, dass er auch eins seiner „Hobbys, das Vertonen aller Tarotkarten für ein Musical“ auf Twitter verlegt habe). Weiters Ideen zu Büchern, Filmen, Theaterstücken; Textfunde und andere Trouvaillen; Emoji-Gedichte oder Gedichte über „kleine Wesen“, die 2019 im Knie des Autors wohnten (fotografisch dokumentiert); ein Gedicht im Dialekt; von anderen Tweets inspirierte Gedichte u. a. m.
Zusammenzufassen vielleicht unter: poetische Gelegenheitsgeschöpfe, im zweckfreien Spiel spontan und zwanglos entstanden, quasi Setz’sche „Lockergedichte“ (©Andreas Okopenko), deren Reiz auch in der leichtfüßigen Kombination von traditioneller Form, zeitgemäßem Wortmaterial, Alltagsatmosphäre und, salopp gesagt, ungewöhnlichen Ideen, Szenen und Bildern liegt, die gewitzt „den Spielraum des Geistes“ (©Klaus Peter Dencker) erweitern.

Ein ungereimtes Beispiel aus dem Setz’schen Experimentierlabor für Twittertexte fand auch seinen Weg auf den Buchumschlag – vielleicht, weil es den Tweets im 2. Buchteil ähnelt: „Saxophone – letztendlich nur Ritterrüstungen für Aale.“
Einleuchtend (wie von Dalí gemalt), nur: Verlassen die Aale wie eine Tonfolge, ein Melodienfluss irgendwann das Saxophon oder bleiben sie in ihrer Rüstung, so dass das Instrument verstummt? Aber ist ein stummes Saxophon noch ein Saxophon? Oder handelt es sich um geisterhafte Aale? Aber wozu brauchen die Rüstungen? Und so weiter … Schon ist man gefangen –

… und nutzt den wundersamen, lakonischen Saxophon-Tweet gleich als Überleitung zum 2. Teil, wo wir, aus Setz‘scher Perspektive, sieben Meister:innen in der „Disziplin der Twitterpoesie“ (C. S.) und ihren Stil kennenlernen.

Knapp, mit ein oder zwei Sätzen, auch Satzfragmenten und in trockenem Tonfall wird uns da oft Erstaunliches, Berührendes, Verwirrendes, Verspieltes, Nachdenkenswertes geboten und die Hürde der Orthografie gekonnt übersprungen (naja, eher: ab- und umgebaut, Effekt: Erweiterung der Lesarten, möglichen Bedeutungen). So arbeitete Setz‘ „Champion der Poesie“ alias Computerfan2001 – ihm widmet sich das 3. Kapitel – mit dem größtmöglichen Verzicht auf Satzzeichen, eigenwilliger Silbentrennung und radikaler Großschreibung:

Wer Mit Dem Internet Auf Wächst Denkt, Der Denkt ” Ich Möchte Da Rein” Aber Ich Sags’t Euch Leute Es Ist Da Drin Eine Kleine Hunde Welt – Co (S. 130)

Auch Kurt Prödel, der Verfasser „mysteriöser kleiner Szenen“ (C. S.) verzichtet auf Satzzeichen, setzt aber gezielt Paragramme ein, d. h. Verballhornungen: „Imseln“ (statt: Inseln), „weimen“ (statt: weinen) – eine Technik, in der es seine Kollegin Culotta alias DJ Lotti in ihrem Blog @donculotte zur Meisterschaft bringt, wenn sie „kraulen“ zu „kraulern“ verbessert und „Chips“ zu „Chirps“ (s. u.). Es sind hier minimale Änderungen, aus „n“ wird „m“ (das aussieht wie ein doppeltes „n“), ein „r“ wird als weiterer Buchstabe zwischen andere gesetzt, und schon blickt uns ein vermeintlich bekanntes Wort fremd an – und bringt damit quasi sein Umfeld ins Wanken und seine Leser:innen ins Denken:

Wenn man über Chirps läuft klingt fast wie Herbstlaub mit bisschen Fantasie ist das klar (S. 168)

Neben minimalistischen Eingriffen auf Wortebene – wozu z. B. auch weggelassene Kasusendungen und Artikel gehören (oder Doppelungen, wie bei Computerfan2001, der ein „3 D Gedurucktes Grab“ anführt und so den Druckvorgang lautlich nachahmt) – sind Ellipsen, d. h. Auslassungen von Wörtern oder Satzteilen, charakteristisch für die Twitterpoesie:

„Maulwürfe fake hol doch Gold oder Erz hoch wenn du schon in Erde wohnst“, heißt es bei @LunaticAbsturz (S. 128) – dessen unverkennbarer Ton im Kapitel „Unser Rimbaud“ gewürdigt wird. Elliptisches, fragmentarisches, stichwortartiges Schreiben rückt einen Text nicht nur näher ans – unmittelbarere – Sprechen heran, sondern beschleunigt und konzentriert auch eine Aussage, indem Wörter ausgespart werden, manchmal bis zur Rätselhaftigkeit.

