Die meisten Schreiber unserer Tage erscheinen mir recht berechenbar. Auf ein auch nur halbwegs gelungenes Debüt folgt in der Regel schon innert weniger Jahre das zweite Buch, das dritte. Die Schreibgehalte, so scheint’s, ergeben sich nachgerade von selbst. Wer sich einmal bewiesen hat, gilt hinfort als Schriftsteller. Und es ist einem ja kaum zu verdenken, dass man, sobald sich endlich ein Verlag gefunden hat, alles daransetzt, diesen zu behalten. Wie man denn auch Form und Stil beizubehalten versucht, weil es mindestens so wichtig ist, sich abzuheben, wie wiedererkannt zu werden. Dass aber diese Form und dieser Stil erkennbar oft angelernt und weniger aus einer Not des Darstellens, denn aus der Schule erwachsen sind, ist das wenig paradoxe Pendant dazu, dass die Themen und Sujets so ziemlich dem entsprechen, wovon ohnedies allerorts die Rede ist.
Man mag diesem, zugegeben äußerst pauschalen, Befund zum Gros der literarischen Neuerscheinungen zustimmen oder nicht – worauf er keinesfalls zutrifft, ist das Schreiben der Eva Schmidt. Die 1952 geborene Schriftstellerin hatte in den 1980ern zwei Erzählbände veröffentlich, legte zehn Jahre später ihr Romandebüt Zwischen der Zeit (1997) vor, verstummte dann für 20 Jahre, ehe der Episodenroman Ein langes Jahr (2016) erschien, dem Die untalentierte Lügnerin (2019) sowie der Erzählband Die Welt gegenüber (2021) folgten. Das erfahrungsdurchtränkte Werk der in Vorarlberg lebenden Schriftstellerin ist geprägt von einem unbestechlichen Blick für die Nuancen des Alltäglichen; einer geklärten, nüchternen, aller Schnörkel bereinigten Sprache; und der fast beklemmenden Weigerung, den Gehalt oder das Wesen dessen, was auf den Umwegen sorgfältig gezeichneter Details erahnbar wird, unmittelbar zu adressieren oder gar auszusprechen. Es ist dies auch der Grund, weshalb die Inhaltsangabe ihrer Bücher wenig bis gar nichts über deren literarischen Gehalt aussagt. Und ich glaube, dass auch der von der Kritik zuweilen geäußerte Vorbehalt, Schmidt würde nur das Klägliche und die Misere in den Blick nehmen, übersieht, dass gerade von den Leerstellen, den nicht eigens fokussierten Hebelpunkten ihres Erzählens eine gewaltige Strahlkraft ausgeht, wodurch die Lektüre dieser Bücher, trotz deren augenscheinlich so düsteren Inhalten, so bestärkend, ja beinahe erhebend wirkt. Was ich von Eva Schmidts Büchern wieder lernte (Autoren wie Handke oder Modiano hatten es mich schon mal gelehrt): dass es im Schreiben wie im Leben weit weniger um große Pointen, dramatische Zuspitzungen oder unerhörte Begebenheiten geht, sondern um eine Form von Dauer, eine – sei’s bloß auf Zeit des Lesens erwirkte, im Glücksfall aber anhaltende – Beständigkeit im Gewahren der Dinge und der Menschen rings.
Verglichen mit den erzähltechnischen Finessen der beiden zuletzt erschienen Romane (Ein langes Jahr besticht durch das fein abgestimmte Ineinander disparater Wahrnehmungsräume, die in ihrer Brechung das Milieu einer Wohnsiedlung sichtbar werden lassen; Die untalentierte Lügnerin reflektiert das Problem der Protagonistin vermittels einer Verdoppelung der Erzählinstanz, eines Romans im Roman, die den Gegensatz von Lüge und Aufrichtigkeit brüchig werden lässt) erzählt Eva Schmidt in Neben Fremden verhältnismäßig geradlinig von dem Versuch einer alternden Frau, nach dem Wegbrechen aller Beziehungen noch einmal ins Leben aufzubrechen. Die Besonderheit des Buches liegt nun darin, dass es zu diesem Aufbruch im Grunde nie kommt und alle Erwartungen einer durchschlagenden Befreiung von der Last der Vergangenheit enttäuscht werden; wir aber zugleich doch teilhaben an einer Art Wandlung, die das vermeintlich so verpfuschte Leben der Protagonistin in ein anderes Licht taucht und, seltsam, dann doch auch wieder schön werden lässt.
