Die Krisenverdichtung der letzten Jahre hat sich in der österreichischen Literatur mitunter durch eine Hinwendung zur Science-Fiction-Literatur niedergeschlagen: Raphaela Edelbauer lotet etwa in DAVE (2021) die Abgründe einer KI-gesteuerten Gesellschaft aus und wurde dafür mit dem Österreichischen Buchpreis ausgezeichnet. Romane von Helwig Brunner (Flirren, 2024), Andrea Grill (Perfekte Menschen, 2024) und Fiona Sironic (Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft, 2025) spielen wiederum vor der Folie der Anthropozän-Diagnose mit Versatzstücken des Genres, um den Problemkomplex Mensch/Natur entlang dystopischer Endzeitpanoramen zu verhandeln. Die Liste ließe sich allein mit einem Blick in die Verlagsprogramme der letzten drei Jahre problemlos auf die vier- bis fünffache Länge erweitern.
Ein von Christoph Rauen herausgegebener Sammelband von 2020 mit dem bezeichnenden Titel Prestige-Science-Fiction sieht im SF-Boom der letzten Jahre nicht nur eine Reaktion auf die krisengebeutelte Gegenwart, sondern auch klare Anzeichen für eine relevanter werdende „Alternative zum realistischen ‚Mainstream‘“, die das Stigma des Genre-Labels offenbar hinter sich gelassen hat. Ein Großteil der damit zu bezeichnenden Texte fiele in einer Typologie der Gattung wohl dem Bereich der sogenannten Soft-Science-Fiction zu, also einem Typus, der neue naturwissenschaftliche Erkenntnisse und technologische Entwicklungen, die das Genre ja im Namen trägt, vorwiegend als Folie nutzt, um soziale, psychologische oder philosophische Fragestellungen – also Fragestellungen der sogenannten Soft Sciences – im Detail zu verhandeln, ohne dabei die wissenschaftlich-technischen Grundlagen selbst zum erzählerischen Gegenstand zu machen. Eine Hard-Science-Fiction, die naturwissenschaftliche und technische Zusammenhänge als tragendes erzählerisches Fundament begreift, hat es im gesamten deutschsprachigen Raum nach wie vor schwer.
Der neueste Roman des österreichischen Physikers Peter Schattschneider, der schon 2021 – wohl auch aufgrund der größeren Affinität zu Hard-SF-Texten im angloamerikanischen Raum – im Englischen unter dem Titel The Exodus Incident erschien, ist allerdings eindeutig zweiterem Lager zuzuordnen. So liest sich schon das Vorwort zu Schattschneiders Exodus-Verschwörung gewissermaßen als Plädoyer für die Potenziale der Hard-SF – verfasst von keinem Geringeren als Herbert W. Franke, dem legendären österreichischen Zukunftsforscher, SF-Autor und Herausgeber sowie Mitbegründer der Ars Electronica, der 2022 95-jährig verstarb:
Indem die Science Fiction einen Blick in eine mögliche Zukunft wirft, präsentiert sie eine modellhafte Vorstellung von der morgigen Gesellschaft und der technologischen Entwicklung. Insofern bin ich überzeugt, dass Autoren dieses Genres viel Verantwortung tragen, der sie möglicherweise nicht immer gerecht werden können. […] Was ich damit sagen will, ist vielmehr, dass das Morgen als vorgestelltes Modell stimmig und auf den Tatsachen moderner Wissenschaft und Technologien basieren, also prinzipiell möglich sein sollte. (S. 6)
Schattschneider werde dieser Verantwortung, so Franke, durchaus gerecht.
Der Roman evoziert anfänglich allerdings ein anderes Genre, startet die Handlung doch als mustergültiger Noir-Krimi: Kommissar Oliver Storm, Trinker, Zyniker, Macho, geht irgendwann gegen Ende des 21. Jahrhunderts den Hintergründen einer auffälligen Mordserie nach: Er untersucht gut ein Dutzend Bombenanschläge, die immer nur einzelne Personen als Ziel haben, deren Köpfe allesamt nicht auffindbar sind. Die Ermittlungen führen ihn zuerst in die ökoterroristische Szene, denn die meisten Opfer haben Verbindungen zu den RAVEs (kurz für RAdikale VEganer), die sich im Zuge einer noch moderat fortgeschrittenen Erderwärmung militarisiert haben. Damit setzt Schattschneider eine von mehreren augenzwinkernden, fast satirischen, aber darin nicht immer gänzlich geglückten Anspielungen auf unsere Gegenwart, die er als eine Art Meta-Kommentar immer wieder am Rande der Handlung platziert. Dazu nutzt er auch orange gefärbte paratextuell anmutende Kurztexte jeweils am Anfang eines jeden Kapitels, die mal als Chatnachricht, dann wieder als Newsticker erscheinen, um die Handlung weiter zu kontextualisieren und der zukünftigen Welt, in der Storm seine Ermittlungen anstellt mehr Kontur zu geben:
#Echtjetzt?
