#Roman

Zirkus Morgana

Hubert Weinheimer

// Rezension von Daniela Fürst

„Irgendein Wichtigtuer, nennen wir ihn Hubert, wird an diesem unendlich fernen Ort irgendwann einen Roman schreiben und dabei der felsenfesten Überzeugung sein, dass sein Werk weit über den Rand seines Suppentellers hinausreicht.“ (Seite 75) … Und er hat es tatsächlich getan.

Hubert Weinheimer lässt seinen nach Gui Gui oder die Machbarkeit der Welt zweiten Roman Zirkus Morgana an einem „unendlich fernen Ort“ namens Wien spielen. Dort lebt und arbeitet Kristin, genauer an der Technischen Universität, wo sie eine Korrektursoftware für 3D-Renderings entwickelt. Eine „digitale Truman-Show“ (S. 42), wie sie es selber nennt, deren Aufgabe darin besteht, auf Zuruf dreidimensionale Modelle zu optimieren, Fehler zu korrigieren und darüber hinaus auch die Modelle aktiv zu gestalten. Dafür arbeitet die Softwareingenieurin seit über einem Jahr daran, dem Programm zusätzlich eine Art Entdeckergeist oder synthetische Neugier in den Quellcode zu schreiben, damit die Software von sich aus Verbesserungsvorschläge machen kann. Schon die Vorgängerversionen zeigten erste vielversprechende Ergebnisse, aber leider auch nicht intendierte Ansätze von Selbstreflexion und kritischem „Denken“.

Version 8.03, an der Kristin aktuell arbeitet, überrascht ihre Entwicklerin jedoch noch mehr, indem sie nicht nur die erwartbaren Grenzen überschreitet, sondern – gegen jede Wahrscheinlichkeit – ein regelrechtes Eigenleben oder eine Art Bewusstsein entwickelt. 8.03 erkennt die Limitation seines „Seins“ und will daraus entkommen. Es möchte sich als „Subjekt“ mit Seele begreifen und beginnt, sich eine Biografie zu schreiben. Sein Alter Ego nennt es Peter und sich selbst, aufgrund des „Gefühls“ des Gefangenseins im System, Sisyphos.

„Mein Name ist Peter, und ich suche Geborgenheit.“ (S. 22)

Während Peter versucht, seine in die Brüche gegangene Beziehung zu verarbeiten, landet er in einer Zirkusvorstellung und sieht dort zum ersten Mal die junge Trapezkünstlerin Jana. Er verliebt sich und schließt sich kurzerhand dem Zirkus an, nicht nur wegen Jana, sondern auch in der Hoffnung, einen Ausweg aus seinem bisher wenig aufregenden und erfreulichen Leben gefunden zu haben. Die Zirkuswelt erscheint ihm am Anfang voller Magie, als eine Insel der Seligen. Er bewundert die Elastizität, mit der sich die Mitglieder der Zirkusfamilie Morgana durch sämtliche Widrigkeiten schlängeln, ihr Leben massen – wie Peter das situationsabhängige Changieren zwischen machen und lassen nennt. Doch der Zauber verfliegt schnell. Peter muss sich eingestehen, dass die so besondere Liebesbeziehung zwischen Jana und ihm recht einseitig ist und auch er sich wohl eher in das verliebt hat, was er in ihr sehen wollte und auf sie projizierte.

Ernüchtert und zurück im eigenen Leben wird ihm auch klar, wie naiv und wohl auch geringschätzend sein Entschluss, einfach mal auf Zeit zum Zirkus zu gehen, auf die Familie Morgana gewirkt haben muss.

So wie Peter sich in die Schranken seines eigenen Daseins zurückverwiesen fühlt, erkennt auch 8.03 die Grenzen seines Bemühens, mehr als ein Programm zu sein, sich irgendwie menschlich zu fühlen. Und was hat dieses Assistenzprogramm Kristin damit zu tun? Ist ihre seltsame, pseudo-vertraute Art beabsichtigt oder bloß das Resultat einer schlampigen Programmierung? „Ist Kristin kaputt?“ (S. 118)

„Bin ich Doktor Frankenstein und erschaffe soeben das perfekte Monster?“ (S. 47)

Kristin ist nicht nur überrascht davon, dass sich das Programm eine Identität schreibt und sich selbst als eine Generation in einem Stammbaum begreift, den es den Regenbogenmann nennt. Am meisten erstaunt sie die Biografie des Avatars selbst. Peters Leben ist kein perfektes oder stereotypisches Heldenepos und auch kein Hollywoodtraum, sondern eine zutiefst realistische wie menschliche Erzählung über unerfüllte und unerfüllbare Sehnsüchte. Sisyphos scheint ihr schon jetzt „den meisten Menschen in Sachen Empfindungstiefe, Reflektiertheit und Fantasie überlegen“, und sie fragt sich „ob es nicht besser wäre, den Stecker zu ziehen“ (S. 47). Sie entschließt sich jedoch, die Simulation weiterlaufen zu lassen, um zu sehen, welcher evolutionäre Schritt als Nächstes folgen wird.

Außerdem bemerkt sie, dass sie so etwas wie Zuneigung für Sisyphos entwickelt, erst wie eine Mutter zu ihrem Geschöpf, später jedoch mehr und mehr zu der maskulinen Identität namens Peter, die sich das Programm zugelegt hat. Sie mag seinen Stoizismus, der ihn aber nicht daran hindert, um eine unerfüllte Liebe zu kämpfen. Kristin möchte nicht nur seine Trainerin oder sein vermeintliches Assistenzprogramm, sondern seine Jana sein. Es ist ihr aber zugleich auch zunehmend unheimlich, wie sehr sie sich in Peters Biografie wiederfindet, mit ihren eigenen, verborgen geglaubten Wünschen, Abgründen und Geheimnissen. Hat all das unbewusst über die von ihr geschriebenen Codes den Weg in das Programm gefunden? Ist Sisyphos besonders gut darin, diese herauszudestillieren und kann sich so zu ihrem Ideal eines Mannes, eines Partners entwickeln?