Rosa ist pensionierte Altenpflegerin und hat nach dem Tod ihres Freundes Fred einzig noch Hund Don, der ihr wirklich nahe ist. Zwar lebt die Mutter noch, doch das Verhältnis zu der herrischen und unzufriedenen Frau ist seit jeher zerrüttet. Auf deren Erpressungsversuche, zu ihr aufs Land zu ziehen, sie zu pflegen und also das Haus zu übernehmen, geht Rosa nicht ein. Zu tief sitzen die Verletzungen: Die Tötung des geliebten Hundes einst, als Rosa noch ein Kind war; das Schweigen, nachdem Rosa ihren Sohn Tom gebar; die Lüge, mit der die Mutter ihren nie geliebten Mann, Rosas Vater, dazu zwang, zur Familie zurückzukehren, obwohl niemand mehr glücklich war in ihr. – Wohl kümmert sich Rosa um das Nötigste, ruft die Mutter trotz deren Klagen und Vorwürfen an, besucht sie in Abständen, sorgt dafür, dass sie betreut wird; echte Zuneigung aber wird nicht mehr aufkommen, selbst später nicht am Sterbebett.
Sohn Tom wiederum hat als Jugendlicher Reißaus genommen. Rosa weiß nicht, was sie falsch gemacht hatte, wartet nun schon seit mehreren Jahren auf einen Brief. Sie weiß nicht, wo er zuhause ist, wie er lebt, ob es ihm gut geht. „Tom war nicht tot. Ich war sicher, dass er noch lebte. Er hatte sich nicht umgebracht, so war er nicht. Ich hatte lange nach ihm gesucht, Anfragen an Meldestellen gerichtet, Anträge ausgefüllt, Gebühren bezahlt. Er war aber nicht zu finden, wollte vielleicht nicht, dass ich ihn fand. Oder es war ihm einfach egal. Ich dachte oft an ihn, erinnerte mich an gute und an schlechte Tage, die wir gemeinsam erlebten, an seinen Hang, zu widersprechen, sein zorniges Temperament, seine Begeisterung für dies und das. Er mochte es nicht, wenn ich mich in sein Leben mischte, wenn ich ihm Ratschläge gab.“ (S. 142)
Nach dem plötzlichen Tod Freds, an dessen Beerdigung Rosa aufgrund der Drohung seiner Kinder nicht teilnimmt, gibt es im Leben Rosas neben dem treuen Hund Don nur noch Margreth, eine ehemalige Arbeitskollegin, die gerne Rosas Freundin wäre, dieser aber zu viel über Belangloses spricht. Und da ist diese Deutsche einen Stock tiefer, die einen Hang zu gewalttätigen Männern hat und mit der Erziehung ihrer aufgeweckten, Tiere liebenden Tochter Paz (deren Vater angeblich Spanier ist, oder war) einigermaßen überfordert scheint. Erste Versuche, zu helfen und ins Gespräch zu kommen, versanden. Rosa scheint nicht gebraucht zu werden.
Da entscheidet sie sich zum Aufbruch. Fred, dessen Vermögen und sonstige Besitztümer bei der Familie blieben, hatte ihr Tage vor seinem plötzlichen Tod ein Wohnmobil geschenkt. Rosa recherchiert im Internet einen kargen, abgeschiedenen Parkplatz neben einer Passstraße, um einen ersten Versuch zu unternehmen. „Später würde ich zu größeren Reisen aufbrechen.“ (S. 58) Doch es kommt anders. Auf dem Parkplatz nämlich drängt sich ihr eine etwas verschrobene Holländerin auf, trinkt ihr den Champagner aus und kettet dann des Nachts, während Rosa schläft, die Hündin Unn ans Wohnmobil, mit einem Briefchen: „Ich weiß, sie werden gut für sie sorgen. Sorry, dass ich Sie nicht gefragt habe. Ich hatte Angst, Sie würden Nein sagen.“ (S. 72)
Ausbruchsbewegungen wie diese wiederholen sich in der Folge mehrmals. So sie sich nicht ohnedies in der bloßen Sehnsucht erschöpfen, werden sie aber durch Zufälle oder Nebensächlichkeiten ausgebremst und unterbleiben. „Ich wusste nicht, wie es weitergehen sollte. Andere hatten einen Plan. Ich hatte keinen, hatte nie einen gehabt. Sehnsüchte ja, Wünsche, aber keine Ziele. Eigentlich habe ich immer nur reagiert, dachte ich. Auf Menschen, die ich kennenlernte, Situationen, denen ich vielleicht besser aus dem Weg gegangen wäre, Gedanken, Gefühle und Ideen, die plötzlich da waren und wieder verschwanden.“ (S. 85)
Wir lesen von einer zerrütteten Familie, vom Vater, der die Mutter betrog, von der Mutter, die ins Wasser gehen wollte, vom Großvater, der als Soldat im Krieg gefallen war, von der Großmutter als jener einzigen, die sich ihrer annahm. „Das ist die Geschichte meiner Familie, eine Geschichte wie viele andere. Eine Geschichte von Menschen, die glaubten, einander gefunden zu haben, sich selbst aber nach und nach verloren. In meiner Familie drehte sich alles um Schuld. Ich weiß nicht, wann es begann. Vielleicht als meine Mutter entdeckte, dass mein Vater sie betrog. Vielleicht schon früher.“ (S. 97)