Der auftauende Permafrost setzt längst verschwundene Keime frei. In Sibirien wurden Pocken- und Milzbranderreger nachgewiesen. Good morning, SARS! (S.51)
Weiters erfährt man darin etwa vom Versiegen der arabischen Ölquellen, diversen bewaffneten Auseinandersetzungen auf der ganzen Welt und geplanten Weltraumexpeditionen, die die Zukunft der Menschheit sichern sollen. Schattschneider extrapoliert so versatzstückhaft eine zukünftige Welt unmittelbar aus den großen Themen und Problemen der Gegenwart – und vieles davon kennt man in ähnlicher Form aus anderen SF-Werken – Virtuelle Realitäten, die die Beschaffenheit der Realität an sich in Frage stellen, fragwürdige Ökotechnologien, die letztlich nach hinten los gehen und Weltraumexpeditionen, die sich motivisch an europäischen Mythologien orientieren.
Auch in der Haupthandlung beschreitet er zunächst einigermaßen bekannte Pfade, denn in seinen Ermittlungen muss Kommissar Storm nach und nach erkennen, dass das Komplott um die verschwundenen Köpfe weitere Kreise zieht, als ursprünglich angenommen. Nicht nur seine persönliche Vergangenheit – die große, unglücklich beendete Liebe, die ihn vor langer Zeit gebrochen hat – scheint irgendwie mit dem Fall verbunden, auch geheime Regierungsprogramme, die mit neuester, direkt auf gewisse Hirnareale wirkender VR-Technologie experimentieren, hängen mit den Morden zusammen und ausgerechnet sein ehemaliger Rivale in Liebesdingen Peter Zigmund scheint im Kern einer weitreichenden Verschwörung zu stecken. Kurz bevor Storm der entscheidende Durchbruch in seinen Ermittlungen gelingt, wird er selbst Opfer eines Bombenanschlags und die Handlung reißt ab…
… um nach einem Zeitsprung von 137 Jahren zu Beginn des 23. Jahrhunderts wieder einzusetzen: Storm erwacht an Bord eines intergalaktischen Raumschiffs aus seiner Kryostase, einem künstlich induzierten Koma in Kühlflüssigkeit, und erfährt, dass er sich als Teil der Crew auf einer Jahrzehnte andauernden Sternenmission namens Exodus befindet, die Atlantis, einen 3.473 Lichtjahre entfernten, für Menschen bewohnbaren Planeten im Sternensystem Proxima Centauri, ansteuert. Mit dem Zeitsprung ändert sich auch der Ton des Romans: Aus der an Spannung orientierten Noir-Handlung wird eine episodische Erzählung über den Weltraum-Alltag (jedes Kapitel entspricht in etwa einem Wachzyklus jenes Teils der Besatzung, der Storm angehört), die der Physiker Schattschneider mit reichlich Know-how unterfüttert, um die Lebensumstände der Besatzung, die Antriebstechnologie des Schiffs, die übernatürlich lange Lebensspanne der Hauptfigur und nicht zuletzt die Sinnhaftigkeit einer solchen Weltraummission möglichst plausibel und wissenschaftlich fundiert wiederzugeben.
Weite Teile des zweiten Drittels dienen somit der äußerst detaillierten Exposition des Lebens auf der Exodus. Dabei schreckt Schattschneider auch vor dem Einsatz von Formeln, Tabellen und Graphen nicht zurück, die (weitgehend) in einem nachgereichten Anhang Platz finden, der die Physik hinter den Motiven im Roman noch einmal im Detail wiedergibt. Dass der Roman trotz der Dichte an Informationen und ihrer mitunter recht klobig in die Handlung platzierten Erläuterungen nicht zur Physikunterrichtsstunde verkommt, liegt vor allem an der Art und Weise wie Schattschneider Exposition, Anhang und Plot schließlich miteinander in Beziehung setzt, denn die Erläuterungen sind nicht bloß nerdiger Exkurs, die einzelnen Elemente finden auch nicht schlicht nebeneinander Platz, sie werden vielmehr innerdiegetisch (also innerhalb der erzählten Welt) aufeinander bezogen, indem die Romanhandlung ab einem gewissen Punkt erkenntnistheoretische Fragestellungen mit der naturwissenschaftlichen Unterfütterung verknüpft.
