#Roman

Eliade

Alfred Goubran

// Rezension von Johanna Lenhart

Ein Netz, aufgespannt zwischen sieben Bänden: Anlässlich des sechzigsten Geburtstags von Alfred Goubran hat der Braumüller Verlag die sieben Bände der Eliade in einem Schuber zu einer Gesamtausgabe versammelt. Es sind sieben Bände, an denen Goubran mehr als zwanzig Jahre gearbeitet hat: sieben literarische Formen, sieben Figurenkonstellationen, sieben Erkundungen eines spinnwebenhaften Netzes aus Geheimnissen, Verstrickungen, Freundschaft, Familie und Unglück.

Obwohl die einzelnen Bände der Eliade auch für sich stehen können, entfaltet sich ihre volle Wirkung erst im Zusammenspiel aller sieben. Im Zentrum drehen sie sich um vier Männer, die unterschiedlich in den Fokus genommen werden: Aumeier, Münther, Muschg und Elias. Aumeier, ein Schriftsteller, der Kulturjournalist Münther und Muschg, ein Theaterdisponent, verbindet eine wechselhafte Freundschaft. Elias steht, so glaubt man zunächst, außerhalb dieser Gruppe. Erst nach und nach werden die diversen Verbindungen – geheime und andere – sichtbar. Elias ist auch die Figur, deren Entwicklung am konsequentesten nachverfolgt wird und der den Leser:innen in verschiedenen Momenten seines Lebens aus unterschiedlichen Perspektiven nahegebracht wird: Wie der Titel Eliade schon sagt, ist es seine Reise, die hier immer wieder im Zentrum steht und einen der vielen Knotenpunkte bildet.

Verbunden mit den vier Männern sind vier Frauen, die sich zumeist vor allem durch ihre Rätselhaftigkeit auszeichnen: Die bekannte Theaterschauspielerin Anna Kerf, die mit Münther liiert ist, Terése, die im Laufe der Zeit eine Beziehung mit Aumeier eingeht, Isabel, Wissenschaftlerin und Elias‘ spätere Frau, und Franziska, eine undurchsichtige Gestalt, die einst mit Isabel befreundet war und nun als Bedienstete bei ihr arbeitet. Sie alle sind durch „ein feines Schicksalsgespinst verbunden, das erst nach und nach sichtbar wird und den Umriss eines gewaltigen, an manchen Stellen monströsen und spannungsgeladenen Kosmos freilegt.“ (Gmünder, S. 11), wie der Literaturwissenschaftler Stefan Gmünder in der kurzen aber feinen Handreichung Über Alfred Goubrans Eliade (2024), die die sieben Bände begleitet, feststellt.

Dieses siebenbändige opus magnum ist dabei nur eines der Projekte, die Alfred Goubran verfolgt. Als umtriebiger Autor auch von Lyrik und Essays (etwa Kleine Landeskunde, 2012, über die österreichischen Zustände), Verleger der edition selene, die bis 2010 zahlreiche prägende Stimmen der österreichischen Kulturszene veröffentlichte – von Fritz Ostermayer und Hermes Phettberg bis zu den ersten Veröffentlichungen von Stermann & Grissemann –, als Übersetzer (zuletzt Max Perutz und das Geheimnis des Lebens, 2022) sowie als Musiker mit seinen Projekten [goubran] und NABIL bewegt sich Goubran in unterschiedlichsten kulturellen Sphären.

Mit der Veröffentlichung der letzten zwei Bände der Eliade 2024, beendet er nun ein Romanprojekt, das mit dem ersten Band Aus. (2010) begann. Aus. verfolgt die Gedanken von Münther und Muschg auf dem Heimweg von der Beerdigung von Münthers Tochter – bedrückender- und bezeichnenderweise findet zwischen den beiden kaum Kommunikation statt, vielmehr werden abwechselnd die Gedankenströme der beiden monologisch geschildert. Ein Auftakt, der eine erste Ahnung von dem Geflecht rund um Münther, Muschg, Aumeier und Elias, in das man in den weiteren Bänden eintauchen wird, vermittelt.

Der 2014 erschienene, von Gothic Novels inspirierte zweite Band Durch die Zeit in meinem Zimmer bringt die Leser:innen erstmals mit dem jungen Elias in Berührung – mit seinem Aufbruch in die Welt und seinem Eintritt in die Sphäre der Familie Schwarzkogler. Dabei führt der Roman auch zur Essenz dieser Familie: das rätselhafte Haus, das das „Schwarze Schloß“ genannt wird. Es ist ein Ort voller Geheimnisse, vager Bedrohung und stiller Macht – der Ort einer Familie, die nicht nur Elias’ Schicksal, sondern auch jenes der drei anderen Figuren bestimmen wird.