Diese von Schmidt gekonnt mit dem Geschehen verwobenen Reminiszenzen sind in der Tat recht trostlos und wirken einseitig. Zwar finden sich auch schöne Erinnerungen, insbesondere aus der Zeit mit Fred, aber auch sie sind von jener Patina überzogen, die allem anhaftet, was unwiederbringlich verloren ist. Wenn es nur dieser Inhalt über eine aus ihrer Trostlosigkeit nicht herausfindenden Frau wäre, die das Buch ausmachten, wäre es nach meinem Dafürhalten nicht zu empfehlen. Gleichzeitig fällt es schwer, zu benennen, worin jenes Andere liegt, denn es ist nicht so, dass Schmidt eine Klärungsgeschichte geschrieben hätte, an deren Ende die Protagonistin, mit allem versöhnt, ins Licht schreitet. Und doch ist eine fein nuancierte und damit glaubhafte Entwicklung zu beobachten. Diese bekundet sich jedoch nicht durch einen Aufbruch oder einen wie immer gestalteten Neuanfang, sondern allein dadurch, dass die Beziehungen zu jenen, die um sie leben, eine Spur an Tiefe gewinnen. Sie beginnt sich des Mädchens, Paz, anzunehmen, die später studieren möchte. Sie schreitet ein, als deren Mutter, Mel, von ihrem Freund geschlagen wird. Sie sucht das Gespräch mit jenem, von den meisten Leuten beargwöhnten, Sonderling auf dem Berg, der sich als ehemaliger Buchhändler zu erkennen gibt und ihr, nebst einem spontanen Referat über das Leben William Faulkners, indirekt einen Wink gibt, der möglicherweise auch für unsere Lektüre von Bedeutung ist: „Als ich jung war, erwiderte er, war ich ein ungeduldiger Leser. Das, was zwischen den Zeilen steht, habe ich gar nicht verstanden.“ (S. 138)
Schon in Die untalentierte Lügnerin hatte Eva Schmidt einer ihrer Figuren den verwandten, auf Roland Barthes zurückgehenden Satz in den Mund gelegt: „Was ich benennen kann, vermag mich nicht zu bestechen.“ (S. 177) Analoges Gegenstück hierzu wäre die Diktion Wittgensteins, wonach, was sich zeigt, nicht aussagbar sei. – Wenn daher Schmidts Prosa zu bestechen vermag, so weniger durch einen konkreten Inhalt, der sich fassen ließe, als vielmehr vermittels einer in der Erzählform, und zwar insbesondere an deren Leerstellen, sich bekundenden Haltung oder Gestimmtheit. Diese Gestimmtheit hat nichts zu tun mit jener Betulichkeit, mit der wir viel zu oft unsere Empathie bekunden, mit der wir uns das Leben geschmeidig machen wollen, mit der wir nach jeder sei’s noch so furchtbaren Begebenheit in das versöhnliche Einverständnis abbiegen. Diese Gestimmtheit ist aber genauso weit weg von zynischer Gleichgültigkeit, dem Laufenlassen ohne Regung. Was an den Büchern Eva Schmidts anrührt und ‚besticht‘ ist gerade ihre Unbestechlichkeit im Hinsehen, der Wille (und das Vermögen), den Sinn des Lebens nicht kurzweg in einzelne Begebenheiten hineinzudeuteln, sondern bei den charakteristischen Zügen der Figuren und deren Umwelt zu verweilen, sie mit Wohlwollen und Geduld zu beschreiben.
Schmidts Prosa handelt von Dingen und Begebenheiten, die niemandem fremd sind, von denen aber kaum mal einer spricht. Und für dieses Alltägliche, vor unser aller Augen Liegende, eine Sprache zu finden, ist weitaus schwieriger und, so würde ich glauben, literarisch wertvoller, als die ohnedies allerorts repetierten Themen aufzugreifen, um sie mit einem poetischen Überzug zu versehen. Neben Fremden behandelt, ohne das ausdrücklich zu forcieren, natürlich eine Vielzahl an Problemlagen unserer Zeit (Vereinzelung, Orientierungslosigkeit, Geschlechterrollen, Medialität, Naturklischees usw.). Der Unterschied zur Unzahl ‚aktueller‘ Neuerscheinungen ist nur der, dass hier individuelle Erfahrungen auf Sprache dringen und daher ein echter Stil zu entspringen vermag, während ein solcher anderswo viel zu oft nur vorgegeben wird.
Der Roman Neben Fremden ist nach meinem Eindruck nicht ganz so stark wie seine beiden Vorgänger, gleichwohl aber lesenswert im höchsten Maße. Auch sei an dieser Stelle mit Nachdruck auf den Erzählband Die Welt gegenüber hingewiesen, da Schmidts Prosa, die das Charakteristische einer Situation oder Lebenslage oft in einem mit nur wenigen Sätzen gezeichneten Bild ahnbar macht, in der Short Story besonders eindrucksvoll zur Geltung gelangt.
Franz Schörkhuber war als Lektor für deutsche Sprache und Literatur in Prizren und Bratislava tätig und ist derzeit externer Lehrbeauftragter am Wiener Institut für Philosophie.
