#Roman

Nachtfrauen

Maja Haderlap

// Rezension von Anna-Elisabeth Mayer


Die Freiheit, zwischen den Stühlen zu sitzen

Nach ihrem erfolgreichen Debüt Engel des Vergessens (Wallstein, 2011) legt nun Maja Haderlap ihren zweiten Roman Nachtfrauen (Suhrkamp, 2023) vor. Unbedingt erwähnt gehört dabei ebenso ihr dazwischen erschienener Gedichtband langer transit (Wallstein, 2014) – ist es doch gerade Haderlaps poetischer Sinn für Sprache und ihren Puls, der auch ihre Prosa auszeichnet.

Nachtfrauen beginnt mit der Fahrt von Wien in den österreichischen Süden, nach Kärnten, ins Heimatdorf der Protagonistin Mira. Dort war sie zusammen mit ihrem Bruder auf einem Hof aufgewachsen, den nun ihre Mutter verlassen soll, was Anlass ihrer Reise ist. Mira fällt es nicht leicht: „Es sei schwer, sich mit dem Gedanken abzufinden, dass etwas zu Ende gehe.“ (S. 58) Auch wenn sie selbst zu dem Ort ein zwiespältiges Verhältnis hat, da sie sich schon immer als ein „vorübergehender Gast“ gefühlt hat. Als Mira mit Jaundorf ihr Ziel erreicht, wird sie von ihrer Mutter begrüßt: „Dober dan“, liest man, und, dass die „[…] ersten slowenischen Worte in ihrem Hals [kratzten]“ (S. 19).

Von Anfang an ähnelt das Mutter-Tochter-Verhältnis dem Dorf-Stadt-Verhältnis. „Weggehen kann jeder. Das Schwierige ist doch, zu bleiben“ (S. 14), sagt Miras Mutter. Die Beziehung zu ihrer Mutter war vor allem in ihrer Jugend von Abstand und gegenseitigem Unverständnis gekennzeichnet, vom Verstummen und Übergehen des anderen. Dennoch finden die zwei Protagonistinnen in diesem Roman ein Stück weit zueinander, berührend in einer Welt, in der das Ringen nach Worten bestimmend war. „[E]s lag, seit Mira denken konnte, eine Art Schweigegebot über allem“ (S. 34).

Dass dieses Schweigegebot mit der unsagbaren Härte eines Alltags verbunden war, den bereits Miras Großmutter als Alleinerziehende zu bewältigen hatte, wird im Laufe der Lektüre fassbar: Nach dem Tod ihres Mannes wurde der Großmutter – nun allein mit den Kindern – sogleich vom Grafen die Pacht gekündigt, sodass sie im Gasthaus von Verwandten unterkam, in dem ihre Arbeitskraft ausgebeutet wurde. Miras Mutter Anni kam damals bereits als Kind zu dem Schluss „dass man in dieser Gegend als alleinstehende, mittellose Frau damit rechnen musste schlecht behandelt zu werden“ (S. 274). Und das Kind bemerkte, wie seine Mutter ein „Tages- und ein Nachtgesicht“ hatte: „Während des Tages überwog die Unbeugsamkeit in ihren Gesichtszügen, in der Nacht jedoch konnte man sie zuweilen weinen hören.“ (S. 231)

Der Tod von Annis Mutter ist schließlich einer der Verzweiflung und Vereinzelung – aber auch darüber wird geschwiegen. Doch wie deren Tod so steht auch das Leben von Miras Großmutter nicht nur für ein einzelnes Frauenschicksal, sondern für ein von den patriarchalen Strukturen geformtes, in permanenter Unterdrückung geführtes Leben von Frauen. Eine Generation später wird das bei Miras Mutter an der Reaktion des Volksschullehrers klar: Auf seine Frage, was die Mädchen in ihrem Leben anstreben, antworten viele, einen Beruf erlernen – und er zeigt sich erstaunt.

