Leitend ist dabei eine nicht-anthropozentrische Perspektivierung von Welt, die mit großer Sorgfalt und Genauigkeit die Existenzweisen von Tieren und Pflanzen, die Beschaffenheit von Landschaften, die Texturen von Dingen miteinbezieht. Vor dieser werküberspannenden Folie bilden die fragile Schönheit und unverzeihliche Versehrtheit, das potentielle Vergehen und die dennoch mögliche (Wieder-)Heilung dieser „terrestrischen Gemeinschaft“ (Achille Mbembe) die zentralen thematischen Verdichtungsmomente von Chimäre.
Narrativ-symbolischer Fluchtpunkt des Romans ist eine namenlos bleibende Insel, wohl nicht im Meer, sondern in einem vielleicht durch eine Flutkatastrophe entstandenen See gelegen. Hunderte Kilometer von substantiell beschädigten Siedlungsräumen auf einem von unbenannten Katastrophen heimgesuchten, wie in expressionistischen Stummfilmen symbolisch übermächtig gezeichneten Festland entfernt, befindet sich auf der Insel ein Kolleg: „Von weitem […] erinnere das Kolleg an einen bewaldeten Berg. Verdeckt die Gewächshäuser, die Zimmer unter und hinter den Gärten“ (S. 26), verwachsen sind die Mauern mit den Bäumen: „Sterben die Bäume, bricht das Haus zusammen“ (S. 57).
Zentral auf dieser „Insel der Pflanzen“ (S. 18) ist eine nicht ausschließlich rational erfassbare Über-Lebensphilosophie, die den Erhalt der Umwelt, der Flora und Fauna, mit der künstlerisch-sinnlichen Praxis eines metarealen Zeichnens verbindet, das die Wirklichkeitsränder ausfranst. Ein stiller Meister dieser Zeichen- und Zeichnungs-, dieser Archivierungs- und Anregungskunst ist der nicht gänzlich zur scheinbar rein männlich dominierten Lehrer- und Schülerschaft des Kollegs gehörende Gregor, der kurz vor Einsetzen der Romanhandlung von seinem Freund Alois auf der Insel zurückgelassen wurde – ohne Abschied: „Es war keine Zeit, es passten die Worte nicht.“ (S. 20)“
Alois wird auf dem Festland (wieder) zu Alice, prototypisch für diese Romanwelt voller Chimären, diese Welt, die selbst ein „Mischwesen“ (S. 50) ist und aus der beständigen Aufhebung und Überschreibung von Grenzen zwischen Menschen, Tieren, Pflanzen, Dingen, Wasser, Erde, Feuer und Luft entsteht. Während Gregor in der Einswerdung mit der Pflanzenwelt Erlösung von Missbrauchstraumata seiner Kindheit sucht, unternimmt Alice auf dem Festland die Er- und Unterwanderung ihrer eigenen Geschichte und der damit verbundenen existentiellen Grundfragen – „wer willst du sein, oder werden, und wie.“ (S. 34)
Chimäre ist über das kapitelweise Hin- und Hergleiten zwischen Gregors und Alice‘ Perspektive erzählerisch strukturiert. Die beiden sind durch Erinnerungsfragmente an unausgesprochene Übereinkünfte, ausgesprochene Meinungsverschiedenheiten, kleine und große Gesten wie über in der Romangegenwart gemachte, über „innere Dialoge“ kommunizierte Wahrnehmungen und Erlebnisse miteinander verbunden. In die entstandenen Leerstellen an der Seite der Hauptfiguren treten indessen Tera (bei Georg) und Max (bei Alice). Es gehört zur ausgeklügelten Komposition von Chimäre, dass sich die zunächst als peripher erscheinenden biographischen Bahnen von Tera und Max an zentraler Stelle des im Roman aufgespannten Narrativ-, Bedeutungs- und Beziehungsnetzes kreuzen.
Sarah Kuratle schreibt mit hoher Aufmerksamkeit und Sensibilität für die nuancierte, fluide Beschaffenheit von Welt. Die Präsenz des Menschen ist dabei oft ein disruptiver, destruktiver Faktor: „Das Chaos, Tera schiebt eine Strähne über den Scheitel, richten die Menschen an.“ (S. 44) Die verheerten Landschaften auf dem Festland wie die blühenden Gärten auf der Insel sind sich kausal bedingende Folgeerscheinungen menschlichen Handelns.
Bei einem holistischen Verständnis der Erde als einem Organismus, der sich aus mit- und ineinander verschränkten Lebens- und Daseinsformen zusammensetzt, ist jegliche Abgrenzung letztlich unmöglich: „Die Professoren glauben, aus der Vielfalt der Flora folge die Vielfalt der Fauna. Professor Anila sagt, dass beides eins ist. Tera leuchtet das ein, Alois auch. Anders Gregor, das Maßband, jeder Strich ist punktgenau.“ (S. 61) Auf der individuellen Figurenebene ist Gregors spezifische Zeichenpraxis der klaren Ränder und Enden auch als künstlerischer, letztlich scheitern müssender Versuch des Kappens der Verbindungslinien zur gewaltvollen Welt und traumatischen Biographie jenseits der Insel lesbar.
Chimäre ist mit seinen 155 Seiten zwar ein relativ kurzer Roman, erfordert aber eine aufmerksame, sich in einzelne Sätze und Absätze vertiefende Lektüre, um seine herausfordernde Vieldeutigkeit, intertextuelle Verzweigtheit und multi-mythologische Grundiertheit zumindest erahnen zu können. Sarah Kuratles dichte literarische Beschreibung macht auf einer existentiellen Ebene die Grundpotentiale des Menschlichen zwischen Verbundenheit, Individuation im Jungschen Sinne und Deprivation lesbar, ohne zum wahrscheinlichsten Ausgang der Menschheits-Geschichte eine definitive Position zu beziehen. Im Spiel der Chimären verbleibt als (nicht nur ästhetischer) Ankerpunkt des Romans die ungemein feinsinnige und feinkalibierte Kuratlesche Sprache, die einen immer wieder bei der Lektüre innehalten und wie Alice empfinden lässt, die in einer bezeichnenden Szene einen Apfel pflückt, ihn aber nicht zu essen vermag: „ich glaube, er ist zu schön“ (S. 63).
