In ihrem neuen Lyrikband untersucht Bachl Körper und Sprache. Sie arbeitet genau, sorgfältig und überlegt; Worte werden abgeklopft, sondiert, abgetastet, Sätze und Syntax aufgeweicht. Regelmäßig verwendet die Autorin Verfahren konkreter Poesie: am besten wirken die Texte, wenn man sie laut liest. Auflösung und Transformation bestimmen Inhalt UND Form, Offenheit zeichnet sowohl die Gedichte als auch die federführende Hand aus.
habe mich nie als Gegebenheit wahrgenommen
sondern als dehnbares Material (S. 44)
Formal ist der Band in drei Kapitel gegliedert (milchgefüttert, blur, ich träume wieder), das erste davon ist durchgehend in Kleinschrift gesetzt. An den Anfang stellt die Autorin zwei Zitate, die atmosphärisch den Ton vorgeben.
Anja Bachls Lyrik ist ein spielerischer, unerschrockener Umgang mit Sprache eigen, davon zeugen auch ihre zahlreichen Wortneuschöpfungen („Blutendesmal“ (S. 9), „trostbar“ (S. 23), „trümmergebrochen“ (S. 25). Die Autorin kreiert eigenwillige Allegorien, englische Ausdrücke finden sich ebenso wie Dialekt, gegen Ende des Buches wirken manche Stellen wie eine Geheimsprache: „weiter, es flimmert durch den schorfigen Glitch“ (S. 71)
In den oft lautmalerischen Gedichten finden sich zahlreiche Alliterationen („sich in rage räkeln“, S. 39; „es trieft untereinander / treu“, S. 64) und Wiederholungen. Vor allem durch diese wird eine Homogenität des Textes erzeugt. Worte und Themen – etwa Zucker, Schwestern, Zähne, Wölfe/Wildtiere/Hunde – kehren in einzelnen Gedichten ebenso wie im ganzen Buch wieder. Die Autorin spannt Bögen und setzt Klammern, umkreist Inhalte, greift sie (wieder) auf. Das lyrische Ich bewegt sich von den Zellen zu den Sternen, lässt „alle Saturne ziehen“ (S. 46) und schlägt „das gewicht des mondes / in stanniolpapier“ (S.35). Am Ende der Gedichte findet sich häufig ein Kontrapunkt; Bachl ist eine Meisterin im Zuspitzen.
Der ausgiebige Einsatz unterschiedlicher Verben verleiht den Gedichten Unmittelbarkeit, Lebendigkeit und Sinnlichkeit. So wird gesprungen, geworfen, rotiert (oder man ist aus dem Takt: „Arrhythmie“, S. 10). Es wird geleckt, geknurrt, gebellt, gebissen, gefletscht und gespeichelt, gerissen, geworfen, geschlagen und geschnitten, gezwitschert, gejault, gesungen und gequietscht. Die Autorin verbindet haptisches Erleben und Körperlichkeit mit Technik und Naturwissenschaft. Medizinische und medizintechnische Begriffe – wie „lipoprotein(a)“ (S. 35), „Elektrokardiogramm, eine Uhr“ (S. 58), „parasternale Muskeln“ (S. 85) – können in ihrer Abstraktheit als Gegenpol zu sinnlichen Passagen gelesen werden. Am Ende des Buches finden sich Listen und Wortsammlungen, werden die Texte chiffrierter, was sich an Ausdrücken und Bildern zeigt, die eine Interaktion von Mensch und Technik beschreiben („ließ meinen zeigefinger im schlafmodus / auf dem bogen aufschwünge ziehen”, S. 35).
Multiple Perspektiven und Mehrdeutigkeit
Die Perspektiven des Bandes sind multipel (wir, du, ich). Inhaltlich verhandelt das lyrische Ich mit sich und anderen, sucht nach Zugehörigkeit und Zuflucht. Die Leere, die es (in sich selbst) entdeckt – „wenn ihr mich seht, sehr ihr mich nicht“ (S. 75) – erinnert an das Bild La trahison des images (Ceci n’est pas une pipe) des Surrealisten Réné Magritte. Immer wieder werden Fragen gestellt („warum warum warum“, S. 28), und Zweifel geäußert („ich habe das Gefühl, oder ist es tatsächlich so“, S.56).
ganz stimmt es nie (S. 46)
Die Autorin befragt Identität und Körper:
der Körper muss in eine Form passen
buchstabiere meine Pronomen
f l e s h
(S. 9)
Doch ist nicht immer feststellbar, wessen Körper gemeint ist, wie auf S. 45: „unter der Nickhaut ist es eher salzig als süß“. Die Nickhaut ist etwas, das viele Wirbeltiere, aber Menschen nicht besitzen: ein drittes Augenlid.
