„Poesie ist Werden“ kann man als Titel und Thema über diesen im Ritter Verlag erschienenen Prosaband stellen (vgl. S. 78) oder die Erläuterung gleich dem Autor überlassen: „Es geht beim Schreiben darum, den Kopf und das Herz zu erreichen, und es geht beim Schreiben darum, den Kopf und das Herz zu überschreiten.“ (S. 31) An den Grenzen von Sprache, Sein und Nichtsein, zwischen Erleben und Reflexion bewegt sich Dieter Sperls Text, sein prosaisches Ich in einer kontemplativen Haltung zur Welt, deren Teil und Beobachter es ist.
Auf verschiedenen sprachlichen Ebenen beschäftigt sich der in Wien lebende Autor damit, was Literatur und Sprache können und sind, untersucht die Versprachlichung von Wahrnehmung, die Rezeption von Texten. Er entlarvt Sprache als Konstrukt, Bindeglied, Kalligrafie unserer Existenz. Worum es ihm geht, zeigt er selbst auf:
„Sämtliche vorgefundene Denk- und Wahrnehmungsmuster befragen, auseinandernehmen, neu zusammensetzen, alles aufnehmen, nichts ausschließen, die verknöcherten Verhaltensformen, Denkformen, Schreibformen aufbrechen, um uns selber aufzubrechen.“ (S. 79)
In dieser Façon variiert der Text zwischen einzelnen Sätzen, kurzen Aussagen und Absätzen, Versatzstücken und längeren erzählenden Passagen ebenso wie zwischen Nähe und Distanz der darin vorkommenden Perspektiven. Er oszilliert zwischen kurzen Beschreibungen alltäglicher Bilder, Szenen und Momente, Traumsequenzen, Gedanken- und Wortspielen, Dialektausdrücken, Dialogen, Reflexionen, Wortsammlungen, Zeitungsartikeln und abstrakten Fotografien des Autors, die (bis auf ein historisches Porträt dreier Menschen) den Textfluss wie Hintergrundmalereien begleiten und als Projektionsflächen fungieren.
Manche der Absätze haben kursiv gesetzte Titel – Literatur meint (S. 19), Und weiter (S. 39), Fortsetzung (S. 73), Und dann (S. 54) – die, wie einzelne Wiederholungen, selbstreferenziell wirken: “Ich verstand nicht und trat einige Meter zurück.” (S. 25 und 31) Mittels dieser und einer harmonischen Anordnung der unterschiedlichen Satz- und Textlängen kreiert Sperl einen gleichmäßigen Duktus in einem weitläufigen Sammelsurium an Wortgefügen und Inhalten.
Die Anwendung des steirischen Dialekts („Dey schwoarzn Schuah san so oidfadrisch!“, S. 80) sowie regelmäßiger Wortsammlungen („Kreuzotter, Silberdistel, Mostbirne“, S. 45, „Firlefanz, Tintenklecks, Party-Löwe“, S. 49) schenken dem Text historisches Lokalkolorit. Dialektausdrücke werden ähnlich einer Fremdsprache gebraucht und auf ihre Bewandtnis, ihr sprachliches Gewebe abgeklopft: „Ich habe heute Spatzen vom Grabherrichten und Grasauszupfen.“ (S. 23) Ab und zu scheint ein englischer Ausdruck auf.
Auch Zeitungsartikel, die zum Teil absurd anmuten, finden sich in dieser vielschichtigen und reichhaltigen Collage, wie etwa auf S. 30, wo der Cold Case zweier in Tschechien vermisster oberösterreichischer Freunde beschrieben wird. Der Autor kennzeichnet Nachrichten nicht als solche und lässt sie in Eigenem aufgehen, die beiden Protagonisten etwa tauchen namentlich in der Widmung am Ende des Buches auf: Die Grenze zwischen Text, Sprache und Wirklichkeit verschwindet.
Cut-outs und Bewusstseinsebenen
Sperl trachtet danach, zu verstehen, wie Erinnerung, Gedächtnis, Denken und Sein funktionieren, wie sich Bewusstsein formt, indem er erfundene Gespräche weiterspinnt oder bekannte Sprüche aufdröselt und hinterfragt. „Es ist alles hundertmal gesagt worden und es half alles hundertmal nichts.“ (S. 55)
Assoziativ verbindet er Kindheits- und Altersbilder, Szenen im dritten Wiener Gemeindebezirk oder mit Familienangehörigen in der steirischen Provinz – wie die Beschreibung eines Friedhofsbesuchs zu Pfingsten (S. 33) – mit Meditationen zu Sein und Vergänglichkeit.
„Wenn wir aus dem hauptsächlich aus Begierden und Angst generierten Lebensrausch aufgewacht sind, ist die Welt ganz still und schön.“ (S. 48)
Es gibt Traumnotizen und Erinnerungen, wobei sich die Frage stellt, um wessen Träume und Erinnerungen es sich hier eigentlich handelt. Fantasiefiguren („Otto Kaputzi, Remy Martini, Happy Mac Snake“, S. 59) tauchen mehrmals innerhalb und außerhalb dieser Träume auf, sie lassen den feinen Humor des Autors durchscheinen, der sich und seine Betrachtungen nicht allzu ernst zu nehmen scheint:
„Wozu mir das einfällt, weiß kein Mensch.“ (S. 127)
Die treibenden Zustände, die Sperl beschreibt, spiegeln sich in der Form seines Schreibens wider. Alles ist Teil und vollkommenes Ganzes, existiert in Beziehung, in einer Gleichzeitigkeit und Egalität, das Absurde ebenso wie das Heilige, der Text ebenso wie sein Publikum:
„Aber was, wenn es niemanden gibt, dem du deine Geschichte erzählen kannst?“ (S. 124)
Niemanden und nichts möchte der Autor in eine Richtung drängen, das wird als sein Selbstauftrag sichtbar, sieht er sich doch eher als „eine Art Traumjäger“ (S. 61), wenn er sich und anderen überhaupt ein existierendes Selbst zuspricht („während das Ich selbst unauffindbar ist“, S. 54).
Am Ende löst sich auch die Sprache auf, wird Erleuchtung als „die vollkommene Abwesenheit jeder Erzählung“ gesehen, die jedoch nicht angestrebt werden kann, sondern „vom Frühlingswind herbeigetragen“ wird (S. 32). „Alles, was wir tun“, so der Autor, „ist letztlich eine Frage unserer Entschiedenheit und Hingabe.“ (S. 51)
Dieter Sperl hat mit Vom Festhalten und Loslassen der Welt in Jahreszeiten eine multidimensionale und multimediale Collage aus vielfältigen Text- und Mediensorten geschaffen, die Seins-, Sprach- und Textebenen analysiert und reflektiert. Ein Buch, das – in Häppchen, immer wieder gelesen – zum Nachdenken anregt, belustigt, verzaubert.
Marianne Jungmaier ist Autorin von Lyrik, Prosa und Romanen. Zuletzt erschienen die Reiseerzählungen Kontinentaldrift (2026, Otto Müller Verlag). www.mariannejungmaier.com
