Man kennt Erwin Einzinger als Autor, der unbeeindruckt von literarischen Moden seine eigene, originelle Schreibweise, d. h. einen unverkennbaren Stil der literarischen Weltdarstellung entwickelt hat und zur Freude seiner Leser:innen von Buch zu Buch konsequent weiter verfolgt – was auch seine jüngste Veröffentlichung beweist. Aus dem Zuckerlautomat am Marktplatz kam ein Kaugummi-Koalabär ist laut Homepage des Autors sein achtzehntes Buch und sein neunter Gedichtband. Wobei die Kategorie „Gedichtband“ für Lyrikleser:innen einige Fragen aufwerfen dürfte – denn zum Einzinger-Stil gehört hier u. a. der Verzicht auf lyrisches Ich oder Du oder auf gebundene Rede, in der Rhythmus, Klang und Anklang, Wiederholung und Variation von Worten, Silben und Lauten besondere Bedeutung zukommt. Stattdessen bauen diese Gedichte aufs Beschreiben und Erzählen, vielleicht könnte man sie sogar mit einem – zwar anders gemeinten – Begriff des deutschen Autors Farhad Showgi „Erzählgedichte“ nennen, so nah sind sie der Prosa.
Wäre da nicht das Schriftbild: Strophenform, Zeilenbrüche und die mitunter den Lesefluss irritierende Großschreibung am Zeilenanfang weisen sie als Gedichte aus – und vielleicht darauf hin, dass sie doch anders gelesen sein wollen, als es zunächst scheint.
Zunächst nämlich erfreut, unterhält und erheitert uns Einzinger mit einem enormen Reichtum an kontrastierenden Bildern, Informationen und Episoden, die ebenso skurril und interessant wie alltäglich anmuten, weil sie – wie der titelgebende „Kaugummi-Koalabär“, der „aus dem Zuckerlautomat am Marktplatz“ kommt – sozusagen Ausschnitte bzw. „Splitter“ aus unserer Lebenswelt zu beschreiben scheinen. Unter der geschärften Optik von Einzingers Texten betrachtet, birgt der banale Alltag erstaunliche Überraschungen und hält für uns, so wir hinsehen, eine Poesie bereit, die an die für den Surrealismus programmatische Vorstellung des „zufälligen Zusammentreffens eines Regenschirms und einer Nähmaschine auf einem Seziertisch“ (aus Lautréamonts Die Gesänge des Maldoror, hier sinngemäß zitiert) als Metapher für eine neue Auffassung des Schönen und Poetischen denken lässt.
Tatsächlich erinnert das erste Gedicht „Vielleicht hatte André Breton ja recht“ (S. 7) beiläufig an den Begründer des Surrealismus. Bretons Name steht – als Klammer – im Titel und am Ende des Textes. Dazwischen entfaltet sich aber im ersten Abschnitt (Zeile 1 bis 12) der Mikrokosmos eines Stadtviertels anhand von drei kommunalen Meldungen über: die bald schließende „beliebte Balkanbäckerei“, den bald erhöhten „Mitgliedsbeitrag / Für den Kleingartenverein“, den „Menü= / Plan für die Schulküche“, den man „nun endlich […] erweitern“ wolle. Zusammenhang stiftet der mündlich-erzählende Ton mit – dezent wertenden – Redewendungen wie „dem Vernehmen nach“, „Erfreulicher ist immerhin“ u. a.
Der anschließende zweite Abschnitt (Zeile 13 bis 23) wechselt die Perspektive und führt uns auf eine Straße, wo der Ruf „Hau doch bitte nicht die nassen / Socken aufs Klavier!“ aus einer Erdgeschoßwohnung „tönt“ und wir weiter erfahren: „keine hundertfünfzig / Meter weiter weint ein Kind / Am Bismarckplatz, weil ihm der / Luftballon davongeflogen ist“.
Wie eine Sentenz dann die letzten vier Zeilen: „»Ich beneide jeden, der in dieser / Welt noch Zeit hat, etwas wie ein / Buch fertig zu machen«, meinte sinn= / Gemäß einmal André Breton“. Das (echte?) Breton-Zitat ließe sich an dieser Stelle – am Schluss des ersten, den Band eröffnenden Gedichts – wohl als Anspielung auf eine gewisse Tragikomik des Autor-Seins interpretieren. Schließlich boykottiert das Leben mit seinem täglichen Durcheinander, seinen unzähligen Ablenkungen, Unterbrechungen und verdeckten Geschichten (für die die Beobachtungen auf der Straße stehen mögen) notorisch das literarische Vorhaben, die Welt in einer Erzählung zusammenzusetzen. Warum also nicht das Durcheinander genauer betrachten, Einzelnes sammeln, notieren, montieren, ohne einen kausalen Zusammenhang zu erzwingen? Warum nicht aufzählen, was an Merkwürdigem, Faszinierendem, Widersprüchlichem nebeneinander existiert – und sich daran erfreuen?
