#Roman

mein vater der gulag die krähe und ich

Kaśka Bryla

// Rezension von Sabine Schuster

Mit ihrem dritten Roman mein vater der gulag die krähe und ich betritt die polnisch-österreichische Autorin Kaśka Bryla neues literarisches Terrain. Nach den den rasant erzählten Romanen Roter Affe (2020) und Die Eistaucher (2022) widmet sie sich, wir lesen es bereits im Titel, der Geschichte ihres Vaters und damit auch der blutigen Vergangenheit Polens zwischen Hitlers Wehrmacht und Stalins Roter Armee.

Ausgangspunkt der autofiktionalen Ich-Erzählung ist der Sommer 2020, in dem Kaśka Bryla auf einem Wohnwagenplatz in Leipzig lebt und schwer an Covid erkrankt. Hier beginnen ihre inneren Zwiegespräche mit dem Vater, der in seiner Jugend während des Zweiten Weltkriegs als Kurier für die polnische Untergrundarmee Armia Krajowa tätig war, 1945 verhaftet wurde und anschließend drei Jahre lang in sowjetischen Gulags interniert war. Seine Widerständigkeit hat die Autorin geprägt und auch ihren Kampf um ein selbstbestimmtes Leben als queere Frau befeuert.

Während sie völlig geschwächt gegen die neue, bedrohliche Krankheit kämpft, arbeitet sie sich akribisch in die polnische Zeitgeschichte ein, vertieft sich in das Standardwerk Bloodlands des US-Historikers Timothy Snyder und in Texte von Karl-Markus Gauß und Martin Pollack. Das Zentrum dieses Erzählstrangs bzw. des ganzen Romans bilden jedoch die Interviews mit Zygmunt Bryla, dem 2009 verstorbenen Vater der Autorin. Gerade als die Tochter selbst um ihr Leben fürchtet, erinnert sie sich an den Pakt mit ihrem Vater und hört Stück für Stück ab, was sie vor mehr als einem Jahrzehnt aufgezeichnet hat, um später daraus Literatur zu machen. Ein Versprechen, das ebenso schwer auf ihr lastet wie die Angst, die Atemnot, die Müdigkeit – und das auch die Leserin in die Pflicht nimmt, vor der Schwere des Themas nicht Reißaus zu nehmen.

Akribisch protokolliert die Kranke auch den lähmenden Alltag inmitten ihres Aussteiger-Kollektivs und beklagt die anhaltende Isolation, schließlich hat sie vom Anarchismus geträumt und von einer Gemeinschaft, in der sich “alle um alle kümmern” (S. 29). In dieser misslichen Lage fällt die Rettung buchstäblich vom Himmel. Ein verwaistes Krähenbaby landet auf dem Wagenplatz, wird von der Gruppe adoptiert und taktet von nun an wie ein Herzschrittmacher die matten Tage zwischen Liegestuhl, Dixi-Klo und Laptop. Karl sitzt mit Vorliebe auf den Knien der Erzählerin und wartet, dass sein Flügel heilt. Das dauert seine Zeit, und manche Geschichten erzählen sich inzwischen fast von selbst zu Ende, „ich muss nur die Geduld aufbringen und ebenfalls warten, wenn alles wegbricht, sind Geduld und Warten die Eigenschaften, auf die jedes Lebewesen zurückfällt, so wie Estha darauf wartet, in zwei Tagen mit Frau und Hund auf Urlaub zu fahren, Süße, ich brauche eine Pause von all dem, das hat sie gesagt und damit auch mich und meine Krankheit gemeint, und als ich schwieg, fügte sie noch ein sei mir nicht böse hinzu, als hätte ich eine Wahl, und du wartest in deinem Grab darauf, dass ich dich verewige, aber ich träume von einem Leben mit Karl im Dschungel, wo uns niemand behelligt“ (S. 83).

Estha, die ferne Freundin und Mentorin in Wien, auf deren Nachrichten die Erzählerin Tag und Nacht wartet, drängt auf die Realisierung des Buchprojekts und fordert eine historische Timeline für die Interviews, damit die Leser:innen sich auskennen. Tatsächlich setzt sich die erschöpfte Autorin in Bewegung, sortiert Notizen aus, fasst Daten zusammen und erstellt lexikalische Einträge, die trotz ihrer Sperrigkeit einen überraschend munteren Dialog in Gang bringen. „In Galizien lebten kurz vor dem Ersten Weltkrieg 4 672 500 (58,22 %) Pol*innen, 3 208 092 (39,97 %) Ukrainer*innen und ein paar Deutsche, wovon 3 732 569 (46,51 %) römisch-katholisch, 3 379 613 (42,11 %) griechisch-katholisch, 33 209 (0,41 %) evangelisch und 871 895 (10,86 %) jüdisch waren. Und schon stocke ich. Warum stockst du? Weil sich jüdisch nicht mit römisch-katholisch aneinanderreihen lässt. Warum nicht? Weiß ich auch nicht, es fühlt sich falsch an. Du stehst auf und holst dir eine Zigarette aus meiner Schreibtischschublade.“ (S. 84)

Die Tochter fokussiert ihren Blick stets auf die Minderheiten – „du bist Polin, ich bin Lesbe, widerspreche ich, obwohl es kein Widerspruch ist“ (S. 85) – und bekommt erst langsam eine Vorstellung davon, gegen welche mörderische Maschinerie ihr Vater gekämpft hat. Sie notiert: „Das System der Gulags in der Sowjetunion wurde 1917 nach der bolschewistischen Revolution eingeführt, in den 1930er Jahren von Stalin perfektioniert und weit über seine Herrschaftszeit hinaus bis 1980 aufrechterhalten. Der Gulag, von Sowjets selbst als System von Konzentrationslagern bezeichnet, umfasste schließlich 476 Lagerkomplexe, in die bis 1952 rund 18 Millionen!!! Menschen deportiert wurden und in denen etwa 3 Millionen während ihrer Haftstrafe starben. […] Stell dir vor, drei Millionen! So etwas kann ich mir nicht vorstellen. Glaubst du mir immer noch nicht?“ (S. 86)

