#Roman

Prosopon

Anna Felnhofer

// Rezension von Alexander Peer

Ein Unfall setzt in Anna Felnhofers Roman Prosopon eine Spurensuche in Gang, die blinde Flecken sichtbar macht und ein lange unterdrücktes Unbehagen zur Sprache bringt. Für die weibliche Hauptperson wird die Spurensuche auch zur Konfrontation mit einer Lebenslüge.

Der 15. Oktober 2019 ist ein Schicksalstag für die Familie der Ich-Erzählerin Johanna, ihren Partner Johann und den gemeinsamen siebenjährigen Sohn Finn. Der Bub fällt nach einem schweren Verkehrsunfall in ein Koma, aus dem er nicht mehr erwacht. Fünf Monate später wird er sterben. Doch gerade die Wochen in der Klinik, in welchen es noch in der Schwebe zu sein scheint, ob er überleben wird, zwingen die Mutter, sich prekäre Fragen zu stellen: zum kurzen Leben ihres Sohnes und zum längeren, ihr erschreckend unbekannten Leben ihres Partners. Wer sind / waren die beiden wirklich? Wer werden sie gewesen sein?!

Johanna bekennt bald, dass ihre Beziehung zu Johann keine Zukunft hat. Allerdings muss sie sich erst aus der Schockstarre befreien und sich damit auseinandersetzen, wie es zu dem Ereignis kam und auch, wie sie die gemeinsamen Erlebnisse einordnen soll. Zugleich kämpft sie mit der Gewissheit des zu erwartenden Todes ihres Sohnes. Doch auch sie zeigt rasch Abgründe. Entweder ist es ihre eigene fehlende Empathie oder eine Erstarrung aufgrund ihrer Überforderung, wenn sie lapidar Feststellungen wie diese äußert: „Die Wäsche hängt hier, um entsorgt zu werden. Der Mensch, dem sie gehört, kehrt nicht wieder.“ 

Das, was nicht begriffen werden kann, zieht eine Armada an Erklärungen nach sich, Fakten werden ausgebreitet und in ihrer Kleinteiligkeit unter die Lupe des Befragens und Bewertens genommen. Denn im Raum steht, dass Johann zumindest mitschuldig am Unfall sein könnte, denn Johann hat einen Makel, den er tunlichst versteckt. Immerhin weiß Johanna davon. Aber was hilft ihr das wirklich angesichts der drohenden Auflösung? Sie seziert ihr Befinden, ohne daraus handlungsfähiger hervorzugehen. Felnhofer zeigt einen psychodynamischen Prozess, zu dem Dauer und Wiederholung gehören. Die Wirklichkeit entzieht sich immer wieder, als wäre sie ein scheues Tier, das stets erstarrt, wenn sich ihm jemand nähert.

Woran orientiert sich der Gesichtslose?

Felnhofers Roman stellt die Frage nach einem Leben, in dem der Entwicklungsschritt, Gesichter erkennen zu können, nicht erfolgt ist. Das griechische Wort Prósopon bedeutet Gesicht und Person. Wer gesichtsblind ist wie Johannes Partner Johann, kann selbst die Nächsten nicht wiedererkennen. In der Floskel, jemanden nicht in die Augen sehen können, ist ein Empfinden von Schuld eingeschrieben. Aber was ist mit jemanden, der keine psychische Beeinträchtigung hat, sondern ein physiologisches Defizit, das ihm darüber hinaus nicht bewusst ist? Denn die Diagnose Prosopagnosie erhält Johann nie; er ist ein Kranker, der über sein Kranksein nie aufgeklärt wurde.

Im Zentrum von Prosopon steht Johanna. Im Wesentlichen vermittelt sie als Ich-Erzählerin die Geschichte. Allerdings gibt es auch Passagen, in welchen ihre Erlebnisse aus personaler Perspektive geschildert werden. Passagen mit Erinnerungen an Finn wechseln sich ab mit Rekonstruktionen darüber, was Johann erfahren haben mag, bevor er in den polnischen Masuren 2012 mit ihr intim wurde und nur aufgrund einer nicht mehr gesetzlich erlaubten Abtreibung an jenem Lebensspiel teilnimmt, das man gemeinhin Familie nennt. Dabei fächert Felnhofer das Psychogramm eines Menschen auf, dessen Wahrnehmungsstörung zu einer konsequenten Flucht vor anderen wie vor sich selbst führt.
Die Bezeichnung dysfunktionale Herkunftsfamilie ist dabei fast ein Euphemismus für den in Stuttgart aufwachsenden Johann, denn sein Vater erweist sich erstens als abweisend-abwesend und zweitens als früh verstorben und seine Mutter endet als Alkoholikerin in der Psychiatrie – in einem psychotischen Schub versucht sie gar, ihr Kind zu ertränken. Die Schwester des Vaters schließlich adoptiert den kleinen Johann, der ob seiner Unfähigkeit, andere zu erkennen verständlicherweise leicht sogenannte Autoritätspersonen in den diversen Schulen in Rage bringt und folglich eine Vielzahl an psychosomatischen Beschwerden entwickelt. Es ist mehr als diese Einschränkung seiner visuellen Unterscheidungsfähigkeit, die Johann immer stärker in ein asoziales Verhalten abgleiten lässt. Er schädigt andere.

