#Essay

Sisyphos auf dem Plateau

Leopold Federmair

// Rezension von Alexander Peer

Leopold Federmair hat mit Sisyphos auf dem Plateau buchstäblich ein Lesebuch vorgelegt. Ein Buch, das Lektüreerfahrungen untersucht, assoziativ und sprunghaft durch die Literaturgeschichte braust, begutachtet, vergleicht und Erzählmotive erkundet. Dabei kümmern ihn weder Epochengrenzen noch kontinentale oder sprachliche Einhegungen – er feiert die Lust am Text.

Dieses Buch ist streng subjektiv und hochgradig fragmentarisch. So entsteht ein Panorama, das mich an einen Vergleich Sigmund Freuds erinnert, der die menschliche Psyche in Analogie mit der Struktur von Rom setzt ‒ wo Zeugnisse unterschiedlichster Epochen und Stile nebeneinander und gleichzeitig existieren. So wie sich Erlebnisse und in ihrem Schlepptau die Erinnerungen daran weder chronologisch noch thematisch ordnen, sondern einander durchdringen und unvermutete Bindungen eingehen, so liest sich Sisyphos auf dem Plateau. Man kann sozusagen durchs Forum Romanum gehen und dabei an der Renaissance vorbeischlendern.
In Federmairs Essayband durchdringen die Schichten des Lesens einander. So nimmt das, was als nicht zusammengehörig erscheinen mag, doch eine Verbindung miteinander auf und stößt Gedanken an, die anders gar nicht möglich wären. Vielleicht stürmt deshalb Freud meine innere Bühne, weil im Titel die Wörter „Plateau“ und „Sisyphos“ auftauchen und beide gleich eine Reihe an Assoziationen in Gang setzen.

Habe Mut, dich deines Eigensinns zu bedienen!

Der Psychoanalytiker Guattari hat 1980 den Band Tausend Plateau gemeinsam mit dem Philosophen Gilles Deleuze veröffentlicht. Das darin ausgestaltete vagabundierende Denken, ein unterfüttertes, widerborstiges Gegen Alles öffnet einen Raum der eigenwilligen Leseweisen und kann – je nach anarchischer Laune oder auch Tagesverfassung – durchaus auch dem Federmair-Band attestiert werden. Zumal der Untertitel transversale Reisen durch romanhafte Welten genau dieses Querdenkertum apostrophiert. Eine seinerzeit wohlgelittene Art des Denkens, die ihren ausgezeichneten Ruf erst durch die – gehaltvollen oder auch platten – Diskurse über einen unsichtbaren Gegner namens Covid und die dadurch überdeutlich sichtbar gewordene Überforderung des vermeintlich souveränen aufgeklärten Menschen eingebüßt hat – seitdem ist Querdenken angezählt, obwohl es rein semantisch letztlich doch antinormativ bleibt und damit eine der wesentlichen Triebkräfte aller Anschauungsdisziplinen darstellt: Man mag dabei Kant paraphrasieren und appellieren, „habe Mut, dich deines Eigensinns zu bedienen“. Man kann die Diagnose „Long Covid“ auch erweitern und damit nicht nur eine spezifische Erkrankung des menschlichen Körpers benennen, sondern auch eine des gesellschaftlichen.

Tatsächlich ist Federmairs Buch zumindest teilweise eine Kompilation von Essays, die in den letzten Jahren auf der Website des Literaturkritikers Lothar Struck www.begleitschreiben.net erschienen sind. Das verstärkt das Fragmentarische, das hier Programm ist. Denn die einzelnen Beiträge sind eher lose miteinander verbunden. Doch jeder einzelne stellt ein Manifest des Eigensinns dar, der eben auch danach fragt, weshalb welcher literarische Text eine spezifische Wirkung entfaltet. Will man einen Bogen suchen, dann kann man ihn so spannen: Transversal Lesende erlauben sich wilde Assoziationen sowohl bei ihrer Lektürewahl als auch bei der Interpretation dieser Lektüren; die Beweglichkeit der Leserinnen und Leser anzuregen, ist ein unausgesprochenes Anliegen des Bandes. Gegen Ende der Essay-Sammlung taucht mit der Maschine ein gefährlicher Gegner des Humanismus auf, der etwa in Form der künstlichen Intelligenz gegen eine ursprüngliche Kraft des Erzählens und Verknüpfens antritt. Die künstliche Intelligenz halluziniert, heißt es. Weil sie eben über keine Sinne verfügt, muss sie Sinnestäuschungen reproduzieren. Wir reproduzieren uns – so ist zu hoffen – als Spezies, aber als Individuen schaffen wir einen Eigensinn und kämpfen derzeit bestimmt mehr als früher darum, diesen zu bewahren.