„meine tweets sollen euch die brotkrumen sein die wo / hänsel und gretel nicht den weg nach hause gewiesen / hatten“, heißt DJ Lotti alias Culotta (S. 169). Hier gibt das zusätzliche, unnötige „wo“ im Tross des Relativpronomens dem Satz einen mundartlichen, „ländlich-simplen“ Anstrich, wodurch er unbeholfen, ja komisch wirkt. Auch das Märchenmotiv (gängige Assoziation: Kinder) passt zu diesem Eindruck – der sich sofort als Täuschung erweist. Ausgehebelt vom Wörtchen „nicht“, wendet sich das scheinbar Einfache, schwupps, ins Komplexe, führt die erst drollige, leicht verständliche Aussage in ein Denklabyrinth, aus dem es keinen logischen Ausweg gibt. (Gewissermaßen Ritterrüstung für Aale, d. h. ein Saxophon, das zugleich keins ist.)

Die in der Twitterpoesie angewendeten poetischen Verfahren sind, selbstredend, keineswegs neu und seit Jahrhunderten in der Literatur, vor allem der Lyrik präsent (ein Beispiel in der jüngeren Vergangenheit wäre z. B. Ernst Jandl, der wie die Twitterpoet:innen seinen Stoff im banalen Alltag fand und dessen bewusst lädierte Sprache als Spiegel einer lädierten Welt zu lesen ist; freilich noch keiner, in der die Lädierung digitalisiert wird) – doch müssen sie neu gelesen werden, als „Teil einer, wenn man es genau bedenkt, völlig neuartigen Lesekultur, die […] bis vor kurzem gar nicht existierte“ (S. 155). Schließlich formt das Medium die Message, ihre Schreiber- und Leser:innen. Was auch bedeutet: Monitor und Smartphone-Display statt Papier, digitale Unruhe statt analoger Geduld (im Idealfall), schneller Konsum statt ästhetischem Genuss. Die Kommerzialisierung des Internets ist, davon abgesehen, eine dem Postulat der spielerischen Zwecklosigkeit der Kunst zuwiderlaufende Einschränkung. Die man vielleicht nur noch auf Art der Twitterpoesie literarisch unterlaufen kann: mit poetischen, paradoxen Wortmeldungen, die sich wie Widerhaken in den Köpfen der Lesenden festsetzen, zumindest eine Weile lang (Literatur als subversiver Akt im digitalen Manipulationsraum?).

„Natürlich gibt es so etwas, in gewissen Spielarten, auch in der herkömmlichen Literatur. Nicht wirklich oft, aber doch hier und da“, schreibt Clemens Setz zu den Tweets von Culotta/DJ Lotti, in denen manchmal „Dinge (aufeinanderfolgen), deren Zusammenhanglosigkeit geradezu magnetisch aufgeladen scheint“, und erwähnt u. a. Pessoas Buch der Unruhe (S. 165 f.).

Weitere der mehr oder minder bekannten Namen, die Setz bei einzelnen Tweets assoziiert, sind etwa: der Vorsokratiker Empedokles, Sappho (wie bei Empedokles mit Textfragmenten), Jules Renard, Friederike Mayröcker, der Gugginger Dichter Edmund Mach u. a. m.
Wesentlich ist der Hinweis auf Gertrude Steins für die Literatur der Moderne bahnbrechende, sprachreflexive Arbeit und die Theorie des „New Sentence“ – bei dem entweder durch „Versetzung [eines Satzes oder Satzglieds] in einen neuen Kontext oder durch Kombination oder durch fruchtbare Missachtung der Grammatik“ (S. 148) sozusagen ein unauflösbares Paradox entsteht, dass sich weder in anderen Worten zusammenfassen lässt noch für das logische Denken greifbar ist. Also ein Satz, der Lesende immer wieder zu den Worten zurückleitet, aus denen er besteht – und damit zur Sprache selbst. Dass vom Denken unbelastete Automaten in diesem Sinn mitunter die schönsten poetischen Sätze liefern, war nie ein Geheimnis.

„Der Teig wird wie die Melonen“, twitterte der von zwei Bots betriebene Account KochkunstEbooks (S. 99) als würdiger Nachfahre all der Poesie-Automaten, die seit Jahrhunderten aleatorisch, per Zufallsprinzip oder -generator von Dichter:innen in Gang gesetzt wurden – oder, wenn man an Dada, den Surrealismus oder Burroughs Cut-ups denkt – simuliert wurden.