Tiefer hinein in die Umtriebe der Familie Schwarzkogler führt Goubran mit dem darauffolgenden Das letzte Journal (2016): Präsentiert als Tagebuch von Aumeier, dreht es sich um das Wiederaufflammen der Beziehung mit seiner großen Liebe Terés. Eine Beziehung, die einst vom alten Schwarzkogler, dem mafiösen Familienoberhaupt, torpediert wurde und so eine erbitterte Feindschaft zwischen Aumeier und Schwarzkogler ausgelöst hat: Aumeiers Ambition ist es seither, dessen Machenschaften aufzudecken – ein gefährliches Unterfangen.

Herz. Eine Verfassung (2017) stellt daraufhin den vierten im Bunde ins Zentrum, den Theaterdisponenten Muschg. Erzählt in einem einzigen Satz, berichtet dieser von seinem Dasein in einer experimentellen Abteilung einer Psychiatrie und von seinen Auseinandersetzungen mit dem „großen BlaBla“, dem medizinischen Leiter der Station, der den Leser:innen bald wiederbegegnen wird.

Auf Herz folgt die Erzählung Die Hoffnungsfrohen (2023), die vom Leben des jungen Elias als Bibliothekar im Schwarzen Schloß erzählt, seiner beginnenden Beziehung mit Isabel, der Tochter des Hauses, sowie sein langsames Eintauchen in deren Welt mitsamt den dazugehörigen kruden, pseudowissenschaftlichen Umtrieben. Die beiden letzten 2024 erschienenen Bände Der große BlaBla und Elias, begeben sich noch tiefer in die Welt von Elias und dem Schwarzen Schloß. Der große BlaBla erzählt in Form eines Berichts von Elias, der inzwischen zum Leiter der Psychiatrie aus Herz und damit zum „großen BlaBla“ höchstpersönlich avanciert ist. Der abschließende Band Elias dagegen, kehrt schließlich noch einmal zu dessen Jugend zurück. Ein fiebriger, drogengeschwängerter Roadtrip durch Brasilien – eine Reise, die zu jenen Entscheidungen führt, deren Konsequenzen sich in den vorangegangenen Bänden offenbart haben: Der Kreis schließt sich.

Das Reisen ist nicht nur in Elias, sondern auch in den anderen Bänden ein zentrales Motiv, eng verbunden mit einer starken Fokussierung auf die räumliche Orientierung und Desorientierung der Figuren. Es sind Reisen wie jene nach Brasilien, aber auch solche, die die Figuren an die Schwelle zum Jenseits führen oder an die Grenze zwischen Wirklichkeit und einer parallel existierenden anderen Welt. Einer der wichtigsten Räume, an denen diese Reisen (vorbei-)führen, ist das Schwarzkoglerische Anwesen, das Schwarze Schloß, das sich, eigenartig der Welt entrückt, nicht nur in der Landschaft sondern auch im Bewusstsein der Figuren auftürmt. Ein Haus voller rätselhafter Geheimgänge, mit Sarkophagen im Keller, Gewächshäusern mit psychotrop wirkenden Pflanzen und einer riesigen Bibliothek mit Büchern zu esoterischem Wissen – ein instabiler Ort, der sich den Figuren manchmal öffnet und dann wieder verschließt. Ein enthobener Ort, wie Elias überlegt, als er das erste Mal in dessen Bann gerät:

„Wie weit doch all das von seinem Zimmer und Wolfgangs Jazzcafé entfernt war. Und doch hatte es immer existiert. Gleichzeitig. Man mußte nur das Gleis wechseln … Und er dachte daran, während er durch den Schnee stapfte, wie viele solcher Parallelwelten und -realitäten es doch gab und wie viele er davon noch erfahren würde, obwohl sie jetzt, in diesem Moment schon existierten. Und die er sich nicht einmal vorstellen konnte … wie er sich aus der Kleinstadtenge heraus die Wirklichkeit dieses Ortes, des Schwarzen Schloßes oder des Dorfes nicht hatte vorstellen können. ‚Das Leben ist immer mehr als die Vorstellung, die wir davon haben – die Karte ist nicht das Land‛, murmelte er im Weitergehen vor sich hin. Ein Zitat, ein Satz, den er irgendwo aufgeschnappt hatte.“ (Durch die Zeit in meinem Zimmer, S. 187f.)

