#Roman

Das dreiste Schweigen meines Kühlschranks

Caro Reichl

// Rezension von Barbara Rieger

Wie gut kennen wir die Menschen, die uns nahestehen und wie sehr können wir ihnen vertrauen? In ihrem zweiten Roman Das dreiste Schweigen meines Kühlschranks lässt uns Caro Reichl an der Lebensgeschichte und dem Innenleben von Rosa teilhaben. Diese setzt sich mit jahrelang verdrängten, schwerwiegenden Vorwürfen auseinander, die ihre beste Freundin ihrem Mann gemacht hat.

Im Prolog des Romans wird zwar nicht explizit ausgesprochen aber nahegelegt, worum es geht: Rosas beste Freundin Almut wirft Rosas Ehemann sexuelle Übergriffe auf ihren Sohn vor. Rosa, zum Zeitpunkt der Vorwürfe selbst schwanger, glaubt an die Unschuld ihres Mannes. Doch die Zweifel an ihm und ihrer Entscheidung, zu ihm zu stehen, werden sie ihr Leben lang begleiten.

Rund zwanzig Jahre später sitzt Rosa alleine in ihrer Wohnung. Ihre Freundschaft zu Almut ist damals zerbrochen, ihr Mann hat sie vor Kurzem verlassen, ihre Tochter Isabell ist – ihrem Alter entsprechend – ausgezogen und hat sich, wie es der Zufall – oder die Dramaturgie – will, ausgerechnet in Almuts Sohn verliebt. Beide wissen offenbar nichts von den Vorwürfen und der früheren Freundschaft ihrer Mütter. Eine Einladung zum gemeinsamen Essen zwingt Rosa nun, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Als Ansprechpartner dient ihr nur der titelgebende Kühlschrank. Sein Innenleben scheint im Gegensatz zu ihrem eigenen und dem der ihr nahestehenden Personen, überschaubar. Außerdem verspricht es Betäubung:

Nur ein Glas, sage ich und schenke mir ein. Ich lehne mich gegen die Kücheninsel und proste dem Liebherr zu. Es beruhigt mich, ihn in meiner Nähe zu haben, wissend, dass er für mich da ist. Er ist ein Ruhepol durch und durch. Er wird nicht hitzig, da können Teller, Vasen oder die Welt zerbrechen, der Liebherr bewahrt einen kühlen Kopf, der Liebherr funktioniert im Stillen, er ist nicht wie die Illy, die jedes Mal laut aufschreit, als stünde sie am Rande des Wahnsinns, wenn man sich einen Kaffee machen will. Sie spritzt auch immer daneben, der Kaffee ist meist zu heiß, sodass ich mir die Zunge verbrenne, sie steht dann seelenruhig da, als würde ihr mein Leiden eine gewisse Genugtuung verleihen. (S. 16f.)

Es bleibt nicht bei einem Glas, als Rosa sich mit einem Kugelschreiber und einem Schreibheft auf die Spurensuche nach dem begibt, was die Wahrheit sein könnte. Sie blickt auf die Stationen ihres Lebens:
Wie sie, das angepasste Einzelkind, sich mit der rebellischen Almut befreundete. Wie Almut, nachdem deren Stiefvater auszog, plötzlich dünn und hübsch wurde. Wie ihr späterer Ehemann Almuts erster Freund wurde, auch weil Rosa selbst zu dem Zeitpunkt vergeben war. Wie Almut unter dem Ende ihrer ersten Beziehung litt. Wie Almut und sie gemeinsam in einer Werbeagentur arbeiteten, in der Almut mit Klaus, dem wesentlich älteren Chef liiert war. Wie der Ehemann, den Rosa im Text nur X nennt, Jahre später ebenfalls in der Agentur zu arbeiten begann. Wie sie und X sich zuerst heimlich trafen, sich verliebten und heirateten. Wie Almut von Klaus schwanger wurde, mit der Mutterrolle kämpfte und froh war, wenn Rosa und X sich um ihr Kind kümmerten. Wie Almut sie um ein Gespräch bat und das Unaussprechliche aussprach:

X hat Oscar-Johannes zwischen den Beinen gestreichelt. Beim Wickeln. Beim Baden. Wenn er ihn ins Bett gebracht hat. Wenn er schon geschlafen hat. Verstehst du jetzt? (S. 126)