Um in der Twitterpoesie, als eigene ästhetische Kategorie, die Spuren der zunehmend digitalisierten Gegenwart (zumindest der bis 2023) auszumachen, braucht es nochmals einen Blick auf das Medium, das die Texte nicht nur in punkto Kürze prägt. Denn, der Autor erinnert daran, die Tweets eines Blogs folgten für ihre Leser:innen ja nicht unmittelbar aufeinander, wie in einem Buch, sondern sie waren einzelne Teile, Teilchen eines Streams aus Blogeinträgen, in dem die Posts eines Accounts von zig anderen abgelöst und unterbrochen wurden. Sie konnten demnach nur punktuell gelesen werden, in einer digitalen Umgebung (oft nebenbei und auf Smartphone-Displays), in der – wie u. a. der Philosoph Byung-Chul Han in seinem Essay Die Krise der Narration ausführt – alles als „Information“ rezipiert wird, waren sie kleine, irritierende Textinselchen, sorgfältig entworfene Augenblicke wider das (allzu) schnelle Vergessen.

Oder auch: kurze, konzentrierte Lebenszeichen einer Literatur, die sich dem ephemeren Medium Internet anpasst, mit Lakonie und Witz einen eigenen Tonfall kultiviert. Die Texte vieler Twitterpoet:innen, so Setz, zeichne eine „besondere Mischung aus Erzählwind und aphoristischer Atomisierung“ aus. Szenen, Bilder, Situationen, Gedanken werden sentenzartig mitgeteilt, mitunter als Frage, ins Netz gestellt, wo Veröffentlichung, Rezeption und Leser:innen-Reaktion im Sekundentakt aufeinander folgen können. Und Geschriebenes in einem Wimpernschlag ausgelöscht ist. Das jederzeit mögliche „Tabula rasa“ durchflimmert die Schrift auf dem Monitor, mag Schreibende beruhigen oder beunruhigen – im letzteren Fall wird man wohl seine Texte abspeichern. Oder drucken.

Umberto Eco hat wohl recht, denkt die Rezensentin. Und auch Clemens J. Setz. Aber wie wird es weitergehen, mit der Literatur und dem Internet? Passen beide überhaupt zusammen? Die Twitterpoesie weist einen Weg – aber was ist mit längeren, die Aufmerksamkeit ihrer Leser:innen länger beanspruchenden Texten? (Apropos: Sind Sie noch dabei?) Noch immer gilt Eszra Pounds Definition von Literatur als „Sprache, die mit Sinn geladen ist.“ Gute Texte, und dazu zählen die meisten der in diesem Buch zu lesenden Tweets, wurden in der Regel mehrfach bedacht und überarbeitet – wieder und wieder, um die Sprache zu konzentrieren, jedes unnötige Wort zu tilgen, jede unscharfe Formulierung zu schleifen.
Und dann trifft eine konzentrierte Sprache auf ein unruhiges Medium. Das zur Zerstreuung verlockt, und zur Zerstreuung von der Zerstreuung, dann von der Zerstreuung der Zerstreuung etc., kurz: zum Konsum …

Clemens J. Setz weiß (trotz seiner nicht immer ganz nachvollziehbaren Begeisterung für einzelne Tweets), dass von der Twitterpoesie keine Gefahr für die „herkömmliche Romanliteratur“ ausgeht: „Wir [gemeint sind Roman:autorinnen und ihre Leser:innen] leben eben noch immer Anfang des 20. Jahrhunderts, wo Bücher die Axt waren für das gefrorene Meer in uns“, schreibt er. Und aktualisiert Kafkas Metapher im nächsten Satz: Die „gefrorenen Meere“ seien alle längst geschmolzen und „anstatt mit der Axt sinnlos darin herumzupaddeln und zu -patschen, könnte man sich zur Abwechslung an DJ Lottis Poetik orientieren […].“ (S. 169)

Eine feine Metapher als Tipp an Kolleg:innen im Belletristik-Metier, beim Schreiben die Realität zu berücksichtigen, in der wir leben – eine Welt, die durch Internet und Digitalisierung nicht nur das Umfeld von Personen rapide verändert, sondern auch ihr gesamtes Innenleben, die Taktung ihrer, unserer Gedanken z. B. Literatur, bleibt notwendig, jedenfalls solange die Menschen die Sehnsucht nicht ganz vergessen haben (wie Nietzsches letzter Mensch). Ob sie in späteren Generationen gelesen wird?

Es braucht jedenfalls Sätze, Geschichten mit Widerhaken, die sich wie Memes in die Köpfe beamen und verbreiten. Denn in einem, denkt die Rezensentin, irrt Clemens J. Setz: Kafkas „Meere in uns“ sind längst nicht geschmolzen, im Gegenteil: Sie gefrieren mehr und mehr, während das Nördliche Eismeer der Außenwelt sich erwärmt. Plastik allerdings: innen wie außen. Dazu jeder: ein All im Fell. Bitte lesen.