Auch Miras Mutter hatte den Wunsch gehabt, eine Hauptschule zu besucht, um danach eine Lehrerinnenausbildung zu absolvieren. „Ich habe kein Geld“, war darauf die Antwort ihrer Mutter. „Arbeite gefälligst, arbeite, hast du verstanden!“ (S. 117)

Kein Geld zur Verfügung zu haben – Haderlap zeigt, wie Herkunft das Leben bestimmt, selbst zwei Generationen später. So sagt Mira: „[…] aber die Art, wie meine Mitschülerinnen glaubten, auf mich hinunterschauen zu können, wie sie gespürt hatten, dass man meine Eltern nicht fürchten musste, weil sie arme Leute waren, finde ich niederträchtig, denn sie haben diese Haltung von den Erwachsenen übernommen.“ (S. 88)
Miras Mutter durfte schließlich eine slowenische Haushaltsschule besuchen. Die Schulschwestern dort warnten vor „kommunistischen Büchern“ des ehemaligen Jugoslawiens, ganz und gar nicht für junge Mädchen geeignet. Miras Tante Dragica war so eine junge Frau, die im Krieg den Partisanen beigetreten und danach in Slowenien geblieben war, sodass sie in Ljubljana ihre Schule abgeschlossen hatte. Sie war von Miras Mutter Anni beneidet worden, und hatte selbst Anni wohl als rückständig betrachtet. Dragica war überhaupt die erste Frau in der Familie, die maturiert und eine Berufsausbildung hatte, und später Mira im Studium unterstützte, ja, in deren Nachfolge sich Mira erkennt; und wäre da nicht deren Mann Franjo gewesen, der die heranwachsende Mira einfach berührt hatte, so als ob dies eine Zärtlichkeitsbekundung und nicht Missbrauch sei, hätte Mira den Kontakt zu dieser außergewöhnlichen Frau weiterhin gesucht.

Missbrauch betraf bereits die Generationen vor Mira: Schon die Großmutter war Übergriffen ausgeliefert, als sich ihr im Gasthaus angetrunkene, verheiratete Dorfbewohner näherten. Bei Mira erfolgt der Missbrauch in der eigenen Verwandt- und Nachbarschaft. Die damit verbundene Scham ist ein zentrales Motiv im Roman – Scham und Fremdbestimmung, verschärft durch den alles dominierenden Katholizismus in der Gemeinschaft des Dorfes. Aber auch die empfundene Schuld am Tod ihres Vaters („[O]hne mich würde er noch leben“, S. 78 ), die sich in dem damit allein gelassenen Kind („Warum hilft mir denn niemand?“, ebenda), festsetzt, führt zur Verselbstständigung und Vergrößerung der Schuldgefühle. Das Ausmaß der erlebten Scham und Fremdbestimmung schreibt sich in Miras Körper ein, indem es sich dort als Angst manifestiert. Nachdem sie schließlich als Studentin von ihrem Geliebten schwanger wird und, von ihm allein gelassen, eine Abtreibung vornehmen lässt, folgt eine psychische Krise.

Aber Fremdbestimmung und Scham haben noch eine weitere Ursache: die Erfahrung, zu einer Minderheit zu gehören. Das sensible Mädchen Mira bekommt unentwegt zu spüren, dass sie zu etwas gehört, das zerstört gehört, aber sich nicht ganz zerstören ließ, wie es an einer Stelle im Roman heißt. „Aber seitdem sie denken konnte, lag etwas in der Luft, das sie verunsicherte. Es hatte mit Stimmungen und Beklemmungen zu tun …“ (S. 39). Dieses Auseinanderklaffen zwischen ihrer Realität und derjenigen der deutschsprachigen Mehrheit gräbt sich tief in Miras Persönlichkeit: „Es gibt Blicke, die dich draußen im Regen sehen möchten, ganz einfach.“ (S. 175f)

Das Unterscheidungsmerkmal ist die Sprache: „Sie konnte sich noch an die Jahre erinnern, in denen man in der Öffentlichkeit in dieser Sprache nur geflüstert hatte, um kein Aufsehen zu erregen.“ (S. 38f.) So beschloss Mira in der fünften Klasse Gymnasium sich vom nachmittäglichen slowenischen Sprachunterricht abzumelden, nachdem ihr der Geschichtslehrer riet, sich von den Slowenen nicht vereinnahmen oder gar in politische Konflikte verwickeln zu lassen. „Es erschien ihr damals logisch, und doch geschah es aus Angst, sich mit dieser Sprache verdächtig zu machen. Sie wollte darin ein Zeichen des Protests gegen ihre Mutter sehen, aber handelte im Einvernehmen mit der damals vorherrschenden politischen Stimmung. Das Slowenische war eine Sprache des Bekenntnisses, ein Politikum, das die erwünschte deutsche Identität des Landes in Frage stellte. Jeder, der den Unterricht besuchte, fiel auf, ob in der Schule oder an der Haltestelle, wo er außerhalb der üblichen Unterrichtszeiten auf den Bus wartete.“ (S. 39)

