#Anthologie

zwölf mal zwölf

Uwe Ladstätter (Hg.)

// Rezension von Helmuth Schönauer

Eine Anthologie mit Texten von zwölf Osttiroler AutorInnen.

Die Anthologie zwölf mal zwölf ist in zweifacher Hinsicht eine Aufmerksamkeit wert. Einmal ist diese Sammlung aus feierlichem Anlaß entstanden und finanziert, denn die HYPO-Bank-Zweigstelle Lienz leistete sich 1998 nicht nur einen modernen Bau, der bei den langsamen Einheimischen noch lange Kopfschütteln auslöst, sondern auch eine „moderne Literatur“, die in Gestalt von zwölf Zwölfminutentexten zur Eröffnung präsentiert wurde.

Zum zweiten ist Osttirol tatsächlich mehr und weniger als ein politischer Bezirk. Wenn nämlich ein Landesteil vom Mutterland so abgeklemmt ist, daß er damit nicht einmal mehr eine gemeinsame Grenze hat, so entwickelt sich in ihm logischerweise auch eine eigene Literatur. Daher ist es durchaus legitim, von einer Osttiroler Literatur zu sprechen.

Uwe Ladstätter, der Chefredakteur der Lienzer Wandzeitung, hat für die Anthologie zwölf AutorInnen zu einer Standortbestimmung versammelt, um einerseits zu testen, was in der entlegensten Provinz als Gegenwartsliteratur gilt, und andererseits im Sinne eines Whoiswho die hellen Geister vorzustellen, die selbst in der Monokultur von Einheitspartei und Eingottglaube etwas literarische Abwechslung in den Alltag bringen.

Als die wichtigste literarische Erscheinung gilt sicher Christoph Zanon (1951-1997), dessen früher Tod ähnlich wie bei Johann Trojer und Gerold Foidl darauf hindeutet, daß Schreiben in Osttirol mit Selbstvernichtung, Gram und „seelischem Einifressen“ einhergeht. In Zanons Text „Opas Nachricht“ kommt jemand lange nach Ablauf des Tages heim und versucht, die Erlebnisse mit den Träumen in Verbindung zu bringen. Und wie bei Spätheimkehrern üblich, wird dabei die Alltagsordnung auf ihre Brauchbarkeit hin überprüft und für untauglich empfunden.

Gertrude Patterer (geb. 1946) benützt in der Replik auf das abgerundete Leben des „Joggele“ die Mundart wohltuend realistisch und geht den Fallstricken der Vitrinenmundart aus dem Weg.
Die Angst vor der Arbeitslosigkeit des kleinen Mannes und die sarkastische Sorge eines Gastwirts um das Geschäft beleuchten den Kampf um das sogenannte tägliche Brot. Bernhard Aichner (geb. 1972) hat sich mit dem Text „Gebet eines Gastwirtes“ in die Wirtschaftsstelle eines Unternehmers versetzt, und Renate Preiml (geb. 1961) hat in „Arbeitslos“ den Part einer Arbeitslosen übernommen. Der „zuagroaste“ Heli Gander (geb. 1959) flüchtet mit seinen Geschichten noch einmal aus seiner ehemaligen Heimat Außerfern.
Oswald Blassnig (geb. 1948) bestellt dem feierlichen Anlaß gemäß „Wasser in der Bank“ und läßt es gleich ordentlich verzinsen.
Uwe Ladstätter (geb. 1942), Christoph Ebner (geb. 1967), Johannes Grillari (geb. 1969), Richard Pucher (geb. 1920), Hans Salcher (geb. 1956) und Robert Weichselbraun (geb. 1979) machen das denkende und schreibende Dutzend Osttirols voll.

Die „Zwölfer-Anthologie“ ist ein brauchbare Erstinformation über das literarische Leben der in jeder Hinsicht extremen Tirol-Auslagerung „Osttirol“. Die Texte vermitteln ein passables Sittenbild aus dem Leben emsiger Menschen zwischen Drau und Isel um 1998. Die Anthologie beantwortet unter anderem auch die Frage, welche Themen in entlegenen Gegenden NICHT relevant sind.

Uwe Ladstätter (Hg.) zwölf mal zwölf
Anthologie.
Innsbruck: Edition Löwenzahn, 1998.
80 S.; brosch.
ISBN 3-7066-2178-9.

Rezension vom 12.01.2000

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

Informiert
bleiben

Sie können 3 Newsletter abonnieren:

  • Literaturhaus Wien News
  • Literaturhaus Wien Veranstaltungsprogramm
  • Österreichische Exilbibliothek News

Bitte schicken Sie uns eine entsprechende Nachricht mit dem Betreff „Newsletter bestellen“. Für Abbestellungen bitte im Betreff „Newsletter abbestellen“ schreiben.