Schulterzuckend muss die Tochter zugeben, dass sie ihrem Vater das Ausmaß an Grausamkeit des Sowjetregimes nie geglaubt hat, dass sie viele Erzählungen für polnische Propaganda gehalten hat, weil die Ideologie ihr nahestand, weil sie nicht gewillt war, diese mit Hitlers Nationalsozialismus zu vergleichen. (S. 87) Auch in ihrer Gegenwart auf dem Wagenplatz muss sie ihren Glauben an gesellschaftliche Utopien hinterfragen: „Sind es nicht 35 Menschen, mit denen du hier zusammenlebst“, fragt der Vater in ihrem Kopf, „hast du nicht behauptet, dass deine Kollektive anders sind als der Rest der Welt“, wieder ein Schulterzucken, „sollten deine Mitbewohner nicht zumindest zu deinen Symptomen recherchieren und versuchen dir zu helfen, sollte dich nicht jemand zum Arzt begleiten, sollte sich nicht zumindest jemand für dein Befinden interessieren, sie haben alle Angst“ entgegnet die Tochter, und der Vater lacht. (S. 186)

Sambor, die Heimatstadt des Vaters, gehört heute zur Ukraine, aber nicht nur deswegen macht die Frage, ob sie für ein freies Polen kämpfen würde, die Tochter hilflos. Ihr Koordinatensystem ist schlichtweg ein anderes – für eine Demokratie würde sie kämpfen, ja, und für das Recht, offen lesbisch zu sein, aber für Polen, die polnische Sprache, die polnische Kultur? „verspürst du denn kein bisschen Patriotismus, ich überlege lange, […] es stimmt, dass ich stolz bin, wenn ich mich daran erinnere, dass Polen die erste Demokratie Europas war, und dass ich mich schäme, wenn ich über antisemitische Vorfälle, frauenfeindliche Gesetze oder lgbtiq-freie Zonen lese, aber ich denke nicht, dass Pol*innen bessere Menschen sind, genauso wenig wie Queers oder Jüd*innen oder überhaupt irgendwer, und hätte ich dir nicht ein Versprechen gegeben, ich würde all diese Bücher über polnische Geschichte, den Zweiten Weltkrieg, den Holocaust und die Gulags vermutlich nicht lesen“ (S. 187f.).

Es gibt jede Menge Konfliktpotenzial mit dem Helden ihrer Kindheit, aber ebenso viel Liebe, die die Zeit überdauert. Ein Leben lang kämpft die Erzählerin um das Wohlwollen und den Stolz des Vaters, sie will seine Erlebnisse im Gulag nachempfinden, sich abhärten und keine Angst kennen, vor nichts davonlaufen, „aber irgendwann hat sich die Angst, von der ich meinte, sie wie Staub von den Schultern klopfen zu können, bis in meine Knochen vorgearbeitet und heute schlottern meine Knie, sobald sich der Wind kräuselt oder ein Gewitter aufzieht“ (S. 173).

Beeindruckend ist die Art und Weise, wie Kaśka Bryla ihre sehr unterschiedlichen Erzählebenen miteinander verflicht, oft in einem einzigen langen, atemlosen Satz, nur Beistriche geben den Takt an und die Stimme des Vaters ist kursiv gesetzt. Das erzeugt eine ganz eigene Leichtigkeit, zudem erweist sich Zygmunt Bryla in den Interviews als gewitzter, humorvoller Held, dem man gerne zuhört und der im Gulag zwar seinen Patriotismus, aber nicht seinen Lebenswillen verloren hat. Immer wieder erhält er Hilfe von unerwarteter Seite und selbst Jahrzehnte, nachdem er von seinen eigenen Landsleuten verraten wurde, scheint er sich immer noch zu wundern, dass es für seine Anklage keine Beweise brauchte. (S. 143)

Wie ihr Vater nutzt auch die Autorin in der Not jede Hilfe und erkennt das Potential der jungen Krähe sowohl für ihre Genesung als auch für die Textgestaltung. In den schwierigsten Gesprächen, oft mitten im Satz, hüpft der Vogel krächzend durchs Bild und sorgt für komische Momente. Hüpfend erscheinen auch die schnellen Wechsel zwischen den Zeiten, Orten und Personen, hüpfend wird Kaśka Brylas für den Österreichischen Buchpreis 2025 nominiertes Vaterdenkmal am Ende zu einer äußerst lebendigen, in der Gegenwart verankerten Erinnerung, die spannend zu lesen ist und mit einem neuen Aufbruch der Erzählerin optimistisch abschließt.

 

Sabine Schuster, Studium der Germanistik und Publizistik an der Universität Wien, von 1993 bis 2023 im Team des Literaturhaus Wien, u. a. als Redakteurin des Online-Buchmagazins, derzeit freie Rezensentin und DaZ/DaF-Trainerin

Kaśka Bryla mein vater, der gulag, die krähe und ich
Roman.
Wien: Residenz Verlag, 2025.
256 Seiten; gebunden mit Schutzumschlag.
ISBN 9783701718108.

Verlagsseite mit Informationen zu Buch und Autorin

Homepage von Kaśka Bryla

Rezension vom 11.09.2025

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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