#Roman

Zwischenstationen

Vladimir Vertlib

// Rezension von Anne M. Zauner

Vladimir Vertlibs Zwischenstationen tragen die Bezeichnung Roman. Es handelt sich beim vorliegenden Buch jedoch unverkennbar um eine authentische Geschichte; die Charaktere brauchen ihre realen Pendants, denn Vertlib verwandelt sie nicht in literarische Figuren; auch die Handlung entrollt sich im Verhältnis 1:1, so wie der Junge, die Hauptfigur des Buchs, sie tatsächlich erlebt hat und der Mann sie nun erinnert. Die genaue, unverzerrte Beobachtung ist entscheidend und nicht die Stilsuche; Sprache ist Mittel zum Zweck, sie ist dazu da, möglichst unverfälscht das Schicksal einer Auswandererfamilie nachzuzeichnen.

Der 33jährige Autor Vladimir Vertlib legt nach der Erzählung „Abschiebung“ (1995), die von der Emigration einer russisch-jüdischen Familie handelt, seine erste große Prosaveröffentlichung vor. Eigentlich wollte er zu anderen Themen übergehen, erklärt er in einem Interview, aber die Figuren hätten bei ihm noch einmal angeklopft und um mehr Raum gebeten… die Figuren – das sind vor allem er selbst und seine Eltern; aus der Kind-Perspektive entwickelt er ihre Odyssee.

Eines Tags, Anfang der siebziger Jahre, erhält die jüdische Familie die ersehnte Ausreisegenehmigung aus der Sowjetunion und bricht auf ins Gelobte Land. Damit sollte die Geschichte zu Ende sein, der Traum erfüllt. Aber es folgt fast zwangsläufig eine herbe Enttäuschung: der Vater, ein glühender Zionist, erhofft von Israel nichts weniger als das Paradies. Er erwartet Unfehlbarkeit und trifft auf einen Staat, der sich unter schwierigsten Voraussetzungen erst selbst erschaffen muß. „Und was hast du dir überhaupt erwartet, du Phantast?“, wirft ihm die Mutter einmal an den Kopf; aber seine Entscheidung ist gefallen, er verläßt das Traumland und zieht mit Frau und Kind in seinen Alptraum: nach Österreich, das Naziland, dessen Bewohner er nur mit tiefem Mißtrauen betrachten kann. Die Schrecken, die Trauer um Angehörige kommen wieder ganz nah, und der Mantel des Schweigens, der über das Land gebreitet ist, das Ungesagte verstören ihn.

Geduldet, gedultet und oft nicht mal geduldet; ein Land jagt das andere. Es gibt keinen Platz für die Familie, die im Buch bezeichnenderweise ohne Namen bleibt. Und der Sohn muß mit; oft weiß er nicht, ob die Koffer gepackt sind, um in eine neue Wohnung zu ziehen oder in ein anderes Land. Er beginnt, diese Augenblicke zu fürchten. Die Freunde, die Sprachen, die Situationen verändern sich viel zu schnell für das mitgepackte Kind. Es ist vollkommen in seine passive Rolle eingesponnen. Wie ein Chamäleon muß es sich immer neu anpassen, einpassen.

Der Vater findet sich im Lauf der Odyssee schlechter und schlechter in den Verhältnissen zurecht, die endlosen und fruchtlosen Behördengänge, die Hoffnungsschimmer, die wieder zunichte gemacht werden, desillusionieren den Träumer, „Idealist“ nennt er sich selbst.
Die Mutter ist widerstandsfähiger; selbst mit einem ungeliebten Land arrangiert sie sich. Und vor allem versucht sie, für ihre Familie – für den Sohn – zu sorgen; die promovierte Mathematikerin nimmt beinahe jeden Job an, um die Familie über Wasser zu halten; nur dank ihrer Zähigkeit stürzt die Familie nicht ins Elend. Mit jeder neuen Station werden die Eltern müder, hoffnungsloser, und das Kind beginnt allmählich zu begreifen; es beginnt auch zu verstehen, wie unvereinbar die Positionen seiner Eltern geworden sind: der Vater will weiter, die Mutter will bleiben, irgendwo; der Sohn wird nicht gefragt.
Das letzte gemeinsame Paradies ist das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Als der Familie tatsächlich die Einreise in die USA gelingt, verwandelt sich das aus der Ferne leuchtende Land in einen alltäglichen Müllhaufen; es ist wie überall auch. „Das alles möchte ich nicht hören“, läßt der Sohn zum ersten Mal seine eigene Stimme vernehmen, „will mir mein Amerikabild und die vielen Hoffnungen nicht nehmen lassen, mit denen ich in dieses Land gekommen bin. Rußland-Israel-Österreich-Italien-Österreich-Holland-Israel-Italien-Österreich und nun die USA. Ich bin des Reisens müde.“ (S. 205)
Russisch, Hebräisch, Deutsch, Englisch, italienische, holländische Brocken… In welcher Sprache hat Vertlib sein Buch geschrieben?

Mit der Abschiebung aus Amerika begräbt der Vater seine Träume; die Familie kehrt nach Österreich zurück und bleibt; will nicht, aber bleibt. Es beginnt beinahe so etwas wie ein normaler Alltag: die Mutter findet eine gutbezahlte Stellung, der Sohn besucht das Gymnasium; der Vater trauert seinen Illusionen nach; es reicht nicht mehr zu vielem, zu ein paar Spaziergängen im Augarten – und zu einem letzten Wutausbruch, als der nun erwachsene Sohn nach Salzburg ziehen will. Salzburg?!, wo ER doch nach Montreal und überall hin gehen könnte, wo IHM doch die Welt offen steht, in so viele unbekannte Träume… Aber ER zieht in die österreichische Provinz.

Vladimir Vertlib Zwischenstationen
Roman.
Wien, München: Deuticke, 1999.
293 S.; geb.
ISBN 3-216-30455-8.

Rezension vom 17.08.1999

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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