Miras Aufwachsen als Teil einer Minderheit, ihr gleichzeitiges Hinstreben zur Mehrheit, der damit einhergehende Vorwurf, zeigt sich als tiefe Zerrissenheit in ihr. Die Sprache, „[d]er slowenische Dialekt war das Tor, durch das sie eine abgeschlossene, scheinbar zurückgelassene Welt betrat, die von Menschen bevölkert wurde, von Lebenden und Toten, die etwas von ihr wollten“ (S. 19). Dieses Wollen der Lebenden und Toten ist zentral im Roman – es ist ein Griff, dem die Hauptfigur Mira nur schwer entkommt. Ihre Mutter wiederum macht sich selbst Vorwürfe, ja, empfindet es als „unverzeihlichen Makel“, dass es ihr nicht gelungen war, ihre Kinder – neben dem Glauben an Gott – von der Muttersprache zu überzeugen. An einer Stelle meint sie: „Ich bin viel zu selten befragt worden, dabei hätte ich was zu sagen. […] Darüber zum Beispiel, wie unsere Sprache verschwindet.“ (S. 108)

Auch hier sieht man die vielen verschiedenen Schichten, aus denen der Roman Nachtfrauen besteht, mitsamt all den Widersprüchen, die Haderlap literarisch ausleuchtet. So sagt Miras Mutter über Sonja, Miras alte Freundin, eine „Paradeslowenin“: „Sonja wird von unseren Leuten geschätzt und geachtet. Dich aber kennt man kaum.“ (S. 163) Auch in Sonjas slowenischem Kulturverband gab es hinter vorgehaltener Hand Vorwürfe gegen Mira. Miras Antwort darauf gehört sicher zu einer der herausragendsten Stellen des Romans: „[E]s gibt die Freiheit, zwischen allen Stühlen zu sitzen, die man als Pein erlebt, und doch ist es eine Freiheit.“ (S. 176)

Denn sie hatte bei ihren Besuchen im Dorf eines wahrgenommen „[…] wie alle, die Deutschkärntner und die Kärntner Slowenen, versucht haben, sich ständig voneinander abzugrenzen. […] als ob es nichts Wichtigeres auf der Welt gäbe als irgendeine Zugehörigkeit, deren Nachtseite die Verbannung ist “ (S. 187).

In gewisser Weise ist mit den Nachtfrauen das Unmögliche gelungen. Neben einem einfühlsam geschilderten Mutter-Tochter-Verhältnis ist das Buch ein Portrait von drei Frauen-Generationen und damit eine Geschichte von Frauen im Allgemeinen – darüber hinaus eine Geschichte über Herkunft und Klasse. Aber das Herz des Romans ist die Geschichte einer Minderheit. Für diese komplexen Fragen findet Haderlap eine bestrickende Sprache, mit außerordentlichem Gespür für Gewebe, Naht und Knoten.


Anna-Elisabeth Mayer
, geb. 1977 in Salzburg, lebt heute als Schriftstellerin in Wien. Studium der Philosophie und Kunstgeschichte. Für ihr Debüt Fliegengewicht (Schöffling Verlag) wurde sie mit dem Literaturpreis Alpha 2011 ausgezeichnet. 2014 folgte der Roman Die Hunde von Montpellier (Schöffling). Im darauffolgenden Jahr erhielt sie den Reinhard-Priessnitz-Preis. Ebenfalls bei Schöffling veröffentlichte sie 2017 den Roman Am Himmel und im Frühjahr 2023 ihren vierten Roman Kreidezeit, der sich mit der fortschreitenden Digitalisierung auseinandersetzt.

Maja Haderlap: Nachtfrauen.
Roman.
Berlin: Surkamp Verlag 2023.
294 Seiten, gebunden.
978-3-518-43133-7.

Verlagsseite mit Informationen zum Buch, Autorinnen-Kurzbiografie und Leseprobe

 

Rezension vom 30.10.2023

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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