#Roman
#Debüt

Zeit der Idioten

Bernhard Moshammer

// Rezension von Martina Wunderer

„Kennt ihr das, wenn plötzlich etwas in deine Ohren sticht wie ein Messer oder eine Stricknadel? Seid ihr schon einmal taub zwischen Toten gelegen? Ich schon. Und ich rede hier nicht von einem Iggy-Konzert.“

Bernhard Moshammer, Sänger, Songwriter und Musikproduzent, hat im vergangenen Herbst seinen ersten Roman veröffentlicht. Zeit der Idioten, so der Titel seines bemerkenswerten Debüts, sei „Rockmusik zwischen zwei Buchdeckeln“ (Barbara Rett im Klappentext), „Jessasmarandjosef“ ihr Refrain. Und weil, wie Ich-Erzähler Cornelius Fink behauptet, „Terrorismus […] die aktuelle Form von Rock’n’Roll“ ist, ist Zeit der Idioten auch eine Abhandlung über den Austroterrorismus, der seit kurzem die Stadt Wien und ganz Österreich in Angst und Schrecken versetzt.

Ausgerechnet in Wien, wo der „Wiener ja keine praktische Ahnung vom Terrorismus“ hat (genauso wenig wie von Rock’n’Roll, Christina Stürmer hin oder her), sprengen völlig unterschiedliche Täter kurz hintereinander eine U-Bahn-Station, das Audimax der Universität, Schulklassen, Beichtstühle und sich selbst gleich mit in die Luft. Der erste der sogenannten Rucksackbomber, „der all die Vollidioten, die noch kommen sollten, aufgeweckt hat“, war Franz Gstettner alias Meine Wenigkeit. Seine letzten Worte, die er von der Bühne ins Publikum schrie, bevor er mit einem Knopfdruck das „gigantischste Bummm! der österreichischen Nachkriegsgeschichte“ auslöste: „Hörst du mich? Hört ihr mich? Here we are now, Entertain us.“
Cornelius Fink war einer seiner Zuhörer an diesem Abend, und er war der Einzige, der den Anschlag überlebt hat. Den Attentäter kannte er seit seiner Kindheit, er war wie dieser in Bölling geboren und aufgewachsen, bevor er als angehender Musiker nach Wien zog.

„Ich bin der Mann, der überlebt hat, und ich befinde mich gerade im Gegenteil von Bölling.“

Das Gegenteil von Bölling – im Buch ein beschauliches Dörfchen in der niederösterreichischen Provinz – ist für Cornelius ein dunkler, nasskalter, nach Verwesung stinkender U-Bahnschacht unter dem Wiener Stephansplatz. Es ist nach Mitternacht, Züge verkehren um diese Zeit nicht mehr, doch um fünf Uhr früh will sich Cornelius vor die erste U-Bahn werfen. Der geplante Selbstmord wird zwar vereitelt, doch das Interesse der Leser ist Cornelius nach dieser tragikomischen Anfangsszene sicher. „Man kennt das ja – diese Versuche, die nur ein Schrei nach Aufmerksamkeit sind oder so. Und ja, ich gebe es zu: Ich wollte eure Aufmerksamkeit.“

Bereits zum zweiten Mal hat Cornelius dem Tode ins Gesicht gesehen, und erneut ist er ihm von der Schippe gesprungen. Allein das verleiht ihm, laut Walter Benjamin, als Erzähler Autorität, denn „der Tod ist die Sanktion von allem, was der Erzähler berichten kann.“ Und Cornelius Fink ist ein großartiger Erzähler, launig, schlagfertig, kurzweilig und klug. Seine Schimpftiraden über die Vollidioten, die nun überall Bomben zünden, sind Kabinettstücke in beißender Ironie und galligem Humor. Doch bei all dem laut vorgetragenen Zynismus und Fatalismus klingen auch eine tiefe Traurigkeit und Verstörung durch, ein leiser, nachdenklicher Ton.

Oberflächlich scheint zunächst Ruhe einzukehren. Als seine Mitbewohnerin bei einem Anschlag stirbt, bekommt Cornelius das Sorgerecht für deren Tochter Sarah zugesprochen und zieht mit ihr zurück nach Bölling, um ihr dort, in der Nähe der Großeltern, ein ruhiges Familienleben zu ermöglichen. Er will ihr ein guter Ersatzvater sein, sich in ihre Lehrerin verlieben und seine Erlebnisse in einem Song verarbeiten, um zurück ins Leben zu finden – mit freundlicher Unterstützung von Bob Dylan.

Doch dann geht alles schief, Cornelius gerät „auf der Suche nach der richtigen Liebe, dem richtigen Song, dem richtigen Leben“ immer mehr auf Abwege und die Auseinandersetzung mit den Terroranschlägen wird immer mehr zur Besessenheit. Und obgleich er für Sarah eine Schularbeit zum Thema „Konstruktiver Vorschlag für Präventivmaßnahmen gegen den Austro-Terrorismus“ verfasst, in der er alle potentiellen Täter als Idioten verurteilt, ist er ihnen in vielerlei Hinsicht näher, als er es zunächst wahrhaben will.
„Jessas, die Gegenwart! Ich will sie nicht.“

Bernhard Moshammer Zeit der Idioten
Roman.
Wien: Milena, 2009.
188 S.; brosch.
ISBN 978-3-85286-179-1.

Rezension vom 15.02.2010

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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