Die Ich-Erzählerin Liv hat ein Engagement als Tänzerin in einer Theatergruppe und wohnt mit ihrer Kollegin Dana und dem Fotografen Nore in einer WG in der Halbgasse im siebten Bezirk, mitten in einem der Kreativviertel Wiens. Ihr Alltag besteht aus Theaterproben, die von der Erniedrigung und Ausbeutung durch einen cholerischen Regisseur geprägt sind, sowie aus trostlosen Partys. Die Leidenschaft für die Kunst ist durch die Konfrontation mit der prekären Arbeitsrealität längst verlorengegangen. In der ersten Hälfte des Romans folgen wir der Protagonistin, wie sie in einem kalten November ziellos durch Wien streift, gleichermaßen enttäuscht von Beruf und Privatleben.
Mit dem Theater als Schauplatz hat Drezga für Top Girls ein Setting gewählt, das sie aus eigener Anschauung gut kennen dürfte: Sie selbst lebt in Wien und hat bisher als Autorin von Theaterstücken sowie mit Regiearbeiten auf sich aufmerksam gemacht und einige Preise gewonnen. In ihrem Roman blickt sie ironisch hinter die Fassade des Kulturbetriebs und zeigt etwa den verzweifelten Kampf um Aufmerksamkeit und Originalität. Besonders deutlich wird dies zum Beispiel als Liv in einer Bar sitzt und nur Langeweile und Verachtung empfindet, während sie einem Mann am Nebentisch zuhört, der von seiner bevorstehenden Ausstellungseröffnung erzählt. Es bleibt offen, ob es sich um den Künstler oder den Kurator handelt und was in der Ausstellung überhaupt gezeigt werden soll. Diese Details sind irrelevant. Der Witz der Szene besteht darin, dass Liv der kreativen Arbeit ihres Sitznachbarn von vornherein mit völligem Desinteresse begegnet, da in ihrer Umgebung jede:r im Kulturbereich tätig ist, sodass sie daran nichts Besonderes mehr erkennen kann.
Livs Grundstimmung ist von Hoffnungs- und Ziellosigkeit geprägt. Weder den Bohemiens in ihrem Freundeskreis, noch dem sogenannten „Bürgertum“ fühlt sie sich zugehörig. Beide Lebenskonzepte kommentiert sie zynisch:
„Ich […] sah ein paar junge Typen in teuren Anzügen, die meinten, ihnen würde die Zukunft gehören, wohingegen die meisten Leute, die ich kannte, nicht mal daran glaubten, eine Zukunft zu haben.“ (S. 48)
Auf ihrer Suche nach Orientierung beobachtet Liv aufmerksam die Menschen, die ihr im Alltag zufällig begegnen, wie etwa den Zeitungsverkäufer vor dem Supermarkt oder die Bewohner:innen des gegenüberliegenden Miethauses, die sie nachts durch die erleuchteten Fenster sehen kann. Immer wieder bezieht sie sich dabei auf die „Top Girls“, also Prostituierte, die auf der Straße ihrer Tätigkeit nachgehen und mitunter auch einmal hinter den Gardinen eines der männlichen Nachbarn von gegenüber auftauchen. Meist treten sie nur am Rande einer Szene auf, werden bloß beiläufig erwähnt, etwa in Nebensätzen, wie vage aus dem Augenwinkel wahrgenommen. Dass sie dennoch titelgebend für den Roman wurden, deutet eine gewisse Identifikation der Ich-Erzählerin mit mit deren von Ausbeutung und Einsamkeit geprägten Situation an.
Der Plot ist ausgesprochen reduziert gehalten. Erst nach der Hälfte des Romans kommt es zu einem „Ereignis“, nämlich dem rätselhaften Tod der Mutter, der die Protagonistin in eine Krise stürzt und zur Konfrontation mit ihrer Vergangenheit zwingt. Als sie daraufhin das Dorf besucht, in dem sie aufgewachsen ist, steht diese Umgebung in einem interessanten Kontrast zum urbanen Bohemien-Leben, das Liv in Wien führt. Rasch wird jedoch deutlich, dass auch auf dem Land keine Idylle zu erwarten ist und die Erinnerungen an ihre Kindheit, denen sie sich nun stellen muss, schmerzhaft und traumatisch sind.
Abgestimmt auf das Setting stattet Drezga ihre Ich-Erzählerin mit einer betont jugendlichen, stellenweise etwas flapsigen Sprache aus:
„Nichts als angepisst war ich auf das ganze Theater im Allgemeinen, jawohl, und auf mich im Besonderen. Ich wollte nach Hause, wollte etwas essen, dann nur noch schlafen, aber der Kühlschrank war leer, demnach: Supermarkt.“ (S. 45)
Überraschende Brüche erfährt dieser Stil immer wieder durch Formulierungen in gehobener Sprache oder antiquierte Satzstellungen, die überzeugend auf die Nähe der Figuren zum Theater verweisen: „Draußen war es bereits hell geworden, in der Wohnung aber war es dunkel noch, weil die Vorhänge zugezogen waren.“ (S. 14) Besonders gut gelingt Drezga die Beschreibung fremder Menschen im öffentlichen Raum, hier erschafft sie mit kühlem Sprachwitz einprägsame Bilder wie:
„An der nächsten Haltestelle stiegen drei Mittzwanzigerinnen ein. Eine ähnlicher als die andere, einander angepasst, als ob sie eine einzige Person aus sich gemacht hätten.“ (S. 17)
Mit knapp über 100 Seiten ist Top Girls äußerst schmal gehalten, zudem ist der Roman in sehr kurze Kapitel unterteilt. Der fragmentarische Aufbau und die Reduziertheit erzeugen eine gewisse Distanz zu den Figuren, nur stellenweise nehmen wir als Leser:innen an ihrem Leben teil. Vieles wird bloß angerissen und angedeutet, Gefühle werden weitgehend ausgespart, sodass vor allem auf den ersten fünfzig Seiten der Eindruck einer anekdotischen Aneinanderreihung von Szenen entsteht. Erst durch den Schicksalsschlag wird uns das Innenleben der Protagonistin nähergebracht, überzeugend beschreibt Drezga die Zeit der Trauer. Gut nachvollziehbar wird erzählt, wie Liv in einen Ausnahmezustand gerät, jegliches Zeitgefühl verliert, nicht mehr schlafen kann, sich für nichts mehr interessiert. Diese Passagen sind womöglich die stärksten des Romans. Von dieser Art des einfühlsamen, den Figuren zugewandten Erzählens hätte Top Girls durchaus etwas mehr vertragen.
Daniela Chana, geb. 1985 in Wien, promovierte an der Universität Wien im Fach Vergleichende Literaturwissenschaft. Ihr Gedichtband Sagt die Dame (Limbus Verlag), wurde 2019 unter die Lyrik-Empfehlungen der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung gewählt. 2021 folgte, wieder bei Limbus, der Erzählband Neun seltsame Frauen, der Chana eine Nominierung auf der Shortlist des Österreichischen Buchpreises eintrug. Für die österreichische Tageszeitung Die Presse schreibt sie regelmäßig Essays über Themen des Alltags und der Literatur. Zuletzt wurde sie für ihren im Frühjahr 2026 im Innsbrucker Limbus Verlag erscheinenden Gedichtband Affäre mit einem Erzähler mit dem Holfeld-Tunzer-Preis ausgezeichnet.
