Die Spannweiten der Welt gehört zu den Büchern, die sich nicht nacherzählen lassen. Wer ernsthaft damit beginnen wollte, bräuchte wohl Tage und käme dennoch zu keinem befriedigenden Schluss. Mit jedem Um- oder Zurückblättern entdeckt man in diesem Buch weitere Facetten einer Welt, die sich in einem Prozess ständiger Bewegung und Verwandlung befindet, jedes ihrer Elemente die Echokammer der anderen.
Die 128 kurzen, teils kursiv gesetzten Texte/Miniaturen Kaips kann man auch als Prosagedichte bezeichnen, die sich einzeln lesen lassen. Und „lesen“ meint hier: langsam und Satz für Satz, Zeile für Zeile. Wie gute Gedichte, die mit jedem Lesen komplexer werden, welthaltiger und zugleich rätselhafter, je mehr man sich mit ihnen beschäftigt. In diesem Sinn setzt bereits der programmatische Satz, den Kaip seinem Buch wie ein Motto vorausschickt, eine schwindelerregende Assoziationsspirale in Gang:
„Die durchscheinenden Spannweiten der Welt an den Tauen der / Schwerkraft, dazu unsere Gedanken und ihre ständigen Wandlungen / prüfen jeden Zeilensprung auf seine Festigkeit, bevor wir die / Hohlräume unserer Körper erobern und von ihrem Klang getragen werden.“
Schon mit den ersten zwei Zeilen gerät man lesend von der – stets vorgestellten, vage allumfassenden – Welt, deren „Spannweiten“ der Autor mit Tauen an der Schwerkraft befestigt hat (als wären „Spannweiten“ und „Schwerkraft“ konkrete Dinge wie z. B. Zeltplanen, mit Heringen in der Erde fixiert) zum inneren Vorgang des Denkens, den Gedanken, die sich „ständig“ wandeln, als seien sie autonom, würden nicht gedacht, sondern den Menschen denken. Auf Gedanken folgen ‒ man assoziiert gleich „Sprache – Schrift“ ‒ „Zeilensprünge“, deren „Festigkeit“, als materielle Eigenschaft, wieder auf die Taue verweist, aber ebenso auf den „Körper“ in der Folgezeile. Genauer geht es dort ja um mindestens zwei Körper eines „wir“, die mit „Hohlräumen“ versehen, vielleicht überhaupt wie Streichinstrumente (Streichelinstrumente?) auch Resonanzkörper sind, von deren – durch die Ohren, d. h. im Körper gehörten – Klang „wir“ getragen werden.
Der in diesem Satz zurückgelegte Weg führt sozusagen von außen nach innen, vom Weltganzen in den Körper. Ginge man ihn in Gedanken versuchsweise zurück, vom Satzende zum -anfang, führte er von innen nach außen, über Klang, Körper, Sprache zur Welt. Die Sprache, alles vereinende Instanz, zeigt hier durch den Dichter (wie er durch sie) eine Wirklichkeit, in der Reales, Konkretes und Abstraktes, Imaginäres und Seelisches ineinander übergehen. Man könnte auch sagen: eine „magische“ Wirklichkeit, wie sie einer möglichst unmittelbaren, gleichsam phänomenologischen Wahrnehmung entsprechen könnte. Mensch, Ding, Landschaft, Gedanke und nicht zuletzt das angesprochene „wir“, das uns als Lesende einbezieht – alles scheint in diesen Texten in Bewegung, beeinflusst und formt einander, hängt zusammen, lebt, mit poröser Membran.
In vielen dieser Prosaminiaturen ist der auktoriale Blick auf einen namenlosen Mann – genannt „er“ – und dessen Perspektive gerichtet. Andere sprechen, teils wie aus der Erinnerung, im Selbstgespräch, zu einem „du“, einem „ihr“, an anderer Stelle treffen Lesende auf das offizielle „Sie“. Wieder andere sind sachlicher gehalten, im Stil von Berichten, allgemeinen Aufforderungen oder Rezepten, wie auf Seite 91:
„Man nehme einen falschen Zungenschlag, reibe in die Augen Knoblauch und Chili, verstopfe mit getrockneten Heilkräutern die Nase, vernähe mit einer Angelschnur die Lippen und warte auf nächste Anweisungen. Da diese nicht kommen, halte man den Kopf in den stärker werdenden Wind […]“.
Eine Konstante bilden jedoch die fünfundzwanzig, durch Kursivschrift hervorgehobenen Texte, die wie Journaleinträge wechselnde Momente, Stimmungen, Situationen im Zusammenleben des Paares „er“ und „sie“ beschreiben. Als wiederkehrendes Setting wirken sie formal wie Ruhepole, Fragmente eines roten Fadens, um die sich, sie erweiternd, die anderen Texte gruppieren.
