#Roman

Buch der
Gesichter

Marko Dinić

// Rezension von Stefanie Jaksch

Die Furcht unter dem Hautfell

Sechs Jahre sind in der Buchszene eine halbe Ewigkeit. Marko Dinić, der 2019 mit seinem Debüt Die guten Tage auf sich aufmerksam machte, hat sich trotzdem Zeit gelassen für seinen Zweitling Buch der Gesichter, ein breit angelegtes Panorama der Judenverfolgung im Ex-Jugoslawien des 20. Jahrhunderts – und der Zsolnay Verlag hat gut daran getan, ihm diese zu gewähren.

Buch der Gesichter heißt der 464 Seiten starke Text, der auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2025 stand. Die Krone hat der eindrückliche Roman zwar nicht nach Wien holen können, aber Dinić hat sich mit der klugen, umsichtigen und ambitionierten Aufarbeitung jüdischer Geschichte des 20. Jahrhunderts in Serbien bzw. Ex-Jugoslawien in eine Reihe bedeutender Erinnerungsbücher eingeschrieben.

Dass dies das Ansinnen war, daraus machen Autor wie Text keinen Hehl, grüßt die Leser:innen doch schon zu Beginn ein programmatischer Vorspann aus der Feder von Leo Perutz, der seinem damaligen Verleger Paul Zsolnay den „eigenwilligen Aufbau“ seines neuen Romans schildert – und der sich im Folgenden in Dinićs Roman spiegeln wird. Perutz ist nur eines der vielen titelgebenden Gesichter in einem Text, der sich Seite für Seite als ein dichtes Gewebe an intertextuellen Verweisen, historisch verbürgten Geschichten und wundersamen, traurigen und geschickt erzählten und gebauten Verquickungen entfalten wird. Von Friederike Manner über Manés Sperber bis hin zu Ruth Klüger und dem erst 2020 durch seine Biografie wiederentdeckten Alexander Tišma reichen die Vorgänger:innen, auf die sich Dinić bewusst bezieht.

Dieser eine dunkle Tag

Düsterer Dreh- und Angelpunkt des Romans ist der Tag im Jahr 1942, an dem Serbien für „judenfrei“ erklärt wird. Ausgehend von der Urkatastrophe der Shoah tastet sich Marko Dinić durch die acht Kapitel, die jeweils anderen Protagonist:innen folgen, sich aber doch immer wieder in der Figur des Isak Ras treffen. Der 1910 in Zemun, einem Stadtteil von Belgrad, geborene Jude begibt sich auf die Suche nach einem geheimnisvollen, reich bebilderten Buch – der Hag[g]ada –, das seine Mutter einst unter den Dielen des bescheidenen Hauses, in dem er aufwuchs, versteckt hat und das einen ähnlich wechselhaften Weg wie er selbst vor sich hat.

„In seinem Innern herrschten Stillstand und Unrast in einem. Alles, was er kannte, war diese eine, im Ausnahmezustand geborene Welt, in der die Bilder keiner bestimmten Chronologie folgten.“ (S. 36)

Angelegt ist hier bereits, dass Isak in ein Geflecht aus historischen Entwicklungen eingebettet ist, die aus dem späten 19. bis ins späte 20. Jahrhundert hineinragen, und niemand dem Lauf der Zeit entkommt. Isak, der sich später Ivan nennen wird, begegnen wir im ersten Kapitel als Kind. Vater Geza Ras ist im Ersten Weltkrieg verschollen und kehrt nur für einen kurzen, unheimlichen Auftritt zurück; Mutter Olga, die sich der immer offener zu Tage tretenden Feindseligkeit gegenüber den Juden in ihrer Heimat Belgrad bewusst ist, versucht mit allen Mitteln, sich und ihr Kind über Wasser zu halten. Wohin sie eines Tages spurlos verschwindet und warum sie ihren Sohn dem Anarchistenpaar Milan und Rosa überlässt, ist eines der ungelösten Rätsel, die Marko Dinić seinem Protagonisten mit auf dessen verschlungenen Weg gibt.

Dinić folgt dem sich nun Ivan nennenden Isak, der angesichts der Gräueltaten um ihn herum mit seiner Identität hadert:

„Dass die Deutschen ihn nicht erwischt hatten, war dem Zufall seines neuen, serbischeren Namens geschuldet, der seit vielen Jahren Ivan lautete. Oder aber das Leben besaß tatsächlich die Angewohnheit, ohne ihn stattzufinden. Das wiederum konnte nur bedeuten, dass er kein Jude war.“ (S. 86)

Zu dieser Erfahrung passt einer der absurd-tragischen Momente, die oft in Dialoge verpackt sind, die die Handlung vorantreiben: So ist Isak auf der Suche nach einer Synagoge, muss aber im Gespräch mit einer Frau erkennen, dass der Versammlungsort für Gläubige unter der deutschen Besatzung in ein Bordell umgewandelt wurde.

Der Mensch als Insel im Strom der Geschichte

Es gehört zu den wundersamen Eigenheiten von Buch der Gesichter, dass sein Autor viele Fallstricke, die das selbstgewählte Thema bereithält, klug umschifft. Marko Dinić, in Wien geboren, in Serbien aufgewachsen, hat in Salzburg Germanistik und jüdische Kulturgeschichte studiert; sein Wissen um die oft grausame Geschichte und seine Wahrhaftigkeit als Erzähler und Chronist unausdenkbarer Ereignisse schützen den Roman davor, reines Lippenbekenntnis zu sein. Jedem Satz, jedem lautmalerischem Wortspiel, jeder sorgfältig gebauten Wendung des Romans ist eine Ernsthaftigkeit eigen, ohne die ein solches Projekt unmöglich wäre. All das macht diesen Text beeindruckend in seiner Geradlinigkeit, aber auch zu einem nicht ganz einfachen Leseerlebnis.

