Spätestens seit Thomas Morus‘ philosophischer Fabel Utopia (1516) fungiert die Insel als literarisches Labor sozialer Versuchsanordnungen. Von Jonathan Swifts Gulliver‘s Travels (1726), Johann Gottfried Schnabels Insel Felsenburg (1731ff.) über H. G. Wells The Island of Doctor Moreau (1896), William Goldings Lord of the Flies (1954), Arno Schmidts Die Gelehrtenrepublik (1957) bis zur TV-Serie Lost (2004–2010) und zur Literaturverfilmung The Beach (2000) erstreckt sich die Reihe pop- und soziokulturell einflussreicher Inselallegorien. In der österreichischen Literatur hat Sarah Kuratle mit Chimäre 2025 einen hochpoetischen Roman vorgelegt, der von einer Insel als sozio-ökologischem Gegenmodell zur nicht nur technologie-bedingten Entfremdung von Mensch und Natur abhebt. Im selben Verlag wie Chimäre, bei Otto Müller in Salzburg, erscheint nun mit Lisa-Viktoria Niederbergers Lahea ein in der vertrauten motivgeschichtlichen Traditionslinie stehendes Inselepos, das ob der Bedrohungsszenarien einer von Klimakatastrophe, Neoautoritarismus und Neoimperialismus geprägten Polykrise jedoch von geradezu bestürzender Aktualität ist.
Lahea, so heißt die Protagonistin in diesem, Niederbergers erstem, Roman. Als Tochter der Dorfvorsteherin hat sie den Großteil ihres Lebens im kleinen Ipane auf der Insel Ebria verbracht. An diesem fernab technologisch gestützter Herrschafts- und Subalternisierungssyteme gelegenen Ort wollten Laheas Mutter und ihre Mitstreiter:innen einst „eine neue Welt schaffen. Eine neue Realität, eine bessere Gesellschaftsform. Leben im Kollektiv. Solidargemeinschaft. Der Versuch, im Einklang mit der Natur zu bleiben, sie zu bewahren, anstatt auszubeuten. Freie Liebe, aber nicht in den gescheiterten Versuchen der Alten Welt, sondern wirklich. Das Patriarchat mit seinen unterdrückerischen Regeln wollten sie zurücklassen.“ (S. 30f.)
Um diese auf Gewaltlosigkeit und nachhaltiger Ressourcenverwendung basierende Gesellschaftsform zu schützen, wurden vom „Ältestenrat“, dem ausschließlich aus Frauen bestehenden Leitungsgremium der Insel, nicht-verhandelbare Regeln des Zusammenlebens erlassen: So dürfen „Männer und Variani, jene, die Frau- und Mann-Sein hinter sich gelassen haben“ (S. 31), keine Leitungspositionen einnehmen; sind pro Familie nicht mehr als zwei Kinder erlaubt, wobei Familie selbstverständlich auch „ohne gemeinsame Gene“ (S. 62) möglich ist; wird die anfallende Arbeit sozial verträglich verteilt: „Putzkolonne, Latrinendienst, Abwasch, Küche, Wäscherei, Wegpflege. Alle machen alles, was zu tun ist, sodass niemand auf Dauer die weniger erfüllenden Arbeiten verrichten muss.“ (S. 44)
Lahea identifiziert sich mit den Grundprinzipien dieser Ordnung, verspürt aber ein Unbehagen an einigen von ihr als zu strikt und immanent ungerecht empfundenen Regeln. Als sie von ihrer Mutter Zaina zur Nachfolgerin als Dorfvorsteherin bestimmt wird, sieht sie das auch als Chance, aktiv an einer Weiterentwicklung des Gesellschaftssystems auf der Insel mitzuwirken. Um nun den Initiationsritus als Dorfvorsteherin durchlaufen zu können, muss Lahea nach Armo, der Hauptstadt der Insel. Es ist das erste Mal, dass sie ganz alleine unterwegs ist, ohne ihre Tochter Rara, ohne ihre beiden charakterlich sehr verschiedenen, aber sich gerade dadurch wunderbar ergänzenden Partner Ilyas und Enian, begleitet nur von ihrer Brieftaube. Auf Ebria setzt sie sich damit keiner Gefahr aus, hier kann sich eine allein reisende Frau überall sicher fühlen. Das ist die allgemeine Auffassung, das glaubt auch Lahea.
Mit dem Aufbruch Laheas aus Ipane beginnt eine Reise über die Insel, die zu einer Leidens-, Trauer- und Wutreise, einer Erkenntnis- und (Selbst-) Entdeckungsreise, und letztlich zu einer Heldinnenreise wird. Niederberger verknüpft dabei erzähltechnisch geschickt die individuelle Geschichte und Entwicklung ihrer Protagonistin mit der wachsenden Wirkmächtigkeit einer zunächst über sexuelle Übergriffshandlungen sichtbar werdenden, aus dem Untergrund operierenden Gruppe. Erst im Laufe des Romans wird klar, auf welche Weise diese nach patriarchalisch-heteronormativen, sozialdarwinistisch-kapitalistischen Herrschaftsstrukturen strebende Terrorgruppe auf „eine große, kollektive Leerstelle“ (S. 115) im historischen Gedächtnis der Insel zurückgeht.
Lisa-Viktoria Niederberger hat ihren Debütroman überaus ambitioniert angelegt. Als politische Allegorie fokalisiert er die seit Millennien diskutierte Frage nach dem menschenfreundlichsten politischen System, erfasst aber auch den herausfordernden Umgang mit kollektiven Geschichtstraumata und die reale Ausgestaltung gegenwärtiger Gleichberechtigungs-/Antidiskriminierungsdiskurse. Über das umfassende Figurenarsenal des Romans inszeniert Niederberger eine multiperspektivische Bestandsaufnahme der Inseldiskurse und -narrative, ohne darauf zu verzichten, über Lahea und weitere Identifikationsfiguren eine eindeutige Positionierung für Solidarität, Freiheit und Vielfalt vorzunehmen. Dabei schöpft die Autorin aus einer so großen symbolischen, dramaturgischen und diskursiven Fülle, dass man sich – beinahe überwältigt – beim Lesen hin und wieder fragt, ob bisweilen etwas weniger nicht mehr gewesen wäre. Aber womöglich würde dann die literarisch-aktivistische Wucht des Textes gemindert – und damit seine beim Lesen letztlich Hoffnung gebende, voller emotionaler Identifikationsangebote episch auserzählte Gewissheit von der Heilbarkeit dieser gebeutelten und geschundenen Welt.