Ein Hochstapler ohne Glamour

Eine Schulszene demonstriert, dass sich Johann spontan einen anderen Namen gibt: Er ist jetzt Jakob. In Summe bringt er es auf eine stattliche Zahl an Namen, passt sich den Ländern – einer Tour durch Europa – an, in welchen ihn seine Ruhelosigkeit führt, und wechselt nach jedem Drama scheinbar mühelos Identität wie Wohnadresse, ist Janne im norwegischen Reine, Jonas, Julian, Jack oder Jacques und bald auch ein Joaquin im spanischen Benidorm, um schließlich als Janusz auf Johanna zu treffen.

Knapp volljährig, bedient er sich üppig von dem durch den Verkauf der väterlichen Villa gut gefüllten Bankkonto. Nur kurz denkt er daran, die im Sterben liegende Mutter aufzusuchen, bevor er sein Nomadendasein beginnt. Er geht, wie er in Zukunft von allen Orten gehen wird: Rasch, abschiedslos und mit wenig Gepäck. Doch wohin er auch kommen wird, überall scheinen seine Tage von Anfang an gezählt. Denn in allen Menschen sieht er nur, wie es einmal heißt, „einen Mund ohne Gegend“.

Das eigene Kind als Bedrohung

Johannas bohrende Suche nach dem Verstehen dieses chronisch Einsamen an ihrer Seite liegt in dem Grauen begründet, das der gemeinsame Sohn ausstrahlte. Johanna erinnert sich daran, dass Finn einmal ein Tier im Todeskampf malträtierte, es mit seinem Taschenmesser ausnimmt und schließlich häutet. Sie muss erkennen, dass ihr Sohn Hunden absichtlich auf den Schwanz tritt, weil er einen sadistischen Genuss am Schmerz anderer zu spüren scheint. Sie gesteht sich die Distanz zu dem Kind ein, das sie nicht wollte und vor dem sie sich ekelt.
Erst als er den ersten in einer Reihe von Unfällen erlebt, will sie diesen Ekel in das Gegenteil verwandeln, in eine manische Fürsorge. Doch die Gewalttaten Finns mehren sich und ihre Ratlosigkeit wächst. A
ber auch sie als Person verstört, denn sie zeigt vermehrt autistische Züge und wir erfahren, dass ihr Leben eher in Büchern als unter Menschen stattgefunden hat. Gegen Ende des Buchs tritt der systemische Charakter deutlicher zutage, der diese Menschen zueinander gebracht und auch aneinander gekettet hat.

Der Roman als Spiegel der Leere

Felnhofer schreibt all dies in einem souveränen Stil, der gekonnt starke Bilder zeichnet, um psychische Abgründe auszuleuchten. Es entsteht so ein Panorama von Fremdheiten – hinsichtlich der Beziehung zu sich selbst wie zu anderen. Felnhofer erzählt aber sehr viel mehr.
Die auch in Wien als klinische Psychologin tätige Autorin versteht es, elegant motivisch naheliegende Geschichten wie jene von Lethe – Lethe hieß in der griechischen Mythologie ein Fluss in der Unterwelt. Wer aus ihm trank, verlor seine Erinnerung. – in ihren Erzählfluss einzubetten. Es ist eine Fülle an wegweisenden Parallelen und Vertiefungen – etwa der legendären Perserin Scheherazade, die allabendlich wundersame Geschichten vor ihrem Ehemann ausbreitet, um ihre Hinrichtung hinauszuzögern. So müht sich auch Johann, ein guter Vater zu sein, sich ins Erzählen zu flüchten. All diese Verweise nähren den Kern des Unentrinnbaren in diesem Roman.

Im Anhang findet sich eine Liste an Büchern, die sich auf die eine oder andere Weise in Prosopon eingeschrieben haben. Darunter das schrecklich-schöne Das Bastardzeichen von Vladimir Nabokov. Darin wird ein Herrschaftssystem beschrieben, dem nicht zu entkommen ist, dem man sich nur unterwerfen kann – doch auch dann ist einem die Vernichtung gewiss.
Aber, es muss nicht immer die Diktatur eines autokratisch geführten Landes sein, manchmal reichen auch Beziehungen, in welche man hineinstolpert und erst mühsam zu erahnen beginnt, mit wem man es zu tun hat und man begreift, dass man einander fremd bleiben wird. So punktuell ausgeleuchtet und mikroskopisch genau in Augenschein genommen wie hier, findet man dies selten in beschreibender Literatur.

 

Alexander Peer, geb. 1971 in Salzburg, Studien in Germanistik, Philosophie und Publizistik. Peer lebt heute als freier Autor in Wien. Zahlreiche Beiträge zu Literatur, Philosophie und Architektur. Bücher (Auswahl): Die Kunst des Überzeugens (Goldegg, Jänner 2025), 111 Orte im Pinzgau, die man gesehen haben muss (Emons Verlag, April 2022), im Limbus Verlag Gin zu Ende, achtzehn Uhr (2021), Der Klang der stummen Verhältnisse (2017), Bis dass der Tod uns meidet (2013) sowie Land unter ihnen (2011) sowie Ostseeatem (Wieser Verlag, 2008). www.peerfact.at

Anna Felnhofer Prosopon
Roman.
Wien: Luftschacht Verlag, 2026.
259 Seiten, Hardcover.
ISBN: 978-3-903422-74-2.

Verlagsseite mit Informationen zu Buch und Autor

Homepage von Anna Felnhofer

Rezension vom 10.06.2026

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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