Die multiplen Perspektiven der einzelnen Kapitel dienen dabei als literarisch bestens funktionierende Werkzeuge, um historische Ereignisse und die Auswirkungen des Faschismus in die Grunderzählung einzubetten – denn so unüberschaubar die großen Zeitläufte auch sind, so plastisch werden sie doch an aus ihnen herausragenden Einzelschicksalen. Da ist das Antifaschisten-Paar Milan und Rosa, die Zieheltern Isaks, die sich ihre Bildung hart erarbeitet haben, aber deren Zeit unwiederbringlich abläuft. Da ist der jüngere Ziehbruder Petar, den Isak von der Straße geholt hat, der sich den Partisanen angeschlossen hat und als Rom selbst der Verfolgung ausgesetzt ist; mit ihm schlittern die Leser:innen fast unmerklich in (Alb-)Träume hinein und aus Träumen hinaus in die unbarmherzige Realität. Ein nicht ganz zufällig Mirko Dinic genannter Rassist, Opportunist und Säufer, der in Gefangenschaft gerät, lauscht in einem weiteren Kapitel im Gefängnis einem Gespräch, in dem Isak seine Identität preisgibt – und wird seine Haut auch durch weitere Denunziation nicht retten, weil sich das unberechenbare Blatt der Geschichte nun gegen ihn wendet.

Und nicht zuletzt ist da die Hündin Malka, durch deren Augen und Nase nicht nur die berührende wahre Geschichte des Kladovo-Transports – einer Gruppe von 1.100 Juden und Jüdinnen, die auf dem Seeweg nach Palästina gebracht werden sollten, dort aber nie ankamen – erlebbar wird; das Bewusstsein des Rauhaardackels nimmt mit feinen Antennen die Veränderungen um sich und die Verfasstheit des Herrchens wahr:

„Ohne eine Vorstellung davon, was Übertragung bedeutete, übertrug sich dieses Gemisch aus Traurigkeit, Verzweiflung, Sorge und Stunk auch auf das Bewusstsein der Hündin, die seither mit wässrigen Augen auf ihre Welt blickte: Sie fühlte mit dem Fühlen ihres neuen Gefährten IvanIsak, der, ähnlich wie ihre frühere Gefährtin, eine Furcht unter seinem Hautfell trug, der alle zuvor gefühlten Gefühle entsprangen.“ (S. 340)

Von der Zerbrechlichkeit und Härte des Seins

Unerbittlich dreht Marko Dinić die Räder Fakt und Fiktion weiter ineinander, wenn schließlich auch noch ein vermeintlich echter Brief eines Onkels des Autors auftaucht, der sich auf die Suche nach den eigenen Wurzeln macht und bei seinen Nachforschungen nicht nur auf Isak stößt, der als hochbetagter Mann wieder in Zemun lebt, sondern ihm auch eine erschreckende, kaum zu ertragende Wahrheit über die eigene Familie offenbart, „und als er fertig ist, da zerbricht etwas, ich habe nicht gewusst, was es ist, aber ich habe es gespürt, tief in mir drinnen habe ich gespürt, da ist etwas nicht richtig, nie wieder wird es ganz werden“. (S. 383)

Nie wieder ganz werden: Das ist eine der großen Wahrheiten, die wie nebenbei in diesem Text eingestreut sind wie Fährten, und es ist ein lohnendes Unterfangen, ihren überraschenden Wendungen sowohl in die Vergangenheit als auch in die unmittelbare Gegenwart zu folgen. Menschen leben und sterben, aber Geschichte ist nicht abgeschlossen, ist nicht zu Ende erzählt, solange es jemanden gibt, der ihre Geschichte weiterzutragen vermag. Marko Dinić erweist sich mit diesem bemerkenswert unsentimentalen und souverän erzählten Roman als einer, der den Raum für diese Geschichten zu halten vermag – und es auch will. Den „Weg der äußersten Fiktion“ nennt der Autor die Verbindung aus verbürgter Geschichte und erdachten Knotenpunkten der erzählten Schicksale. Was keine Fiktion ist: Die Leben der Verschwundenen und der Toten, die nie wieder vollends zusammengesetzt werden können – und das bestürzende Lachen der Täter, das sich am Ende über allem erhebt, wenn der Staub der Vernichtung sich gelegt hat.

 

Stefanie Jaksch war einige Jahre als PR-Verantwortliche und Dramaturgin an deutschen Theatern tätig, seit 2011 lebt und liest sie in Wien, wo sie bis 2023 die Verlags- und Programmleitung für Kremayr & Scheriau innehatte. Die von ihr konzipierte Essay-Reihe übermorgen wurde u. a. mit dem Bruno-Kreisky-Preis für das Politische Buch ausgezeichnet. Seit 2024 ist die Wortarbeiterin als freischaffende Autorin, Moderatorin, Kuratorin und Lektorin unterwegs und hat das Büro für Kultur- und Literaturarbeit „In Worten“ gegründet. Im Herbst 2024 erschien bei Haymon ihr Essay Über das Helle, 2025 hat Stefanie Jaksch den Verlag WASSER Publishing gegründet.

Marko Dinić Buch der Gesichter
Roman.
Wien: Zsolnay Verlag, 2025.
464 Seiten, gebunden.
ISBN 978-3-552-07577-1

Verlagsseite mit Informationen zu Buch und Autor

Rezension vom 18.02.2026

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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