Zunächst einmal ist man verwirrt: Da will eine Autorin mit dem bundesdeutschen Namen Sibylle Reuter und dem Aussehen einer sympathischen Deutschen eine waschechte Bulgarin sein? Stimmt hier etwas nicht? Doch jeder erfahrene Leser, jede neugierige Leserin weiß: Im Laufe der Lektüre werden alle Unklarheiten beseitigt werden. Ja, die Herkunftsgeschichte der Protagonistin ist tatsächlich unüblich – und zugleich erlebt die Roman-Sibylle eine sehr typische bulgarische Kindheit und Jugend. Diese Sibylle, dem autofiktionalen Genre entsprechend sehr nah an der Autorin entwickelt, entstammt einer kurzen Liebesaffäre ihrer bei der DDR-Botschaft in Sofija angestellten Mutter mit einem (verheirateten oder in Scheidung lebenden) Ostberliner, der eine Zeit lang an der besagten Botschaft tätig ist und es in der DDR-Nomenklatura relativ weit gebracht hat. Doch nicht nur die Mutter ist es, die als Dolmetscherin des Deutschen mächtig ist: Schon die (Ur-)Großeltern mütterlicherseits haben eine Auswanderungsgeschichte, die sie mit Österreich, genauer mit Graz, verbindet. Daher kommt es, dass die ethnisch bulgarische, kulturell aber eindeutig österreichische, geliebte Oma, die mit ihrem Mann nach 1945 nach Bulgarien zurückgekehrt ist, sich mit der kleinen Sibylle am liebsten im steirischen Dialekt unterhält. Österreich ist also von Anfang an ein Bezugspunkt der Heranwachsenden, auch weil ein Bruder der Mutter als junger Mann Bulgarien illegal in Richtung Graz verlassen hat.
Trotz all dem verbringt das Mädchen mit dem sehr deutschen Namen – der Ostberliner Vater hat die Vaterschaft anerkannt – eine sehr normale und, genau genommen, recht privilegierte Kindheit im Bulgarien der 1980er-Jahre. Der Sturz des osteuropäischen Kommunismus fällt in ihre letzten Schuljahre; genau in diesem Alter beginnt sie, sich für politische Zusammenhänge zu interessieren. Die alleinerziehende Mutter – der Vater lehnt fast jeden Kontakt ab – lebt mit Sibylle sowie den eigenen pensionierten Eltern in einer kleinen, aber sehr zentral gelegenen Wohnung in der Hauptstadt, ganz nah an der deutschen und der russischen Botschaft. Die Versorgungslage ist besonders in den frühen 1990er-Jahren schlecht, aber zu keinem Zeitpunkt katastrophal. Die äußerst ehrgeizige Mutter („Ich hab mein Leben für dieses Kind aufgegeben.“, S. 33) verzichtet auf jede Form von Privatleben als Frau und investiert ihre ganze Energie in ihre Arbeit an der Botschaft und in eine möglichst perfekte Erziehung und Bildung ihrer einzigen Tochter.
Sibylle Reuter versteht es, viele Bilder und Szenen dieser im Grunde schönen und erlebnisreichen Kindheit sehr bildhaft und lebendig wiederzugeben. Da ist etwa das Sommerhäuschen der Familie, da sind die Freunde, bei denen man sich an den Freitagabenden versammelt und üppig speist und trinkt (und raucht); da ist das städtische Leben mit seinen Kulturangeboten und tollen Schwimm- und Sportklubs (etwa in einem japanischen Hotel!); da sind Spaziergänge in den Parks, und nicht zuletzt: Da ist das hochrenommierte deutsche Gymnasium, auf das es die 14-Jährige nach einem nur über Büchern und mit einer strengen Privatlehrerin verbrachten Sommer doch noch schafft. Tatsächlich kann man sagen, dass die strenge, aber zeitweise auch liebevolle Mutter ihrer Tochter vieles ermöglicht und bietet, dafür aber von ihr sehr gute Erfolge erwartet und vor Beschimpfungen und sogar Schlägen nicht Halt macht, um das Mädchen so zu formen, wie sie es haben will. Eine psychologisch hochkomplexe Situation, noch dadurch erschwert, dass Sibylle völlig ohne Vater und ohne Geschwister aufwächst. Gerade diese äußerst enge Bindung zwischen der Mutter und der Tochter – jede lebt gewissermaßen für die andere – wird einige Jahre später kein gutes Ende nehmen.