Ein Zitat, das sich wohl auf die Schriften des polnisch-amerikanischen Autors und Philosophen Alfred Korzybski (1879-1950) und dessen Beobachtung „The map is not the territory“ bezieht, die die häufige Verwechslung von abstrakten Konzepten (wie einer Landkarte) und deren tatsächlicher Umsetzung oder realer Manifestation, etwa als Landschaft, beschreibt. Diese Unmöglichkeit, ‚Realität‘ als Ganzes zu erfassen als etwas, das über die eigene Wahrnehmung und Vorstellung, über das eigene Konzept von etwas, hinausreicht, ist eines der zentralen Themen, um das die Eliade kreist:

„Wir sind aus solchen Gegenwarten zusammengesetzt. Das Facettenauge des Bewußtseins blickt gleichzeitig nach innen und außen, das ist der stereoskopische Blick, der Raum, in dem wir Ich sagen, in dem wir wissen und der unser Verhalten bestimmt.
Das Facettenauge des Bewußtseins besteht aus abertausend Gegenwarten, Einzelaugen, die erlöschen, sich wieder beleben oder durch neue ersetzt werden. […] Träume und Geschichten,Erzähltes und Gehörtes, das wir geglaubt und uns eingebildet haben, mengen sich in unsere Biographie und bestimmen unser Selbstbild. Vortäuschung von Anwesenheit. Gefälschte Gegenwart. Sollbruchstellen. Dem entgeht niemand.“ (Die Hoffnungsfrohen, S. 55f.)

Gefälscht ist die Gegenwart, da der Mensch in seinem „egozentrischen Weltbild[es]“ (Der große BlaBla, S. 202) davon ausgeht, dass die eigene Wahrnehmung der Welt sich mit der Wahrnehmung anderer deckt und allgemein gültig ist, wenn in Wahrheit doch Wirklichkeiten parallel existieren und Wahrnehmung immer nur partiell, in Splittern, stattfinden kann.

Vor diesem Hintergrund ist es nur konsequent, dass es in der Eliade vor Doppelungen und Doppelgängern nur so strotzt und genauso konsequent ist es, dass, wie Stefan Gmünder bemerkt, sie alle „gleich wahr“ (Gmünder, S. 43) sind: das ‚Original‘, der Doppelgänger, Fantasie, Realität, die eigene Wahrnehmung und die anderer. Dass die Figuren dabei immer wieder auf verschiedene Muster stoßen, dass nach und nach verschiedene Komplotte voller genealogischer Verwirrspiele, Verstrickungen in die NS-Geschichte und andere dunkle Geheimnisse – „Konstellationen, Verflechtungen, Fügungen, Lügen shakespearischen Ausmaßes“ (Das letzte Journal, S. 313) – aufgedeckt werden, fügt sich genauso lückenlos in das Gesamtbild ein: Im Hintergrund ist immer etwas im Gange, von dem man nichts geahnt hat. Dabei sind dies Geheimnisse, die nicht zuletzt auch ein Psychogramm eines Österreichs sind, das Kapitel der NS-Vergangenheit unter den Teppich kehrt und in der einzelne Familien wie die Schwarzkoglerische das Sagen haben.

Alfred Goubran spannt mit der Eliade so eine in vielen Farben oszillierende Welt auf, die immer wieder an ihre Grenzen stößt, an denen sie ausfranst und undeutlich wird, wo sie abschweift in esoterische Gedankenwelten und philosophische Abgründe. Die Eliade ist vieles zugleich: Entwicklungsroman, Abhandlung über Wahrnehmung, Wissen und Wissenschaft, Erzähltheorie, Thriller und Liebesgeschichte. Was für die Figuren gilt, gilt auch für die Eliade selbst: Alles ist möglich, alles ist wahr und alles ist gleichzeitig.

 

Johanna Lenhart, Studium der Germanistik und Vergleichenden Literaturwissenschaft in Wien. 2017-2022 OeAD-Lektorin an der Ain-Shams-Universität Kairo, Ägypten, und an der Masaryk-Universität Brno, Tschechische Republik; 2022-2024 externe Lektorin an der Masaryk-Universität; seit 2023 beim Ars Electronica Festival im Projektmanagement im Bereich Demokratiebildung tätig; Redaktionsmitglied der Fachzeitschrift medienimpulse. Beiträge zur Medienpädagogik. Forschungsschwerpunkte umfassen u. a. österreichische Literatur der Gegenwart, Comic sowie Genreliteratur und -film.

Alfred Goubran Eliade.
7 Bände im Schuber, limitierte Ausgabe, gestaltet von Nicolas Mahler mit einem Kommentarband von Stefan Gmünder.
Inhalt des Schubers:
Aus. (2010),
Durch die Zeit in meinem Zimmer (2014)
Das letzte Journal (2016)
Herz, Eine Verfassung (2017)
Die Hoffnungsfrohen (2023)
Der große BlaBla (2024)
Elias (2024)
Über Alfred Goubrans Eliade von Stefan Gmünder (2024)
Wien: Braumüller Verlag, 2024.
ISBN 978-3-99200-368-6.

Verlagsseite mit Informationen zu Buch und Autor

Homepage von Alfred Goubran

Rezension vom 12.08.2025

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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