#Roman

Sie wollen uns erzählen

Birgit Birnbacher

// Rezension von Sabine Schuster

Eine temperamentvolle Mutter und ihr neurodivergenter Sohn stehen im Zentrum des vierten Romans der Salzburger Autorin und Bachmann-Preisträgerin Birgit Birnbacher. Bereits der Titel Sie wollen uns erzählen weist mit ausgestrecktem Zeigefinger auf all die fremden Beurteilungen hin, denen Ann und ihr Kind ausgesetzt sind. Doch die beiden sind innig miteinander verbunden und kämpfen leidenschaftlich und kreativ um die Deutungshoheit über ihre Leben.

„Er stellt sich vor, wie er ihr irgendwann alles sagt. Wie er sagt, er habe den Hasen nicht zweimal umgebracht. Niemand bringt zweimal jemanden um, […]. Schon gar nicht ein Kind einen Hasen, schon gar nicht mit Absicht, schon gar nicht er.“ (S. 9)

Der neunjährige Oz, eigentlich Oswald Haag, ist anders, er hat ADHS und tut sich schwer in der Schule, und ausgerechnet am letzten Tag vor den Ferien passiert ihm etwas Schreckliches. Auf dem Heimweg wünscht er sich deshalb eine kleine Katastrophe, eine Murenwarnung zum Beispiel, um seine Mutter von dem Brief abzulenken, den er ihr übergeben muss. Und tatsächlich ist Ann – auch sie ausgestattet mit einem flirrenden Nervenkostüm – ganz blass im Gesicht, als Oz zu Hause ankommt. Das Zeugnis-Fest, den Kuchen und alles, was dazugehört, hat sie vergessen, denn die Zilly-Oma, die in den Bergen lebt, ist aus dem Krankenhaus verschwunden.

An diesem Punkt sind wir bereits bei Kapitel 10 des Romans angelangt und mit dem wild wuchernden Erzählfluss der beiden Hauptfiguren so vertraut, dass der nun folgende eilige Aufbruch ins Innergebirg mit einem geliehenen Auto wie eine natürliche äußere Fortsetzung ihres chaotischen Innenlebens anmutet. Die Bachmannpreisträgerin Birgit Birnbacher spielt dabei nicht nur souverän mit den Spannungselementen des Genres Road-Novel, sie macht am Beispiel von Ann und Oz auch die suggestive, identitätsstiftende Kraft des Erzählens sichtbar. Ihre Rettungsinsel im Alltag sind selbsterfundene Rollenspiele und Geschichten, auch als Gegengift gegen all die Zuschreibungen von außen, die Ann nicht gelten lassen will. Ihren Sohn „sollen sie nicht zurechtstutzen, wie sie es mit ihr getan haben, er soll wild wachsen dürfen, nicht dauernd deprimiert von diesem diffusen Gefühl sein, irgendwie nicht hineinzupassen, dauernd die falsche Betriebstemperatur zu haben, viel zu knisternde Nerven.“ (S. 34)

Frühmorgens im Bus auf dem Weg zur Bildungsberaterin, die die „Beschulbarkeit“ von Oz untersuchen soll, visualisieren sie eine Bärenbegegnung, um sich abzulenken: Eine einsame Lichtung, ein hoch aufgerichteter Grizzly, schnüffelnd. „Ich gehe auf die Knie“, sagt Ann, „sodass der Bär mich sieht“. „Der schnüffelt noch, sagt der Bub und verlangt glucksend vor Lachen ein Lied für den Bären, keinesfalls Abba, lieber einen Beatles-Song. Sie singt also widerstrebend im vollbesetzten Bus, denn wer singt, hat keine Angst und erhöht seine Chance auf einen gelungenen Ausgang. „Die einzig gelungene Begegnung zwischen Mensch und Bär ist der beiderseitige Rückzug. Degrowth allerseits.“ (S. 36f) Doch wie verhält es sich mit der Bildungsberaterin, mit der Lehrerin und mit dem ganzen Schulsystem? „Ann ist nicht gut in Nachhilfe. Wenn der Termin mit der Auflage Homeschooling endet, ist es vielleicht besser, sie wandern aus oder verstecken sich im Wald.“ (S. 33)