So weckt Jason Nygard, der der Besatzung der Exodus Physikunterricht gibt, Storms Misstrauen gegenüber den offiziellen Erzählungen und Erklärungen zur Mission und ihren Hintergründen, mit denen er bei den meisten Fragen zu seiner „überschlafenen“ Vergangenheit abgespeist wird. Die beiden, die gemeinsam mit einigen wenigen anderen Crewmitgliedern in VR-Simulationen diverse Ernstfälle (Meteoritenkollisionen, die knifflige Landung auf Atlantis etc.) proben, beobachten immer wieder Anomalien in der physikalischen Beschaffenheit ihrer Umwelt – der Verdacht erhärtet sich, dass etwas nicht mit rechten Dingen zugeht, die Besatzung sich gar dauerhaft in einer Simulation befindet.
Auch damit betritt Schattschneider keine unbeschrittenen Pfade und doch fügt er der Fülle an Texten, die mit derselben Motivik arbeiten, mit seinem Text etwas hinzu, indem er seine Figuren vehement auf die Notwendigkeit (natur-)wissenschaftlicher Bezugsrahmen und Erkenntnismethoden für ein beständiges, schwer manipulierbares und intersubjektiv gültiges Verständnis von Wirklichkeit pochen lässt. So sind es Berechnungen Nygards zur Fluggeschwindigkeit des Raumschiffs, die letztlich Diskrepanzen in der Simulation zutage treten lassen und ein weiteres Komplott offenbaren.
Die angehängten Ausführungen, zu denen Schattschneider, wie es am Ende heißt, auch gerne per Mails weitere Details zur Verfügung stellt, werden zudem als fingierter „Interner Bericht“ und „Fehleranalyse“ der „Revisionsabteilung“ der Firma, die für die Simulation verantwortlich ist, stimmig in den erzählerischen Rahmen des Romans eingebettet, die literarische Arbeit des Physikers also wie ein Großteil der Romanhandlung selbst als vielleicht nicht 100% wirklichkeitsgetreue, aber doch erkenntnisträchtige Simulation geframt.
So fasst Die Exodus-Verschwörung seine wissenschaftliche Grundierung nicht nur als Plausibilitätssiegel für den eigenen Plot, sondern auch als literarisches Verfahren: als Methode des Prüfens, Modellierens und Verwerfens. Der Roman greift diese Logik auf und übersetzt sie in Literatur, die selbst einem Modell nachempfunden scheint; er entwirft mögliche Szenarien, Hypothesen und Störfälle, unter denen sich die Bedingungen unserer Wirklichkeitserfahrung erst beobachten lassen. Gerade darin liegt die Aktualität dieses Romans, der an manchen Stellen erzählerisch behäbig und motivisch verstaubt (Frauenfiguren sind NICHT Schattschneiders Stärke!) daherkommt: Er begreift angesichts wachsender Wissenschaftsskepsis und narrativer Übersättigung Wissenschaft und Erzählkunst als zwei einander komplementierende Erkenntnisräume, deren jeweiligen Qualitäten und Unzulänglichkeiten Schattschneider am Beispiel seines Romans in Inhalt und Form durchexerziert.
David Wimmer-Wallbrecher, geb 1993 in Tamsweg. Studium der Germanistik und Kunstgeschichte in Graz und Bristol. Abschluss 2019 mit einer Master-Arbeit zu Gerhard Roth. Wiss. Mitarbeiter am Franz-Nabl-Institut in Graz. Arbeitet an einer Dissertation zum Werk von Clemens J. Setz. Kulturschaffender in unterschiedlichen Konstellationen (Film, Literatur, Theater). Mitglied des Autor:innenkollektivs plattform. Letzte Publikationen: Glitches, Bots und Strahlenkatzen. Gegenwart bei Clemens Setz (Hg. mit Klaus Kastberger, Sonderzahl 2022), Gerhard Roth. Archen des Schreibens (Hg. mit Daniela Bartens, Sonderzahl 2025).