Charakteristisch für die Gedichte in diesem Band ist ihre, mitunter an H. C. Artmann (dessen Namen einer der an E. E. verliehenen Literaturpreise trägt) erinnernde, feine, respektvolle Ironie. Als wären sie, zweifellos Geschöpfe der Literatur, aus dem freundlich-distanzierten Blickwinkel eines Forschers geschrieben, der vorurteilslos die Eigenarten des gemeinen Homo sapiens sapiens studierte, in der Realität wie in der Fiktion, in Literatur, Kunst und Musik. Und das ist sehr vergnüglich zu lesen, unter anderem durch Erwin Einzingers Faible für ausgefallene Namen, Tätigkeiten und Vorlieben, seine Meisterschaft im Erfinden besonderer Koinzidenzen und plötzlicher Wendungen, als würde das Erzählte immer wieder Haken schlagen, in einer gänzlich unerwarteten Richtung weiterlaufen – und ebenso unerwartet abbrechen. (Dass bei all dem kein Wort fehl am Platz ist, kein Name unbedacht, kein Satz anders als wohlüberlegt und leichtfüßig-elegant daherkommt, versteht sich bei diesem Autor ohnehin.)
Um einen kleinen Eindruck vom stupenden Einfallsreichtum Erwin Einzingers zu geben, hier nur einige seiner originellen und – auch in Sachen Komik – vielversprechenden Gedichttitel: „Mondlicht auf dem Molkereiwagen“ (S. 77), „Pumpkin Soup and Mashed Potatoes“ (S. 82), „Grüße von Leander an die resolute Tante Schwegler“ (S. 114) oder „Eine Aussendung der Kindergartenfreunde segelt von der Brücke“ (S. 102).
Nicht minder abwechslungsreich und phantasievoll geht es auch beim Personal zu, das die Gedichte bevölkert – Auftretende, zufällig herausgepickt, sind etwa: „Drei ehemalige Rekordschulschwänzer“ (S. 60), „die beiden Hobbyköche Buff und Barnabek“ (S. 20)„Frau Doktor Dora Bálint, die früher wett=/Kampfmäßig Wasserball gespielt hatte“ (S. 21), eine „Siebenbürger Zobeljägerin“ (S. 61), „Zölestine“ (S. 74), „Jeremy, der edle Berberhengst“ (S. 74), „der Banshee Boy aus / Ottawa (S. 93)“ …
Dem titelgebenden kleinen Koalabär aus dem Kaugummiautomaten begegnet man ebenfalls wieder – in einem Vierzeiler auf Seite 135 erwähnt ihn eine „Missionsschwester aus dem Senegal“, von der es heißt, sie „erinnerte sich gerne an das / Tal der Maultrommelerzeuger, wo sie im Süden Oberösterreichs / Einst aufgewachsen war“. Dieser Vierzeiler ist Teil eines Zyklus aus 122 vierzeiligen Strophen, die unter dem Titel „Crazy Guglhupf – Musik aus allen Richtungen“ das Buch beschließen und uns in 122 verschiedene Szenerien entführen, die alle – und sei es nur durch ein Wort wie „Maultrommelerzeuger“ – auf die Musik verweisen.
Und auf die Poesie, die dieses Buch auf ganz eigene, heitere Weise durchzieht, und die vielleicht besonders in den so sorgfältig ausgearbeiteten Szenen/Sprachbildern und ihrem Wechsel- und Zusammenspiel liegt, die Einzinger beschreibt, und in den möglichen Geschichten, die in den Gedichten „angespielt“ werden und gleich wieder fallen- oder besser im Dunkeln gelassen werden, Fragment bleiben, ein offenes Geheimnis, augenzwinkernd. Auf dass unsere unspektakuläre, entzauberte Welt wieder als der merkwürdige Ort erkennbar wird, der sie auch ist, voller sonderbarer Dinge, kleiner Wunder und Poesie, solange man weiterliest.
Birgit Schwaner, geboren in Frankenberg/D und seit 1984 in Wien lebend, studierte Germanistik und Philosophie. Sie ist freie Autorin und Journalistin. Seit 1994 Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien, seit 2000 Hörspiele im ORF, ab 2007 Bücher. Für ihre literarischen Arbeiten erhielt sie diverse Auszeichnungen. Zuletzt erschienen: Alice und Ich (Klever, 2023), Podium Porträt Nr. 108: Birgit Schwaner. Gedichte und Flaschenposten (hg. von Erika Kronabitter, Literaturkreis Podium, 2020) und Jackls Mondflug (Klever, 2017).