… was nicht heißt, dass es in den kursiven Abschnitten der Kaip’schen Erkundung der „Spannweiten der Welt“ ruhiger zuginge. Aus Sicht des Mannes erfahren wir von einer Liebe, die sich auch in alltäglichen Momenten langjähriger Vertrautheit, des Zweifels, der Unruhe und Einsamkeit wie des leiblich-seelischen Einklangs (sic!) zeigt, der ihn und sie zum „wir“ ( bzw. im erinnerten Selbstgespräch zum „ihr“) macht mitunter Lachen und Übermut freien Lauf lässt. Das Wissen um die Fragilität glücklicher Augenblicke schimmert auch hier durch jede Zeile.
Ruhig und sicher ist, und so soll es ja sein, hingegen der feine, gelassene Erzählton Kaips, der in diesem hochpoetischen Mikrokosmos die größten Gegensätze in Balance hält und dafür sorgt, dass noch die Schilderung physischer Schmerzen und Gefühle der Ausweglosigkeit zum berührenden Sprachbild geläutert wird. Mag im Hintergrund auch kein Stein auf dem anderen bleiben.
Denn wer „die Welt“, und sich darin, mit offenem Blick nach innen und außen in Worten abbilden will, muss die üblichen Parameter des Sprechens verschieben, muss beachten, dass jedes Wort mehr ist als seine Bedeutung – und wird darum nicht zögern, die Sonne vom Himmel zu holen, weil sie einem „als glühender Feuerball im Schoß“ liegt (S. 81) und „die Nächte mit ihrem grellen Licht“ erst enden, wenn man „aus dem Morgen in den Tag“ taumelt, sei’s mit „zu schlaffen Schultern für diesen bewölkten Himmel“ mit „seiner strengen Hausordnung“ (S. 9).
In dieser Welt sind Körper gläsern (S. 8), werden auseinandergefaltet (Assoziation: anatomische Karten, Landkarten) oder vom Nebel verschluckt und dann von ihren Besitzern nicht wiedererkannt (S. 104); es wachsen Eiskristalle aus dem Handrücken (S. 81) und einer sieht die eigenen Füße „vorüber treiben“ (S. 9) oder möchte aus sich verschwinden und „das Protein im Salat sein […], selbst ein lästiger Wind will er sein, der munter um die Hausecken pfeift, bevor er sich in offene Eingänge flüchtet und dort im Herbstlaub raschelt“ (S. 80).
Es sind nicht selten Bilder des Schmerzes, des Kontrollverlusts über den eigenen Körper, der Angst und der Erfahrung der Zerbrechlichkeit des Lebens oder des Wunsches nach Auflösung. Winter, Eis, Nacht, Wind sind Wörter/Assoziationen, die einem in diesem Buch oft begegnen. Man könnte sagen: Die Schönheit der Welt tritt an, um die Verletzlichkeit des Lebens, des menschlichen Körpers zu zeigen, Rilke wäre vielleicht angebracht, auf eigene Kaip’sche Weise: Das Schöne ist nur des Schrecklichen Anfang – aber der Schrecken mündet am Ende vielleicht wieder in Freude.
Doch im Grunde haben diese Kategorien hier ausgedient, da das eine mit dem anderen deckungsgleich ist, zumindest in der – präzise tagträumenden, zugewandten – Sprache dieses Dichters/Autors, die auf der Folie des Leids immer wieder von der Lust am Leben, Lieben und Schreiben erzählt. Die „Berührungen ohne jede Berechnung“ ebenso kennt (S. 64), wie „das Alphabet der Wolken“ (S. 37) oder Wiesen, die ihre „Igelwörter“ austauschen, ohne auf „das Gebührenheft der kommenden Tage zu vergessen“ (S. 48). Einmal heißt es: „unmöglich, das Innen und Außen zu trennen – diese Endlosschleife, die Ihren Körper durchströmt und wieder verlässt.“ (S. 117)
Günther Kaip hat für sich, für uns, eine Sprache für diese so oft ignorierte Wirklichkeit gefunden. Apropos: „Und lassen Sie sich nicht von den Schlaglöchern verunsichern, denen sie überall begegnen, denn das bedeutet, dass Sie noch am Leben sind.“ (S. 22)
Birgit Schwaner, geboren in Frankenberg/D und seit 1984 in Wien lebend, studierte Germanistik und Philosophie; Sie ist freie Autorin und Journalistin, seit 1994 Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien, seit 2000 Hörspiele im ORF, ab 2007 Bücher. Auszeichnungen (Auswahl): Siemens Literaturpreis, Österreichisches Staatsstipendium für Literatur, Stipendium der Stiftung Künstlerdorf Schöppingen (Nordrhein-Westfalen); Werkzuschuss aus dem Jubiläumsfonds der Literar-Mechana; Österreichisches Projektstipendium für Literatur. Zuletzt erschienen: Alice und Ich (Klever, 2023) Podium Porträt Nr. 108: Birgit Schwaner. Gedichte und Flaschenposten (hg. von Erika Kronabitter, Literaturkreis Podium, 2020) und Jackls Mondflug (Klever, 2017).