Sie wollen uns erzählen geht sofort auf der ersten Seite in medias res – hinein in das rasende Gedankenkarussell, in dem Ozzy nach dem Tod des Hasen gefangen ist. Im zweiten Kapitel wechselt die Perspektive zu Ann, dann immer wieder zwischen den beiden Figuren hin und her. So entsteht ein schneller, rhythmischer Gedankenstrom – ein personales, multiperspektivisches Erzählen „mit erhöhter Betriebstemperatur“, um eine Metapher aus dem erneut Text aufzugreifen:

„Sie ist nicht so die klassische Spielplatz-Mutter. Vom Temperament her ist sie eher der Pulverfass-Typ. Er schämt sich immer, wenn er erzählen muss, was sie arbeitet. Kannst du nicht beim Billa arbeiten, fragt er oft, einfach irgendeinen normalen Job haben? Das mit der Wissenschaft ist immer so kompliziert. Niemand weiß, was ein Postdoc ist.“ (S. 10)

Auch dass seine Mama ins Impulskontrolltraining geht, seit sie zu seinem Papa gesagt hat, dass er sich seine Medikamente sonst wohin stecken kann, erfahren wir von dem Buben. „Er braucht mehr Zeit“, sagt Carina, die engagierte Lehrerin, über ihn. „Wir bräuchten etwas, woran man sich festhalten kann. Eine Diagnose.“ (S. 19) Aber Ann weiß, Ozzy ist nicht langsam, er ist in manchen Sachen viel zu schnell. Er ist wie sie.

Auch die Zilly-Oma mit ihrer Unrast passt in dieses Schema, eine „Hausfrau und Hobbydichterin, vom Aussehen her eine innergebirglerische Lavant, ein bisschen seltsam immer“, die sich die Lyrik, „Rilke und Fried durcheinander“, „eher so binge-eating-mäßig zugeführt hat“. (S. 20) Nie wäre diese einfache Frau auf die Idee gekommen, ihre Töchter Annegret und Petronella, Ann und Nell – zwei Bubentöchter, wilder, lauter, aufgeweckter als andere – wegen ihrer besonderen Wesensart „anschauen zu lassen“. (S. 21)

Im Innergebirg mit seinen zwei großen Nervenheilanstalten war es normal, verrückt zu sein, denkt Ann. Dort wurden Kinder nicht wegen ein bisschen Energie zum Arzt geschleift. (S. 23) Sie weiß selbst nicht, wie sie als Schulabbrecherin und miserables Lehrmädchen zum Einserschnitt im Studium gekommen ist.

„Als Wissenschaftlerin fühlt Ann sich aufgehoben. Endlich darf sie von Berufs wegen interessieren, was sonst niemanden interessiert. Anns immer schon etwas verschobener Fokus, ihr Interesse fürs scheinbar Unwesentliche und Irrelevante, findet in der Soziologie sein Zuhause.“ (S. 27)

Die liebevolle Ironie gegenüber dem eigenen Berufsstand wird jedoch zum beißenden Spott, wenn Ann die Bildungsberaterin charakterisiert. „Neurotypischer als der Blasenschutzrock, auf dem sie sitzt“, denkt sie und weiß gleichzeitig, wie ungerecht sie ist. Sie ist auch deswegen gemein, „weil sie zu spüren glaubt, dass der Blick der Bildungsberaterin auf Leute wie sie immer auch mangelnde Elternperformance unterstellt“. (S. 38)

Auch die jüngere Schwester Nell, die bei der Suche nach der Zilly-Oma auftritt „wie ein weiblicher Jack Sparrow auf der Black Pearl“, kommt nicht gut weg, obwohl sich ihre plötzliche Nähe nach langer Zeit gut anfühlt, „wie ein geschlossener Stromkreis“. (S. 115) Wohl auch deshalb vertraut Ann der weltfremden Aussteigerin ihr Kind an, sie soll Ozzy in ein Feriencamp bringen, während Ann sich um ihre demente Mutter kümmert, die sich in ihrer Hütte in den Bergen verschanzt hat. In genau jener Hütte, die in Zillys Jugend schon einmal von einer Mure weggerissen wurde und die nun wieder durch ein Wetterereignis bedroht ist.

