Aber ist das überhaupt möglich? Die eigene Geschichte zurückzuerobern? Dem Gefühl der eigenen Machtlosigkeit etwas Adäquates entgegensetzen? Und welche anderen „Geschichten“, welche Geschichtsschreibung, können bei einem derartigen Unterfangen auf der Strecke bleiben? Denn: „Es geht schon längst um mehr als Majas Daten. Es geht um die Organisation von Wissen als Herrschaftsinstrument. Um den verzweifelten Versuch einer Störung.“ (S. 180)
Zu Beginn werden wir in eine Dystopie aus Sicht der 15 Jahre alten Era geworfen, die mit ihrer Mutter in einem Tiny House am Waldrand wohnt und an einem digitalen Archiv ausgestorbener Vogelarten arbeitet. Am Ende sind wir Zeug:innen einer Revolution. Dazwischen erleben wir die erste Liebe zweier Mädchen, die Auswüchse und Folgen digitalen Oversharens und der damit einhergehenden Verletzung der Privatsphäre Dritter. Das all diese Themen zusammenhaltende Netz hat Fiona Sironic eindrücklich und straff gespannt, wie die Netze, die im Roman die Betten ersetzen. Kaum habe ich mich als Leserin in die Geschichte mit ihrer einnehmenden Sprache vertieft, ist der Roman auch schon zu Ende.
Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft. Und diese Mädchen, Maja und Merle| M&M, die FOAMO-Schwestern („Der Name ist ein Kofferwort aus dem Akronym Fomo und dem englischen Foam; es kreuzt also die Angst zu verpassen mit dem Schaum.“, S. 9f.), deren Mütter ein berühmtes Momfluencer:innenpaar sind, werden von Era, der Ich-Erzählerin des Romans, an einem Samstag eben dabei beobachtet.
„Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft. Auf ihrem Kanal machen sie das. Auf einem Zweitkanal liegt ein Fotobook irgendwo der Witterung ausgesetzt, und man kann via Stream zusehen, wie es jeden Tag ein bisschen mehr verlottert, Schicht um Schicht abgetragen wird. Die privaten Streams sind nicht populär, zumindest sind die Views nicht so hoch. Sie sind eine Art Überbleibsel.“ (S. 11) Und darum geht es auch. Um die Überbleibsel. Die einer digitalen Ära und die der realen Welt mit den letzten Vögeln und den letzten Resten Wald.
Wir befinden uns x Jahre nach unserer Zeitrechnung. Die Klimakrise hat den Zenit erreicht. Das Leben ist heiß und staubig und Wasser rationiert. Auch das Essen besteht meist aus aufgegossenem Pulver und lehnt sich damit an klassisches Sci-Fi an. Die meisten Menschen leben in Städten, weil Wälder immer wieder brennen. Auch hier gibt es die Reichen, wie M&M’s Mütter, die in einer Villa wohnen und echtes Fleisch essen. Und es gibt Menschen wie Era’s Tante, die in einer Gemeinschaft unter einem Glashaus lebt, unter Selbstversorgern, die auch die Arbeit der Bienen, das Bestäuben, übernommen haben, um echtes Gemüse zu ziehen. Und als das Haus von Era und ihrer alleinerziehenden Mutter nach einer vorangegangenen Explosion – „BUMM!“ – einem Waldbrand zum Opfer fällt, ziehen beide zur Tante in die Glashausgemeinschaft.
Era und Maja lernen sich in der Schule kennen und Era ist bald recht eingenommen von der wortkargen aber tatendurstigen Maja. Sie recherchiert Majas und Merles Vergangenheit, weil deren Mütter das Leben ihrer Töchter von Tag Null an auf ihren Social-Media-Kanälen dokumentiert haben. Maja und Merle glauben, sich dieser Vergangenheit mit dem Sprengen von Festplatten entledigen zu können, bis Maja von Era darüber aufgeklärt wird, dass es Archive mit Backups aller Daten gibt. Das würde den kindlichen Rahmen der bisherigen Sprengungen bei weitem übersteigen, weshalb es wie bei allen großen Vorhaben mehr Sprengungen und überhaupt größerer Sprengungen bedarf und damit auch mehr Personen, die bereit sind, jene Sprengungen durchzuführen, die aber gleichzeitig von einer Masse, die protestiert und randaliert, Rückendeckung bekommt. Es bedarf eben einer kleinen Revolution, und für die benötigt es Wut und Entschlossenheit. Schließlich waren Maja und Merle nicht die einzigen Kinder, deren Integrität an Social-Media-Unternehmen verkauft wurde.
Was aber geschieht, wenn Datenträger im großen Stil zerstört werden? Wo bleibt dann zum Beispiel das Wissen um all die ausgestorbenen Vogelarten? Und wo bleibt am Ende die Rote Zora 2.0? Um das und die feinen Wendungen des Romans genießen zu können, muss eine:r ihn allerdings selbst lesen.
Was an Fiona Sironics Romandebüt fesselt, sind nicht nur der flotte Erzählduktus, die Zeichnung der Figuren, in denen sich eine:r nur allzu gerne wiederfindet, und die Spannung, die den Plot von der ersten bis zur letzten Seite trägt. Der Text besticht besonders mit seiner elaborierten Sprache, einer Mischung aus Teenage-Slang und literarischem Experimentieren, eben jenes Element, das der Leser:in immer wieder Zeit gibt, kurz innezuhalten und zu überlegen, wie das alles miteinander verbunden sein kann: das Gesehen-werden-Wollen und das Verschwinden. Ein Phänomen, das unseren heutigen Social-Media-Alltag begleitet, ohne dass sich eine genaue Vorstellung darüber entwerfen lässt, was daraus in einem oder mehreren Jahrzehnten werden könnte. Wer sich dann unsere alten Streams ansehen wird. Ob überhaupt. Und wird das denn wirklich wichtig sein, angesichts einer beinahe untergegangenen Welt: das Recht auf eine eigene Geschichte? Oder wird es das Wissen um Heilpflanzen, Tierarten und die Anpflanzung von Nahrungsmitteln sein, das uns dann noch beschäftigt?
Kaśka Bryla ist zwischen Wien und Warschau aufgewachsen. Studium der Volkswirtschaft in Wien, Studium am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig, wo sie 2015 die Literaturzeitschrift und das Autor:innennetzwerk „PS – Politisch Schreiben“ mitbegründete. Sie war Redakteurin des Monatsmagazins an.schläge und erhielt bislang zahlreiche Stipendien und Preise. 2023 wurde ihr Theaterstück Im Herzen der Krähen uraufgeführt. 2020 erschien ihr Debütroman Roter Affe, 2022 folgte Die Eistaucher. 2024 las Kaśka Bryla auf Einladung von Brigitte Schwens-Harrant in Klagenfurt beim Ingeborg-Bachmann-Preis einen Auszug aus ihrem dritten Roman Mein Vater, der Gulag, die Krähe und ich, der im August 2025 bei Residenz erscheint. www.kaskabryla.com
