Die These vom Meta-Text wird gestützt durch die besonders bizarren Wendungen, die das Katz-und-Maus-Spiel von Fiktion und Faktum in diesem Buch erfährt. Im Wesentlichen geht es um die alte Sehnsucht, dass das Schreiben die Welt bestimmt. Aber kaum so buchstäblich, denn die Ereignisse, die zunächst nur in einem Manuskript ausgebreitet werden, drängen sich ins Leben und bedrohen die Existenz der Protagonisten.
Es ist ein wenig wie ursprünglich in der Heraldik und später in der Malerei mit dem Mise en abyme-Konzept, wo in einem Bild das ganze Bild als Motiv enthalten ist und sich somit gewissermaßen endlos reproduziert.
Ashok Oswald steht im Zentrum des Romans, Sohn eines Österreichers und einer Inderin, der sich als Student im Wien der 1980er Jahre mit der Züchtung von Steinpilzen befasst und später als Vorstandsvorsitzender eines Nahrungsmittelkonzerns zu beträchtlichem Wohlstand kommt. Ein Gemeinplatz wie „in den Roman eintauchen“ hat insofern eine besondere Aussagekraft, weil Oswald ein ausdauernder Schwimmer ist, der jeden Tag in seinem enormen Pool krault. So auch am Tag, an welchem die Handlung einsetzt. Dieses Mal unterbrechen allerdings drei zwielichtige Typen das segensvolle Längenziehen. Sie verlangen die Herausgabe des schwarzen Manuskripts, das Oswald über vier Jahrzehnte verwahrt hat. Mit entsprechend kraftvollen Argumenten überwinden sie seinen Widerstand.
Doch erst jetzt – nach dem Entwenden des Manuskripts, das der Bewahrer im Übrigen nie gelesen hat – entsteht ein Verlustschmerz und ein nostalgisches Abdriften in die eigene Vergangenheit. So erfährt man beim Lesen zwar zunächst nur wenig über das Manuskript, ausgenommen, dass der Einzige, der es gelesen hat, bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist, dafür umso mehr über die Vergangenheit Oswalds – beiläufig packt Steinfest einige ausgewählte politische Ereignisse in diesen die Jahre 1960 bis 2024 umfassenden Zeitraum. Jetzt im Alter von 64 Jahren sucht er nach etwas Neuem. Verständlich, denn die zweite Ehefrau ist mit dem Geliebten und einem Klimt aus Ashoks wertvoller Kunstsammlung davon, der Vorsitz im Konzern abgestreift und die Lust an Selbsterfahrung jenseits ausgetretener Pfade groß.
Steinfest steuert geschickt die Assoziationen seiner Leserschaft, indem er dafür sorgt, dass bei seinem Protagonisten Ashok Oswald ein anderer Oswald mitgedacht wird: der mutmaßliche Präsidentenmörder. Liegt es nicht auf der Hand, an Kennedy und einen gemütskranken Attentäter zu denken?
An manchen Stellen baut der Autor Exkurse ein, die ebenfalls die Qualität eines Meta-Textes aufweisen; das Reflektieren über die Zeitgeschichte gerät jedoch nicht immer zum Vorteil des Erzählens, schließlich lenken diese Verweise von der emotionalen Verbundenheit mit den Protagonisten und ihren Verstrickungen ab. Zugleich braucht es diese Elemente, damit sich der Roman von seinem zugrundeliegenden Krimi-Charakter immer wieder distanziert.
Kenner des Krimi-Genres kommen wohl auf den Gedanken, dass man es bei dem titelgebenden Manuskript mit einem „McGuffin“ zu tun zu haben könnten. Dieses vor allem von Alfred Hitchcock eingesetzte Stilmittel löst eine dramatische Handlung aus oder treibt sie voran, aber steht tatsächlich gar nicht im Zentrum des Geschehens. So will im Hitchcock-Thriller North by Northwest (1959, dt. Der unsichtbare Dritte) ein Krimineller Informationen auf Mikrofilm außer Landes bringen, von denen wir jedoch nie erfahren, welcher Art diese Informationen sind und warum es der CIA ein so dringliches Anliegen ist, sie in ihren Besitz zu bekommen. In einer Paraphrasierung von Kants bekannter Idee aus der Kritik der reinen Vernunft, lässt sich feststellen: Das Ding an sich ist völlig nebensächlich. Wir erfahren auch beim schwarzen Manuskript sehr lange nicht, was es mit diesem auf sich hat. Vielmehr entsteht von Anfang an eine durch Spannung getriebene Atmosphäre, die dem mehrfach mit Krimipreisen ausgezeichneten Steinfest, der mit seiner Markus-Cheng-Krimireihe zum Bestseller-Autor wurde, scheinbar spielerisch gelingt.
