Es gibt wenige Schriftstellerinnen, die sich so gut darauf verstehen, die Gewobenheit von Texten mit der Textur von Kleiderstoffen in Verbindung zu bringen. Als Beispiel seien die Rettungswesten genannt, mittels derer sie im Roman O. (Secession Verlag, 2020) eine zeitgenössische Fluchtthematik in einen an die Odyssee angelehnten Handlungsrahmen integriert.
Die zweite Haut fügt sich – man ist fast versucht zu sagen: nahtlos – in Sabine Scholls Werk ein, das immer wieder die Positionierung von Frauen in einer von Klassenunterschieden und rigiden Traditionen geformten Gesellschaft zum Thema macht. Auch Fragen nach biografischer Herkunft und, insbesondere, nach Mutter-Tochter-Beziehungen spielen darin oftmals eine tragende Rolle, etwa im 2013 erschienenen Roman Wir sind die Früchte des Zorns (Secession Verlag).
In ihrem neuen Buch tritt das erzählende Ich nun folgerichtig als Tochter einer nähenden und unnahbaren Mutter auf und als Mutter einer Tochter, die sich ihrerseits für Mode begeistert. Natürlich sind es nicht nur Kleider, die vererbt werden oder weitergetragen, bis man ihnen ihr hohes Alter ansieht, die geflickt werden – und die, je nachdem, verbergen oder zeigen, wer jemand ist und sein will. Aber Scholls Buch zieht gerade keinen biografischen Zirkelschluss, in dem eine Generation die Leben der vorherigen wiederholt, sondern es berichtet von Selbstermächtigung und Ausbrüchen. Der Verlag, Weissbooks, hat sich die Genrebezeichnung auf dem Cover gespart und überlässt den Lesenden die Entscheidung, ob und wie Die zweite Haut zu kategorisieren ist. Unübersehbar sind die biografischen Anteile im Text, und auch die essayistischen. Das persönliche Erleben wird zur Grundlage eines Erzählens, das aus dem Innersten heraus nach draußen blickt: Beginnend bei der eigenen Erfahrung nimmt es soziale und politische Strukturen in den Fokus.
Die Mutter der Erzählerin beherrscht die Sprache der Schneiderei. Wenn man Scholls Text liest, sieht man die genähten Kleidungsstücke hochlebendig vor sich. In den Beschreibungen liegt viel Achtung für diese Handwerkskunst, eine Achtung, der die Kränkung über die fehlende Wärme und Zuneigung seitens der Mutter keinen Abbruch tut:
„Über Stoffe und Fäden […] berührten Mutters Hände mich. Ansonsten keine Umarmungen, keine Liebkosungen, sondern nur Zuschneiden, Anheften, Schultern zurechtrücken, Saumabstecken, bei dem ihr Körper meinem nahe kam.“ (S. 8f.)
Besonders berührend ist vielleicht eine Stelle im Text, in der von einer Verletzung der Tochter gesprochen wird: eine Hauttransplantation vom Oberarm in die Achsel, die sich schließlich als „gelungen[e] Verpflanzung“ herausstellt. So beredt die Kleidung in Sabine Scholls Text ist, so deutlich erzählt auch der Körper. Der Heilungsprozess der verpflanzten Haut, die zugleich die eigene ist und eine zweite, neue, wird mit Fotos begleitet, die die Tochter an die Mutter schickt. Sie zeigen Farben: alle erdenklichen Rottöne, gelbliche und grünliche Flächen, dazwischen, als wäre es der eigentliche Fremdkörper, „ein Stück unversehrter Haut mit langen schwarzen Achselhaaren“ (S. 210). Was hier ganz konkret geschildert wird, funktioniert auch als Metapher für den gesamten Text: Heilung durch Verpflanzung. Schließlich ist es der Umzug aus der oberösterreichischen Provinz nach Wien, der der Erzählerin die Emanzipation von der kalten Herkunftsfamilie und der repressiven Dorfgemeinschaft erlaubt. Es folgen weitere Umzüge – ein „Wanderleben“.
Sedimente dieser nomadischen Existenz ruhen wie vergessene Archivalien in den angesammelten Nähkörbchen. Sie erinnern an Frankreich, wo Namensschilder in jedes Kleidungsstück für Kindergarten- und Schulkinder genäht werden mussten. An Mexiko, wo ein Fingerhut gekauft wurde, an die USA, Herkunft eines Döschens Nähnadeln. Einzig die vielen Knöpfe verraten nichts mehr über ihren Ursprung, sie sind „zahllos“ und ihre Geschichte bleibt unerzählt. Vielleicht erinnern sie an all das, was in einer Biografie – aller Bemühungen um Ordnung oder wenigstens Konsistenz zum Trotz – chaotisch und ungreifbar ist.
In Die zweite Haut gelingt Sabine Scholl die Verbindung von Material- und Handwerksgeschichte, persönlicher Erfahrung, Mobilität und Stasis, Erinnerung und Körpererinnerung, Stadt- und Landsoziografie. Es ist eine intergenerative Bestandsaufnahme, die zwar schonungslos ist, aber auch zugewandt. Wenn es eine Abrechnung ist, dann mit den Strukturen der Unfreiheit, die eine patriarchale Klassengesellschaft hervorbringt. Aber vielleicht ist es vielmehr die Geschichte einer fortdauernden Suchbewegung. „Ich bin nicht aufgestiegen, sondern habe mich fortbewegt“ (S. 234), heißt es, und dieses Fortbewegen hat nicht den Zweck, an einem bestimmten geografischen Punkt zu landen. Es ist vielmehr ein Lernprozess, der andauern darf. Das letzte Wort des Buchs lautet: „Bislang.“ Dieser Mut zum offenen Ende ist nicht das einzige, das die Lesenden aus diesem so präzise wie beherzt analysierenden Text zu lernen vermögen.
Jana Volkmann, geb. 1983 in Kassel, lebt seit 2012 in Wien. Als Autorin schreibt sie Prosa und Lyrik. Veröffentlichte zuletzt die Romane Auwald (Verbrecher Verlag, 2020) und Der beste Tag seit langem (Residenz, 2024) sowie den Lyrikband Investitionsruinen (Limbus Verlag, 2021, Zeichnungen von Jörn Peter Budesheim). Für Auwald wurde ihr der Förderpreis der Bremer Literaturpreises 2021 zugesprochen. 2022 wurde Jana Volkmann mit dem Reinhard-Priessnitz-Preis ausgezeichnet.
Als Journalistin schreibt sie Essays und Rezensionen zum Beispiel für das Tagebuch und der Freitag. In ihrer Dissertation schrieb sie über Hotels in der jüngeren Literatur: als Schauplätze heimlicher Affairen, konspirativer Zusammenkünfte, prekärer Arbeit – oder als letzte Ruhestätten. Homepage von Jana Volkmann
