#Roman

Wovon wir leben.

Birgit Birnbacher

// Rezension von Andreas Tiefenbacher

Die bald 38-jährige Julia Noch ist im Salzburgischen Hofmark aufgewachsen, das in der Region Innergebirg liegt. Dort gehört, dem Großvater zufolge, alles, was man sieht, den Grafen: „der See und der Wald und das Schloss und die Luft“.
Als Tochter eines Fabrikarbeiters und einer Hausfrau, die im Lauf ihres Lebens immer wieder damit hadert, nichts gelernt zu haben und nichts zu können, nicht einmal Auto fahren, ist für Julia „träumen“ nicht auf dem Programm gestanden, sondern „irgendetwas werden“. So hat sie nach der Pflichtschule eine Bürolehre absolviert. Dem Lebensmotto „Man muss zufrieden sein“ entsprechend, hätte das ihren Eltern auch genügt. Doch Julia will in den „Schwesternberuf“, denn sie ist gern für andere da.

Diese Art der Hinwendung zur Kreatur geht auf den Großvater zurück, der jede zertretene Schnecke zu retten versucht hat, während ihm Menschen wie „die Besseren und die Großkopferten“ so gar nicht gelegen sind. Zu denen zählen hier alle, die weggegangen oder reich geworden sind oder sonst ein besonderes Glück gehabt haben. Sie werden als „Verräter“ gesehen.
Genau deswegen, weil es so negativ besetzt ist, hat sich Julia lange nicht getraut, aus dem Innergebirg wegzugehen. Irgendwann wechselt sie dann aber doch in die interne Abteilung der Landesklinik, wo sie zwölf Jahre lang bleibt und in einer Betriebswohnung lebt. Sie mag die kleine Stadt mit ihren aus den offenen Fenstern der WG-Zimmer dringenden Klavierklängen, ihren auf Parkbänken knutschenden Paaren und all den Bars, Kneipen und Lokalen. Ab und an trifft sie eine alleinstehende Kollegin. Um eine Familie zu gründen, fehlt ihr allerdings der passende Partner. Es reicht bloß zu einer Affäre mit einem verheirateten Arzt. Außerdem steigt der Arbeitsaufwand im Spital immer weiter an. Über ein Mehr an Bürokratie verwandelt sich der Mensch als Patient in ein abstraktes Wesen. „Sein Mitteilungsbedürfnis, seine Sorgen oder Nöte (sind) auf einmal ein Extra, das eigentlich nicht mehr zum Auftrag gehört“. Julia kann deshalb nichts anderes tun, als ihre Tätigkeiten zu straffen und an Schnelligkeit und Effizienz zuzulegen, damit „irgendwie doch immer noch Zeit für ein freundliches Wort oder ein kleines Extra bleibt“.

Es ist der Liebe zur Arbeit geschuldet, dass ihr trotz des gestiegenen Pensums alles mehr oder weniger leicht von der Hand geht. Dahinter verbirgt sich dieses früh antrainierte „Pflicht erfüllen“. Es ist für Julia ganz normal, dass sie mehr gibt, als sie nimmt. Das einzige, was sie als Belohnung für den Aufwand zulässt, ist Onlineshoppen. Doch irgendwann hilft das nicht mehr, wird es für sie immer schwerer, aus dem Bett zu kommen. Manchmal wäre sie einfach lieber bis zum nächsten Dienst liegen geblieben; eine Situation, in der man, auch wenn man seine Arbeit im Griff hat, fehleranfällig wird.
Und eines Tages passiert es: Sie verwechselt zwei ähnliche Namen. Der eine ist Schwarz mit z, keine Allergien; der andere Schwartz mit tz und einer Allergie gegen Novalgin, das Julia via Infusion irrtümlich verabreicht. Sie verliert Job und Betriebswohnung und bekommt aufgrund der Aufregung auch noch „Atelektasen“, die Erstickungsanfälle auslösen.
Ihr Vergehen an Frau Schwartz wird als „mittlere Fahrlässigkeit“ eingestuft. Sie muss deshalb einen angemessenen Teil des zivilrechtlich geforderten Schadenersatzes begleichen. Zu einem Berufsverbot kommt es nicht. Dennoch zieht es Julia nicht mehr in Betracht, noch einmal als Krankenschwester zu arbeiten. Sie nimmt eine Auszeit bei ihren Eltern.

Ihr 65jähriger frühpensionierter Vater, der – ohne zu bedenken, dass ein Arbeiter ohne seine Arbeit eigentlich nichts ist – einen auf den ersten Blick verlockenden Deal angenommen hat, um zu teuer gewordene Arbeitskräfte los zu werden, lebt inzwischen allein. Erst hinterher begreift er, dass der vorzeitige Ruhestand das Schlimmste ist, was ihm passieren konnte, zumal er mit der Arbeit ja nicht nur seinen Platz an der zweiten Pressmaschine, sondern auch „den Geruch seiner Halle“ verloren hat. Er sieht dementsprechend alt und fahl aus, isst seit Wochen Dosensuppe, raucht wie ein Schlot und spricht mit niemandem. Schon immer ist er vorwiegend mit seiner Arbeit verheiratet gewesen. Deshalb hat es seine um drei Jahre jüngere Frau Hermine dann auch satt gehabt, noch weiter an seiner Seite zu leben. Sie absolviert als 62-Jährige noch eine mit Kosten verbundene Ausbildung bei einer Privatbahn, obwohl diese nur Dreimonatsverträge ohne jede Absicherung vergibt, und lebt inzwischen bei Sergio in Syrakus, dessen Eltern ein Restaurant und eine kleine Pension betreiben.