Selbstverständlich suggeriert die Farbe Schwarz das Verbotene und Unheimliche. Nicht umsonst zählen etwa die schwarzen Hefte von Martin Heidegger zu jenen Publikationen, die der Philosoph wohl aus gutem Grund zur posthumen Veröffentlichung vorgesehen hat.
Als Meta-Text erweist sich das Buch beispielsweise in der Durchmischung gängiger Genres. Würde man den Roman als Krimi lesen, käme man nicht weit. Man würde das Buch nach wenigen Kapiteln aus der Hand legen. Man könnte diagnostizieren, dass es sich um einen Bildungsroman handelt. Schließlich umfasst das Erzählte einen Zeithorizont von mehr als vierzig Jahren und lotet grundlegende Veränderungen von Identitäten und Lebensentwürfen aus. Zumal der Hauptfigur gleich zu Beginn ein Arsenal an massiven Disruptionen widerfährt.
Das vermeintliche McGuffin in Form des ominösen Manuskript stammt von einem Autor namens Peter Bischof. Dieser bittet Oswald um Aufbewahrung, ohne sich zu erklären. Obwohl die beiden kaum miteinander bekannt sind, übernimmt Oswald diese Verantwortung.
Das geschieht in Wien Anfang der 1980er Jahre, das Steinfest süffig zu beschreiben weiß. Der Autor fiktionalisiert so dezent, dass die alte Kaiserstadt in ihrem exquisiten Mief gegen Ende des Kalten Krieges ihren ganzen anziehenden wie abstoßenden Charme erfährt. Mittendrin die begehrte Josefstadt-Schauspielerin Andrea Rothhaupt, die für Oswald nicht nur aufgrund einer gemeinsamen Nacht zum Schlüssel für die Vergangenheit wird.
Das schwarze Manuskript ist auch ein Road-Movie, denn wider Erwarten lebt der tot geglaubte Bischof als berühmter Sportreporter in Irland, wo er insbesondere durch das Kommentieren von Hurling-Spielen Kultstatus erlangt hat. So bricht Oswald auf zu einer Reise, die manch absonderliche Überraschung bereithält. Er will endlich wissen, was es mit dem schwarzen Manuskript auf sich hat und warum Bischof seinen Tod fingiert hat.
Die durch groteske Ereignisse immer wieder aufgehobene Krimiatmosphäre bewirkt einen pendelnden Erzählvorgang, der von den Ufern verschiedener Befindlichkeiten immer wieder aufs offene Meer des Erzählens zurückgeworfen wird. Diese Metapher ist gewagt, passt jedoch zum leidenschaftlichen Schwimmer Oswald, der selbst vor dem bitterkalten Shannon oder dem eisigen Atlantik nicht zurückschreckt. Es sind auch mehrfach dramatische Wendungen mit dem Akt des Schwimmens verbunden, ganz zum Schluss ergibt sich dadurch gar eine überraschende Wende zu einem noch zu erzählenden Liebesroman.
Ein wenig wunderlich sind manche Einfälle in diesem kaleidoskopartigen Roman, die zwar immer wieder fantasievoll sind, aber eben auch die Glaubwürdigkeit der Protagonisten und ihrer inneren Konflikte riskieren. Manche ironische Bemerkung wirkt bemüht, so als könne der Autor nicht von seiner Neigung zum Fabulieren lassen, doch insgesamt ist das Buch ein Feuerwerk erfrischend frecher Bilder und erzählerischer Souveränität.
Alexander Peer, geb. 1971 in Salzburg, Studien in Germanistik, Philosophie und Publizistik. Peer lebt heute als freier Autor in Wien. Zahlreiche Beiträge zu Literatur, Philosophie und Architektur. www.peerfact.at
Bücher (Auswahl): Die Kunst des Überzeugens (Goldegg, Jänner 2025) 111 Orte im Pinzgau, die man gesehen haben muss (Emons Verlag, April 2022), Gin zu Ende, achtzehn Uhr, Der Klang der stummen Verhältnisse, Bis dass der Tod uns meidet sowie Land unter ihnen (alle Limbus Verlag) sowie Ostseeatem (Wieser Verlag 2008).