Selbst dann, wenn wir, wie Federmair auf Seite 17 attestiert, Zwerge sind, die lange Schatten werfen möchten:

Wir sind intertextuelle Knilche, die den Supermarkt der (Literatur-)Geschichte plündern und sich mit fremden Federn schmücken.

Das Bild des Supermarkts passt wunderbar zu diesem Sisyphos, der eben keinen Stein vor sich her rollt, sondern eine umfassende Bibliothek. Um eine Vorstellung von Federmeiers auch interdisziplinären Lektüre-Reisen zu geben, hebe ich sechs Literaturräume hervor, die hier wiederholt miteinander in einen Dialog gesetzt werden: Lateinamerika, Japan, Frankreich, etwas Ungarn, noch ein paar Häppchen angloamerikanische Literatur und Österreich.

Wie viel mit dieser Auflistung gewonnen ist, kann man sich zurecht fragen, aber es entsteht so doch auch eine Biografie des Lesers Leopold Federmair, der genau in jenen Ländern gelebt oder sie vielfach bereits hat. Mehrsprachige Einsprengsel aus diesen Sprachräumen erweitern die transversale Interpretation zu einer multilingualen – besonders reizvoll sind dabei die Auseinandersetzung mit dem Romanbegriff, der hier mal auseinandergenommen, dann wieder neu zusammengesetzt wird und gerade im Vergleich von japanischer (mit einem Verweis auf Die Geschichte vom Prinzen Genji / Genji Monogatari, einem um 1000 entstandenen Text, der oft als erster Roman der Literaturgeschichte bezeichnet wird) mit westlicher Erzähltradition neue Perspektive erschließen.

Während Bücher grundsätzlich intellektuell zur Mitarbeit auffordern, geht Federmair in einer Passage einen arbeitsreichen Schritt weiter, wenn er etwa auf Seite 54 über Péter Nádas Aufleuchtende Details feststellt:

Nádas schreibt in seinem großen Erinnerungsbuch, daß sich über bestimmte Dinge fiktional nicht schreiben lasse. Ich kann mich nun nicht mehr erinnern, welche Dinge er nannte, und besitze das Buch nicht mehr. Notiert habe ich mir: S, 659f. Vielleicht will ein Leser dieser Zeilen das (fehlende) Zitat nachlesen.

Der ungarische Chronist seiner Familie und damit des Ungarn seit dem Zweiten Weltkrieg bis heute ist im August 2026 verstorben.

Antwortet dem Autor

Später taucht im Band gar Federmairs Email-Adresse auf, weil er eine Umfrage initiiert, ob Joyce‘ Finnegans Wake als Gipfel anstrengender/angestrengter Literatur eben genau deshalb lobenswert oder kritikwürdig ist? Die Antwort ist eindeutig: beides. So lassen sich auch die transversalen Reisen durch Romanwelten verstehen. Reisen sind hier Bewegungen durch Erzählräume. Sie sind keine Protokolle, keine literaturwissenschaftlichen Festlegungen, Reisen sind per se Erfahrungen des Ausschnitthaften, Flüchtigen, auch des Widersprüchlichen. Es ist ein Mäandern. Hier hat noch nicht die zuweilen übereifrige akademische Flussregulierung gegriffen, es darf, ja es muss überschwappen, es braucht Schwemmland, damit diese Assoziationen ein gesundes Habitat vorfinden.