Das Bild, dass eine Mure ein Haus von oben füllen und dann nach unten hin wegreißen könne, sei ein Anfangsmotiv für ihren Text gewesen. Sie glaube, dass Menschen mit ADHS sich manchmal so fühlen, sagt Birgit Birnbacher in einem Interview des SRF-Literaturclub. Es sei spannend, dass viele junge Menschen sich im Augenblick fast dekorieren mit Diagnosen und benannt haben wollen, was sie sind. Das Schlagwort „Entsicherung“ des deutschen Soziologen Wilhelm Heitmeyer erkläre dieses Phänomen sehr gut. In einer Zeit, die geprägt ist von massiven Naturkatastrophen, vom Klimawandel, von entsicherten Finanzmärkten und von personalen Krisen, möchten wir wissen, wer wir sind, und sei es in einer Diagnosezeile. Viele Menschen begännen mit der Diagnose ihr Leben zu verstehen. Gleichzeitig brauche unsere entsicherte Welt Menschen, die sich abseits von gewohnten, festen Bahnen bewegen.

So wie Ozzy im Katastrophenmodus zur Höchstform aufläuft und eine wahnwitzige Idee hat, um seine Großmutter aus der Gefahrenzone zu bringen, so könnte der Drive, den neurodivergente Menschen haben, vielleicht auch irgendetwas beitragen zur Rettung der Welt, meint die Autorin, die mit der Heldin des Romans einige Eckdaten gemeinsam hat. Beide stammen aus dem Salzburger Innergebirg und haben nach Lehre und Beruf im zweiten Bildungsweg Soziologie studiert.

Birnbacher, die u. a. als Sozialarbeiterin und freiwillige Helferin in Indien und Äthiopien gearbeitet hat, profilierte sich in ihrer schriftstellerischen Laufbahn von Anfang an als Literatin mit sozialem Gespür und einem unverwechselbaren Sound, der über die Sprache der Figuren immer auch den kollektiven Diskurs mittransportiert. Ob sie über junge Leute in der Provinz (Wir ohne Wal, 2016), über einen Haftentlassenen (Ich an meiner Seite, 2020), über den Pflegeberuf und das ländliche Patriarchat (Wovon wir leben, 2023) oder über Neurodivergenz (Sie wollen uns erzählen, 2026) schreibt, Birnbacher ist mitten im Geschehen und fängt alles ein, was zum jeweiligen Thema gerade in der Luft liegt. Immer wieder geht es um soziale Zugehörigkeit, um Ausgrenzung und um individuelle Formen der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Auch Birnbachers Siegertext beim Ingeborg-Bachmann-Preis 2019, Der Schrank, erzählte von prekären Wohn- und Arbeitsverhältnissen und überzeugte die Jury mit soziologischer Tiefenschärfe, Humor und Empathie.

 

Sabine Schuster, Studium der Germanistik und Publizistik an der Universität Wien, Abschluss 1992, von 2001 bis 2023 Redakteurin des Online-Buchmagazins im Literaturhaus Wien, Deutsch-Trainerin und freie Rezensentin.

 

Birgit Birnbacher: Sie wollen uns erzählen
Roman.
Wien: Paul Zsolnay Verlag, 2026.
214 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag.
ISBN: 978-3-552-07521-4

Verlagsseite mit Informationen zu Buch und Autorin sowie einer Leseprobe

 

Rezension vom 19.06.2026

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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