Dem entgegen steht die Reaktion von X: „Sie ist neidisch, siehst du das nicht? Bei ihr läuft es schlecht und bei uns ist alles gut – du darfst nicht zulassen, dass sie uns mit ihren Lügen auseinanderbringt, gerade jetzt, wo wir endlich – “ (S.132)
Unterbrochen werden die narrativen, im Präteritum verfassten Rückblicke durch die Interaktionen der zunehmend betrunkenen Rosa mit ihrem Kühlschrank:

So glaube ich hat diese Szene stattgefunden, aber ganz sicher bin ich mir nicht. Ich werfe dem Liebherr einen prüfenden Blick zu. Wo habe ich etwas vergessen, was habe ich verzerrt oder verdrängt? (S.136)

Damals wollte Rosa ihren Mann nicht verlassen, sie wollte ihm seine Unschuld glauben. Um vor den Reaktionen des Umfelds zu flüchten, zogen die beiden nach Wien, wo Rosa sich einerseits auf ihrer Mutterrolle fokussierte und andererseits zu trinken begann. Denn das Bild, das sie sich von ihrem Mann gemacht hatte, begann im Lauf der Jahre mehr und mehr zu bröckeln. Waren die Pornos, die sie auf seinem Handy fand, ein Beweis für seine Schuld? Hatte er eine Beratungsstelle für Menschen mit pädophilen Neigungen aufgesucht, wie Almut behauptete, und wenn ja, warum? War er selbst als Kind sexuellen Übergriffen ausgesetzt, wie es auch bei Almut der Fall gewesen zu sein schien? Waren die Vorwürfe am Ende doch wahr?Und wie sollte Rosa Almuts Sohn Oscar-Johannes, dem Freund ihrer Tochter gegenübertreten? Die unbeantworteten Fragen quälen Rosa. Nach einer zufälligen Begegnung mit Almut zieht sie sich emotional und sexuell vor X zurück. Doch er ist es, der auszieht und Rosa alleine mit ihrem Kühlschrank lässt.

Das Tragischste an der Geschichte ist jedoch etwas, was Rosa selbst nicht ausspricht: Sowohl die beste Freundin Almut als auch die große Liebe X werden als narzisstische Persönlichkeiten dargestellt. In den meisten Szenen verhalten sie sich Rosa gegenüber egoistisch, gemein und brutal. X ist mehr als einmal Rosa gegenüber (sexuell) übergriffig. So wird Rosa durch und durch als Abhängige gezeigt, nicht nur vom Wein, sondern auch von ihrer starken Freundin und ihrem manipulativen Mann, sogar von ihrer Tochter, an die sie sich klammert.

Ein paar liebenswertere Charaktereigenschaften von Almut und X sowie mehr Emanzipationswille und weniger Larmoyanz auf Rosas Seite hätten nicht nur Rosa, sondern vielleicht auch dem Text gutgetan. Trotz einer gewissen Vorhersehbarkeit der Handlung entwickelt der Roman einen starken Sog, dem sich die Leser:in kaum entziehen kann. Die vielen direkten Reden tragen zum Tempo des Textes bei. Rosas Leiden und ihre inneren wie äußeren Konflikte sind zwar schwer erträglich, aber nachvollziehbar. Die eindringliche Darstellung macht das Dilemma der Protagonistin begreiflich und konfrontiert uns beim Lesen mit der unangenehmen Frage: Wie hätten wir an Rosas Stelle gehandelt? Was wird Rosa tun, wenn der Kühlschrank leer ist und schweigt? Lesen sie selbst.

 

Barbara Rieger, geb. 1982 in Graz, ist Autorin, Herausgeberin und Schreibpädagogin. Sie lebt und arbeitet im Almtal (Oberösterreich), in Wien & in den Zügen dazwischen. Bisher erschienen bei Kremayr & Scheriau die Romane Bis ans Ende, Marie (2018), Friss oder stirb (2020) und Eskalationsstufen (2024), sowie mehrere von ihr herausgegebene Anthologien und zahlreiche Kurztexte. Für ihre Arbeit erhielt sie Stipendien und Preise, zuletzt das Jubiläumsfonds-Stipendium der Literar Mechana. Sie leitet Schreibworkshops & Schreibgruppen und organisiert & moderiert Literaturveranstaltungen. Homepage von Barbara Rieger

Caro Reichl Das dreiste Schweigen meines Kühlschranks
Graz/Wien: Leykam Verlag, 2026.
224 Seiten, Hardcover.
ISBN 978-3-7011-8416-3.

Verlagsseite mit Informationen zu Buch und Autorin sowie einer Leseprobe

Homepage von Caro Reichl

Rezension vom 01.10.2026

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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