Die ohnedies wilde Haken schlagende Textkette, die hier aneinandergefügt ist, hat bei manchen Passagen zudem noch Ergänzungen in Klammern, als ob der Autor noch seine gewogene Sturheit gegen seine Auslegungen abwägen muss. Das mag dann doch etwas zu viel sein, denn der Acker, der hier bearbeitet wird, bietet kaum sichtbare Begrenzungen, sodass jeder Feldhase vor Begeisterung und womöglich auch vor Erschöpfung ungestüme Sprünge dahin und dorthin tut und doch nie das Ende erreicht – das Denken ist per se punktlos, jede Aufforderung, diesen zu setzen, haltlos. Es ist ein besonderes Buch der Unruhe – auch Fernando Pessoa kommt in diesen Lektürediktaten vor.

Es gelingt Federmair eine Verführung, die zum Betreten der nächsten Buchhandlung mit einem überbordenden Einkaufszettel animiert – jedenfalls bei jenen, die nicht eine vielseitige Bibliothek ihr Eigen nennen können. Das anachronistische Motiv bildungsbürgerlicher Selbstvergewisserung wird hier insofern konterkariert, als Federmair bekennt, seine Bücher wieder und wieder – bei Umzügen etwa – eingebüßt zu haben.

Einer der literarischen Sparringspartner, die im Band mehrmals zum „En contre“ geladen sind, ist Peter Handke.

Ich erinnere mich, wie Handke vor vielen Jahren einmal zu mir sagte: „Sie wissen zuviel.“ Ich erschrak, fühlte mich plötzlich wie in einem Krimi. Einen Moment lang lautete die Botschaft an mich: Wir müssen sie beseitigen. Das werden sie doch verstehen. (S. 34)

Hitchcocks berühmter Thriller Der Mann, der zuviel wusste kommt einem da in den Sinn, wo Wissen für den Protagonisten zur Lebensgefahr wurde. Im übertragenen Sinn pendelt auch dieses Buch zwischen dem Vielwisser und dem Naiven, der sich eine Unbedarftheit erhalten möchte, um überhaupt noch zum Erzählen – und damit zum Leben – fähig zu sein.
Der Sisyphos, den Federmair, auf dem Plateau verortet, will seine Strafe abgelegt haben. Er hat das ewige Steine-Rollen hinter sich gelassen. Eine Metapher, die auch als Volte gegen die akademische Enge der Textinterpretation gelesen werden kann. Alle kennen dieses Bild von Sisyphos, doch nur wenige wissen, dass der listige Sisyphos deshalb bestraft wurde, weil er den Tod überlisten und ihm durchs Fesseln seine finale Allmacht entziehen wollte.

Federmairs Buch endet mit einer Miniatur, die überraschend hoffnungsvoll oder vielmehr zukunftsoffen klingt:

Sisyphos ist dem Mythos entronnen. Die Götter haben keine Macht mehr über ihn. Das ist die neue menschliche Figur, die Ebene um ihn herum eine einzige Utopie. Vielleicht wäre das jetzt – 2026 – die neue existenzielle Erfahrung. Der Roman dazu ist noch nicht geschrieben, Oder noch nicht entdeckt. (S. 195)

 

Alexander Peer, geb. 1971 in Salzburg, Studien in Germanistik, Philosophie und Publizistik. Peer lebt heute als freier Autor in Wien. Zahlreiche Beiträge zu Literatur, Philosophie und Architektur. Bücher (Auswahl): Die Kunst des Überzeugens (Goldegg, Jänner 2025), 111 Orte im Pinzgau, die man gesehen haben muss (Emons Verlag, April 2022), im Limbus Verlag Gin zu Ende, achtzehn Uhr (2021), Der Klang der stummen Verhältnisse (2017), Bis dass der Tod uns meidet (2013) und Land unter ihnen (2011) sowie Ostseeatem (Wieser Verlag, 2008). www.peerfact.at

Leopold Federmair Sisyphos auf dem Plateau
Transversale Reisen durch romanhafte Welten
Wien: Klever Essay, 2026.
196 Seiten, Softcover.
ISBN 978-3-99156-029-6.

Verlagsseite mit Informationen zu Buch und Autor

Rezension vom 22.10.2026

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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