Bachl entlarvt die Vorstellung von einer scheinbar gemeinsamen Realität als Illusion. Sie vermisst die Grenzen zwischen Menschen und Nichtmenschlichen, findet Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten mit Tieren, Pflanzen, Elementen, Gestirnen: “mit wehender Mähne bin ich ein Mensch aus Farn / in das Federn geboren” (S. 73), erschafft fluoreszierende Hybridwesen, zeigt auf, dass Grenzen erdacht sind. Das Politische in den Zwischentönen sichtbar, etwa durch die bewusste Anwendung von Pronomen wie „dey“ (S. 72) oder „jemensch“ (S. 81).
Zum Teil mutet das lyrische Ich wie ein mythisches Wesen an, das anruft und beschwört. Vor allem das „wilde Tier“, in dem sich das Ich auflösen und verstecken darf, tritt immer wieder zu Tage. Die Wölfe sind es letztlich auch, die als gewählte Familie im titelgebenden Gedicht Stärke verleihen.
milchgefüttert begegne ich den Wölfen
sie bieten mir an, meine Unsicherheiten zu tragen
mich über trübe Gewässer zu heben
ich lasse
alle vier Weisheitszähne in diesem
Mitternachtszustand
nicht Tag, nicht Nacht (S. 76)
Archetypen und Atmosphären
Anja Bachl spricht Archetypen aus europäischen Märchen und Mythen an, mit Beschreibungen von Wölfen und Wäldern. Sie beschwört eine magische Realität und Kindheit: „ich sprach mit den Rindern“ (S. 15) oder „mir flüsterten die weiden zu“ (S. 15), indem sie mit Vertrautem spielt, es verfremdet und in einen neuen Kontext setzt, wie etwa Reime („Mehl, Zucker, Milch“, S. 58) oder Spiele („sich etwas von den Wimpern zu wünschen“, S. 81). Die Autorin beherrscht die Kunst der Umdeutung und Mehrdeutigkeit.
Ihre starken Bilder, die zum Teil wie Super-8-Filme wirken, erzeugen düstere Stimmungen, Nacht-Zustände, wie im Buchtitel. Sie beschäftigt sich mit Themen wie Alter, Vergänglichkeit, Verlust und Tod, Armut, Gewalt und Schmerz, aber auch Resignation und Verschwinden. Doch diese Dunkelheit klart immer wieder auf:
augenkontakt mit meiner nachtangst
sich irren dürfen (S. 18).
Offenheit, Weichheit, Verletzbarkeit werden als Gegenpole zur Schwere gesetzt: „das licht fiel / wir fingen“ (S. 24).
Der Kulminationspunkt des Bandes findet sich in einem Gedicht über einen medizinischen Notfall, in welchem sich das lyrische Ich an seinen gesunden Körper erinnert, während es mit medizinischen Fakten und der Realität eines kranken, nicht funktionierenden Körpers konfrontiert ist. Bachl stellt die beiden Zustände auch visuell gegenüber, baut Begriffe und fragmentarische Beschreibungen in einem Crescendo auf, bis am Ende alles flimmert. (S. 60)
So gelungen wie die Gedichte ist auch die Gestaltung des Buches, allem voran das Cover mit fluiden, violett-schwarzen Formen, in denen der Titel (in Kleinschrift) und der Autorinnenname verschwinden. Am Ende wird auf Inspirationen und Zitate verwiesen, durch die Widmung und die mehrseitigen Danksagungen erweitert sich das Verständnis, mit dem der Gedichtband gelesen werden kann.
ich bin noch hier. mit mir
ein Moor aus Liedern
schwarzer Holunder und seine Kraftzu flecken. and dissonance (S. 79)
Anja Bachl ist mit Mitternachtszustand ein dichter Lyrikband gelungen, sorgfältig und gekonnt gearbeitet, dessen eindrückliche Stimmungen und Bilder lange nachhallen: Literatur mit existentiellem Anspruch.
Marianne Jungmaier ist Schriftstellerin und schreibt Lyrik, Prosa und Romane. Zuletzt erschienen im Otto die Reiseerzählungen Kontinentaldrift (Otto Müller Verlag, 2026) und der Lyrikband Gesang eines womöglich ausgestorbenen Wesen (2024, Otto Müller Verlag). www.mariannejungmaier.com