Julia kann sich eine Mutter ohne Feinstrumpfhose, die lacht, ein Motorboot lenkt und der der Wind durch die Haare fährt, kaum vorstellen, während sie daheim mit den Anzeichen des Verfalls konfrontiert ist. Die theatralisch nach außen gekehrte Vergänglichkeit des Vaters und der im Verborgenen vor sich hin stinkende Kadaver eines verendeten Pferdes, dessen Geruch die Ziege Elise zum Schreien bringt, sind Beispiele dafür, zu denen auch das Ortsbild passt: Die Schokoladenfabrik, in der viele von hier gearbeitet haben, existiert nicht mehr. So zieren halbverfallene, unbewohnte Häuser links und rechts die Straße. Und zusätzlich treibt anstelle der Erwerbsarbeit der „selbstmitleidige Alkoholismus der Männer“ seine Blüten. Sie, die wenige Jahre vor der Rente gekündigt worden sind, „träumen nachts noch von ihren Maschinen, mit denen sie verwachsen waren wie mit Geliebten, während ihre Ehen kinderlos geschieden oder früh verwitwet endeten“. Kurz vor elf sind sie mit den Erledigungen des Vormittages fertig und gehen ins Wirtshaus.
Im Vergleich dazu scheint Julia eine „Begünstigte“, auch weil sie jünger und beweglicher ist; genauso wie Oskar Marin, der sich im Sanatorium von einem Herzinfarkt erholt. Bei ihm, der als „der Städter“ firmiert, kommt hinzu, dass er im Gegensatz zum Großteil des im Roman versammelten Personals, ein „Jahr aus Glück“ vor sich hat, ist ihm doch für diese Zeit ein bedingungsloses Grundeinkommen zugesprochen worden. Für Julia, zu der er sich hingezogen fühlt, macht ihn das zum „Gewinner“.

Ihr Bruder David ist das Gegenteil. Als Opfer einer Fehldiagnose lebt er seit 30 Jahren im Sanatorium, kann nicht alleine essen, macht komische Dinge, wippt andauernd auf und ab oder schreit aus unerfindlichen Gründen einfach los. Der betrunken gewesene Betriebsarzt hat eine ernstzunehmende Gehirnhautentzündung als „einfaches Fieber“ diagnostiziert. Der Vorfall ist damals vertuscht worden, strafrechtliche Konsequenzen sind ausgeblieben, obwohl relativ rasch festgestanden ist, dass David „unbrauchbar sein würde, untauglich für die Schule und die Arbeit“.

Aber ohne Arbeit geht es eigentlich nicht. Sie ist das Generalthema dieses stringent und schnörkellos erzählten Buches, das sich in 31 Kapiteln facettenreich und innovativ mit deren Bedeutung und Wirkkraft auf das menschliche Individuum auseinandersetzt. In den Hinweisen auf der letzten Seite betont Birgit Birnbacher, dass die zentralen Thesen der österreichischen Sozialpsychologin Marie Jahoda viel zur Entwicklung des Romans beigetragen haben. Das macht die Autorin auf sehr eindringliche, ja beklemmende Weise spürbar.
So wird Julia erst am Strand in Sizilien bewusst, dass das Haus und das Dorf und das Drumherum sie und die Mutter „schwer gemacht“ haben. Und diese Schwere geht so weit, dass sich Glück nur als eine „Abfolge von Hürden“ empfinden lässt, die man bewältigt. Dementsprechend will Julia letztlich nur noch die Angst vor dem Ersticken verlieren und dass Körper und Konto ohne größere Sorgen überleben.
Für Oskar Marin, den Städter, ist Glück, nicht arbeiten zu müssen. Außer es würde mehr sein „als Geld gegen Zeit, aber auch mehr als das Ausführen einer Tätigkeit“. Ideal wäre, wenn die Arbeit den Menschen als Ganzes „zum Klingen“ bringen könnte. Eine Utopie?

In jedem Fall klingt der Roman sowohl in seiner sprachlichen Stringenz als auch in seiner inhaltlichen Dimensionierung ausnehmend gut. Und durch seine Vielfältigkeit und Dichte, seine kreative Herangehensweise, insbesondere aber durch seine exakte Porträtierung der dörflichen Welt bis in ihre patriarchalen Strukturen hinein, wo „ein Mann nicht aufsteht und sich selbst holt, was er braucht“, weil er gewohnt ist, nicht nur keinen Handgriff im Haushalt zu machen, sondern auch dass man ihm „den Rest des Lebens (…) vom Hals hält“, offenbart er Qualitäten, die sich mehr als bloß „einen kleinen Gesang“ verdient haben.

Roman.
Wien: Paul Zsolnay Verlag, 2023.
192 S.; geb.
ISBN 978-3-552-07335-7.

Rezension vom 30.03.2023

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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