Clemens J. Setz Das All im eignen Fell. Eine kurze Geschichte der Twitterpoesie
Bibliothek Surhkamp 1559.
Berlin: Suhrkamp Verlag, 2024.
192 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag.
ISBN 978-3-518-22559-2. 

Verlagsseite mit Informationen zu Buch und Autor sowie einer Leseprobe

Birgit Schwaner © Thomas Lehmann

Birgit Schwaner ist freie Autorin und Journalistin, geboren 1960 in Frankenberg/Eder (D), lebt seit 1984 in Wien. Sie studierte Germanistik und Philosophie; Veröffentlichung von Literatur seit 1994, zunächst in Literaturzeitschriften (Freibord, Sterz, Podium) und Anthologien, ab 2000 Hörspiele im ORF, ab 2007 Bücher. Mitglied bei: GAV, Literaturkreis podium, Galerie MAERZ. Seit 2019 Organisation der Sommerlesereihe des Literaturkreis Podium im Café Prückel, Wien.

Auszeichnungen (Auswahl): Siemens Literaturpreis, Österreichisches Staatsstipendium für Literatur, Stipendium der „Stiftung Künstlerdorf Schöppingen“ (Nordrhein-Westfalen); Werkzuschuss aus dem Jubiläumsfonds der Literar-Mechana; Österreichisches Projektstipendium für Literatur.

Einzelpublikationen (Auswahl):

  • Alice und Ich. Eine Erzählung (Klever, 2023)
  • Podium Porträt Nr. 108: Birgit Schwaner. Gedichte und Flaschenposten (hg. von Erika Kronabitter, Literaturkreis Podium, 2020)
  • Jackls Mondflug. Erzählung (Klever, 2017)
  • Polyphems Garten (Klever, 2013)
  • Held. Lady. Mops. Improvisation (Klever, 2010)
  • Lunarische Logbücher (Ritter Verlag, 2007)

Hörspiel / Radio:

  • 4 Hüte mit Frauen: 1 Frühlingswachen! Oder: Oh, hier flattert die Hülle des Lebens (Regie: Renate Pittroff, ORF/Ö1 2000)
  • Mondmaschine selbdritt (Regie: Lucas Cejpek, ORF/Ö1 2001)
  • Den Mond hierhin … (Regie: Renate Pittroff, ORF/Ö1 2003)
  • Don Schote und Rasinante (Regie: Renate Pittroff, ORF/Ö1 2004)
  • Hirnsegel, ahoi!, für Literatur als Radiokunst kuratiert von C. Zintzen, ORF/Ö1 2012)

Sachbuch / historischer Essay (Auswahl):

  • Die Wittgensteins. Kunst und Kalkül (Metroverlag, 2008)
  • Prinz Eugen. Portrait des Strategen als Kunstmäzen (Metroverlag, 2010)
  • Leopoldstadt. Insel mit vielen Gesichtern (Wartberg Verlag, 2014)

Theater / Musik:

  • Den Mond hierhin …, Einakter, UA beim 4viertel Festival / Persenbeug 2002, Regie: Renate Pittroff
  • Monolog eines Schädelzüchters, Text für die Theaterinstallation whispering bones, UA beim Klima-Wind-Kanal / Wien 2005, Regie: Renate Pittroff
  • Ich suche das Nachtgesicht, vertont von Erik Janson, UA im Rahmen der initiative neue musik Berlin 2004

Clemens J. Setz, geb. 1982 in Graz, wo er Mathematik und Germanistik studierte. Heute lebt er mit seiner Frau und seiner Tochter als Übersetzer und freier Schriftsteller in Wien. 2007 erschien im Residenz Verlag sein Romandebüt Söhne und Planeten. 2011 wurde er für seinen Erzählband Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Sein Roman Indigo (Suhrkamp) stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2012 und wurde mit dem Literaturpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft 2013 prämiert. 2014 erschien sein erster Gedichtband Die Vogelstraußtrompete (Suhrkamp). Für seinen Roman Die Stunde zwischen Frau und Gitarre (Suhrkamp) erhielt Setz den Wilhelm Raabe-Literaturpreis 2015. Drei seiner Stücke waren bei den Mülheimer Theatertagen eingeladen, zuletzt 2023 Der Triumph der Waldrebe in Europa.
2021 wurde er mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet; für den Roman Monde vor der Landung (Suhrkamp) erhielt er 2023 den Österreichischen Buchpreis. Zuletzt erschienen zwei Übersetzungen aus dem Englischen ins Deutsche – Zach Williams Erzählband Es werden schöne Tage kommen (dtv, 2025) und Anne de Marckens Zombieroman Es währt für immer und dann ist es vorbei (Suhrkamp, 2025) – und der Band Das Buch zum Film (Jung und Jung, 2025).

 

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