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Der lange Winter der Migration

Lisa Bolyos (Hg.), Natalie Deewan (Hg.)

// Rezension von Kaśka Bryla

“In einer Zeit, in der Dystopien dominieren, möchte das Festival dazu einladen, die Zukunft als Chance für neue Lösungsansätze zu begreifen“, heißt es programmatisch auf der Homepage des Festival der Regionen, das seit 1993 alle 2 Jahre in einer anderen oberösterreichischen Region stattfindet. In diesem Jahr verwandelte sich Braunau am Inn im Pride-Monat von 13. bis 22. Juni 2025 zu einem „Labor der Träume“, in dem Ideen ausgetauscht und weitergedacht wurden, denn „Realistisch Träumen“ war das Motto 2025. Der lange Winter der Migration, das Buch, das zum Festival der Regionen 2025 erschienen ist und dort seine Premiere feierte, begann ebenfalls als Traum.

Die Autor:innen Natalie Deewan und Lisa Bolyos erträumten sich im Vorfeld des Festivals die Herausgabe eines Erzählbandes in drei Sprachen (Deutsch, Arabisch und Farsi), der dann auf dem Festival bei einem “Bankett am Bankett” gemeinsam mit den Autor:innen in allen Sprachen präsentiert werden könnte. In dem Buch sollte der lange Winter der Migration seit 2015 verhandelt und das Buch selbst dem 2022 beim Bergsteigen tödlich verunglückten syrisch-österreichischen Schriftsteller Jad Turjman gewidmet werden.

Und der Traum wurde Wirklichkeit. Der Erzählband ist tatsächlich erschienen und er versammelt Erzählungen, Comedy und Essays von fünf Schriftsteller:innen, die 2015 aus Syrien, Afghanistan und dem Iran in den deutschsprachigen Literaturraum gekommen sind. Alle Texte sind in den drei Sprachen – Arabisch, Deutsch und Farsi – zu lesen. Gewidmet wurde die kurations-, lektorats- und übersetzungsintensive Arbeit wie vorgesehen Jad Turjman, der in dem Buch sowohl als Autor als auch als impliziter oder expliziter Referenzpunkt der anderen literarischen Texte der Anthologie aufscheint. Im Schlussteil dokumentieren die Herausgeber:innen das Making-of des Bandes.
Am Ende dieses literarischen Buchprojektes, dem seine hochaktuelle und gegenwartspolitisch relevante Dimension und Dringlichkeit in den Titel eingeschrieben ist, steht allerdings alles wieder auf Anfang: Nach dem endgültigen Sturz des Assad-Regimes Ende 2024 werden die ersten Geflüchteten wieder nach Syrien abgeschoben, obwohl die Zukunft in dem nach wie vor von extremistischen Gruppen des Politischen Islam bedrohten Land weiterhin ungewiss bleibt. Der lange Winter der Migration ist noch lange nicht vorbei.

Was bedeutet es, aus dem und über das eigene Exil zu schreiben? Was macht Exilliteratur so besonders und in den letzten Jahren so erfolgreich, wenn nicht das Teilen der eigenen Geschichte und im speziellen des eigenen Traumas? Spielt nicht besonders bei der Rezeption von Exilliteratur die Biografie der Autor:in eine große Rolle? So genannte Exilliteratur ist mittlerweile eine etablierte und inzwischen auch regelmäßig mit Preisen ausgezeichnete Sparte deutschsprachiger Gegenwartsliteratur, die noch in den 1990er Jahren keine Selbstverständlichkeit war. Damals hat Christa Stippinger in Wien die edition exil gegründet, um Schriftsteller:innen nicht-deutscher Muttersprache, die auf Deutsch schreiben wollten, eine eigenständige Publikation zu ermöglichen. Heute versteht sich der Verlag selbst – und wird auch von außen so gesehen – als Sprungbrett in den größeren Literaturbetrieb. Denn heute findet die sogenannte „Migrationsliteratur“ glücklicherweise nahezu in jedem Verlag Platz.

Den Mittelpunkt von Der lange Winter der Migration, auch im wortwörtlichen Sinn, bilden die Autor:innen Rasha Abbas, Hamed Abboud, Pooyan Moghaddassi, Widad Nabi, Asiyeh Panahi und Jad Turjman, die Herausgeber:innen Lisa Bolyos und Natalie Deewan sowie die Übersetzer:innen Ahmed Ali, Larissa Bender, Ghassan Hamdan, Sandra Hetzl, Jutta Himmelreich, Gorji Marzban, Jinoos Taghizadeh und Kerstin Wilsch, die Illustratorin Asuka Grün und die Schriftgestalterin Elena Schneider mit ihren Biografien. Als Gruppe bilden sie den Kern des Projekts.

Jad Turjman wurde 1989 in Syrien geboren und flüchtete 2014 nach Österreich, wo er sich als Schriftsteller und Comedian einen Namen machte. 2022 verunglückte er in den Bergen bei Salzburg, wo er bis dato gelebt hatte. Das gekürzte Transkript seines Auftritts vom 1. April 2022 im ZIMT, dem Zentrum für. Interkulturalität. Miteinander und. Teilhabe. in Braunau am Inn ist hier abgedruckt und bietet einen humorvollen Einstieg in das Thema Flucht und Integration: „Was ich auch gemerkt habe, dass es Unterschiede gibt zwischen den Problemen. Man darf es nicht vergleichen, weil dort herrschen andere Bedingungen und Zustände. Wovor hat ein Mensch in Syrien Angst? Bomben, Geheimdienst, Checkpoints, an denen Menschen verschwinden, Stromausfall, Lebensmittelknappheit und so weiter und so fort. Wovor hat man hier Angst? Impfzwang.“ (S. 44f.)

