“I am gonna write poems til i die and when i have gotten outta this body i am gonna hang round in the wind and knock over everybody who got their feet on the ground.”
Dieses Zitat der amerikanischen Dichterin Ntozake Shange, das mich als Leser bei Pollacks Lektüre begleitet hat, könnte als Leitmotiv für Zeiten der Scham stehen – nie die Hoffnung aufzugeben und weiterhin zu träumen. Denn der Band ist der letzte, ergreifende Gruß des im Jänner 2025 verstorbenen, großen Denkers und Humanisten Martin Pollack, der bis zu seinem Lebensende darauf beharrte, die morschen Fundamente der europäischen Selbstzufriedenheit aufzurütteln.
Die versammelten Reportagen, Reden und Essays – 3 davon als Erstveröffentlichung – bilden ein Vermächtnis von unerbittlicher Klarheit und fordern jene „großzügige Erweiterung in den Köpfen und Herzen, [eine] Erweiterung unseres Denkens, [eine] geistige Öffnung“ (S. 236) ein, die Pollack als essenziell für das Überleben des europäischen Kontinents und allgemein der Welt erachtete.
Die Lektüre beginnt mit einem unbequemen Hinweis: Statt eines „milden“ Vorworts empfängt uns der 2018 verfasste Essay Wir müssen Widerstand leisten. Mit einer Voraussicht, die im Rückblick beinahe prophetisch erscheint, diagnostizierte Pollack die Ursachen der Krise Europas nicht ausschließlich in äußeren Bedrohungen, sondern auch in der eigenen Bequemlichkeit, in der kultivierten Neutralität und der Flucht in die private Bubble. Seine hellsichtigen Analysen Osteuropas – lange bevor „der Westen“ genauer auf Länder wie Polen, Belarus und Ukraine schaute – zwingen uns nun, die durch unsere Ignoranz versäumten Jahre zu beklagen. Pollack, der stets den Finger auf die Wunde legte, macht es den Leser:innen nicht leicht; das Ausmaß der unbequemen Wahrheiten über Krieg und die europäische Unfähigkeit, sich der eigenen Vergangenheit und Gegenwart zu stellen, erfordert bisweilen das Weglegen des Bandes, um Atem zu schöpfen.
Pollacks Blick war gleichermaßen auf das Regionale wie auf das Internationale gerichtet. Seine Reportagen über seine Wahlheimat Burgenland, das mich mit ihm verbindet, enthüllen die Region als ein „kleines Europa“, in dem sich die Schönheit der kulturellen Vielfalt und die hässlichen Facetten von Dominanz und Begrenzung auf engstem Raum wiederfinden. Hier, wo man teils mehrsprachig im Grenzland aufwächst, die historischen Spuren vieler unterschiedlicher Kulturen findet, entlarvt er die oberflächliche Harmonie als trügerisch und das Drängen auf Einheitlichkeit als eine Form von Unterdrückung.
Der erschütterndste Aspekt des Bandes ist Pollacks lebenslange Auseinandersetzung mit der eigenen nationalsozialistisch belasteten Familiengeschichte. In einer beispiellosen Geste der Aufrichtigkeit scheut er nicht davor zurück, die Opfer und Täter in der eigenen Verwandtschaft aufzusuchen, bis hin zur Figur des Großvaters.
In seinem letzten Essay, entstanden im September 2024, entwirft Pollack das Bild des „Opsi“: jenes liebevolle, prägende, männliche Vorbild der Kindheit, das zugleich der unbelehrbare, herrisch-sture Nazi der ersten Stunde war. Diese schonungslose Betrachtung des geliebten Großvaters verweigert jede Harmonisierung; sie lässt die Zuneigung des Enkels und die entsetzliche Wahrheit des Täters in einem schwer erträglichen Nebeneinander stehen. Dieser Akt der schonungslosen Ehrlichkeit, das Sezieren des Zwiespalts im eigenen Herzen, zieht sich als roter Faden durch Pollacks Schaffen und macht ihn zu einer Ausnahmeerscheinung in der österreichischen Literatur. Der Herausgeber von Zeiten der Scham, der österreichische Historiker und Literaturwissenschaftler Gerhard Zeilinger hat ihn einen “großen Erinnerungsarbeiter der europäischen Literatur” genannt.
Ob Pollack mit einem Journalistenfreund die Osternacht in Chişinău erlebt, wo er die Neureichen und die Besitzlosen beschreibt, oder mit einem polnischen Roma das ehemalige „Zigeunerlager“ von Łódź besucht, er ist nicht nur mit viel Wissen über Menschen und Regionen, sondern auch mit offenen Augen in der Welt unterwegs. Sein dokumentarischer Stil ist selbst eine politische Geste. Er verzichtet auf literarische Ausschmückungen, um den Blick der Leser:innen auf die Leerstellen der Erinnerung und die fehlenden Fakten zu lenken.
Das letzte, intime Gespräch mit meinem Marder ist für mich das bewegende Abschiedszeugnis eines todgeweihten Autors, der selbst angesichts des Endes seinen Mut und seinen klaren Blick auf die Natur und das Leben bewahrt hat.
Martin Pollacks Zeiten der Scham ist wie ein kostbarer Samen, der gepflanzt wurde, um gegen das europäische Verharmlosen und Vergessen anzugehen. Wie Jean Giono in seiner Kurzgeschichte The Man who planted trees beweist, kann eine einzelne Tat einen ganzen Wald erschaffen. Pollacks Buch ist so ein Wald – ein dringender Aufruf, offen, respektvoll und wachsam in eine düstere, aber nicht hoffnungslose Zukunft zu blicken.
