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FRISCHE APPELLE & andere Sprechtexte

Natascha Gangl

// Rezension von Anna-Elisabeth Mayer

Natascha Gangls Textsammlung FRISCHE APPELLE & andere Sprechtexte schärft unsere Sinne und hilft, sich im Dunklen zurechtzufinden.

Mit dem Text Da Sta gewann die 1986 in Bad Radkersburg geborene Autorin Natascha Gangl den Ingeborg-Bachmann-Preis 2025. Im Herbst erschien nun im Ritter Verlag ihre Textsammlung FRISCHE APPELLE & andere Sprechtexte. Wenn es im Klappentext heißt “FRISCHE APPELLE sind laut zu lesen: als Intervention in das Bestehende und als beherzter Aufruf zum Miteinander”, bekommt man bereits einen Eindruck von Gangls poetischem Programm.

Das stille Lesen bewährt sich neben dem programmatisch lauten allerdings genauso, schließlich bedeutet jedes Lesen immer schon ein gewisses inneres Mitsprechen. Gangls Texte schaffen es sogar, diesen Vorgang bewusst erfahrbar werden zu lassen, sodass sich der Blick auf eine erkenntnisgewinnende Weise fokussiert. Gleichzeitig beginnt man mit Gangl selbst genau hinzuhören und – im Sinne des Miteinanders – zuzuhören. Denn, wie es die Literaturkritikerin Brigitte Schwens-Harrant, die Gangl zum “Wettlesen” nach Klagenfurt eingeladen hatte, in ihrem schönen Vorwort der erschienenen Textsammlung schreibt: “Ohne Hören sind Natascha Gangls Texte nicht zu denken.” (S. 7)

Das Bemerkenswerte beim Lesen der Texte ist daher, dass die Sinne geschärft werden. Was insofern wichtig ist, weil die Autorin vor der Dunkelheit nicht zurückschreckt. Doch keine Angst: “Habe einen Hang zum Zusammen!” (S. 21), heißt es wie eine ausgestreckte Hand in Flugversuch: Alles wird Ei sein. Wer zu fallen droht, wird sofort aufgefangen, und mit jedem Wort mehr lernen wir uns im Dunklen zurechtzufinden. Dabei dominiert eine Lust an der Sprache, die ihresgleichen sucht: Gangl schürft Gold – hell wie Laternenlicht. Hält sie uns die Hand hin, nimmt sie selbst in Kauf, sich aufzuschürfen. Weil sie sich derart furchtlos den Wunden stellt, sind ihre Texte eminent politisch. Etwa der Text MENSCHEN IM WALD, ein Theaterstück, das – wie man in den Anmerkungen am Ende des Buches erfährt – eine Demontage u. a. von Ernst Jüngers Der Waldgang ist: H.C. Straches Lieblingsbuch, bevor der ehemalige FPÖ-Politiker Ibiza für sich entdeckte.
Oder etwa der Text AKT V, der dem Gewaltschutzzentrum Steiermark gewidmet ist. Widmungen sind bei Gangl ebenfalls immer mehr als nur eine Geste. Sie sind eine Auseinandersetzung und ein Eingehen einer Verbindung. Gangl arbeitet auch in den verschiedensten künstlerischen Konstellationen – das Figuren- und Objekttheaterkollektiv spitzwegerich ist nur eine davon. Der Text ES IST SAMSTAG ist zum Beispiel für dieses Kollektiv 2024 entstanden:

“Es ist Samstag.
Samstags putze ich.
Ich tunke das Wettex, blau,
in den Kübel, grau,
mit dem Allzweckreiniger, gelb.
Und ich habe das Gefühl, es ist staubiger als letzte Woche.” (S. 83)

steht zu Beginn und im Weiterputzen werden auf fulminante Weise Fragen nach Arbeitsteilung und Klasse, nach Sauberkeit und Schmutz aufgeworfen.

Sind Gangls Texte äußerst politisch, sind sie in gleich hohem Maße poetisch. Tatsächlich aber “für alle” verständlich. Niemals erhebt sich die Autorin über andere. Dialekt, hineingewoben in das Textgeflecht, kommt ebenso bei ihr zu Wort, zu seinem Recht, möchte man fast sagen. Doch auch da horcht sie genau hin, hört quasi in den “Ort”:

“Die Mütter, die Frauen, die Frauen der Generation meiner
Mutter dort, im Ort, und –
die Frauen meiner Generation, dort, im Ort, die –
wenn sie dortgeblieben sind, Mütter geworden sind,
weil es unmöglich scheint, dort zu bleiben, im Ort,
wenn man keine Mutter geworden ist […].” (S. 86–87)

Es mag paradox klingen, aber Natascha Gangl hört nicht auf zu hinterfragen, gerade weil ihr vorrangig am Gemeinsamen liegt, dem Anknüpfen am Gegenüber. Das Anknüpfen fungiert zugleich als poetischer Imperativ: “Ich verliere den Faden und knüpfe an” (S. 27), liest man etwa in dem Text DIE SPRECHERIN. So arbeiten ihre Texte stets assoziativ, jedoch nie willkürlich. Sie entwickeln dadurch einen starken Sog. Zudem wird ein unbändiger Drang spürbar, abzuschütteln, was einem unablässig aufgedrängt wird:

“Teile Deinen Standpunkt! Oder Standort! Begreife Deinen Standort immer als Ausgangspunkt, begreife Deinen Standort als Beginn des Fortschritts, der über Dich fort schreitet, wenn Du Dir jetzt nicht etwas empfehlen lässt, schau auf die Sterne, verifiziere die Sterne, bewerte bis in die Sterne und dann – bewerte die Sterne selbst!” (S. 23)

Dieser Drang steckt an und man scheint der Freiheit mithilfe von Gangls Texten ein Stückchen näherzukommen, sodass man sich nur ungern von ihnen trennt. Rennt, flüstert es mir da aus dem Trennt schon unvermittelt zu. Rennt! Und sei es fürs Erste nur zur nächsten Buchhandlung.

 

 

Anna-Elisabeth Mayer, geb. 1977 in Salzburg, lebt heute als Schriftstellerin in Wien. Studium der Philosophie und Kunstgeschichte. Für ihr Debüt Fliegengewicht (Schöffling Verlag) wurde sie mit dem Literaturpreis Alpha 2011 ausgezeichnet. 2014 folgte der Roman Die Hunde von Montpellier (Schöffling). Im darauffolgenden Jahr erhielt sie den Reinhard-Priessnitz-Preis. Ebenfalls bei Schöffling veröffentlichte sie 2017 den Roman Am Himmel und im Frühjahr 2023 ihren vierten Roman Kreidezeit, der sich mit der fortschreitenden Digitalisierung auseinandersetzt.

Natascha Gangl FRISCHE APPELLE & andere Sprechtexte
Klagenfurt, Graz, Wien: Ritter Verlag, 2025.
208 Seiten, broschiert.
ISBN 978-3-85415-696-3.

Verlagsseite mit Informationen zu Buch und Autorin

Homepage von Natascha Gangl

Rezension vom 17.12.2025

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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