Rasha Abbas, 1984 in Syrien geboren, flüchtete 2013 in den Libanon und 2014 weiter nach Berlin, wo sie inzwischen Kurzgeschichten, Filmdrehbücher und Erzählbände auf Arabisch, Englisch und Deutsch veröffentlicht. Ihr Beitrag handelt vom Sturz des Assad Regimes und dem Heimischwerden in einer neuen Sprache.

Hamed Abboud ist 1987 in Syrien geboren und flüchtete 2012 über Ägypten, Dubai und die Türkei bis er 2014 in Österreich ankam. Er erzählt die Geschichte von nach der Flucht zurückgewonnenen Tagebüchern und vom Verlust seines Vaters.

Pooyan Moghaddassi’s Beitrag Ich, Anne-Marie, Hannes und die anderen beschäftigt sich – in Ermangelung legaler Arbeitsmöglichkeiten für Geflüchtete – mit der Versuchung, zu dealen. Der Schriftsteller und Dramatiker wurde 1982 im Iran geboren. Seit 2015 lebt er in Wien und arbeitet als Freizeitpädagoge an Wiener Schulen.

Widad Nabi wurde 1985 in Syrien geboren und lebt heute in Berlin. Sie flüchtete 2015 über See- und Landwege nach Europa und schreibt für zahlreiche Zeitungen und Zeitschriften. In ihrem Beitrag erklärt sie Exil anhand des Schicksal der Kinder und die Bedeutung von (Heimat)-Küche in der Fremde.

Asiyeh Panahi, 1998 im Iran geboren, flüchtete 2014 mit ihrer Familie nach Österreich. Sie studiert derzeit Rechtswissenschaften an der Universität Graz und ist Kolumnistin der Straßenzeitung Megafon. Sie erzählt in der Anthologie vom Problem des wiederholten Exils: „Obwohl im Iran geboren, wurde ich immer als ‚Ausländerin‘ wahrgenommen. Wir, als afghanische Flüchtlinge, waren im Iran in einer Art rechtlichem Niemandsland, ohne die Rechte vollwertiger Bürger:innen. Ich lebte in ständiger Angst, dass die Polizei mich oder meine Familie erwischen und uns nach Afghanistan zurückschicken könnte.“ (S. 124)

Die Übersetzer:Innen Ahmed Ali, Larissa Bender, Ghassan Hamdan, Sandra Hetzl, Jutta Himmelreich, Gorji Marzban, Jinoos Taghizadeh und Kerstin Wilsch sowie die Illustratorin Asuka Grün und die Schriftgestalterin Elena Schneider warten mit gleichermaßen interessanten Biografien auf. Und schließlich die Herausgeber:innen selbst: Lisa Bolyos wurde 1980 in Österreich geboren. Sie ist bildende Künstlerin und Buchautorin und arbeitet als Straßenzeitungsredakteurin in Wien. Natalie Deewan wurde 1978 in Österreich geboren und „praktiziert Reine, Reale, Angewandte und Kollektive Literatur im städtischen und ländlichen, öffentlichen und veröffentlichten Raum“ (S. 145).
Gemeinsam entscheiden sich Bolyos und Deewan, das Projekt zu realisieren:

6. März 2024, Lisa an Natalie:
Ich möchte beim Festival der Regionen einreichen, und zwar: eine Tafel (as in: gemeinsam essen, nicht as in: Schule) auf der Brücke über den Inn, an der gemeinsam gegessen und Literatur gelesen wird von Schriftsteller:innen, die 2015 nach Ö und D gekommen sind (oder kommen wollten o.ä.). 10 Jahre 2015. Die Brücke zwischen Braunau und Simbach bin ich oft hin- und hergefahren, meistens war sie von der Polizei blockiert, jetzt blockieren wir sie, positively. Ich möchte dich fragen, ob du so etwas mit mir co-hosten möchtest.
Das Projekt kann auch übers Essen hinausgehen: Hörstationen, Literaturpostkarten, was weiß ich. Wichtig ist mir: Ich möchte 2015 feiern und die Leute, die hier sind.“ (S. 246)

Und eben das geschah beim Festival der Regionen im Juni 2025 in Braunau, ein Traum, der wahr wurde und nun weitergetragen werden soll und als Buch von allen gelesen werden kann.

Lisa Bolyos und Natalie Deewan (Hg.), Der lange Winter der Migration
Erzählungen, Comedy, Essays
mit Texten von Rasha Abbas, Hamed Abboud, Pooyan Moghaddassi, Widad Nabi, Asiyeh Panahi, Jad Turjman
Wien, Mattighofen: korrektur Verlag / pen austria, 2025.
272 Seiten, Hardcover, Fadenbindung und Lesebändchen.
ISBN 978-3-9505470-9-2

Verlagsseite mit Informationen zum Buch

Homepage von Lisa Bolyos

Homepage von Natalie Deewan

Homepage Festival der Regionen

Kaśka Bryla ist zwischen Wien und Warschau aufgewachsen. Studium der Volkswirtschaft in Wien, Studium am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig, wo sie 2015 die Literaturzeitschrift und das Autor:innennetzwerk PS – Politisch Schreiben mitbegründete. Sie war Redakteurin des Monatsmagazins an.schläge und erhielt bislang zahlreiche Stipendien und Preise. 2023 wurde ihr Theaterstück Im Herzen der Krähen uraufgeführt. 2020 erschien ihr Debütroman Roter Affe, 2022 folgte Die Eistaucher. 2024 las Kaśka Bryla auf Einladung von Brigitte Schwens-Harrant in Klagenfurt beim Ingeborg-Bachmann-Preis einen Auszug aus ihrem dritten Roman Mein Vater, der Gulag, die Krähe und ich. www.kaskabryla.com

Rezension vom 19.11.2025

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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