#Roman

Zwischen(t)raum

Reinhold Aumaier

// Rezension von Markus Köhle

Im Frühjahr 2009 ist im Klever Verlag Reinhold Aumaiers neueste Prosaarbeit erschienen. Aumaier ist überaus aktiv und seit den 1970er Jahren freischaffend künstlerisch tätig: Lyrik, Prosa, Zeichnungen, Kompositionen, Improvisationen und Ausstellungen (z. B. die Ausstellung Kokon mit Günther Kaip im Literaturhaus Wien, April 2007).

In Augenausfischerei (2004) hat Aumaier auf unnachahmliche Weise alles sprachlich Herumschwirrende in ein einzigartiges Textkonglomerat verdichtet.
In wIeNGREDIENZIEN (2006) stürzte er sich auf in Wien aufgelesene Sprachfetzen, Schilder, Namen, Wörter und bastelte daraus seine eigene Textwelt.
In Zwischen(t)raum (2009) erschafft er sich alles selbst. Der Zwischen(t)raum ist sowohl Ort als auch Gefühlswelt. Der Zwischen(t)raum ist gleichzeitig und absolut, ist gleichermaßen Vision wie Phantasie, ist Roman und Traum. Dieser Zwischen(t)raum wird auch als Grüner Bereich bezeichnet.
„ein singuläres, nur aus sich heraus zu verstehendes Reich. Regent: das Grün. […] Im ungetrübt-reinseidenen grünen Bereich gibt es keine Warte mehr; kein oben, unten, hinten, vorne, lang, kurz, gestern, heute. Morgen und schon gar kein so und anders. Nur mehr ein so.“ (7)

Soso, ist man geneigt zu sagen. Oder: Da sichert sich einer mit Titel- und Untertitelwahl gleich mehrfach ab: Raum, Traum, Roman, Fantasie und das alles irgendwie dazwischen. Hier darf alles verwischt, gemischt und angedacht werden. Ja, und das ist gut so: „Ich kann es mir denken, also wird es so sein.“ (24)
Im Zwischen(t)raum ist alles diskussionswürdig, wird alles beleuchtet und für möglich gehalten. „Das Gestrige hält mich im Gleichgewicht und auf Trab.“ (8) Das Vergangene konterkariert den Gegenwartsgleichmut des Erzählers. Der einzige Kontrahent ist er selbst. Der Grüne Bereich hat das gewisse Etwas. Der Grüne Bereich ist, die Farbe weist darauf hin, mit der Hoffnung verknüpft und daher endlos dehnbar. Es gibt keine Faktenlage, nur das „Gleichviel-Gefühl“, im Grünen Bereich wird die totale Entspannung zur „Endspannung“. Der Zwischen(t)raum ist ein Produkt des Überflusses, der zunehmenden Interesselosigkeit.
„Der ereignislose Ist-Zustand ist der Zustand, in dem alles ist, was nie war und nie sein wird. Das Vorherige lief unter dem Titel „Überall ist Wunderland“. Das heißt u.a.: Der denkende, mitfühlende und sonstwie vom Herzen gesteuerte Mensch kam aus dem Wundern und dem Kopfschütteln kaum noch heraus. Hierorts: Istland pur. Auch, in althergebrachten Begriffen, ein Stadtstaat vielleicht – Istropolis genannt.“ (42)

Das Spekulative ist in „Istropolis“ gleichwertig mit dem vermeintlich Bekannten. Alles muss möglich sein, nichts zwingend. Der Zwischen(t)raum ist sowohl metaphysisch als auch metasprachlich. Sprache generiert Möglichkeiten, die physische Wiedergeburt eröffnet Möglichkeiten und all die denkbaren Möglichkeiten des absolut Anderen müssen artikuliert werden. Gott hat im Grünen Bereich nichts zu melden, hier wird selbst geschöpft und gelegentlich blitzt schon auch mal Zivilisationskritik auf im Zwischen(t)raum. „Mich schaudert’s allein beim Durchdenken all dieser Möglichkeiten. Wenn wir hier – und vermutlich bald nicht nur hier, denn der rastloser werdende Mensch kommt mit all seiner Wesens- und Denkungsart gewiss bald überall hin – schon alles Mögliche in Erwägung ziehen können, dann … dürfte es genau so gut ganz anders sein.“ (84)

Ein Reflexions- und Assoziationswirbelsturm ohne Auge der Erkenntnis aber mit viel sprachlicher Sogkraft fegt über den Grünen Bereich, der stört sich nicht daran, lässt es zu und wird dadurch beständig erweitert. Es entsteht so kein Schaden, sondern beständig mehr Möglichkeiten. Doch selbst im Zwischen(t)raum lässt sich nicht alles lösen, denn über die Liebe heißt es: „Darüber wäre ein Leben lang zu philosophieren. Geht aber nicht, weil man mittendrin steckt und den Wald nur in seinem Einzelbaumbestand wahrnimmt und sieht. Darüber wäre nach dem Eintritt des Todes Rückschau zu halten bis in jeden hintersten Winkel hinein.“ (100f.)

Um was es im Zwischen(t)raum geht? Um das, was man Liebe nennt, um das, was danach kommt, kommen könnte und um das was sich denken, sagen und fragen lässt.
Wobei: „Es gibt hierorts bekanntlich keine Fragen mehr. Keine Frage, die nicht sofort in Antwort überginge. Die pausenlose Überlappung ist das Um und Auf.“ (94) oder:
„Eigentlich fehlen mir die Worte, um all die Geschehnisse hier zu beschreiben.“ (105) oder:
„Geständnis Nr. 1: Ich habe, kurz vorm Weggang, Hinscheiden meiner Allerliebsten in die Hand versprechen müssen, ihr das eventuell weiter Erlebte schriftlich zu geben. Darum diese Zeilen hier.“ (59)

Im Zwischen(t)raum geht es, vereinfacht gesagt, um alles, um alles und das anders. Nicht mehr und nicht weniger. Der Zwischen(t)raum lädt dazu ein, mehrmals in ihn einzutreten. Ein immer wieder lesbares Buch also und ein in seiner Art konsequent eigenständig anderes.

Reinhold Aumaier Zwischen(t)raum
Romanfantasie.
Wien: Klever, 2009.
120 S.; brosch.
ISBN 978-3-902665-07-2.

Rezension vom 20.05.2009

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

Informiert
bleiben

Sie können 3 Newsletter abonnieren:

  • Literaturhaus Wien News
  • Literaturhaus Wien Veranstaltungsprogramm
  • Österreichische Exilbibliothek News

Bitte schicken Sie uns eine entsprechende Nachricht mit dem Betreff „Newsletter bestellen“. Für Abbestellungen bitte im Betreff „Newsletter abbestellen“ schreiben.