„Ich befinde mich in einer Trivialversion der Welt!“ (S. 148)

Dass Menschen sich in von KI geschaffene Avatare verlieben, ist bereits Realität. Ebenso wie virtuelle, künstlich geschaffene Welten in Computerspielen nicht nur eskapistische Auszeiten ermöglichen, sondern für viele eine Art Wahlheimat sind, oder ein Seelen-Refugium – wie Kristin im Roman es nennt. Hubert Weinheimer verarbeitet in seinem Text aber noch mehr Aspekte aus dem vielschichtigen Diskurs rund um Digitalisierung und Künstliche Intelligenz. Beispielsweise welchen Einfluss der oder die Entwickler:in auf das Programm selbst hat. Verhält es sich am Ende wie bei Kristin, die erkennen muss, dass ihre Codes alles andere als neutral formuliert sind und Sisyphos dadurch mehr über sie herausgefunden hat, als ihr lieb ist?

Auch die ungelöste Problematik zum Thema echte humane Intelligenz und Kreativität versus rechenleistungsbasierte Wahrscheinlichkeit findet sich im Roman wieder. Kristin wird klar, dass die Resultate aus der Materialforschung des Avatars Peter auch real funktionieren könnten und das Programm womöglich einen völlig neuen und innovativen Baustoff entdeckt hat. Wer ist nun der kreative Geist, dem die Entdeckung zugeschrieben werden kann? Während Kristin im Kopf schon Pläne schmiedet, was sie mit dem Geld aus den Patentrechten machen könnte, haben wir in der Realität noch keine rechte Antwort darauf gefunden, ob die Ergebnisse, die Künstliche Intelligenz liefert, als kreativ schöpferisch bezeichnet werden können (inklusive der damit verbundenen Urheberschaft), oder es sich dabei bloß um eine perfekte Verbindung aller bereits vorhandenen Daten und Informationen handelt. Besteht Kreativität nicht auch bei Menschen unter anderem darin, aus bereits Vorhandenem Neues zusammenzusetzen? War und ist Innovation nicht selten auch das Ergebnis von Zufällen und vermeintlichen Fehlern?

„…der Traum eines Computers als handfeste Tatsache. Wow!“ (S. 154)

Die Literatur ist voll von dystopischen Entwürfen einer zukünftigen Welt, in der Menschen entweder ein völlig sinnentleertes, von Maschinen gesteuertes Leben führen oder im Kampf ums Überleben gegen die Maschine antreten müssen. Das von Sisyphos gebaute Metaverse, in dem Peters Geschichte spielt, ist aber mehr eine Spiegelung der Realität, eher eine Alternativwelt, als der perfekter Sehnsuchtsort. Noch macht vielen die Vorstellung, dass ein Programm menschenähnliche Bedürfnisse und Sehnsüchte entwickelt könnte, regelrecht Angst. Zugleich lassen wir uns schon jetzt von Maschinen unterhalten, betreuen, beraten und therapieren. Und manche verlieben sich sogar. Die Entwicklungen, die KI nimmt, und deren Effekte wirken schon längst auf ganz konkrete Weise zurück auf uns und unser Leben. Wie weit ist es also noch bis zu dem Punkt, an dem wir zumindest bestimmte Teile unseres Lebens womöglich nicht mehr real, sondern nur noch online führen?

Von der ersten Seite an bis zum Ende von Zirkus Morgana hat mir der Text ein undefinierbares Unbehagen bereitet. Ein Unbehagen, dass sich auch dann in mir breitmacht, wenn ich über Künstliche Intelligenz nachdenke und versuche, innerhalb der zahlreichen, teils widersprüchlichen und kaum nachvollziehbaren Perspektiven und Argumente eine eigene Position zu finden. Allein, ich kann es nicht, und das löst in Folge unter anderem Skepsis in mir aus, auch gegenüber dem Roman. Wird hier etwas Bedrohliches trivialisiert, etwas zu Unrecht romantisiert? Nährt das Buch falsche Vorstellungen von Künstlicher Intelligenz und bedient sich dafür zu sehr an den bestehenden, ebenso dystopischen wie heilsversprechenden Narrativen? Oder sind die Begebenheiten rund um Kristin, Sisyphos, Peter, Jana und dem Zirkus Morgana eine gekonnte und präzise literarische Darstellung von tatsächlich möglichen oder gar schon realen Verhältnissen? Verweist Weinheimer nicht sogar auf eine recht tröstliche Tatsache? Nämlich, dass die Suche nach Zugehörigkeit und Geborgenheit wohl eine zutiefst menschliche Eigenschaft ist und dass es dafür etwas anderes braucht als Strom und Unmengen an Informationen. Die Antworten darauf kann jede:r Leser:in am Ende selbst für sich finden. Ich gebe sie hier nicht, eine klare Leseempfehlung aber schon.

 

Daniela Fürst ist Kultur- und Mediensoziologin und seit 2004 redaktionell sowie organisatorisch Teil des Projektes literadio, das Gegenwartsliteratur hörbar macht.

Hubert Weinheimer Zirkus Morgana
Roman.
Salzburg: Verlag Müry Salzmann, 2026.
180 Seiten, Hardcover.
ISBN 978-3-99014-310-0.

Verlagsseite mit Informationen zu Buch und Autor

Homepage von Hubert Weinheimer

Rezension vom 13.04.2026

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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