#Roman

Wir sind die Früchte des Zorns

Sabine Scholl

// Rezension von Michaela Schmitz

Eine Mutter ist eine Mutter ist eine Mutter

„Maman“ nennt Louise Bourgeois ihre neun Meter hohe Spinnen-Skulptur. In ihrem Werk gilt die trächtige Riesen-Spinne als archaisches Monument des Weiblichen und Symbol der Mutterschaft. Spinnenkörper und -netze sind bei ihr Schutz und Bedrohung, Haus und Gefängnis zugleich. Die französische Künstlerin Bourgeois sei ihre „echte Großmutter“, bekennt die Ich-Erzählerin in Wir sind die Früchte des Zorns. Sabine Scholls neuer Roman ist eine Geschichte der Mutterschaft über drei Generationen. Vorangestellt ist ein Zitat von Louise Bourgeois. Sie dient der Schriftstellerin und ihrem Alter Ego, der Erzählerin, als künstlerische Leitfigur, die sie durch das Labyrinth ihrer eigenen Familiengeschichte führt.

„Femme Maison“ nennt Bourgeois eine Serie von Zeichnungen und Skulpturen mit nackten Frauenkörpern, die statt eines Kopfes ein Haus auf ihren Schultern tragen. Das Haus steht auch in Scholls Roman leitmotivisch als ambivalentes Symbol der Mutterschaft. Häuser bedeuten wie Spinnennetze gleichzeitig Geborgenheit und Gefangenschaft. Sowohl für die Mütter als auch für ihre Kinder. Scholls Geschichte der Mütter ist auch eine Geschichte ihrer Häuser. Es sind Orte von Geburt und Tod. Das Kindheitshaus der Ich-Erzählerin liegt am Rande eines Dorfes im österreichischen Nirgendwo. Eingezwängt zwischen zwei Autostraßen, einem Fluss auf der einen und Bahngleisen auf der anderen Seite, erscheint es ihr wie ein Gefängnis. Es ist das Haus von Hanna, der Großmutter väterlicherseits, die sich schon als Dreizehnjährige aus Armut als Magd verdingen musste. Ihre Enkelin, die lieber lernt und liest statt zu arbeiten, ist für sie wenig wert. Wie die Bewohner auf der schlechten Seite des Hauses. Dort sind Arbeitslose und Gastarbeiter untergebracht. Hannas Nachkommen wohnen in der guten Hälfte. Doch der Tod ist auf beiden Seiten zu Hause. Der zweijährige Cousin der Ich-Erzählerin ertrinkt im Bach gleich neben dem Haus. Ihr gleichaltriger Cousin stirbt Jahre später bei einem Verkehrsunfall. Und die Bewohner der schlechten Hälfte des Hauses sind ohnehin chronisch lebensmüde. Alle paar Monate legt einer seinen Kopf auf die Schienen. Nicht selten mit Erfolg.

Auch ihre Mutter Erika unternimmt Selbstmordversuche. Sie wollte nie leben, hatte keine Kinder gewollt. Denn Männer ließen Mütter am Ende sowieso immer mit ihren Kindern alleine. So Großmutter Martha, die als Köchin in einer Behinderteneinrichtung arbeitet und ihre Kinder alleine großziehen musste. Die Angst um Erika, der Mangel an Mutterliebe und kindlicher Geborgenheit verfolgen die Erzählerin ein Leben lang. Der Tod scheint ihr in die Wiege gelegt. In ihrer eigenen Schwangerschaft wird sie von Todesängsten verfolgt. Und tatsächlich stirbt während der Geburt ihrer Tochter Lila Oma Martha, bei der Geburt ihres Sohnes Großmutter Hanna. Erika hungert sich erst Jahre später zu Tode.

Wie ein Gegenpol zum dunklen Kindheitshaus erscheint das lebendige Sommerhaus der Familie ihres Mannes im Salzburger Land. Es gehört der aus Paris stammenden Odette und ihrem Ehemann Chübeer. Doch auch diese Idylle trügt. Odette wird von Chübeer jahrelang ohne ihr Wissen betrogen, Tochter Toinette wird mit zwei Kindern vom Ehemann allein gelassen. Und auch die Ich-Erzählerin selbst bleibt allein, als Odettes Sohn ihr untreu wird. Von Wien aus waren sie nach Chicago und New York und schließlich nach Berlin gezogen, wo der erfolglose Künstler sie wegen einer anderen Frau verlässt.

Dabei hatte sich die Schriftstellerin ihre Rolle als Mutter so hart erkämpft. Wie Louise Bourgeois, auch Mutter dreier Söhne, findet sie neben der Erziehung ihrer Kinder kaum mehr Zeit für ihre eigene künstlerische Arbeit. Als die Kinder klein sind, schreibt sie oft nur noch am eigenen „Selbstporträt einer Schriftstellerin als wandelnde Milchpumpe.“ Egal wohin sie zum Arbeiten flüchtet, die Kinder und ihr Haus nimmt sie überallhin mit. Doch seit sie Louise Bourgeois kenne, glaube sie daran, einen Ausweg zu finden aus dem Labyrinth, so die Ich-Erzählerin. Am Ende begreift sie: Der Ausweg ist nicht die Flucht vor, sondern die Rückkehr ins eigene Geburtshaus. Es ist ein beschwerlicher Weg, den sie, geführt von ihrer „geistigen Großmutter“ Louise Bourgeois und begleitet von ihren eigenen Kindern, mit dem Schreiben ihres Romans „Früchte des Zorns“ zu bewältigen sucht.

Sabine Scholl gelingt es in ihrem autobiographienahen Roman, persönliche Erlebnisse einer Müttergeschichte als archetypische Urmuster darzustellen. Im künstlerischen Prozess verwandelt sie, wie Louise Bourgeois in ihren Skulpturen, die lebenslange Suche nach der Geborgenheit bei der Mutter und die Angst vor dem Verlassen werden in eine Erzählung. Denn Dinge, die erzählt worden sind, verlieren ihren Schrecken, davon ist die Erzählerin überzeugt. Besonders gut gelingt ihr das in der Beschreibung des Kindheitshauses. Einer von Müttern und Großmüttern geprägten Welt zwischen Geburt und Tod, Schutz und Bedrohung. Je mehr sie sich jedoch der Gegenwart nähert, desto stärker verstrickt sie sich in ihrer eigenen Geschichte, so dass sie sich gelegentlich in den Fäden ihres selbst gesponnenen Netzes zu verwickeln droht.

Sabine Scholl Wir sind die Früchte des Zorns
Roman.
Zürich: Secession Verlag, 2013.
300 S.; geb.
ISBN 978-3-905951-21-9.

Rezension vom 03.04.2013

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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