Nach der vielleicht etwas zu lang geratenen Schilderung der Kindheit nimmt das Geschehen richtig Fahrt auf: Das Kind wird zur Jugendlichen, die neue Interessen und Hobbys entwickelt, nun auch Englisch lernen möchte, ein paar Freundinnen findet und sich irgendwann auch mit Burschen verabredet. Das Land erlebt einen völligen politischen und wirtschaftlichen Umbruch, neue Formen von Schwarz- und Privathandel ersetzen die Mangelversorgung der kommunistischen Jahre, es entstehen aber auch neue Formen von Kriminalität. Dennoch geht das Schulleben seinen Gang; Sibylle beginnt nach dem Abitur ein Germanistikstudium – vor allem, weil sie einen Studienplatz im Inland vorweisen muss, um an einer österreichischen Uni studieren zu können.
Wirklich dramatische Veränderungen halten in das Geschehen Einzug, als die frischgebackene Studentin, teils aus eigenem Entschluss, teils nach jahrelanger Manipulation durch die Mutter, endgültig den Umzug nach Graz wagt. Hier beginnt ein neues, eigenständiges Leben für sie, und gleichzeitig bedeutet dieser Einschnitt das Ende der einigermaßen harmonischen Beziehung zwischen Mutter und Tochter. Je weiter sich dieser Konflikt zuspitzt, desto erschütternder lesen sich Szenen der offenen Feindschaft der sich völlig nutzlos und verraten fühlenden Mutter, die zu all ihrer psychischen Labilität seit Jahrzehnten auch starke Raucherin ist. Der Tochter gönnt sie ihre Freiheit und Eigenständigkeit nicht, will sie während ihrer Besuche in der Heimat ganz für sich haben, und noch viel schlimmer: ihr Liebesleben diktieren. Besonders abgesehen hat sie es auf Sibylles große Liebe der Studienzeit, Hristo, einzig und allein deshalb, weil er ein Bulgare ist. Kurz nach einer maßlosen Eskalation seitens der Mutter und dem fast völligen Kontaktabbruch löst sich die Situation – für alle völlig unerwartet – quasi von selbst: Die Mutter stirbt an einer Lungenembolie. Nur wenige Jahre zuvor ist auch der abwesende Vater, seinerseits auch starker Raucher, gestorben, nicht ohne vorher der Tochter jegliche finanzielle Unterstützung zu verweigern. Der Verlust der Eltern macht die junge Frau letztlich aber freier und unabhängiger.
Zerbrichmeinnicht – im Übrigen ein gut gewählter, vielleicht etwas zu dramatisch geratener Titel – lässt sich vorzüglich als ein gelungener Entwicklungsroman der Gegenwart lesen, aufgebaut um das Thema halb freiwillige, halb unfreiwillige Migration mit all ihren unabsehbaren Folgen für das Individuum. Es bleibt dahingestellt, ob der Text die an eine Rahmenhandlung erinnernden Anfangs- und Schlusskapitel gebraucht hat. Diese Teile, in denen die Verfasserin ihre Herkunft noch vor der eigentlichen literarischen Verarbeitung erklärt und am Ende wieder außerhalb der eigentlichen Handlung über ihre Identität und auch ihre psychische Verfassung nach all den Zumutungen der Jugend reflektiert, sind einerseits notwendig für ein umfassendes Verständnis der Figur, andererseits stören sie möglicherweise die dramatische Struktur des sehr souverän erzählten Romans. Sibylle Reuter ist ein überzeugender und aufwühlender Text über das Erwachsenwerden in einem wenig bekannten Teil Europas gelungen – und darüber hinaus eine interessante Studie über den wechselhaften Umgang mit der eigenen sprachlichen, ethnischen und kulturellen Identität.
Jelena Dabić, geb. 1978 in Sarajevo, studierte Germanistik und Russistik in Innsbruck und Wien. Übersetzerin aus dem Serbischen, Kroatischen und Bosnischen, Literaturkritikerin und Sprachlehrerin. Zuletzt erschienen in ihrer Übersetzung: Rand von Ilija Djurovic (Treci trg, Belgrad / Drava, Klagenfurt 2023), 24 von Marija Pavlović (Roman, Drava, Klagenfurt 2021), Die schwindende Stadt von Pavle Goranović (Gedichte, edition korrespondenzen, Wien 2019) und Grüne Nacht in Babylon von Sofija Živković (Gedichte, Edition Aramo, Wien 2018). Teilnahme am 23. Poesiefestival Berlin (Juni 2022). Mitarbeit an den Anthologien Grand Tour. Reisen durch die junge Lyrik Europas. Hg. von Federico Italiano und Jan Wagner (Hanser 2019) und VERSschmuggel / . Poesie aus Bosnien und Herzegowina, Kroatien, Montenegro und Serbien (Das Wunderhorn, Heidelberg 2023). Rezensentin beim Portal poesiegalerie.
